Ausgabe 
20.6.1908
 
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Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.,

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Tie anwesenden jungen Damen aber waren einstimmig der Meinung, daß sie schönere und seelenvollere Augen, wie sie in des Bräutigams Gesicht leuchteten, nie gesehen hätten. Und Isa­bella, die wohl merkte, wie sie beneidet wurde, war selig.

Ter Kommerzienrat aber in seiner Herzensfreude darüber, dos; nun doch noch alles zu einem guten Ende gekommen war, tat e:.n klebriges: zu den zwei Millionen, die er für seine Arbeiter stiftete (auf die Schönauer Fabriken entfielen von der Spende allerdings nur 600 000 Mark), gab er noch achtzigtausend Mark für den Bau neuer Schulhäuser in Fichtenhöhe und Schönaue und sagte zu Heinz, dem er bi; Summe aushändigte:

Alles Weitere veranlassen Sie nur. Und dast Sie mir recht hohe, lichte Klassenräume bauen, in denen es auch an Schönheitsschmuck nicht fehlt. Für die Kinder ist. nur das beste gut genug; die jungen Seelen müssen sich im Schulzimmer schon durch die äußere Umgebung erhoben fühlen, wie in einer Kirche. Und wenn das Geld nicht reiche, leiste ich hernach gern noch einen Zuschuß."

Wenige Tage nach dem Fest sprach Isabella zu Heinz:

Morgen komme ich wieder in die Abendschule und über­nehme den Unterricht in meiner Abteilung. Ehrlich gestanden, habe ich mich schon sehr gewundert, daß dn mich nicht längst darum gebeten hast."

Willst du es nicht lieber lassen?" fragte Heinz.Ich fürchte, bit findest auf die Tauer keine rechte Befriedigung daran. Und schließlich leidet auch wohl deine Gesundheit wieder unter der doch immerhin recht anstrengenden Tätigkeit."

Tu!" schmollte Isabella und drohte ihm dabei scherzend mit dem Finger,fängst du schon wieder mit deinem Mißtrauen an?" Und als er mit schweigendem Lächeln die Achseln zuckte, fuhr sie fort:Ich habe den Kindern ohnehin ein kleines Freuden­fest mit Schokolade und Küchen und allerhand Ueberraschungen zugedacht. Und dann muß ich meinem Bräutigam doch auch überallhin nachlaufen, wenn ich was von ihm haben will so schrecklich rar, wie er sich macht."

Ta ließ Heinz sie gewähren, und obgleich ers nicht gehofft hatte, konnte er doch in den nächsten Wochen mit Freude fest­stellen, daß sie sich ihrem Amt mit weit größerem Interesse hin­gab als früher; wenn auch dem Ton, in dem sie mit den Kindern verkehrte, keine rechte Herzenswärme eigen war.

Tie Jagd und das Reiten stellte sie ein, suchte überhaupt Heinz zu Gefallen zu leben; und wo es ihr nicht gelang, sagte er sich:du mußt zufrieden sein. Sie richtet sich schon mehr nach dir, als du erwarten konntest."

' So ließ sie nicht von der Gewohnheit ab, sich elegant und luxuriös zu kleiden, und für irgendwelche wirtschaftliche Tätig­keit konnte sie sich absolut nicht erwärmen.

.Ich hab es wohl gemerkt," sprach sie mit Schelmenlächeln,

daß du meine lveißen, ivohlgepsiegleu Hände ganz besonders gern leiden magst. Ta wär ich schön dumm, sie mir mit Kvchen oder Nähen zu ruinieren! Kleider aber machen Leute; und ich will dir gefallen um jeden Preis."

Heinz sagte nichts dawider. Er hatte längst erkannt, daß es Torheit gewesen war, von Isabella zu verlangen, sie sollte sich, ohne ihm eine Mitgift in die Ehe ju bringen, mit seinem geringen Gehalt einrichten lernen. Mochte sie sich mit ihrem Reichtum das Leben au seiner Seite so angenehnt machen wie möglich, wenn sie nur nicht nach außen hin durch übertriebenen Luxus Aussehen und Anstoß erregte. Vielleicht hatte sie auch gar nicht Unrecht, wenn sie sagte:Frauen, die den ganzen Tag im Haushalt tätig sind, kommen mir immer wie Aschenbrödel vor. Uni) Aschenbrödel, meine ich, müssen die meiste Zeit schlechte Laune haben und werden so schwerlich imstande sein, beit Ge­danken von Männern, deren Streben auf hohe Ziele gerichtet ist. zu folgen. Ich will aber sinnier gute .Laune haben, damit du bei mir alles vergißt, was dich drückt und dir Sorgen macht. Nicht dein Kamerad und Arbeitsgenosse will ich sein, sondern deine Geliebte, deine Freundin, dein Sing^- vogel, dein Sonnenschein."

Mit dem Inhalt des letzten Satzes war Heinz zwar wenig einverstanden; aber wer konnte sein Leben ganz nach seinen Idealen gestalten, wer kam durch die Welt, ohne da oder dort ein Kompromiß zu schließen?

Tie früher gepflegten Besuche bei Kranken und Armen nahm Isabella nicht wieder auf; und treuherzig erklärte sie:

Tarin hast du schon ganz recht, daß niemand aus sich heraus kann. Tu mufft mir also nicht böse sein, und darauf magst du dich getrost verlassen: mindestens die Hälfte von meinen Zinsen werd' ich immer für deine Bedürftigen hergeben. Und ist die Aussicht, ausgiebig helfen zu können, wo es irgend not tut, nicht auch eine Freude für dich, die manches aufwiegt, tvomit ich vielleicht dein Mißfallen errege ?"

Und Isabella gab wirklich auch jetzt schon mit übervollen Händen. Daß sie dabei ihre persönlichen Ausgaben oft in kind­lich-naiver Weise beschränkte, gewissermaßen im Sinne des Sprich­wortes :Arn Zapfen sparen, am Spundloch laufen lassen". durfte ihr Heinz deshalb zürnen? Konnte er mehr von ihr ver­langen, als den guten Willen?

Ja, schon bei der Betätigung dieses guten Willens, ihm seine Wünsche möglichst von bm Augen abzuseyen, war es Heinz oft, als stünde er vor einem Rätsel. War die Liebe wirklich im­stande, ein Weib in der Hand b:s geliebten Mannes völlig zu gefügigem Wachs zu machen? .... Dnmpf tönte eine Stimme in seiner Brust:Flackerlicht flüchtiger Leidenschaft Glucks- taumel. Wenn das Licht verlischt, wenn der Rausch verfliegt unter dem Truck der alltäglichen, alles nivellierenden Gewohn­heit, tritt das ursprüngliche Temperament nur um so entschiedener wieder in seine alten Rechte ein."

Aber viel zu sehr war de Optimismus der warmherzig vertrauende Grundsatz seines Wesens, als das; er der dumpfen Stimme länger denn einen raschen Augenblick Gehör geschenkt hätte. Und dann: et hätte kein Manu sein müssen mit Schön- heitsempfinden, mit jungem, heißem Blut und lebendigen Sinnen,