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J.

(Forts, folgt.)

waren bei weitem bitterer als die ersten.

Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Na glaubst du, ein Mann wie Horbach kann eine LicbeZ- heivat eingehen? Uebrigens, da ordnen sich schon die Felder!"

Die Offiziere wandten sich nach dem Sattelplatz.

Erika stand noch ans ihrem Fleck und starrte auf den Boden Die Aufsichtsbeamten machten die Bahn frei, das Volk drängte zurück von den Wettkassen, der Plan wurde leer. Erika merkte nichts davon.

Einer der Beamten ersuchte sie höflich, zurückzutreten. Sie tat es mechanisch. Sie schritt zwischen den Menschen durch, ohne sichs bewußt zu werden. Sie sah kein Gesicht: alles in ihr war tot. Sie hörte nichts von der Bewegung im Publikum, wie fie_ alle das Rennen verfolgten, wie sich die ganze Volksmasse auf den Tribünen hob und senkte, bei jeder neuen Phase des Rennens; und erst als donnernder Beifall sie nmrauschte, blickte sie auf. Zwei Namen warm in aller Munde:Pfeil und Horbach!"

Jetzt erst kam sie zur Wirklichkeit zurück. Sie blickte um sicht Wo war ihr Mann? Müßte er nicht neben ihr sitzen in der Lage?

Da ritt einer unten vorbei auf dampfendem Pferde und nickte herauf mit sieghaftem Lächeln und winkte mit der Reit­peitsche,^ und drüben blies die Musik einen rauschenden Tusch.

Erst als die Leute sich nach ihr umdrehten, gewahrte sie, daß der Gruß des Reiters ihr gelten sollte. Sie war jetzt nicht einmal erstaunt, daß das ihr Mann sei.

Das Volk drängte bott den Tribünen nach den Kassen. Sie ließ sich mit schieben und tragen, bis sie am Ausgang war. Eine leere Droschke fuhr vorüber. Als sie den Kutscher anrufen wollte/ brachte sie nur etliche gluch-sende Laute hervor, dabei trieb es ihr das Wasser in die Augen.

So lief sie. Nach anderthalb stündigem Wege war sie zu Hause, zu Tode matt. Trotzdem wies sie das Mädchen zurück und schloß sich in ihr Zimmer eilt.

Noch im staubigen Kleide ließ sie sich auf einen Stuhl fallen und starrte nun zum Fenster hinaus, hinaus in den öden Hof mit den halbleeren Bäumen.

Nun ist alles aus!" Das war das Einzige, was sie denken konnte.

In vierzehn Tagen wurde sie achtzehn Jahre und schon diese Bitternis, schon fertig mit dem Leben!

Die Nacht sank herein und trieb kalten Oktoberivind durch die Fenster. Ein Frieren durchlief ihren Körper, ein inneres Frieren. Unsägliches Mitleid mit sich selbst überkam sie, Heim­weh dazu und Sehnsucht nach tröstenden Worten, nach einein liebenden Herzen.

Wo war ihr Mann? Müßte er nicht jetzt hier sein, müßte er nicht jetzt sich verteidigen? Müßte er nicht beteuern: Es ist nicht wahr, daß ich dich bloß des Geldes wegen geheiratet habe. Ich habe dich geliebt und liebe dich, noch!

Wo war ihr Mann?

Der saß in Eckerleins Keller nnd feierte sein Siegesfest.

Endlich erhob sie sich. Sie wollte heim. Ganz leise, nicht ungestüm war ihr der Gedanke gekommen. Sie wollte heim. Was sollte sie hier? An der Seite eines Mannes, von bemj selbst Fremde wußten, daß er nicht sie, sondern ihr Geld ge­heiratet, dessen 'Kameraden1 sie verächtlich ein Landkuöspchen nannten!

Ans dem großen Toilettenschrank packte sie Stück um Stück in den Neisekorb, alles,mechanisch,friktiert von dein einen Gedanken: Ich will heim.

Dann ging sie zur Konrmode. Sie strich kosend mit der Hand über das Möbel. Es war das einzige Stück, das ihr ans der Mädchenzeit geblieben war, das mit ihre Pensionszeit bei Madame Hennig verlebt hatte und das sie, trotz der Proteste ihres Mannes, mit in ihr Boudoir rettete.

Im obersten Kästen lag ihr Schmuck. Sie nahm all die kleinen Schächtelchen und Etuis heraus. Da fand sie auch eilte einfache, mit buntem Papier überzogene Pappschachtel. Gedanken­los hob sie den Deckel und deckte ihn rasch wieder darauf., Mit seltsamer Hast schloß sie die Fenster, ließ die Jalousie»! herunter, zog ein Hauskleid an und entzündete dann die rote, mildleuchtende Ampel.

Es war fast traut im Zimmer, und für Erika kam jetzt eine Feierstunde. Sie setzte sich gemütlich in einen weichen Sessel und stellte das bunte Schächtelchen vor sich hin. Sie nahm! den Deckel ab, stützte den Köpf auf und blickte in die Schachtel. Da lag ein halbes, vertrocknetes Pfefferkuchenherz und zerbröckelte Blumen und eilt vergilbter Zettel:

Meiner lieben Mondprinzessin zum Andenken!

Hemld EmMrich."

Zum zweiten Male fielen Tränen auf das Herz, doch die

Betdes schien thr verpfuscht. Und dazu diese furchtbaren Zweifel, ob Ernst sie bloß ihres Geldes wegen geheiratet habe?! Manchmal erschien es ihr so; meist, wenn er nicht daheim war, und oft bheb er zwei, drei Tage fort.

Dienst, Dienst, Kind!" entgegnete er dann auf ihre schüch­ternen Vorwürfe.Du bist jetzt eine Soldatenfrau--ge­

wöhne dich nur daran!"

Er konnte so heiter fein, so lieb nnd gut zu ihr, daß alle Zweifel schwanden, aber wenn dann das Geld knapp wurde, bekam er wieder , seine mürrischen Launen und überließ sie ganz ihren Grübeleien.

Der Sommer verschwand sie merkte es kaum.

Die vielen Besuchen bei den Regimentskameraden und Be­kannten ihres Mannes, die mannigfachen Feste im Kasino, die Unzähligen Einladungen, all das erschien ihr, als ob es schon Lahre znrückläge. Und ihre Mädchenzeit, die Jugend in Mühl­winkel und die Backfischzeit in Meißen, das kam ihr vor, als hätte sie das gar nicht selbst erlebt, sondern als wäre ihr das von leinen Fremden erzählt worden.

An einem schönen Herbstsoimtag fuhr sie mit zum Rennen. Sie wußte wenig von ihrem Mann, nicht mal, daß er als einer der besten Herrenreiter galt.

Das bunte Treiben auf dem Rennplatz interessierte sie. Arm in Arm mit Ernst drängten sie sich durch die Menge. Ihr Gatte führte sie zu der bestellten Loge und entschuldigte sich dann. Er habe etliche Bekannte zu begrüben.

Doch auch sie huschte sich wieder unter die Rennbesucher. Mlles erschien ihr so fremd, so eigenartig.

Sie verstand nichts von den Sportausdrücken, hatte noch nie lein Rennen gesehen, wußte nichts vom Totalisator und nichts pvn Wetten.

Da ging drüben »ach dem Wiege-Schuppen ein Herr in leichter Uniform, die weiße Mütze weit ins Gesicht gezogen.

Sie blickt kaum hin. Erst als der Offizier verschwunden war, kam ihr der Gedanke:Wie der Ernst ähnlich sah!" Sie »mußte lächeln. Ihr Mann hatte sie ja vor kaum 10 Minuten -verlassen und in großer Uniform.

Sticht weit von ihr stand eine Gruppe Offiziere.

Wer hat die meisten Aussichten heute?" fragte lässig und Wüde ein großer Gardist.

Alles setzt aufPfeil"!"

Wer reitet den?"

Doch wohl Horbach selbst."

Erika zuckte zusammen. Sie fühlte, wie die Röte ihr -ins Gesicht schoß. Was hatte der Ulan gesagt?

Horbach; hieß sie nicht Horbach?! Der Name war ihr so fremd, sie hatte ihn so selten gehört. Immer nur Frau Leut­nant und von den beflissenen Geschäftsleuten immer nurGnädige Frau" oder garFran Baronin"! Und der Ulan sprach den Namen aus so kalt, so selbstverständlich. Das war ja ihr Name. Doch nein, er war es nicht, wenigstens ging ihr die Person nichts au, die der lllan unter diesem Namen meinte; denn was hatte ihr Mann mit dem Rennen zu tun?

Ich habe Horbach noch nicht reiten sehen!" sagte der lange Gardist wieder.

Nicht? Sie fchertzen."

Auf Wort, der Mann ist mir fremd."

Ich bitt Sie. Voriges Jahr in Karlshorst

Bin vorgestern aus dem Lazarett Sie wissen doch." So pardon! Na Sie werden staunen."

Wie de« Mensch reitet der hebt den Gaul gerade- M über die Hürde."

Und nun derPfeil" ein unscheinbares Tier, aber zäh. Horbach bringt ihn durch, sicher."

Er hat natürlich auch Glück."

Wie alle Windhunde!"

Erlebt" wohl?"

Na ob!"

Sagtest du nicht vorhin, er wäre betreibt?"

Ist er auch. Seine Frau soll noch ein halbes Kind sein; sv'n Landknöspchen von der Grenze da oben oder aus Pose- znnckel; was weiß ich!"

Aber sie hat Zechinen, Teufel! Der Hörbach kriegts mit Scheffeln zugemessen!"

Aha da liegt der Hund begraben!"