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„PfasfenWnigs" und Landgrafen von Hessen und Thüringen erlosch der männliche Stamm seines Hauses. Es entstand die Frage, wein das reiche hessische und thüringische Erbe zufallen sollte. Es machten darauf Ansprüche Heinrich, der Erlauchte, Markgraf toit Meissen, und Sophie, Herzogin von Brabant, für ihren Sohn Heinrich, den Enkel der heiligen Elisabeth. Heinrich von Meissen war schon bei Raspes Lebzeiten tont Kaiser die Anwartschaft auf Thüringen in Aussicht gestellt worden. Auf Hessen rannte er keine Ansprüche erheben, wiewohl er auch dieses an sich bringen wollte. In Hessen war das Andenken an die heilige Elisabeth noch zu lebendig, so das; ihrer Tochter Sophia von Brabant^die Erwerbung des hessischen Stammlandcs gesichert schien. So kamen denn gleich 1247 nach Raspes Tod auf einem Landtage zusammen die Edlen in Hessen, Grafen, Ritter, höhere Geistliche, Vertreter der Städte und Vorsteher der bäuerlichen Gerichte und wurden eins: „Wäre es Sache, daß Landgrafen Ludwigs und St. Elisabethen Tochter, die Frau Herzogin Sophie von Brabant, einen Sohn hätte, der wäre der angestammte Herr des Landes." „Sie verbunden sich zusammen, bei ihrem Eide, Ehren und Treuen, tod und lebendig beieinander zu stehen und M halten und Mickten zu Brabant nach dem jungen Herzog." Diese starke aufrichtige Liebe und Treue der hessischen Ritterschaft halfen, das vielfach bedrohte Erbe des Kmdes zit schützen nnb zu behaupten.
1248 erschien Sophie aus Brabant mit ihrem vierjährigen Sohne im Hesscnland, überall freudig und herzlich begrüßt. Auf einem offenen Wagen, der von vielen Gewappneten begleitet war, den kleinen Erben auf dem Schoße, hielt sie ihren Einzug in die hefsifchen Städte. Hier zogen ihr die Bürger mit Fahnen und Kerzen entgegen, um dem neuen. Erben ihre Huldigung darzu- bringen. , Besonders herzlich war der Empfang in Marburg, das die Herzogin in den Jahren 1249 und 1250 zu ihrem ständigen Aufenthalt erwählte. Gar oft mußte Sophie das Schwert ziehen gegen raublustige Nachbarn und die Störer der Ruhe und Ordnung. Zum Schutze ihrer oberhessischen Besitzungen errichtete sie südlich von Marburg die „Frauenburg". Die Burg liegt heute in Trümmern, aber der Berg heißt noch der „Frauenberg".
Nach anderthalbjährigem Aufenthalte im Hessenlande zog die Herzogin nach Thüringen. Sie übertrug dem Markgrafen von Meißen die Vormundschaft über den achtjährigen Erben und die Verwaltung der hessischen Stammlande; das Kind selbst gab sie getreuen Mönchen in Obhut. Nach den ersten Jahren einer friedlichen Regierung wurde die Herzogin mit Heinrich dem Erlauchten in einen Krieg verwickelt, da sie die Rückgabe der nur zur Ver- waltung übergebenen Lande forderte. Dieser Krieg wurde neun Jahre mit abwechselndem Glücke geführt. Landgraf Heinrich I, wegen seiner Jugend „das Kind" genannt, nahm seit 1263 an der Regierung teil. Er bot die Hand zum Frieden, der 1263 zum Vertrag von Wett in führte nnd dem thüringischen Kriege ein Ende machte. Der Landgraf erhielt Hessen und die Grafschaft an der . Werre, während dem Markgrafen von Meißen die Land- grafschaft Thüringen verblieb. Seit dem 21. Mai 1265, nachdem er mündig gewordeit war, legte Heinrich den Titel eines Landgrafen von Thüringen ab und nannte sich nur Landgraf und Fürst, auch Herr von Hessen. Diesen Titel verliehen ihm Kaiser, Papst und die Fürsten des Reiches. Unter dem ersten Landgrafen von Hessen bildeten sich die bereits unter den thüringischen Landgrafen entstandenen erblichen Hofämter weiler aus. lind gerade diese Uebertragung der Erbhosämter bildete ein wesentlicher Bestandteil der landeshoheitlichen Macht, die sich durch diese Befugnis von dem übrigen Adel unterschied. Es bekleideten nnnnterbrochen das Amt eines Schenken die Familie von Schweins-, berg, das eines. Marschalls nacheinander die Familien von Rodenstein, vv!l Romrod, von Röhrensnrt, von Eisenbach, von Riedescl.
Mit starker Hand' lvußte Landgraf Heinrich I. das zur Zeit des Interregnums auch in Hessen tätige Raubrittertum zu bezwingen. Gar manches Raubritternest an der Werra, Eder, Fulda und int Vogelsberg mußte sich dem Landgrafen ergeben und verschwand von dem Erdboden. Besondere Fürsorge widmete der nmgc Landesfürst der Entwicklung der städtischen Gemeinwesen. Frankenberg und Marburg zeigten ein reges Verkehrsleben und blühten durch Wohlstand. Das damals noch unbedeutende Kassel wurde unter der neuen Regierung durch die Anlage der llnter- Neustadt eriveitert nnd als Residenz nach jeder Richtung hin ge- sördert. •
Die Annäherung des Landgrafen an den neuen deutschen König Rudolf von Habsburg brachte ihm die Lossprechung von der Reichsacht, die der König über ihn auf. Betreiben des Erzbischofs Werner von Mainz wegen angeblich der Kirche zu Mainz -ugefügter lliibildeu hatte aussprechen müssen. , Rudolf hatte den tapferen Beistand des hessischen Landgrafen auf seinem Kriegszuge gegen den aufrührerischen Ottokar von Böhmen schätzen gelernt. Ter Erzbischof von Mainz war nicht w leicht zum Frieden geneigt. Tie ihm vom Landgrafen angebotene Geldsumme als Sühne ivics er zurück und erschien mit starker Heeres- macht im „B u s e cke r T a l". Bon hier zog das mainzrsche Heer, nachdem sich die Verhandlungen zerschlagen, an die Eder, um die Stadt Fritzlar zu bedrohen. Der bedrängte Landgraf forderte alle hessischen Männer, die „ein Schwert oder einen stecken, tragen könnten" zur Abwehr des Feindes auf. Dem Erzbischof gelang cs, unter den Schutz der Stadt Fritzlar zu flüchten, sein
Heer veruwchte sich aber kaum in den Gärten und Gräben außer- strlb der Stadt vor der Wut der erbitterten Gegner zu schützen. Der Bischof mußte sich zum Frieden bequemen, der dem Landgrafen die Lossprechung vom Banne brachte.
Klein war das hessische Erbe, das Heinrich „dem Kind" nach Abtrennung der Landgrafschaft Thüringen znfiel. Es umfaßte hauptsächlich die Grafschaft Gudensberg und die Herrschaft an der Weser. Landgräflich waren nur die Städte Kassel, Marburg, Frankenberg, Gudensberg, Felsberg, Melsungen, Homberg, Reichenback), Witzenhausen und Münden. Von den Landesteilen des jetzigen Großherzogtums Hessen-Taruistadt gehörten nur dazu die Aemter Ulrichstein, Grünberg, Homberg a. d. Ohm, Nordeck, Als- feld und das ehemals hessen-darmMdtische Biedenkopf. Schon früh war der Landgraf bemüht, durch Neuerwerbungen sein Gebiet abzurundeil und zu vergrößern. So erwarb er, wie bereits erwähnt, durch Kauf Stadt lind Amt Gießen, ferner die Burg Schartenberg, Altenburg bei Alsfeld. Grebenstein, Zicgenberg, Güter des Grafen von Bilstein an der Werra, das Gericht Kirchditmold bei Kassel. Seine Erbansprüche auf das Herzogtum Brabant hat er nie aufgegeben, wenn auch seine Bemühungen! nicht von Erfolg waren. Auch feinen Nachfolgern ging das reiche und gesegnete Land verloren.
Groß war der Kummer, der deut alternden Landgrafen in seinem eigenen Hause erwuchs. Eine geplante Erbteilung, bei der auch seine Kinder aus zweiter Ehe berücksichtigt werden sollten, reizte feine beiden Söhne aus erster Ehe Heinrich uitb Otto zum Widerstand gegen den Vater. . Sie warteten nun auf eine Gelegenheit, um sich zu rächen. Diese sollte sich ihnen bald bieten. Landgraf Heinrich lag krank zu Marburg. Sobald dies Otto erfuhr, wußte er sich eine Schar bewaffneter Reiter zu verschaffen unb ritt mit ihnen, zu denen noch unterwegs eine Abteilung berittener! Mannen seines Schwagers Gottfried von Ziegenhain stieß, nach Kassel. Hierbei verbreitete er das Gerücht, das auch Gottfried bestätigte, Landgraf Heinrich sei gestorben. Otto verlangte die Huldigung der Städte und der hessischen Stände, die er auch erlangte. Nur Melsungen, Rotenburg, Reicheubach und Scharten- berg verweigerten den Eid. Mit Betrübnis vernahm der Landgraf, was der aufrührerische Sohn getan. Er sandte Boten an andere Fürsten nnd richtete einen Klagebrief au Kaiser Adolf von Nassau, der aiidji Hilfe versprach.' Mit einem stattlichen Heere, das ihm btc Erzbischöfe von Mainz unb Köln, Herzog Rudolf von Bayern unb der Abt von Fulda zuführteu, erschien der Kaiser vor der Burg Staufenberg, wohin sich Otto mit seinem Anhänge auf die Nachricht von der gegen ihn heranziehenden Streitmacht zurückgezogen hatte. Airs diefer, dem Angriff der Feinde Trotz bietenden Feste int Lahntale, hatte ihm sein Schwager Otto von Ziegenhain, der Burgherr von Staufenberg, eine sichere Zu- sülchtsstätte gewährt. Aufs beste hatte man sich hier znm Gcgen- kampfe Uerjtstet. Monate vergingen, und mit tapferer Gegenwehr trotzten die Belagerten bett Angriffen des kaiserlichen Heeres. Tie Ausfälle aus der Burg ersordertett zahlreiche blutige Opfer auf beiden Seiten. Am Ende mußten doch die Niederhessen und Ziegenhainer der llebermacht erliegen. Otto mußte zufrieden fein, daß er für sein Leben noch Gnade beim Kaiser sand.
Durch kaiserlichen Spruch tont 1. Juli 1296 zu Frankfurt am Main wurde die Teilungsangelcgenheit der Landgrafschaft Hessen im Sinne des Landgrafen Heinrich für die Zukunft geordnet. Ter älteste Sohn Heinrich erhielt Oberhessen, Otto Biedenkopf, ivoselbst er sich 1307 eine Burg erbaute. Nach Heinrichs, „des Ungehorsamen" Tod erhielt Otto ganz Oberhessen. Er ließ cs ruhig geschehen, daß sein Stiefbrnder Johannes bte Mitregentschaft erhielt und störte ihn attch nicht weiter in den von ihm übernommenen Landesteilen.
Nach einem tatenreichen und viel bewegten Leben Mied Landgraf Heinrich L „das Kind", der Stammvater des hcistschen Fürstenhauses, int Alter von 64 Jahren am 21. Dezember 1308 zu Marburg aus dein Leben. Währeitd seiner ganzen Regteruugs- zeit konnte er nie die Waffen aus der Hand legen. Seme ong.ciid war erfüllt mit schweren Kämpfen wegen der Thüringischen Erb- attgelegenheit. Zur Regierung gelangt, mußte er gar oft das Schwert ziehen gegen den trotzigen, nach Unabhängtgkett strebenden Adel, in seinem Alter mußte er sich schützen gegen die. eigenen Kinder, die die Waffen gegen den Vater ergriffen Hattern Eine treue Stütze in seinen Kämpfen fand der Landgraf in den -stabten, denen er die Treue gar vielseitig lohnte, so daß unter ihm das! aufstrebende Bürgertum wesentliche Förderung erfuhr.
Die RegiernngSzeit Landgraf Heinrichs I. war ruhmvoll und segensreich. Von ihm wird gesagt, daß er „tapf er, fitrstchttg und verständig, in allen vorgelaufene» Wel ihan- deln bedachtsam und unverzagt, in Vertragen aufrichtig, in Erhaltung guter Freundschaft beständig, gegen die Frommen mild, gegen die Feinde streng und tut Leben mäßtg gewesen i et.
* Vierhundert Millionen in Ran ch unb A s ch e. Wenn man berücksichtigt, wieviel die leidcitschaftlich gern rauchenden Franzosen alljährlich für ihre schlechten Zigarren und Zigaretten ausgehen, so kann man sich le,cht


