Ausgabe 
19.12.1908
 
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Ter 'Doktor überzeugte sich! selbst, Miela war zuverlässig lind eben deshalb war ihm dieses plötzliche. Unwohlsein rätsel-- hast. Tas Kind Ivar inzwischen aus unruhigem Schlummer er­wacht imb begann leise zu wimmern, und Ivie die Nacht vorschritt, ward ans dein Wimmern ein stoßweises jammervolles Schreien, hast e5 der Mutier ins Herz schnitt. Tie Eltern wichen nicht von dein kleinen Bett, keins von ihnen kam aus den Neidern. Ilm Mitternacht trat etwas ein, ivas der Doktor längst befürchtet, ein kurzer, furchtbarer Krampfanfall; das Körperchen zuckte und warf sich wild hin und her der Vater legte selbst die schmerz-- stillenden Kvinpressen auf den kleinen, geschwollenen Leib und trug die wimnierude, unruhige Last im Zimmer auf und ab, unermüdlich, stundenlang. Tas monotone Geräusch schläferte Anne Marie auf ihrem Stuhle ein, als sie aiis ihren wirren Träumen auffu.hr, Ivar das Kind ruhiger, der Doktor bettete es eben in die Kissen mit der Zartheit einer Mutter. Tann nach einer Meile, als die Atemzüge tief und gleichmäßig gingen, faßte er die Hand der Fran mit warmem Truck und sagte aufatmend:Komm, Anne Marie, wir müssen jetzt beide etwas ruhen ich denke, es ist überstanden."

Müs kann es gewesen sein?" fragte Anne Marie kmnmer- voll.

Er zuckte die Achseln.Wie oft habe ich mich das selber schon gefragt ja, wer die Antwort wüßte..." er verschluckte dm Nachsatz und legte sich schweigend zur Ruhe nieder doch kaum hatte der von anstrengender Tagesarbeit Erinüdcte die schweren Augenlider geschlossen, da riß, der schrille Klang der Nachtglocke ihn jählings wieder empor. Er blickte verstört um sich, dann sich besinnend, sprang er aus dein Bett und öffnete im Nebenzimmer das Fenster. Die eisigkalte, feuchte Nachluft schlug ihm entgegen, schauerlich riß, der Sturm an den entlaubten Bäumen drüben int Garten.Wer ist da?" fragte er hinunter.

Ach Gott, Herr Doktor, kamen Se doch man gau, den Hufner Hagelow sie» Jüngstes liggt in Krämpfen. Jk hcv den Wagen gliek mitbracht."

Ich komme," rief der Doktor zurück. Leise schloß er das Fenster und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Anne Marie saß, aufrecht im Bett und blickte dem Mann mit großen unruhig sov- Senden Augen entgegen.

Mußt Du fort, Haus?" fragte sie beklonunen.

In Aüstww ist et» Kind krank," erwiderte er, sich rasch Mkleidend.

So weit? O Haus," sie sprang aus dem Bett und stand im Nachthemd und mit bloßen Füßen zitternd vor Kälte, Angst lind.Müdigkeit vor ihnt und bat mit gefalteten Händen:O Hans , geh nicht fort von unserem Kinde ich bitte Dich bleibe hier!"

Ich muß," erwiderte er gepreßt.Sie holen mich, sie brauchen den Arzt."

Mer Haus, unser Kind ist dock selber" krank."

Er trat an das Bettchen Ter Knabe hatte das Fäustchen unters Kinn gepreßt und schlummerte; die langen Wimpern lagen wie ein feiner schwerzer Strich auf den heißen, runden Wangen. Der Doktor prüfte nochmals den Puls.Normal will's Gott, schläft er jetzt seine vier bis fünf Stunden durch, dann ist alles Wt. Sollten die Krämpfe wiederkehren..."

Wiederkehren?" unterbrach ihn die Mutter angstvoll.

Seine feste, warme Hand umschloß ihre kleine, kalte, zit­ternde, die bloße Berührung wirkte schon beruhigend auf ihre erregten Nerven.

Dann wirst Du ruhig und verständig fein', die Umschläge wachen wie vorhin, und die Tropfen geben," vollendete er.

Sie lehnte den Kopf mit den blonden, wirre» Haaren an seine Schulter und murmelte halb unverständlich:Hans ich fürchte Mich so!"

Er war auch jetzt wieder der Starke, der Held, selbst in dieser Stunde fühlte fie's, wie Ijodji er über ihr stand.

Wir sind alle in Gottes Hand, Anne Marie," sagte er einfach.Mut, lieb Herz! Du bist eine Doktorsfran und mußt den Kopf oben behalten, wo andere verzagen!"

Bon draußen kam ein kurzer Peitschenknall, ein halblauter, 'ungeduldiger Ruf. Hans Birkholz hob die vor Kalte Zitternde ohne weiteres auf und trug sie in ihr Bett zurück.Versuche jetzt M schlafen, Kind!"

Hans, idji bitte Dich!" flehte sie zum letztenmal, die Wvrte erstickten in leisem Schluchzen. Ihr war so weh, so hilflos, so grenzenlos schwer ums Herz.

Eine andere Mutter bittet auch und harrt des Arztes in Todesangst, Anne Marie. Behüt' Dich Gott!"

Die Tür wurde leise geschlossen, Anne Marie war' allein. 2-och nie in ihrer fast dreijährigen Ehe war ihr dies nächtliche Menisci», das doch oft genug erlebt, so furchtbar gewesen, wie

heute. Sie hob den Kopf, und während ihr die Tränen langsam über das weiße, kummervolle Gesichtchen liefen, horchte sie auf jeden Laut von draußen. Sie hörte die verhallenden Schritte auf der Treppe, das Oefsnen und Schließen der Haustür, eine halbe Minute später das Fortfahren des Wagens. Schaudernd barg sie ihr Gesicht in beide Hände. Da ward die Tür abermals geöffnet, mit wirrem Haar und verschlafenen Augen guckte Miela herein und meldete:Frau Doktern, ich leg' mir man eben 'n bißchen aufs. Sofa in die Eßstube, wenn Sie rufen, bin ich gleich zur Stelle. Herr Doktor hat gesagt, die Tür kunt ja aufbleiben, weil daß Sie so allein sind."

Der Gute hatte er noch daran gedacht, ihr das Mädchen! zu schicken! Ihre dankbaren und zugleich sorgenden Gedanken wanderten dem Manne nach, der jetzt auf einsamer Landstraße in die kalte, finstere, stürmische Nacht hinaus mußte, meilenweit! Sie lauschte mit klopfendem Herzen auf das Toben des Sturmes, wie er unheimlich int Schornstein rumorte, mit scharfem Sausen um die Hausecke fuhr, und drüben in Amtsrichters Garten die Weiden durchbrauste, als wolle er die alten, sturmgewohnten zu Boden reißen. Dazwischen drangen bald andere Töne zu ihr herein, beruhigender, als die unheimlich drohenden Stimmen der Herbst- nacht, sie mußte beinah lächeln: Miela schlief dort drinnen auf dem schmalen, harten Sofa den Schlaf des Gerechten. Darüber! fielen der jungen Frau nun selber die Augen zu, mit Gewalt raffte sie sich auf, um noch, einmal nach dem Kinde zu sehen. Es schlief, der Atem hob und senkte die Brust beruhigt trat die Mutter zurück, und wenige Minuten später lag auch sie in tiefem, traunc- loseit Schlummer, die Hände noch gefaltet zum Gebet für Gatteit und Kind.

Eine Stunde verging und noch eine. Alles still, nur der schwächer werdende ©turnt sang seine schaurig eintönige Melodie. Mit blassem Schimmer graute der freudlose Tag herauf da drang durch die tiefe Stille ein kurzer schriller Aufschrei an das Ohr der schlafenden Mutter einmal, und iwch ein zweites Mal ehe sich die zum Tode Erschrockene nur besinnen konnte. Sie sprang auf und stürzte an das Bett des Kindes, das Herz drohte ihr stille zu stehen da lag es, wie von unsichtbaren Mächten! hin und hergeschüttelt, wimmernd, röchelnd, besinnungslos. Und immer erbarmungsloser wurden die wilden Gewalten, die bett] kleinen Körper durchtobten, immer bläulicher, schmerzverzogener das kleine, süße Gesicht Schaum vor dem Munde, die Händchen fest zusammengeballt, ein herzzerreißender Anblick für die Mutter. Und Hans nicht bei ihr! Aber die Last der Verantwortung zwang daS zitternde Mutterherz zur Ruhe, die grenzenlose Liebe zu ihrem Kinde machte das zagende Mvib besonnen und umsichtig, daß sie alle Vorschriften des Vaters, des Arztes, genau befolgte.^ Nnd endlich schien cs, als ließen die Krämpfe nach, der kleine Körper zuckte und arbeitete nicht mehr, die Gliederchen wurden ruhiger, dehnten nnd streckten sich, das blonde Köpfchen sank schwer zurück.

Gottlob, er schläft," flüsterte Anne Marie mit blassen Lippen dem Mädchen zu, das ihr hilfreiche Hand geleistet, und legte den Knaben in sein Bettchen zurück; die Hände und Anne zitterten ihr, von langem Warte» und Tragen ermüdet. Miela breitete behutsam die Decke über das Kind, dabei streifte ihre Hand die kleinen Füße und zuckte unwillkürlich zusammen.

(Fortsetzung folgt.)

Heinrich I., ,N$ Mn-", Landgraf von Hessen.

(Zur 600 jährigen Wiederkehr, seines Todestages.) (21. Dezember 1308 21. Dezember 1908.) (Nachdruck ve.boten.)

Am Montag, 21. Dezember, jährt sich zum sechshnndertstenmal der Tag, an dem Heinrich I, der erste Landgraf von Hessen, nach einem viel bewegten Leben zu Marburg seine irdische Laufbahn! beschloß. Für unsere Stadt Gießen hat die Regierungszeit dieses Fürsten eine besondere Bedeutung, kam doch unter ihr die Graf­schaft Gießen um 1265 durch Kauf an Hessen. Die Stadt führte von nun an einen hessischen Löwen mit einem G im Wappen. Unter dem neuen Laudesherrn hatte sie sich einer größeren Für­sorge zu erfreuen wie unter dem seitherigen Eigentümer, dem meist im Schwabenlande weilenden Pfalzgrafen von Tübingen. Wie urkundlich feststehl, daß unter Landgraf Heinrich I. das Augustinerkloster Schifsenberg 1274 mit 30, Huben Waldes^ be­gabt wurde, so läßt sich mich amiehmen, daß die Stadt Gießest gleichfalls unter dein neuen Eigentümer mit Wohltaten und Frei­heiten bedacht wurde. Wir wissen, daß unter ihm die Zahl der Bürgmannen bedeutend vermehrt wurde, wodurch nicht nur der Schutz der Stadt weiter gesichert, sondern auch das städtische wirtschaftliche Leben durch den neuen Zuzug adliger Herren günstig beeinflußt wurde.

Tas ganz« Leben des Landgrafen Heinrichs I., von näher! Kindheit bis zum späten Greisenalter, ist, erfüllt mit Kämpfen und Famikienzwistigkeiten. Mrt dem!'Tode Heinrich Raspes deS.