Ausgabe 
19.9.1908
 
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tyic Indiane« auf Dein Kriegspfade,, indem sie, so gut es ging, sich die Stellen anssuchten, Ivo sie den Fuß sicher! aussetzen konnten.

Sie hatten eben die Rue du Chateau des Rentiers gekreuzt, als plötzlich ein durchdringender Schrei die Lüfte durchschnitt.

Zu dieser Stunde, an diesem Ort war der Schrei so bedeut­sam, daß alle Beamten wie auf Verabredung stehen blieben.

Sic haben gehört, General? fragt halblaut einer der Poli­zisten.

Ja; ganz gewiß schlachten sie wieder ein paar hier ab. Aber wo? @eii> still, damit wir hören können.

Alle standen unbeweglich und lauschten mit angehaltenem Stellt; bald erscholl ein zweiter Schrei oder vielmehr ein Geheul.

Oho! rief der Inspektor. Es ist in derPfefferbüchse"!

Dieser sonderbare Name war bezeichnend genug für das Haus und dessen stündige Besucher. In der bilderreichen Sprache, die in den Vierteln Lon Montparnasse int Umlauf ist, sagt man von einem Trinker, er seimtgepfeffert", wenn er sich nm Sinn und Verstand gezecht hat.

Da dieser Name indessen bei den Polizeibeamten keine Er­innerung erweckte, fügte Gövrol hinzu:

Was? Ihr kennt nicht Mutter Chupins Schenke, da hinten Hechts? Vorwärts, marsch, marsch, im Galopp!

Und er stürzte in der angegebenen Richtung voran; seine Leute folgten ihnr, und irt weniger als einer Minute waren sie bei einer mitten auf dem freien Felde erbauten Spelunke von wüstem Aussehen angelangt. Bon diesem Diebsnest war das Geschrei ausgegangen, das sich inzwischen mit verdoppelter Kraft hatte vernehmen lassen. Auch waren zwei Schüsse gefallen. Das Hans war ganz dicht verschlossen, aber durch die in den Fenster­laden angebrachten herzförmigen Deffnungen drang, ein rötlicher Schein hervor, als ob das Innere in Flammen stände.

Ein Schutzmann stürzte an eines dieser Fenster, hob sich mit einem Klimmzug empor und versuchte durch die Oeffnung die Vorgänge im Innern zu beobachten. Gövrol selbst lief an die Tür und rief, indem er heftig 'aiiklopfte:

Macht auf!

Keine Antwort.

Aber 'man unterschied ganz deutlich das Toben eines er­bitterten Kampfes, Flüche, ein dumpfes Röcheln und zeitweise das Schluchzen eines Weibes.

Entsetzlich! rief der an den Fensterladen sich anklammernde Beamte. Das ist fürchterlich! .

Von diesem Ausruf angefeitert rief Gövrol zum drittenmal: Im Namen des Gesetzes! trat, als niemand antwortete, einen Schritt zurück und sprengte mit einem Schulterdruck, der die -Kraft eines Raminstoßes hatte, die Tür. I '

Bei dem Anblick, der sich bot, begriff man den Schreckensruf des Beamten, betf durch das Loch im Fensterflügel geblickt hatte.

In dem Erdgeschoßzimmer derPfefferbüchse" sah es so furcht­bar aus, daß alle Beamten der Sicherheitspolizei und Gövrol selber, von einem unsagbaren eisigen Schauer erfaßt, einen Augen­blick regungslos stehen blieben. Die Kneipe bot alle Anzeichen "eines erbitterten Kampfes, einer jener wilden Schlägereien, die nup zu oft die Spelunken an dm Barrieren mit Blut über- schwemmen. '

Die Ktzchen mußten gleich bei Beginn der Rauferei erloschen sein, aber ein großes helloderndes Kaminfeuer erleuchtete den Raunt bis in die hintersten Winkel. Tische, Gläser, Flaschen, Geschirr, Strohschemel, afieS1 lag durcheinandergeworfen, zerbrochen, zertreten, zerhackt umher. Quer vor dem Kamin lagen regungs­los zwei Männer auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt. Ein dritter lag mitten, im Zimmer. Im Hintergründe rechts, auf den untersten Stufen einer Treppe, die nach dem oberen Stock­werk führte, hatte eine Frau sich zusammengekauert. Sie hatte ihre Schürze über den KVpf gezogen und stieß unartikulierte .Seufze« aus. !

. Gerade vor ihnen, int Rahmen einer weitoffenen Verbin­dungstürstand ein Mann, starr und bleich, einen schweren Eichentisch als Schutzwall vor sich. Er war von reiferem Alter, mittelgroß gewachsen und trug einen Bollbart. Seine Kleider, nach denen zu schließen er ein Hafenarbeiter vom Bahuhvfsquai war, hingen ihnr in Fetzen a,m Leibe und waven von Straßenkot, Wein und Blut besudelt. f

. Gewiß war dieser Mann der Mörder.

De« /Ausdruck seines Gesichtes war furchtbar. Rasende Wut flammte aus seinen Augen, sein Gesicht war krampfhaft zu einer Grimasse verzogen. Am Hals und an der Wange hatte er zwei stark blutende Wunden. In der von einem buntgewürfelten Taschentuch umwundenen rechten Hand hielt er einen fünflausigen Revolver, dessen Lauf er gegen die Beamten richtete.

Ergib dich! rief Gövrol ihm zu.

De« Mann beioegte die Lippen, konnte aber trotz sichtlicher Anstrengung keine Silbe hervorbringen.

Spiele nicht den wilden Mann! fuhr der Inspektor fort; wir sind in der Ueberzahl, du bist gepackt; also herunter mit dev "Waffe!

Ich bin unschuldig! stieß der Manu mit rauher Stimme hervor.

Natürlich! Aber das ist nicht unsere Sache!

JH bin angegriffen worden, fragen Sie nur die Alte da; ich habe mich verteidigt, ich habe dabei Menschen getötet; ich hatte ein Recht dazu.

Die Bewegung, womit die Worte bekräftigte, war so drohend, daß der Beamte, der halb draußen geblieben war, Gövrol mit einem heftigen Ruck an sich zog und ausrief:

Vorsicht General! nehmen Sie sich in acht! Der Revolver des Kerls hat fünf Schüsse, und wir haben nur zwei fallen hören.

Aber der Inspektor, der keine Furcht kannte, stieß feinen: Untergebenen zurück und trat abermals vor, indem er im ruhigsten Tone sortfuhr:

Bitte, keine Dummheiten, mein Bürschchen! Wenn deine Sache gut ist, was ja immerhin fein kann, so verdirb sie nicht!

Eine furchtbare Uuschlüssigkeit war auf den Zügen des Mannes zu lesen; an einem Fingerdruck von ihm hing Gövrols Leben, Sollte er abdrücken?

Nein! Er warf die Waffe heftig zur Erde und rief: sp kriegt mich doch!

Und sich umdreheud, duckte er sich zusammen, um ins Neben­zimmer zu stürzen und irgend einen ihnr bekannten Ausgang zw gewinnen. Gövrol hatte diese Bewegung geahnt; er stürmte eben­falls mit ausgestreckten Armen vorwärts, aber der Tisch hielt ihn auf, und er rief:

Äh! der Elende entwischt uns!

Aber dessen Schicksal mar schon entschieden. Mährend Gövrol unterhandelte, war einer von den Beamten derselbe, der durch das Fenster gesehen hatte, um das Haus hermngelausen und durch die Hintertür eingedrungen. Als der Mörder seinen An­lauf nahm, stürzte er sich auf ihn, packte ihn um den Leib. und warf ihn mit überraschender Kraft und Gewandtheit zurück.

Der Mann wollte sich losringen, Widerstand leisten. Ver­geblich. Er hatte das Gleichgewicht verloren, taumelte und fiel rücklings auf den Tisch, der ihm als Schutzwehr gedient hatte> wobei er so laut, daß alle Anwesenden ihn hören konnten, mur­melte:

§ ift ans! Die Preußen kommen!

Das einfache, entscheidende Manöver, das den Beamten den Sieg verlieh, mußte den Inspektor entzücken, und er sagte zu dem Beamten: Gut, mein Junge, sehr gut! Ah! Du hast An- lage, du wirst es noch weit bringen, wenn jemals eine Gelegenheit sich dir . . .

Ev unterbrach sich. Alle seine Leute teilten so offenbar feinen Enthusiasmus, daß er eifersüchtig wurde; er sah seine UÜberlegen­heit geschmälert und beeilte sich hinzuzusetzen:

Ich hatte deine Idee ebenfalls gehabt, aber ich konnte sie nicht kundgeben, ohne daß der Kerl es gemerkt hätte.

Diese ableukende Bemerkung war überflüssig; die Beamtest bekümmerten sich nur noch um den Mörder. Sie halten ihn um­ringt, ihm Hände und Füße gefesselt und schnürten ihn jetzt ganz eng an einen Stuhl.

Er ließ ruhig alles mit sich machen. Seine Aufregung hatte! jener dumpfen Niedergeschlagenheit Platz gemacht, die allen über­mäßigen Anstrengungen folgt. Seine Züge drückten nur noch eine gefühllose Wildheit ans, die Verstörtheit eines Tieres, das sich in der Falle gefangen hat. Augenscheinlich ergab er sich in sein Los.

Sobald Gövrol sah, daß seine Leute mit ihrer Verrichtung fertig waren, befahl er:

So, jetzt wollen wir uns mal um die anderen bekümmern, Macht mir Licht, denn das Feuer flackert kaum noch.

Bei den beiden Menschen, die quer vor dem Kamin lagert, begann der Inspektor seine Untersuchung. Er horchte auf ihrest Herzschlag; die Herzen schlugen nicht mehr. Er hielt sein Uhr­glas an ihre Lippen; das Glas blieb klar und glänzend.

Nichts! murmelte er nach mehreren Versuchen. Nichts! sie sind tot. Der Bursche, hat gut gezielt. Lassen wir sie in ihrer Lage, bis das Gericht kommt und sehen wir nach dem dritten.

Der dritte atmete noch. Es war ein blutjunger Mensch in der Uniform eines Linieninfanteristen. Er trug einen Kommißcmzug, ohne Seitengewehr, und unter seinem halboffenen dicken grauert Mantel sah man die nackte Brust.

(Fortsetzung folgt.)