Ausgabe 
20.5.1908
 
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Dezember wirklich in ihre Obhut genommen hatte, und denen sie eine aus mütterlichen und schwesterlichen Gefühlen zusammen­gesetzte Liebe entgegenbrachte.

Mit immer gebefreudigen Händen streute sie den Samen der Charakterstärke und Güte, mit denen sie selbst gesegnet war, in die Herzen der 'beiden Kinder; und ost sagte sich Heinz: Wie nichtig ist Isabellas Jagen nach dem flüchtigen Beifall eines buickzufammengewürfelten Kvnzertpublikums doch gegen Mar­thas Streben, diese jungen, ihr anvertranten Geschöpfe zu allen Tugenden zu erziehen." lind weiter dachte er:Wo überhaupt gibt es einen Beruf oder eine Kunst, die dieser einen an Größe und Bedeutung gleichkäme, aus Kindern echte Menschen heran- zubikdcn? Ist nicht das Weib, das ihren Mutterberuf im vollen und höchsten Sinn ersaßt, eine Künstlerin über alle Künstler, leuchtet ihr Werk, der atmende, wirkende Mensch, nicht tausend­mal Heller, schöner und ewiger als aller Künstlerhände holder Schein? Ist sie es nicht, die den Grundstein legt zu aller Zukunft der Menschheit?" --- ----

Als es Wilhelm Bartikow, der noch von einer heftigen Ge­hirnerschütterung befallen worden war, soweit besser ging, daß er, außer Gefahr, das Bett verlassen und ein Stündchen am Fenster fitzen konnte, fragte er Heinz Bollrath eines Tages:

Ist es wahr, daß Isabella Friedheim in der Welt 'rumreist und Konzerte gibt?"

Wenn auch nicht gerade in der Welt, so doch in Deutsch­land," gab Heinz zurück.

Weißt du, luv sie sich jetzt gerade aufhält?"

In Breslau."

Hm. Und ob ... ." Wilhelm brach ab- In sein bleiches, eingefallenes Gesicht war trotz allen Dagegenankämpfens ein Ausdruck schmerzvoller, erbitterter Leidenschaft getreten, und seine blassen, dünnen Finger spielten nervös auf der Decke, die über seinen Knien gebreitet lag.

Nach einer Pause fragte Heinz:

Wie denkst du dir eigentlich deine Zukunft? Willst du, wenn du nun wieder gesund sein wirst, deine Tage auch weiterhin hier verbringen, trotz des unhaltbaren Verhältnisses, in dem du zu deinem Vater stehst? Empört sich nicht dein Ehrgefühl gegen die Abhängigkeit von deiner Schwester, die doch schon schwer genug M tragen hat, auch ohne daß du ihr noch zur Last liegst?"

Wilhelm blickte mit finsteren Augen in den Vorgarten hinaus, der imNier noch unter der Schneedecke schlief, und antwortete verbissen:

Ich habe weder Veranlassung noch Lust, mich von dir in eine Seelenbeichte nehmen zu lassen. Denn ich hasse dich."

Und doch scheint mir, daß dir ein ganz Teil wvhler war, solange du selbst dich noch von der Scheu vor Gott und seiner ewigen Gerechtigkeit im Schach halten ließest!"

Könnte unsere Unterredung nicht hiermit zu Ende sein?" fragte Wilhelm und begann, leise einen Gassenhauer vor sich hinzupfeifen.

Nein," entgegnete Heinz;ich habe dich noch mehr zu fragen I"

Und wenn ich dir nicht antworte?"

So weißt du mir offenbar nicht zu antworten und sprichst deinen Ansichten damit schweigend das Verdammungsurteil."

Oho!"

Und sie stritten sich wohl eine Stunde lang in erbittertem Wortgefecht über ihre Ansichten, ohne daß sich der eine vom andern auch nur einen Schritt breit Terrain hätte abgewinnen lassen.

Zuletzt sagte Heinz:Ich sehe, ce> gibt keine Einigung, nicht mal eine Verständigung zwischen uns. Und darum. . . . Doch das eine will ich dich noch fragen: Hast du nie etwas davon erfahren, daß die Familie die Quelle unserer innigsten und reinsten Freuden ist? Mann und Weib eins im Streben und Hoffen, bis daß der: Tod sie scheidet? .... Der Vater, der kein höheres Ziel und Wünschen kennt als die Sorge für die Seinen .....Tie Mutter, die ihre Kinder treu behütet und den Keim alle Tugenden in ihre Brust pflanzt .... wie doch auch deine Mutter es bei dir getan hat? .... Die Geschwister, die sich in aufopfernder Liebe anhangen, wie deine Schwester es gegen dich noch heute tut? .... Und das alles....."

Wilhelm hatte, während Heinz gesprochen, immerzu höhnisch die Achseln gezuckt; nun unterbrach er ihn wieder mit seinem verbissenen Lachen.

Alles Unsinn. AlleL Redensarten nichts weiter. Martha laß ich gelten. Sie ist eine Ausnahmeuatur, wie du vielleicht tmch eine bist, du mit deinem Idealismus, mit deinem blinden Glauben an die Menschen. Aber mein Vater, der das .Erbteil seiner Kinde« verpraßt und verspielt Haha! Ich danke für

solchen Vater. Und meine Mutter... . . Nun ja, gut war sie. Aber das, was bu mir zum Vorwurf machst, wieder und wieder^ daß ich nicht arbeiten gelernt habe, das ist ihre Schuld. Immer hat sie mich verhätschelt und verzogen, immer mich in Schutz ge­nommen, wenn mein Vater mich einmal für meine Faulheit und Verlogenheit strafen wollte. Natürlich, der Wüterich hält' mich auch am Ende gleich totgeschlagen, wie er in seiner Raserei meine Mutter tot schlug, als sie ihm über sein liederliches Leben Vorstellungen machte."---.

Wilhelm saß, die Lippen zufammengebifsen, die Hände zu Fäusten geballt, und starrte mit düster glühendem Blick ins Leere.

Heinz Vollrath hatte sich erhoben. Auch sein Gesicht war bleich geworden, und schwer ging sein Atem.

Warum sagst du mir das? Ich habe dich noch nicht danach gefragt," sprach er in leisem Ton, durch dessen Wehmut heiße Entrüstung zitterte.Wenn dein Vater beit Frevel beging, dessen du ihn beschuldigst, er wird ihn verantworten uud sühnen müssen. Und das weiß ich: er säht ihn jetzt schon hart und schwer durch die Martern, mit denen ihn sein Gewissen schlägt. Aber du? Hast du denn nichts von dem, was man Gewissen nennt? Du lächelst spöttisch. Nun, so sage ich dir: Du bist schlimmer als dein Vater. So flugwürdig seine Tat fein mag das, was du tatest und noch tust, ist dreimal fluchwürdiger; denn es ist erbärmlich. Der Sohn, der keine Mitwifsenschaft an einem Ver­brechen benutzt, dem eigenen Vater Gelder über Gelder zur Fristung seines Faulenzerlebens abzupressen und seinen Vater dann doch noch verrät.....pfui über ihn ..... ich finde fein Wort,

unsere Sprache ist zu arm oder zu anständig, um solch' einen zu kennzeichnen." Er wandte sich zum Gehen.

Aber Wilhelm war aufgesprungen und fuhr ihm mit jäh­zorniger Bewegung an die Brust.

Nimm das zurück, was du gesagt hast," keuchte er.Diese unerhörte Beschimpfung .... Nimm fie zurück sag' ich dir . . . oder . . . ."

Oder?" fragte Heinz gelassen und wehrte den Arm, der sich gegen ihn erhoben hatte, mit ruhigem Griff ab.Oder . . . ? Ich weiß kein anderes Oder, als das: geh' , in dich, zeige, daß du kein ganz Verlorener bist." Und er verließ festen Schrittes das Zimmer. ---.-------

Ter Superintendent stieg natürlich im Pfarrhaus ab, wo er sich vorher angemeldet hatte, und wo nun alles zu seiner opulenten Bewirtung bereit stand; und konnte ihm auch Reichardt, den der zweite Schlaganfall den fast völligen Ver­lust seines Sprachvermögens gekostet halte, nur wenig sagen, so gab ihm dessen redselige Gattin desto erschöpfendere Auskunft. Die Pastorin hatte ihre instinktive Abneigung gegen Heinz noch immer nicht begraben, ja, fie fühlte sich jetzt sogar mehr denn je gegen ihn ergrimmt, toeit. er das zarte Entgegenkommen ihrer kürzlich aus einer Hauslehrerinneitstellung heimgekehrten heiratsfähigen Tochter Flora übersah.

Dr. Weigler, der ein seines seelisches Ohr besaß, hörte in­dessen rasch genug heraus, daß die ihm gegebene Schilderung Voll­raths durch den Unterton persönlicher Gehässigkeit stark getrübt wurde; er lenkte das Gespräch deshalb bald auf nebensächliche Dinge ab und begab sich gleich nach Tisch, in einer durch warmen Märzsonnenschein, kulinarische Genüsse und recht aeeeptablen Rhein­wein entsprechend gehobenen Stimmung in die Wohnung des Beschuldigten, obwohl die dienstbereite Pastorin sich wieder und wieder erboten hatte, den Hilfsprediger ins Pfarrhaus holen zu lassen, damit der Superintendent nicht erst nötig hätte, sich auf derint Tauzustand entsetzlich schmutzigen Dorsstraße" die Stiefel vollzufüllen.

Schon an der freien, unerschrockenen Art, in der Heinz Voll­rath, trotz feiner völligen Ueberraschung, die Mitteilung der gegen ihn ergangenen Anzeige aufnahm, merkte Dr. Weigler, daß c; hier keinen vor sich hatte, der sich krummer Wege bewußt oder von Schuldgefühl bedrückt war.

(Fortsetzung folgt.)

Das alte tzamesje.') Von M. Todt (Gießen). (Nachdruck verboten.)

Das alte Hanesje, unter welchem Namen das kleine alte zusammengeschrumpfte wunderliche Mänuche, in dem altmodischen Anzuge langen schwarzen Strümpfen,

*) Bei unserem ersten Preisausschreiben hätten wir dieser und noch ein paar anderen, demnächst zu veröffent- lichenden Skizzen Herrn M. Todt gern einen Preis zuerkannt, müßten jedoch davon abstehen, da unserer Aufgabe zufolge nur vberhesfische Sagen und Schwänke" in Frage kamen. D. Redl