Ausgabe 
20.5.1908
 
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Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher., (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Zehntes Kapitcl.

-Nachdem der Streik beigelegt war, wagte sich Frankenstein wieder von Berlin nach Schönau«. Und als er seine mechanischen Webstühle nun -in dem alten Betriebe sah, stieg der Groll über die Zeit, in der sie verdienstlos und zinsenfressend stillgestanden, von neuem in ihm auf, und er fühlte das Bedürfnis, üach Fichtenwalde hinübcrzufahren und Herrn von Bannemann zu klagen, wie schwere Verluste er durch den Ausstand erlitten hatte. Ein kluger Mann wird, so meinte er, immer danach trachten, sich zu der Behörde auf besten Fuß zu stellen, besonders, tvcnn er bei ihr eine Herabminderung seiner Einkommen- und Gewerbe­steuer durchsetzen möchte.

Ter Forstmeister pflegte immer, wenn er von Frankenstein heimgesucht wurde,außerordentlich stark beschäftigt" zu feilt. Nur diesmal hatte er Zeit; denn Frankenstein begann nach, heu ein­leitenden Worten sofort auf Heinz Vollrath zu schimpfen. Keine Frage, das; der Streik nicht halb so lange gedauert, sehr wahr­scheinlich sogar, daß er gar nicht angefangen hätte, wenn dieser sonderbare Hilssprediger den Leuten nicht zum Munde reden und sie in ihrer Auflehnung geradezu bestärken würde.

Hm ... .," warf Herr von Bannemann gelassen hin;wenn Sie sich durch den Mann geschädigt fühlen, so beschweren Sie sich doch einfach über ihn beim Konsistorium."

Ich hätte wirklich beinahe Lust dazu," entgegnete Franken­stein, und seine kleinen Augen bekamen einen stechenden Glanz. Tenn das ist doch einfach nicht zu glauben, daß der Mensch mir in Berlin auf die Bude rückt und mir eine Lohnaufbesserung für meine Arbeiter abquetschen ivill. Was gehen den Menschen die Lohuverhältnisse in meiner Fabrik an? Was hat er sich darum zu kümmern? Ta war der alte Reichardt doch ein anderer Kerl."

Allerdings gewiß", sagte Bannemanu mit gutgc- spielter Gleichgültigkeit, als hätte das Gespräch für ihn nur ein rein platonisches Interesse.Uebrigens . . .," er begann sich angelegentlich mit seinen langen, feingepflegten Nägeln zu be­schäftigenwie ich gehört habe, hat ja Bollrath die Aus-- ständigen auch wohl mit Geldmitteln unterstützt . . .

Was der Herr Baron sagen!" Frankenstein schlug sich mit der Hand auf's Knie, und in sein Gesicht trat ein Ausdruck lauernder Schadenfreude.Da würde ja allerdings die Welt­geschichte aufhören, wenn das wahr wäre!" machte er feinem Herzen Lust.

Ich weiß es aus ziemlich zuverlässiger Quelle. Die Richtig­keit würde sich ja notabene durch eine Untersuchung unschwer feststellen lassen," fuhr der Forstmeister Ün seiner indifferenten Weise fort.Auch, daß Vollrath über der Leiche des Selbst­mörders Schwarzmeier nicht nur Gebet und Segen gesprochen, sondern eine große Rede gehalten hat, dürfte ihm von seiner vor­

gesetzten Behörde Trumm genommen werden soweit mir wenig­stens die Ansichten der hohen Geistlichkeit bekannt sind."

Hm. . . ." Frankenstein sah BaNnemann mit halb zuge- kniffenen Augen unsicher an;der Herr Baron hätten wohl keine Lust, die Anzeige zu erstatten? ... Es ist für mich immerhin . . .. wenn meine Arbeiter erführen . . . ."

Aber, Verehrtester," unterbrach der Forstmeister mit hoch-, mittigem Lächeln,mich berührt die ganze Sache doch nicht im- geringsten. Ich könnte mich höchstens bereit erklären, Ihre Be- fchwerde wenn Sie sie an mich als den Amtsvorsteher des hiesigen Bezirks richten, der zuständigen Instanz mit entsprechen­der Begleitbemerkung weiterzugeben."

Also gut, machen iuirS so!" sagte Frankenstein, indem er sich erhob und Bannemann die Hand entgegeustreckte, die dieser immer üur flüchtig zu berühren Pflegte.Ich schreibe die Be­schwerde noch heute, und Sie haben dann die große Güte, das übrige zu veranlassen."

Ter Forstmeister zuckte mit den Schultert:.

Ich glaube selbst, daß Hertz Vollrath bei uni» auf einen: falschen Platze steht. Adieu, Hertz Frankenstein." Und er ent­ließ denStert" mit gnädigem Kopfnicken, ohne sich aus seinen: Sessel am Schreibtisch zu erheben.---

Heinz ahnte nichts von der drohenden Wolke, die sich über seinem Haupte zusammenzog. Nach den langet: Wochen stärkster seelischer ynb physischer Anspannung, die der Streik ihm gebracht hatte, kam jetzt sogar eine Zeit befreiten Aufatmens für ihn. Er konnte wieder einmal einen Abend über im freundlich-stillen Wohnstübchen seines Elternhauses sitzen und sich von den sanfte:: Fittichen treuer Mutterliebe die Stirn umkofen lassen, in der die quälenden Gedanke:: der Sorge langsam zur Ruhe kommen wollten. Er konnte wieder einmal in friedlicher Stimmung eine Stunde in einem guten Werke le feit oder gar ein paar ©eiten, weitcrfchreiten an einem Buch überNeue Wege im Glaubeus- lebcn", an dem er fett Jahr und Tag arbeitete, das aber in den fünf Monaten seines bisherigen Aufenthaltes in Fichtenwalde kaum vorwärts gediehen war.

Isabella Friedheims Fortsein empfand er nicht mehr so schmerz­lich Ivie in den ersten beiden Wochen nach ihrer Abreise, wo ihn, besonders bei feinet: regelmäßigen Besuchen auf dem Schloß, oft ein Gefühl der Leere übermannt hatte. Es war ihm, als würde seine Leidenschaft geringer mit jedem Tage, den Isabella fern von ihm zubrachte.

Ost, wenn er bei seinen Besuchen im Bariekowschen Hause Martha in ihrem emsigen Schalten und Walten betrachtete, mußte er denken: wie ist doch trotz allen Kummers und aller Last, die sie zu tragen hat, ihr Leben so sehr viel reicher als das Isabellas: und stärker als je zog ihn der Jugendfreundin stilles, anspruchloses Wesen an.

Wenn er aber auch alles an ihr bewunderungswürdig fand: den Fleiß und die Energie, mit denen sie die Wirtschaft im Zuge hielt, die Barmherzigkeit, mit der sie die Nächte hindurch an: Bett des kranken Bruders wachte, die Geduld, mit der sie die Launen des Vaters ertrug so sah er sie doch am liebsten int Umgang mit den Tannenbornscheu Waisen, die sie feit dem ersten