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Er besann sich Teilten Augenblick:

Auch dann nicht. Gibt's nicht!"

Sie sah ihn mit ganz warmen Blicken an.

Wissen Sie," sagte sie,das gefällt mir."

Er verneigte sich leicht.

Das ist ein sehr günstiges Zusammentreffen, gnädiges Fräulein, ich hätte es aber auch sagen müssen, wenn es Ihnen ttroa nicht gefiel. Verzeihen Sie mir meine Unart."

XV.

Es erschien Loysen als eine Forderung der Höflichkeit, dem Geistlichen, dessen Geburtstagsfeier er neulich mehr gestört Ivie geehrt hatte, einen Besuch zu machen. Tie ausgesprochene Absicht trug ihm wieder einen beifälligen Mick von Edeltraut ein. So ging er, noch bevor Großmainachen zum Kaffee rief, durch hen Garten über die Wiese nach der Pfarre hinauf und klopfte zum zweitenmal an die Tür dieses Hauses. Nit seinen Ge­danken war er ganz bei seiner Werbung und Wilhelms Abrede, daher erfüllte er diese Pflicht der Artigkeit völlig mechanisch. Das Mädchen öffnete, der weiße Spitz kam wedelnd herbei und schlüpfte mit ins Wohnzimmer, wo er an dem Gast in die Höhe sprang und von ihm gestreichelt wurde, bis der Pastor erschien, ganz eilig und verstört. Natürlich waren die Haides das aus­schließliche Gesprächsthema. Frieda kam mit einem Brettchen, darauf eine Flasche Madeira stand und ein Tellerchen harter Biskuits, und er ließ beides über sich ergehen. Als er bann Jtfieber ging, begleitete ihn der Pastor bis an den Hang, wo der Fußpfad sich zum Erlenteich abwärts wand. Es sah fast aus, als wolle er noch etwas sagen, was ihm am Herzen lag Loysen jühlte es, daß er den Grund seiner Besuche im Herrenhause unschwer erriet. Aber Zartgefühl und verlegene Verwirrung hinderten doch eine Aussprache und er nahm nur beim Abschied des jungen Mannes starke Hand in seine beiden zitternden, welken Hände und sagte bewegt:

Ter Herr segne Sie und schenke Ihnen, was Ihr Herz begehrt!" '

Tem Rittmeister wurde eigen zu Mut er stand im Geiste plötzlich wieder vor dem Altar und vor ihm stand dieser alte Mann, griff segnend nach seiner Hand und steckte _ ihm den breiten Goldreif an die Vision war so lebhaft, daß ihn der Umstand, daß der Platz an seiner Seite leer war, mit einer Unangenehmen Etnpfindung erfüllte. Er sagte einige unver­ständliche Worte, neigte vor dem segnenden Priester das Haupt zind eilte dann den Weg herab.

Abends nahm er teil in den astronomischen Studien der Ge­schwister.

Wilhelm hatte auf einer aus dem oberen Salon erreichi- baren Plattform ein kleines Teleskop ausgestellt und nannte das seine Sternwarte.

Sowohl er wie Edeltraut waren durch langjährige Hebung außerordentlich bewandert am Himmelszelt, und diese Liebhaberei -mit allen sich daran knüpfenden Betrachtungen entsprach so Sanz Wilhelms Geschmack. Sein Entzücken und seine Bewun- erung kannten keine Grenzen und seine Künstlerphantasie kam fcer trockenen Wissenschaft zu Hilfe und erging sich in allen Möglichkeiten dieser Wunderwelt.

Es war für Loysen ein eigenartiger Genuß, ihm zuzuhören, und daß er dies mit ungeteilter Aufmerksamkeit tat, brachte ihn der Schwester wieder um ein Stück näher. Er kam zu so später Stunde in Bardes an, daß er niemand mehr wach fand, was ihm sehr angenehm war.

Am nächsten Tage kam denn auch Marie Annens geplanter Besuch in Rothaide zustande und Recknitz ließ sich brummend ins Schlepptau nehmen. Sie sichren im großen Landauer, der Raum für viele hatte, und es verstand sich von selbst, daß Loysen mitfnhr. Auch Lilly hatte es sich als besondere Ber- Hünstigung erbettelt.

Marie Anne war voll brennender Neugierde. Sie hatte die Haides lange nicht gesehen. Auf ihr Teil kam dabei immer die Unterhaltung mit der guten Frau von Dahlen, und diese war für sie keine geringe Prüfung. T-enn Großmainachen war uner­schöpflich in Behandlung des ThemasWaschfrau ober Wasch­maschine" und ergiebig in ber Mitteilung neuer Rezepte. Conrad sprach unterdessen mit Wilhe»m über Weizenbau und Zuckerrüben, linb Edeltraut pflegte gar nicht zu erscheinen.

Heute war das denn doch anders.

Tie alte Dame mußte wegen einer leichten Migräne das S'iudmer hüten und Edeltrant war da, frisch, lichtblond, in ihrer mattweißen Kaschmirbluse und dem dunkelroten Rock und ganz außerordentlich, herzgewinnend zuvorkommend. Es war ihr eine Kleinigkeit, zu gleicher Zeit für die Erquickung der Gäste zu sorgen, mit Lilly ein riesig aufregendes Gesellschafts­

spiel zu spielen, an welchem sich auch Loysen beteiligte, undi gegen Frau von Recknitz ganz liebenswürdige Hausfrau zu sein. Es war ihr ein Bedürfnis, dies zu sein, weil sie meinte, Loysen dadurch eine Freude zu machen. Es lag ihr daran, ihm zu zeigen, daß sie ihm- für seine häufigen Besuche dankbar war.

Ihre große, unbefangene Natürlichkeit, der klare Blick ihrer hellen, blauen Augen gewannen ihr denn auch Marie Annes Herz von neuem, und was Recknitz betraf, so konnte ber nicht umhin, sich heimlich die Hände zu reiben. Ein Gang durch Garten und Hof beschloß den Besuch. In ersterem machte Wilhelm den Führer und zeigte Marie Anne, die eine große Liebe für Blumen hatte, alles, waS er des Sehens wert hielt. Im Hofe ging Recknitz mit Ebeltraut voraus. Sie führte Lilly an ber Hand, zeigte ihr Kaninchen unb junge Ziegen, beit Esel und einen Korb, in welchem drei schneeweiße junge Kätzchen schliefen und babei erklärte sie Recknitz alles, was er zu sehen wünschte, das Jungvieh unb die Kuhställe mit ihren Doppelreihen spiegelblanker, zufrieden brummender Milchkühe, Pferde und Schweine, und sprach, ohne zu ahnen, wie sehr sie ihn in ftamtenbe Verwunderung setzte, von ihrem täglichen Leben mit seinen Arbeiten als von etwas Selbstverständlichem. Er konnte auch nur staunen, denn da er ans beim Teil aufs Ganze schließen konnte, so wurde ihm klar, daß Rothaide, bas Stiefkinb bes Glückes, jetzt zu den bestverwalteten, einträglichsten Güten: ber Gegend gehöre. Er platzte beim enblich mit seiner Bewunderung heraus und es fehlte nicht viel, so hätte er bas Mäbchen umarmt und kräftig abgeküßt. Er fühlte so väterlich für sie, als sei sie bereits die Frauseines Jungen". Ter ging ruhig nebenher, sagte nicht viel, wie dies seine Art war, aber ließ der Erwählten feine Nahe durch hunbert kleine, stumme Aufmerksamkeiten immer fühlbar bleiben.

Als sie bann toteber im Wagen saßen, schwiegen anfangs alle, Lilly drückte bas weiße Wtzchen an sich, welches Edeltraut ihr zum Abschied geschenkt hatte, unb schien völlig davon in An­spruch genommen, aber dann klang ihre hohe Stimme durch das Rollen der Räder:

Onkel, tat mußt Fräulein von Haide heiraten, b i e muß ich zur Tante kriegen."

Lilly!" sagte die Mutter und erging sich nun in Betrach-, hingen darüber, wie auffallenb Wilhelm sich in den letzten Jahren erholt habe.

Recknitz kniff seine Tochter ins Ohr. Es geschah scharf genug, um als Rüge zu gelten, unb war doch nur ein Ausdruck seiner inneren Fröhlichkeit.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Geschichte der Ludoviciana.

Original-Artikel derGieß. Familienblätter".

Dir philosophische Fakultät.

(Schluß.)

Vom 12. Oktober 1768 bis zum 27. Dezember 1769 er­schienen entsprechend dem Geiste jener Zeit auch in Gießen Zeitungen von gelehrten Sachen, durch einen fürstlichen Zu- chuß unterstützt, an ber sich bie ©lieber ber Fakultät manyig- ach beteiligten. In den vierziger Jahren des 18. Jühr- junderts war geplant, unter Aussicht bes Dekans der philo- ophischen Fakultät ein Gießener Wochenblatt erscheinen zu lassen. In dieser Gestalt kam zwar der Gedanke nicht zur Ausführung. Aber als 1750 das Blatt unter dem Titel: Gießer Wochenblatt doch zu erscheinen begann, führte Prost Böhm, der Vertreter der Logik und Mathematik an der Hoch­schule, die Redaktion und lieferte mit einigen seiner Kollegen die meisten Aufsätze dazu.

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kündigte sich die moderne Zeit an. Allmählich wurde es jetzt Sitte, sich stud< Phil, zu nennen, neben Magister hörte man Doktor der Philo­sophie, was dann im 19. Jahrhundert herrschend wird. (1711 war den Philosophen auf eine diesbezügliche Anfrage die Führung des Doktortitels untersagt worden); beides die äußeren Zeichen dafür daß die Fakultät ihren propädeutischen Charakter, nm Borbereitnngsstnfe zu sein, abgestreift hat. Auch die Vorlesungen der Privatdozenten werden nunmehr in das Vorlesungsverzeichnis ausgenommen. Merkwürdig ist es, daß nach 1770 jedem Pro­fessor ausdrücklich die Erlaubnis erteilt wurde, über alle der Fakultät angehörigen Fächer zu lesen. Dies wurde erst iiü 19. Jahrhundert aufgehoben, wenn es auch praktisch natürlich nicht viel benutzt worden ist.

Aber viel wichtiger ist der innere Umschwung, den der Lehr- und Unterrichtsbetrieb in dieser Zeit erfuhr, und den auch die schweren Kriegswirren, denen Gießen besonders seit 1792 aus^ gesetzt war (1800 z. B. mußte das philosophische Auditorium als Heumagaziu dienen), nicht aufznhalten vermochten. Die, em- seinen Disziplinen wurden immer selbständiger, die wissenschaso».