Ausgabe 
19.8.1908
 
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speichemng von Wärme in der innerhalb der Rohre befindlichen Müssigkeit, durch die schließlich der zum Betriebe der Maschine er­forderliche Druck erzeugt wird. Der Abdampf wird kondensiert und wieder nach dem Kanal zurückgeleitet, so daß ein Kreis­lauf ohne Ende zustande kommt. In mittleren Breiten benutzt der Erfinder der Maschine, Herr Frank Shuman, Aether als Betriebsflüssigkeit, während man in den Tropen mit besonderem Vorteil Wasser benutzen kann. Ein besonderer Vorzug der eben beschriebenen Maschine ist, daß sie in beliebiger Größe konstruiert werden kann und in der Anlage nicht kostspieliger ist als eine gewöhnliche Dampfmaschine. Die Abnutzung ist hingegen wert geringer als die einer solchen; auch die UeberwachungskosteN sind entsprechend niedriger. Da selbst in tropischen Breiten der zum Antrieb der Maschine ersorderliche Sonnenschein nur wäh- reud eines Teiles der gesamten Tageszeit zur Verfügung steht, muß man, wenn eS1 sich um ununterbrochenen Betrieb handelt, für die Anlage eines besonderen Akkumulators sorgen.

* Er war tungs Nervosität. Für Leute von einiger? maßen lebhaftem Temperament gehört das Warten zur größten aller körperlichen und geistigen Oualen. Der Ursprung dieser Tatsache würde auf psychologischem Wege wohl nicht schwer zu finden sein, denn es steckt in jedem Menschen mehr oder weniger das Verlangen, mit etwas, was er sich vorgenommen hat, mög­lichst bald fertig und in der Ausführung seiner Absicht nicht un­nötig aufgehalten zu werden. Daher wird es auch mit vollstem Recht für eine der größten Unhöflichkeiten gehalten, wenn jemand ohne Grund und Entschuldigung andere aus sich warten läßt. Jmiuerhin wird der Zustand des Wartenmüssens in der Ziegel nur zu den Unannehmlichkeiten gehören, die sich, nachdem sie vorüber sind, rasch vergessen lassen. Bedenklicher wird die Sache bei der eigentlichenErwartung", namentlich wenn das bevor­stehende Ereignis geeignet ist, den betreffenden Menschen in eine starke freudige oder ängstigende Erregung zu versetzen. In solchen Fällen kann die Erwartung, wenn sie auf eine langwierige Probe gestellt wird, sogar zu krankhaften Erscheinungen führen, die zu- toeilen recht ernste Formen annehmen. Auf diesen Zusammen­hang hat namentlich Kraepelin aufmerffam gemacht, und jetzt hat Dr. Jsserlin nach seinen Erfahrungen an der psychiatrischen Klinik in München in der Münchener Medizinischen Wochenschrift einen größeren Aufsatz über dieErwartungsneurose" veröffent­licht, der zum erstenmal ein zusammenfassendes Bild dieser merk­würdigen Erscheinung vermittelt. Zunächst veranschaulicht er sie durch eine Reihe von Beispielen. Bei eineni Rechtspraktikanten äußerte sich die Erwartungsüeurvse in ganz eigentümlichen Störungen beim Schreiben, die ihn in seiner Tätigkeit fast voll­ständig lahmlegten, ohne daß irgendwelche Erkrankungen an den beteiligten Muskeln nachgewiesen werden konnten. Auch wenn der junge Mann einen ganz guten Anfang mit dem Schreiben ge­macht hatte, wurde er plötzlich von dem Bewußtsein befallen, daß es nicht weiter gehen werde, und dann stellte sich in der Tat bald die vollständige Unfähigkeit zur Fortsetzung des Schreibens ein. Bei einem älteren Fräulein äußerte sich die Krankheit in heftigem Brennen in den Augen und Kdpfschmerzen, die nach MugereM Lesen und Malen eintraten, ohne daß die geringste Er­krankung^ der Augen oder auch nur ein Zusammenhang der Anfälle mit blendendem Licht oder ähnlicher Einwirkung festzustellen war. Bei einem achtjährigen Knaben wurde die Nahrungsaufnahme in höchstem Grad durch heftige Hustenstöße gestört. Eine andere Patientin litt an fast völliger Unfähigkeit KuM Gehen. In einem Fall erreichten derartige Zustände einen so hohen Grad der Qual, daß die Kranke mehrere Selbstmord­versuche verübte. Ueberall war das Vorhandensein einer äng­stigenden Erwartung eingebildeter oder tatsächlich schon vorge- kommener Vorfälle nachweisbar. Meist werden Personen von solchen Störungen geistigen Ursprungs befallen, die bereits erb­lich belastet sind, während die Hysterie keine besondere Rolle in ihrer Entstehung zu spielen scheint. Häufig sind, wie sich von vornherein annehmen läßt, bestimmte Erlebnisse der eigentliche Ausgangspunkt der Erwartungsneurose. Jener Knabe, der vor Husten weder essen noch trinken konnte, hatte einmal eine so­genannte Angina erfahren und seitdem eine große Mgst vor einer Wiederholung dieses Zustandes, die nun erst recht zum Eintritt solcher Störungen führte. Bei deM Rechtspraktikanten lag der Anlaß der Schreibstörungen in der Befürchtung, daß die von ihm betriebenen Fechtübungen zu einem Schreibkampf führen könnten. Die dauernde Angst davor genügte, ähnliche Beschwerden tat­sächlich hervorzurufen. In den Meisten Fällen scheint die hyp­notische Behandlung eine schnelle Besserung und auch völlige Heilung herbeizuführen, doch ist es wichtig, daß diese Behandlung nicht zu spät eintritt, weil sich sonst das Leiden zu einem1 hohen Grad steigern kann und dann große Schwierigkeiten für den Arzt darbietet. Auch die lebhafte Erinnerung an schwere Krankheiten kann zu einer Erwartungsneurose führen. Zuweilen wird der Kranke durch einen glücklichen Zufall von diesem1 Zustand befreit, indem ihm einmal die Grundlosigkeit seiner Erwartungsängst ein­drücklich gezeigt wird. Besonders häufig sind Störungen des Schlafes die Folge der Erwartungsnervosität. Der Arzt muß solchen Erscheinungen gegenüber eine große Aufmerksamkeit und Vorsicht beobachten.

* Wie man richtig und schön lacht. Aus London wird uns berichtet: Die Künde, daß in Mailand eine Schule er­richtet wird, in der u. a- auch die Kunst eines musikalischen Lachens gelehrt werden soll, hat in England lebhafte Erörterungen hervorgerufen. Der Gesangstechniker Noel Fleming, der das Studium der Mechanik der Stimmbänder seit Jahren emsig bei» treibt, hat sich über die Folgen des gewöhnlichen Lachens, des Amateurlachens", sehr pessimistisch ausgesprochen-Das ita­lienische Lachen ist stets klangvoll, während man in England meist in der Kehle lacht und infolgedessen Dissonanzen hervorbringt. Es ist ein dringendes Bedürfnis, die Jugend von anfang an richtig lachen zu lehren- Der Fall ist gar nicht selten, wo das Lachen direkt physiologischen Schaden anrichtet. Das Lachen soll auf demselben Wege hervorgebracht werden, wie die menschliche StimMe. Man ist, überrascht, wie selten man ein natürliches schönes Lachen hört. Der populäre Ausdruck von dem1Sichtot- lachen" ist bezeichnend. Man sollte nie danach erschöpft sein. Ein richtiges Lachen ist eine durchaus gesunde Muskelbewegung, die niemals ermüden darf. Das falsche Lachen dagegen ist unmusi­kalisch und führt leicht zur Heiserkeit durch die Ueberanstrengung und Erregung der Stimmbänder. Der Ton des1 Lachens sollte stets der natürlichen StimMlage entsprechen. Mer dies findet män nur sehr selten und meist nur bei Leuten, deren Stimme systematisch geschult und entwickelt ist. Wie oft hört inan es, daß Menschen mit tiefer Stimme in den hellsten Tönen lachen. Auf die Stimmbänder ist das von verderblichem Einfluß. Es ist Merkwürdig, daß man gerade unter den Regem die größte Anzahl von Leuten findet, dieridjtig lachen", wenngleich es bei ihnen nicht schon und musikalisch Hingt".

* Schauspieler:Wenn ich spiele, denke ich nie an mein Publiku m."- Kritiker:Aber glauben Sie nicht, daß Sie doch etwas Rücksicht auf die Leute nehmen sollten?"

* Dame (zum blinden Bettler):Wo ist der Knabe, der Sie sonst zu führen pflegte, Sie Aermster?" Bettler:O, der hat sich jetzt selbst etabliert." >

*Ich dachte, Sie sagten, als ich Sie engagierte, Sie tränken nicht."Das tat ich damals auch nicht. Ich konnte es mir nicht leisten, bis ich wieder eine Stelle hatte."

An- und Einsichten.

Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: beim sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne im mindesten zu wissen, was sie will.

Goethe.

Der alte Pessimismus findet, daß die Natur verderbt sei durch die Sündhaftigkeit der Menschheit, der neue, daß die Menschen verderbt seien durch die Schlechtigkeit der Natur. Riehl.

In der Gesellschaft hat man die Pflicht, zu sein, was man scheint, nicht, was man ist I

Man hat auch Pflichten gegen sich, sagen d i e Leute gern, die andere Pflichten noch nie gekannt, haben.

Es gibt sehr viele Leute, die nichts anderes wissen, als alles besser. *

Bis die Leute dich einen guten Menschen heißen, müssen sie dich schon ost betrogen haben. Moritz Goldschmidt.

Scherzsplitter.

Sage mir an, warum ist wohl

Tas Schwein vom Glücke ein Symbol?

Nun, das führe ich darauf zurück: Es gibt so selten ein reines Glück.

Alb. Roderich.

Silbenrätsel.

Die Erste ist ein wichtig Ding

Und niemand achtet sie gering;

Gar manchmal bringt sie Glück und Freud, Doch oft auch Gram und Herzeleid.

Die Zweit' und Dritte, diese beiden

Sind wohl von niemandem zu neiden;

Oft große Bürde, schwere Last Legt'ihnen aus der fremde Gast.

Das Ganze birgt und offenbart Geheimnisse gar vieler Art.

Es trägt daran, doch kennt sie es nicht!

Nun, kluger Leser, wirds bald Licht?

Gießen. J. B.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Wahn, Kahn, Bahn, Hahn, Zahn, Jahn.

Redaktion: P. Witt ko. Rotationsdruck und Verlag der BrLhl'sche» Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R, Lange, Gießer,