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Unzeichen! Wer weiß, welch mächtiges Interesse ihr Schwelgen auferlegt! Sollte sie ihre eigene Sache verteidigen? Ist sie Mitschuldige? Wer beweist uns, daß sie nicht dem Mörder geholfen hat, den anderen einen Hinterhalt zu legen?
Ja, antwortete Lecoq bedächtig, ja, diese Mutmaßung bietet sich einem M.nz natürlich dar. Aber wenn mau sie annimmt, stößt man damit nicht die Voraussetzungen um, die der Herr Richter zu den seinigen gemacht hatte? Wenn die Chupiu Mitschuldige ist, so ist der Mörder keine Persönlichkeit, Ivie wir argwöhnen, so ist er einfach der Mensch, der er zu sein scheint.
Der Einwand schien Herrn Segmüller zu überzeugen.
Aber was ist es denn mit ihr? rief er.
Lecog hatte darüber seine bestimmte Meinung. Aber durfte er, ein gewöhnlicher Kriminalschutzmann, es wagen, sie zu äußern, wenn ein höherer Gerichtsbeamter im Zweifel war? Er begriff, wie glroße Zurückhaltung seine Stellung ihni zur Pflicht machte, und sagte daher in bescheidenstem Tone:
Warum sollte nicht der falsche Trunkenbold der Witwe Chupiu mit glänzenden Versprechungen die Augen geblendet haben? Warum sollte er ihr nicht Geld versprochen haben, eine große Summe?--
Er unterbrach sich; der lächelnde Sekretär trat ein, aus seiner Tasche ein großes Schriftstück ziehend, wobei er sagte :
Eine Mitteilung vom Herrn Gefängnisdirektor.
Der Richter brach das Siegel und las laut:
Ich kann dem Herrn Untersuchungsrichter nicht dringend genug ans Herz legen, sich beim Verhör deS Angeschuldigten Mai mit den ernstlichsten Vorsichtsmaßregeln zu umgeben.
Seit seinem mißlungenen Selbstmordversuch ist der Mann in so aufgeregtem Zustand, daß wir ihm die Zwangsjacke nicht abnehmen konnten. Er hat die ganze Nacht kein Auge geschlossen, und die Wärter, die bei ihm Wache hielten, erwarteten jeden Augenblick, daß der helle Wahnsinn ausbrechcn würde. Indessen hat er. kein Wärt gesprochen.
Als man ihm heute morgen Nahrung anbot, stieß er sie voll Abscheu zurück, und ich möchte beinahe glauben, daß er die Absicht hat, sich durch Hunger ums Leben zu bringen.
Ich habe selten einen gefährlicheren Verbrecher gesehen. Ich halte ihn für fähig, die schlimmsten Verzweiflungstaten zu begehen.
Alle Wetter! rief der lächelnde Sekretär, dessen Lächeln aber unter einer Leichenblässe erstarb. An des Herrn Richters Stelle ließe ich die Soldaten hereinkommen, die den Burschen herführen werden.
Mas? Sie, Goguet, fagte Segmüller freundlich, Sie, ein alter Protokollführer, sprechen so? Haben Sie etwa Angst?
Angst? Ich? Gewiß nicht, aber. . .
Bah! unterbrach Lecoq ihn, in einen: Ton, worin sich das Selbstvertrauen auf seine wunderbare Stärke aussprach, bah! bin sch denn nicht da?
Segmüller hätte sich nur an seinen Schreibtisch zu setzen brauchen, der zwischen dem Mörder und ihm einen vollkommenen Wall gebildet haben würde. Es war sein gewöhnlicher Platz; aber, nachdenr sein Sekretär Angst gezeigt hatte, wäre er über den Gedanken errötet, es könnte aussehen, als fürchtete er sich ebenfalls.
Er setzte sich also wieder an das Kamin, wo er eben vorher bei der Vernehmung der Chupin gesessen hatte, und klingelte, um dem Diener den Befehl zu geben, den Mann allein hiuein- Mbringen. Er betonte das. Wort „allein".
Eine Sekunde darauf öffnete sich die Tür mit furchtbarer Heftigkeit, und der Mörder trat ein oder stürzte vielmehr in das Zimmer.
Goquet wurde hinter seinem Tisch ganz blaß, und Lecoq machte einen Schritt vorwärts, bereit, sich auf den Mann zu stürzen. Aber mitten im Zimmer blieb dieser plötzlich stehen Und sah sich mit einem durchbohrenden Blick runduni.
Wo ist der Richter? fragte er heiser.
Der Richter bin ich, antwortete Segmüller.
Nein, der andere!
Welcher andere?
Der, welcher gestern abend zu mir kam und mich vernahmt
Ihm ist ein Unglück zugestoßen. Nachdem er Sie verlassen hatte, hat ter ein Bein gebrochen.
Oh!...
Und ich nehme seine Stelle ein.
Aber der Angeklagte schien dies nicht mehr zu hören. Auf seine wahnsinnige Aufregung folgte plötzlich eine tödliche Schwäche. Seine wutverzerrten Züge wurden schlaff. Er war fahl geworden, er stammelte. . .
Erholen. Sie sich, sagte dep Richter in wohlwollendem Ton,
und wenn Sie sich zu schwach fühlen, nm zu stehen, nehmen Sie sich einen Stuhl.
Aber mit wundervoller Energie hatte der Mann sich schon wieder hochaufgerichtet. Aus seinen Augen hatte sogar eine Flamme geleuchtet, die freilich sofort wieder erlosch.
Bielen Dank für Ihre Güte, mein Herr! antwortete er. Aber es wird weiter nichts sein. Ich hatte nur so eine Art Schwindel; es ist schon wieder vorüber.
Vielleicht haben Sie seit lange nichts gegessen?
Ich habe nichts gegessen, seit der da — dabei zeigte er auf Lecoq — mir Brot und Schinken brachte, da draußen auf der Polizeiwache.
Fühlen Sie das Bedürfnis, etwas zu sich zu nehmen?
Nein! Indessen — wenn Sie so gütig sein wollen... ich möchte wohl ein Glas Wasser trinken.
Wollen Sie Wein drin?
Ich möchte lieber reines Wasser.
Man brächte ihm das Gewünschte. Sofort goß er sich ein Glas ein, das er auf einen Zug hinunterstürzte, dann ein zweites, das er langsam leerte. Es war, als schlürfte er frisches Leben mit dem Wasser ein. Er sah aus wie neugeboren.
lFortsctzung folgt.)
Bulgarien.
Tie Proklamierung Bulgariens zum Königreich und die damit verbundenen politischen Ereignisse werden bei vielen unserer Leser den Wunsch wachgerufen haben, über diesen jetzt im Vordergrund des Interesses stehenden Balkanstaat, über seine Bevölkerung und feine wirtschaftlichen Verhältnisse nähere Aufllärungen zu erhalten. Wir entnehmen hierüber mit Zustimmung der Verlagsbuchhandlung, des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien, der von dem hiesigen Geographen, Professor W. Sievers herausgegcbenen Sammlung „Allgemeine Länderkunde" folgende treffliche Darstellung aus dem von Prof. Dr. Alfred Philippson in 2. Auflage bearbeiteten Bande „Europa".*)
Infolge des letzten russisch-türkischen Krieges entstand aus bisher türkischen, überwiegend von Bulgaren bewohnten Gebieten das Fürstentum Bulgarien, das in einem Vasalleuverhältnis zum Sultan steht und zu einer Tributzahlung verpflichtet ist. Seine Grenzen wurden auf dem dem Kriege folgenden Berliner Kongreß von der europäischen Diplomatie festgesetzt und umfaßten danach das rechtsseitige Donautiefland, außer der Dobrudfcha, bis zum Kamme des Balkan, sowie südlich desselben die Becken, die sich um das Bitoschgcbirge gruppieren. Zugleich wurde aus dem! oberen Maritzabeckcn nebst einem Streifen bis zum Schwarzen Meere bei Burgas die,,autonome Provinz Ostrumelien" geschaffen/ die unter einem christlichen Gouverneur Selbstverwaltung genoß, sonst aber ein Glied des Türkischen Reiches blieb. Der Zwitter- stcllung dieser Provinz wurde int Jahre 1885 durch einen kurzen Aufstand und durch den Einmarsch der bulgarischen Truppen ein Ende gemacht und Ostrumelien dem Fürstentum tatsächlich einverleibt, obwohl staatsrechtlich dieser Gewaltakt nie anerkannt worden ist.
Demnach bildet das Fürsteittum heute ein ziemlich abgerundetes Gebiet; int Norden gegen Rumänien von der Donau zwischen der Mündung des Timok und Silistria begrenzt, dann von letzterer Stadt durch eine Linie nach Ostfüdosten zum Schwarzen Meer, das die östliche Grenze bildet. Im Westen folgt die Grenze gegen Serbien erst dem Timok, dann dem Kamm des Westbalkan, überschreitet bei Tsaribrod die Furche der Rischawa und zieht weiter auf der rechtsseitigen Wasserscheide der Morawa nach Südsüdwestcit. An der Südspitze Serbiens beginnt auch die Südgrenze Bulgariens gegen die Türkei. Zuerst folgt sie der Wasserscheide zwischen Wardar und Struma, kreuzt das Tal der letzteren, nm den Kämm des Muß-Mlamasfivs zu erreichen; dann zieht sie über das Rhodopegebirge annähernd, aber mit mehreren starken Abweichuilgeu, der Wasserscheide zwischen Maritza einer-, Mesta und Arda anderseits folgend, geht streckenweise in das Tal der letzteren hinab, schneidet dann nördlich von Adrianopel die Maritza und Tuudscha, der Schwelle folgend, die oberes und unteres Maritzabecken trennt, und erreicht endlich über den nördlichen Teil des Jstrandschagebirgcs das Schwarze Meer südlich von Burgas.
Dieses so begrenzte Gebiet ist nur ein Teil des vom bulgarischen Bolle bewohnten Landes, befriedigt daher noch nicht dessen Wunsch nach völliger Unabhängigkeit.
Das Fürstentum zerfällt, abgesehen von der Einteilung in 22 Steife, in drei natürliche Abschnitte: Donaubulgarien nebst den« Nordabhaug des Balkan, die Beckenlandschaft Südwestbulgariens, Ostrumelien. Doch sind die wirtschaftlichen Verhältnisse, abgesehen von den dünnbevölkerten Gebirgen, ziemlich ähnliche, was
*) „Europa". 2. Ausl., herausgegeben von Pros. Dr. Alfred Philippson. Mit 144 Wbildnngen im Text, 14 Karten und 22 Tafeln in Holzschnitt, Aetzung und Farbendruck. In Halbleder gebunden 17 Mk. Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.


