DsmersLag den 20. Kebruar
1908
Fr
IBS
Kelmuth von Lonsen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Set nur »richt böse, alter Willy," sagte Lohsen herzlich, „ich komme mir vor wie ein Räuber — aber sichst dm, früher oder später tväre einer gekommen, der dir deinen Schatz
nahm, und ich weiß es, mir gibst du sie lieber wie einem anderen."
„Sei du mir nicht böse, wenir ich dir sage: bn nimmst mir nichts, alter Junge. Das hat mich ja so bekümmert. Nicht mich beklage ich, sondern dich."
„Was soll das heißen?" — fuhr Lohsen auf — „sie ist doch nicht — eines anderen?"
„Ja, siehst dn," versetzte Wilhelm! mit feinem Lächeln, „sie ist mein! — Sieh in mir deinen grössten Rivalen und laß dich warnen, ehe cs für dich zu spät ist. Ich bin der andere."
„Tn guter Mensch, wenn ich nur deinen Segen bazu habe, ich will sie schon von dir loslösen und du mußt dich noch freuen, sie glücklich zu sehen. Tenn ich will sie glücklich machen, Wil- helm, sie soll alles haben, was eilt Mann, der sein Weib lieb und wert hält und hoch stellt, nur bieten kann an Glück."
„Edeltrauts Glück wurzelt in Rvthaidc und in meiner Gegenwart. Sie wird sich nie entschließen, mich und Rothaidc zu Verlassen. Nenne das, wie du tvillst, es ist aber so. Seltene Blumen sind schwer zu verpflanzen. Hier ist ihr Heimatsboden, in welchen alle Fasern ihres Wesens versenkt sind. Hier in ihrer schwesterlichen Liebe und in ihrer Arbeit findet sie Gkücksgenüge. Tu mußt cs doch an ihrem Wesen sehen, luie vollkommen glücklich sie ist."
„DaS bestreite ich gar nicht — ich sage nur, und doch verläßt ein solches Mädchen Heimat und Familie, um einem fremden Manne zn folgen, unwiderstehlich zu ihm hingezogcn durch die große Macht, die stärker ist als alles Glück ihres bisherigen Lebens. So war es von alters her und so wird cs bleiben."
Bei sich dachte er: loozu streite ich mit ihm? Au ihn ist die Liebe nie herangetreten und so kann er mich doch nicht begreifen. Ta sah er das Gesicht des andern in die Hand gestützt, mit bewegtem Ausdruck, kämpfend, während ein fast verschämtes Rot drüber hiulicf. Wilhelm strich sich mit der Hand über die Stirn.
„So ist es wohl," sagte er nickend, „und glaube nicht, daß ich dafür kein Verständnis habe. Lieber Helnmth, unbehilf- kicher Einsiedler, der ich bin — es hat doch einmal weiblicher Zanbcr den Weg in mein Herz gefunden und ich weist, daß die Liebe nur nach dem Geliebten fragt. Und gerade weil ich das weiß, kann ich es beurteilen, daß Edeltraut dich abweisen wird, wie sie schon einige abwies. Wie ich sie kenne, würde cs für sie teilt Opfer sein, ihr Lebtag bei mir zu bleiben, aber eilt großes Opfer, von mir zu gehen."
„Sie wird mich nicht abweisen." sagte Lohsen beharrlich.
„denn ich werde sie nicht eher fragen, als bis ihr Herz schott ja gesagt hat."
Wilhelm widersprach nicht länger, cs entstand eine Pause.. Endlich sagte Lohsen ganz aus feinen Gedanken heraus:
„llnd weshalb hast du dir dein Glück nicht genommen? — Verzeih, ich habe wohl kein Recht zu der Frage."
„Ist sie überhaupt nötig?" — fragte Wilhelm mit einem Seufzer, „wie durste ich, eilt Krüppel, ein junges, blühendes Leben au mich fesseln? Tie Besinnung kam mir, noch zur rechten Zeit. Ich schwieg und so ging sie von mir und ich habe sie nicht wiedergesehen."
„Sie ging, sagst du, also war sie hier int Hanse?"
Ter nickte. ■
„Jawohl. Wie ein Sonnenstrahl kam! und schwand sie ist all ihrer zarten Lieblichkeit."
„Hast du je mit deiner Schwester hiervon gesprochen?" „Ich habe mit niemand je drüber gesprochen, und wenn ich es jetzt, wo all das Verlangen und Wünschen iil mir längst zur Ruhe getragen ist, tue, so geschieht es nur, um dir zu zeigen, daß ich nicht so blind bin, wie du wohl dachtest."
„Und so sagst du mir, daß ich mein Bündel schnüren und gehen soll?"
Liebster Bruder, wem gäbe ich sie wohl lieber als dir? — Aber ich sage dir, cs ist nutzlos. _Wo gib es auf, ehe, du deine Ruhe und Besonnenheit verlierst. Sieh in ihr deinen guten Kameraden und bleibe uns beiden treu. Gingest du, so wäre sie die erste, die dich zuvückriefe, um — meinetwillen."
Lohsen lächelte still vor sich hin.
Trotz alledem, er wird, denn er will!
Heute sagt sie: „Nein," nächstes Jahr: „Vielleicht" und im dritten Jahr: „Ja." Tas soll feine Sorge sein. Sie ist es wohl wert, daß ein Mann sich um sie müht und mit Beharrlichkeit um sie wirbt.
Heute blieb er zum Mittagessen hier, man war sehr heiter, obwohl draußen ein anhaltender Regen eingetreten war, der dem Fräulein sehr ungelegen kant. Aber Klagen waren ihr fremd und so ergab sie sich in die Unausführbarkeit eines Stückes Feldarbeit und saß nachmittags mit den Freunden in Wilhelms Stube ganz bereit, auf jedes Gespräch einzugeheu, welches Lohsen anfbrachtc. Durch eilten Zufall kam die Rede wieder einmal auf Hochwerth, welches als _ angrenzendes Nach- bargut immer Interesse für die Geschwister besaß. Lohsen erzählte, was cr in Jawwitz gehört hatte, nämlich, daß die neugebackene Baronin sich höchst abfällig über den Landadel der Gegend geäußert und gesagt habe, weniger entgegenkommende Höflichkeit sei ihr noch nie begegnet und größere Langeweile habe sie noch nie gelitten — „ergo werden sie doch alle wohl fortzichen und verkaufen," schloß Lohsen.
„Hast du jcnmls daran gedacht, Hochwerth zu kaitfcn, wenn du mal den Abschied nimmst?"
„Ich? Den Abschied nehmen? IS nid)!"
„Auch nicht, wenn Sie verheiratet wären und Ihre Fran wünschte es?" frua Edeltrant schnell.


