Ausgabe 
19.9.1908
 
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smnstag den |9. September

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Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. G a b o r i a u.

Nachdruck verboten.

1. Kapitel.

Am. 20. Februar 18 . ., einem Sonntag und zwar am Faschingssonntag, verliess gegen elf Uhr abends eine Abteilung von Schutzleuten die Polizeiwache an der früheren Barriöre d'Jtalie. Sie hatte den Auftrag, das ausgedehnte Viertel abzugehen, das sich zmischen der Landstraße nach Fontainebleau und der Seine von den äußersten Boulevards bis zu den Festungswerken er­streckt und sich damals einer sehr bedenklichen Berühmtheit er­freute.

Sich des Nachts in diese Gegend zu wagen, galt für so gefährlich, daß die Soldaten, die mit Theaterurlaub von Paris nach ihren Forts zurückkanren, Befehl hatten, an der Barriere auf Kameraden zu warten und nur in Abteilungen von drei oder vier Mann heimzukommen. Es waren in dieser Gegend damals noch zahlreiche leere Baustellen, die nach Mitternacht den Tummelplatz jener Horde von Arbeits- und Wohnungs­losen bildeten, die sogar die sehr oberflächlichen Formali­täten der verrufensten Herbergen zu fürchten haben. Vaga­bunden und Verbrecher fanden sich an diesen Plätzen zusammen. War dasTagewerk" gut gewesen, so ging cs hoch her beim Verzehren von Eßwaren, die aus den Auslagen gestohlen waren. Wurden sie müde, so schlüpften sie in irgend einen Fabrikschuppen oder in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser.

Man hatte alles Mögliche versucht, um so gefährliche Gäste aus ihren Quartieren zu vertreiben, aber die strengsten Maß­regeln waren fruchtlos geblieben. Ueberwacht, verfolgt, gehetzt, immer von einer Razzia bedroht, kamen sie trotzdem mit einer idiotischen Hartnäckigkeit wieder, als triebe sie irgend eine ge­heimnisvolle Kraft. So waren denn diese Gegenden für die Polizei sozusagen eine ungchenve Falle, in welche unaufhörlich frische Beute aus freien Stücken hineinging.

Man rechnete so fest mit dem Ergebnis eines polizeilichen Streifzuges, daß der Polizeiwachtmeister der abmarschierenden Patrouille mit dem Ton der Ueberzeugung nachrief:

Ich werde einstweilen unseren Künden das Quartier zurecht- snachen. Gute Jagd und viel Vergnügen!

Dieser Wunsch war jedenfalls reine Ironie, denn das Wetter war so abscheulich Ivie möglich. Es war an den vorhergegangenen Tagen sehr viel Schnee gefallen, der eben aufzutauen begann. Ueberall wo der Straßenverkehr ein wenig lebhaft gewesen war, lag der Kvt einen halben Fuß tief. Dabei war eS noch kalt: !es herrschte jene nasse Kälte, die einem bis in die Knochen dringt. Außerdem war der Nebel so dicht, daß man nicht die Hand vor Augen sehen konnte.

Ein Hundeleben! knurrte einer von den Schutzleuten;

Ja! versetzte der Inspektor, der die Abteilung anführte, td) glaube gerne, daß du nicht hier wärst, wenn dn nur dr^ißigtausend Franken Rente hättest.

Das Lachen, womit dieser gewöhnliche Spaß aufgenominM wurde, war weniger eine Schmeichelei, als eine Achtungsüezeugung, die einem Vorgesetzten von allgemein anerkannter Ueberlegenheik galt. Der Inspektor war einer der geschätztesten Beamten de« Polizeipräfektur und von erprobter Tüchtigkeit. Seine Klugheit war vielleicht nicht übermäßig groß, aber er verstand seinen Beru§ aus dem ff. und kannte alle Winkelzüge, Kniffe und Kunstgriff-. Die Praxis halte ihm außerdem eine unerschütterliche Sicherheit verliehen, dazu ein stolzes Selbstvertrauen und eine Art grob­schlächtiger Diplomatie, die beinahe wie Geschicklichkeit aussah. Mit diesen Vorzügen und Fehlern verband er einen unbestreit­baren Mut; er packte den gefährlichsten Verbrecher ebenso ruhig mit eigener Hand am Kragen, wie er seine Finger in das Wasch­wasser tauchte.

Es war ein Mann von sechsundvierzig Jahren, stark gebaut- mit harten Zügen, einem mächtigen Schnurrbart und kleinen! grauen Augen, die unter buschigen Brauen hervorlugten. Er hieß Gsvrol, gewöhnlich nannte man ihn aber General. Dieser Spitzname schmeichelte seiner Eitelkeit, die nicht gering und seinen Untergebenen wohl bekannt war. Ohne Zweifel dachte er, daß von der Hochachtung, die man diesem Grade zollt, ein wenig seiner Person zugute käme.

Wenn ihr jetzt schon ächzt, begann er wieder mit seiner knarrenden Stimme, was wollt ihr dann nachher sagen?

Man brauchte sich in der Tat noch nicht allzusehr zu be- klagen. Der kleine Trupp marschierte in diesem Augenblick di- breite Straße nach Choisy entlang; die Trottoirs waren verhält­nismäßig sauber und die Hellen Fenster der Wirtschaften spen­deten genügendes Licht. Denn alle Kücipen waren offen. Kein Nebel, kein Tauwetter vermag die Freunde eines lustigen Lebens gn entmutigen. Die Karnevalfeiernden der Barriere betranken sich in den Schenken und tobten ausgelassen in den öffentlichen Tanz lo kalen.

Vor gewissen Etablissements kommandierte GsvrolHalt!" Er pfiff auf eine eigentümliche Art, und fast augenblicklich ka>N ein Mann heraus. Es war ein Polizeibeaniter; Gsvrol Horts seinen Rapport an und man marschierte weiter. Allmählich näherte man sich den Festungswerken. Tie Laternen wurden spärlich und zwischen den einzelnen Häusern befanden sich leere Räume.

Linksschwenkt marsch, Jungen! befahl Gsvrol; wir schneiden ein gutes Stück Weg ab nach der Rue du Chevaleret.

Bon da an wurde das Vorwärtskommen sehr beschwerlich. Die Abteiluirg hatte einen kaum erkennbaren Weg betreten, der nicht einmal einen Namen hatte und durch tiefe Löcher und groß« Steine fast ungangbar gemacht war; durch den Nebel, den Schlamm und den Schnee wurde jeder Schritt gefährlich.

Hier waren keine Laternen mehr; man sah keine Kneipech man hörte keinen Schritt, keine Stimme; nur Einsamkeit, Finster­nis, Schweigen. Man hätte denken können, man iväre tausend Meilen von Paris entfernt, wäre nicht das unaufhörlich tieft Geräusch gewesen, das sich über die große Stadt erhebt, wie das Brausen eines Gebirgswassers in tiefem Felsenkessel.

Alle Beamten hatten ihre Hosen bis über die Knöchel aus« gekrempelt nn!> ruckten langsam vor, einer hinter dem andern-