Ausgabe 
20.5.1908
 
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Schnallenschuhen und' englischledernen Hosen, dazu blauen: Tuchrock mit blanken Stahlknöpfen, Halstuch und Sanunet- mütze in der ganzen Umgegend weit und breit bekannt war, war wohl schon hundert Jahre alt. Wer wußte es zu sagen?

Er selbst wußte es nicht, er zählte immer von einem Weltereignis zum andern. Auf den Krieg von 1806 und 1807 wußte er sich noch zu erinnern, 181215 hatte er mit­gemacht. In 48 und 66 rechnete man ihn schon zu den älteren, besonneren Leuten, und 71 und 72 erlebte er auch noch. Kein Wunder, daß er selber an seine Unsterblichkeit glaubte.

Wenn man ihn nach seinem Alter fragte, so nahmen seine blauen Kinderaugen einen ganz geängstigten Ausdruck an und die langen, schneeweißen, fadendünnen Hängelocken, bic auf die gebückten Schultern herunterbaumelten, fingen an, um das alte verhutzelte Gesichtchen zu tanzen.

Am liebsten war ihm, man fragte ihn nicht danach, ja er ärgerte sich und regte sich auf, tat man es doch. In ihm lebte die Vorstellung, die Leute machten sich über ihn lustig, weil ihn der liebe Gott nicht abgerufen habe zur Zeit. Er glaubte allen Ernstes, Gott wolle ihn nicht in seinem Himmel haben, und da er doch, um in die Hölle zu kommen, fein Lebtag zu fromm gewesen, so müßte er nun bis in alle Ewigkeit auf Erden leben.

Da war es ihm denn ost iveh und schwer um sein altes Herz, und je mehr Sommer und Winter über sein greises Haupt hingingen, desto trostloser ivurde er.

Er hatte weder Weib noch Kind noch Kindeskinder mehr; alle, alle waren sie vor ihm in das Grab gesunken, und er, das alte Haunesje, lebte lebte!

Da lag er denn ost stundenlang auf seinen Knien, in seinem Kämmerlein oder auch in dem stillen Gärtchen, das hinter dem kleinen Häuschen lag, und hielt lange Zwie­gespräche mit seinem Gott in der frommen Einfältigkeit seines Herzens.

Gewöhnlich waren es große Rechnungen, die er ihm vortrug, Zahlen vieler langer Jahre. Und zum Schlüsse pflegte er unter reichlichen Tränen um eine gnädige Auf­nahme in den Himmel zu bitten.

Lieber Gott, nun hat der Hannes doch lange genug gelebt und ich will ja auch gewiß nicht weit in den Himmel hinein, will keinen guten nein, mit dem allerschlechtesten Platz will ich zufrieden fein. Vielleicht, lieber Gott, steht neben Deiner goldenen Himmelstür ein kleiner Holzschemel, auf ihn laß mich sitzen. ~ Von ba aus kann ich dann Deine Herrlichkeit und mein Weib und meine Kinder sehen."

Das war so das. ständige Flehen des allen HauNesjens.

Die Leute hörten das wohl oft und sagten dann:Das alte Hannesje ist kindisch geworden."

Und eines lauen Sommerabends hörte es ein mun­terer junger Bursche. Dem, in feiner gesunden starken Lebenskraft und Jugendlust, war dieses Flehen und Bitten ein Grund zur ausgelassensten Heiterkeit. Wie konnte dieser junge lebensfrohe Mensch begreifen, daß sich ein Menschen­herz nach dem Tode sehnt!

Und daß er hörte, wie dieses alte Männchen so ver­trauensselig mit seinem Gott sprach und haderte, das war ihm ein Gaudium.

Jungens", sagte er zu seinen Freunden,morgen abend spiele ich dem Hannesje den lieben Gott. Der arme Alte muß doch einmal Antwort haben auf seinen vielen Klagen!" Und er schüttelte sich vor Lachen.

Es war wieder ein schöner warmer Abend. Des Tages Licht erstarb eben langsam, als würde ihm das Scheiden von der schönen Sommererde schwer, im Westen. Da lag das Hannesje wieder auf den Knien vor seiner kleinen Gartenbank unter der blühenden duftenden Fliederhecke, seinem Lieblingsplatz sein Leben lang, ganz in der Nähe der Grenze, die den kleinen Garten von dem Nachbarsgrund­stück teilte, und betete lauter und inniger wie je:

Lieber Gott, wann kommst Du endlich Deinen alten Hannes holen? Er ist so müde, so müde."

Tröste Dich, Hannesje, Deine Zeit ist erfüllt, bald schon iverde ich Dich treuen Knecht heimholen in mein himmlisches Reich", antwortete ihm eine Stimme im kräf­tigsten Baß.

Der Alte hörte nicht in der Entfernung kichern und lachen, hörte nicht, wie sich leise Tritte eiligst entfernten, er saß auf feinen Knien, die Hände gefallet hoch erhoben wie verzückt. Endlich, endlich sollte er sterben dürfen,

sollte er in den Himmel kommen zu seinem Weibe und seinen Kindern? Und der Alte weinte und lachte immerzu laut vor übergroßem Glück.

Das übergroße Glück es hatte ihn überwältigt. Als' , der junge Tag wieder, strahlend schön im Osten heraufstieg, da lachte er dem alten Hannesje in das kalte, alte, ver­hutzelte Gesicht auf dem lag es wie überirdisch großech- größes Glück. . t

Die Leute sagten:Nun ist das alte hannesje endlich gestorben wie alt mag er nur geworden fein?"

Niemand wußte es zu sagen.

Die Zchöpferkrasi der Greise.

Von verschiedenen Gelehrten, besonders von Professor Osler, ist in jüngster Zeit die Theorie anfgestellt worden, das; der Mensch die höchste Blüte seiner Kräfte und Fähig- . keilen schon in einem jugendlichen Alter erreiche und das;; etwa vom 25.40. Lebensjahre der Höhepunkt seines: Schaffens dauere. Dann beginne unaufhaltsani der Niedergang, ein Verfall der Kräfte trete ein und den alten Leuten, ja auch den allgewordeneu Genies wäre besser/ sie hörten auf zu leben, denn sie könnten nichts Tüchtiges, mehr hervorbringen. Gegen diese Anschauungn wendet sich W. A. Dorland im Century Magazine und führt in langen Listen die unsterblichen Werke auf, die un§ ver­loren gegangen sein würden, wenn der Tod die Ge>iies im 40.' oder auch im 50. und 60. Jahre dahingerafft hätte.- Unter den.Großtaten des Geistes, die noch vo'.i Männern nach Vollendung ihres siebzigsten Lebeiisjahres voll­bracht wordei: sind, würde dann zunächst das gewaltige Werk der Gesetzgebung durch Moses nicht geschaffen worden fein, denn der Führer der Kinder Israel war bereits mehr als hundert Jahre, da er seinem Volk diesen Wegweiser durchs Leben schenkte. Ueberhaupt haben Gesetzgeber vielfach Meisterleistungen erst im hohen Atter: in der Fülle ihrer Lebenserfahrungen vollbracht, so Pal­merston, Disraeli, Gladstone, Thiers u. a. Savigny, ber: Begründer der modernen Rechtsgeschichte, vollendete fein' Obligationenrecht mit 74 Jahren. Auf dem Gebiete der, Wissenschaft würde Galilei niemals die Libration der Mondkugel entdeckt und die Fundamente der Physik in' seinenDialogen" dargelegt haben, wenn er nicht das Alter des Psalmisten erreicht hätte. Die letzten fünft Bände von Buffons Naturgeschichte wären nicht geschrieben worden, nicht das größte Werk Lamarcks, das die moderne Zoologie begründete; von Baer hätte nicht seineVer­gleichende Embryologie" vollendet und nicht würden jicf) noch heute Tausende an Alexander von HumboldtsKos­mos,, erfreuen. Auch Eulers größtes astronomisches Werk, Ovousoula Anaiytica" ist nach seinem '<0. Lebensjahre entstanden. Einige der herrlichsten Werke von^ Tizian wären nicht gemalt worden, wenn der Meister nicht jenen an Schaffenskraft so reich gesegneten Lebensabend gehabt hätte. Erschüttert von soviel Größe und Reife steht man vor seinemDornengekrönten Christus" in München, den er mit 95 Jahren geschaffen, und als den Neunundnnm- zigjährigen die Pest dahin raffte, blieb diePitä", die er für sein eigenes Grab gemalt, unvollendet als ein Zeug- nis seiner ungebrochenen Kraft zurück. Tintorettos grö;tes Werk, seine Schilderung desParadieses", ist ebenfalls nach dem 70. Lebensjahre des Meisters entstanden, ebenso Peruginos letzte Werke. Corot schuf mit 77 noch Bilder von so zauberhafter Zartheit, daß sie nicht mit Farbe, sondern mit Licht und Luft gemalt zu fein schienen. Die­jenigen Werke Verdis, die man allgemein für den Hoye- punkt feiner Kunst ansieht,Othello" undFalstaff" stnvie seine religiösen Chorwerke sind nach seinem 70. Jahre enstanden, ebenso Händels OratoriumTriumph von Zeit und Wahrheit" und Meyerbeers MeisterwerkDie Afri- kanerin". Unter den literarischen Hauptschöpfungen, die Philosophen, Gelehrte und Dichter nach dem 70. Jahre vollendet, werden erwähnt: KantsAnthropologie",Streit der Fakultäten" und Metaphysik der Sitten". Hobbes Hauptwerke, GöthesFaust II." undWilhelm Meisters