Ausgabe 
19.8.1908
 
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sie zum erstell Male Mieder, haß sie ein Herz von Fleisch und Blut hatte, denn das zersprang fast vor Schmerz, als sie ihr Eigentum verlassen und zurückkehren mußte in das Elternhaus.

Ihren Mann nahmen ihre Eltern nicht auf, es war ihnen schon zu viel, daß sie nun Tochter und Enkelkind er­nähren mußten.

Da fing die Kälte, die in diesem Hause herrschte, an, auf Anne und das Kind zu drücken. Der Knabe gedieh denn auch hier nicht, obwohl die Mutter nun Zeit für ihn hatte und er nur noch ihre einzige Sorge war.

Doch was ihm eigentlich fehlte, das konnte sie ihm nicht geben, sie konnte nicht mit ihm spielen und zärtlich tun, ihr war nicht darnach. Zorn und Verachtung für feinen Vater, Haß und Bitterkeit gegen das Schicksal erfüllten ihr Herz und ließen kein warmes Gefühl darinnen aufkommen.

Ihr Mann vagabundierte irgendwo draußen in der Welt herum. Und eines Tages, ihr Knabe war gerade vier Jahre alt, da schnitt man ihn von einem Baum im Walde er hatte sich erhängt....

Anne wurde nun noch verbissener über den neuen Schimpf, den er ihr angetan hatte, und zog sich noch mehr von der Außenwelt zurück, mit der sie wenig genug in Be­rührung gestanden hatte. Doch vollständig brach sie mit der Welt, als ihr auch noch ihr Knabe genommen wurde, ihr einziger Trost und Halt noch im Leben.

Er fiel der Diphtherie zum Opfer. Zn spät hatte man bei dem stillen blassen Kinde die heimtückische Krankheit gemerkt. Mit ihm erschien in ihr alles erstorben zu fein, auch Haß und Groll.- Sie lebte völlig für sich, ließ sich von niemand sehen, um mit niemand sprechen, um nicht andere, glücklichere Leute sehen zu müssen.

Und doch war da noch ein Etwas, für das sie sich inter­essierte, das sie belebte. Ihr völlig unbewußt, gab es ihrem geistigen Leben Nahrung.

Ihr Zimmer lag nach der Straßenseite, kühl und ruhig, kein Sonnenstrahl traf es je. Hier saß sie an dem Fenster, hinter den dichten Tüllgardinen, und brütete über ihr Un­glück. Dabei gingen ab und zu ihre Blicke durch das Fenster und hinüber nach dem niederen Hanse, über das die Sonne lachte und an dem die Blumen blühten. Dort drüben hatte sie ihre Jugend, ihre goldne sorglose Jugend verbracht. Arm war sie gewesen, so lang sie dort gewohnt hatte, und doch reich, reich an Glück! Das Glück schien von ihr gewichen, seit sie aus dem Hause gegangen war. Doch in dem Hause war es wohnen geblieben und lachte aus jedem Fenster heraus. Es war ein rechtes Glückshaus.

Franz Gebhard wohnte jetzt darinnen, dem ihr Herz gehört hatte, so lange sie arm gewesen war. Ihr reiches Herz! Seit sie reich war, war ihr Herz so arm so arm!

Sie hatte das noch nie so empfunden wie jetzt, wenn sie mit brennenden Augen da hinüber sah, und sah den jungen kraftvollen Mann so frohgelaunt seine Pflichten erfüllen, sah sein blühendes Weib, wie es lachend und scherzend seinen Haushalt versorgte und der Kinoer wartete, sah die Kinder gesund und schön drei Mädelchen in roten Röckchen Und blonden Locken, wie kleine Glückskäferlein, im kleinen Hofe herumwirbeln. Dann wurmte sie etwas, dann fühlte sie, daß ihr etwas fehlte, ein Etwas, das sie sich ver­scherzt, das sie nicht geachtet hatte, für das sie zu reich gewesen war das echte Herzensglück!

Doch sie wurde nicht besser bei dieser Erkenntnis; im Gegenteil, immer bitterer, immer unzugänglicher. Sie haßte förmlich da drüben die Leute im kleinen Hause um ihres Sonnenhauses und ihres Sonnenglückes willen.

Tagelang wochenlang grübelte sie darüber nach, wie es sein müßte, wenn dort drüben einmal das Unglück einkehrte. Ja, das müßte ein Schlag sein! Dann würde die Sonne gewiß nicht mehr so protzig in den Fenstern leuchten, daß es ihr die Augen blendete. Dann müßte es finster werden und trübe.

Und das Unglück kam, wie sie es sich ausgemalt hatte, gleichsam als wolle es ihr Genugtuung verschaffen für all ihr Leid.

Es war an einem regnerischen trostlosen Herbsttage. Die Sonne hatte sich so tief hinter den dunklen Wolken versteckt, daß man keinen Schimmer ihres goldenen Scheines sah. Der Mud raste pfeisend die Dorfftraße entlang und fegt die Kinder von der Straße fort in die gewärmten Stuben.

(Schluß folgt-)

Die militärische Bedeutung öes Zeppelin-Luftschiffes.

Unter der Ueberschrift:Was lehrt Zeppelins große Fahrt?" stellt dasMilitär-Wochenblatt" folgende Betrach­tungen über die militärische Verwendbarkeit des neuen Luft­schiffes an:

. ist eriviesen, daß das starre System Zeppelins mit einer Gasladung 750 Kilometer leistet; das ist die Ent­fernung Metz-Paris und zurück. Ein solcher Aktionsradius genügt den Anforderungen der strategischen Aufklärung völlig. Vorbedingung ist natürlich ein Motor, der so sicher arbeitet, daß die Notwendigkeit eines Heruntergehens zur Erde im feindlichen Gebiet ausgeschlossen ist. Sehr wesent­lich ist auch, daß der Ballon in der Sage ist, an einer genau bestimmten Stelle zu landen, wie das Niedergehen auf den Rhem bei Oppenheim beweist. Für die im Notfall auch nötige Landung auf freiem Felde sind eine sehr feste Ver­ankerung oder ganz ruhiges Wetter Vorbedingung, da es sonst nicht gelingen kann, ein 120 Meter langes Fahrzeug mit seiner gewaltigen Windangriffsfläche genügend festzu- machen, wie die durch den Gewittersturm am 5. August hervorgerufene Katastrophe zeigt. Benzin und Gas werden zudem stets, felbtzst bei den größtmöglichsten Sicherheitsvvr- rcchtungen, unzuverlässige Nachbarn bleiben. Explosions- motore sind aber des Gewichtes wegen leider unvermeidlich. Da dieses der Fall ist, muß die den Motor tragende Gondel jedenfalls Vor Erschütterung bewahrt bleiben. ' Aus dem Grunde werden die nach dem starren System erbauten großen Luftschiffe auf mehr oder minder vorbereitete Stationen und Landestellen angewiesen fein. Sie werden daher zweck­mäßig nahe der Grenze und Küste in Ballonhallen statio­niert werden, um die strategische Fernaufklärung mit Be­ginn der Feindseligkeiten eröffnen zu können. Ihre Beob­achtungen werden die Grundlage für den Aufmarsch der Armee, für die zweckmäßige Verwendung der Heeres- kavallerie bildest. Sie werden einmal aus der gesteigerten Benutzung von Eisenbahnstrecken und Landstraßen, zum anderen aus der Beobachtung, welche Landesteile frei von Truppen sind, in der Lage fein, den strategischen Aufmarsch des Feindes zu erkennen. Erschwert wird allerdings die Beobachtung ans dem Ballon dadurch, daß man zur Ver­meidung des Artilleriefeuers genötigt fein wird, aus der besten Seehöhe von 300 bis 400 Meter bis über 1500 Meter aufjufteigen. Auch ist noch nicht erprobt, ob die vom Grafen Zeppelin geplante Anwendung der Fnn keu- telegraphie ohne Gefährdung des Luftschiffes möglich sein wird. Es besteht die Ansicht, daß der Empfang ehep ausführbar fein wird, als das Geben von Funkensprüchen. Gerade die letzte Bedingung müßte aber erfüllt werden, um das Luftschiff der Aufgabe zu entheben, sein eigener Melde­gänger zu sein. Namentlich im Seekriege zum unmittel­baren Verkehr zwischen Aufklärungsschiff,unb Flotte wär6 der funkentelegraphische Verkehr von größtem Werte. Für' die Zwecke der taktischen Nahaufklarung ist das starre System Zeppelins nicht geeignet, da ein hierzu be­stimmtes Luftfahrzeug, der wechselnden Kriegslage ent­sprechend, ebenso wie die Divisionskavallerie jederzeit zur Verfügung des Uihrers stehen muß. Ein solches Luftschiff muß leicht transportabel sein und auf freiem Felde ohne den Schutz, einer Ballonhalle schnell gefüllt und montiert werden können. Da zur Lösung der Aufgaben der Nahauf­klärung ein Aktionsradius von 75 Kilometer genügt, so er­füllen kleinere Ballons diese Anforderungen besser.

Vermischtes.

* D i c unmittelbare Ausnutzung der Sonnen- wärme zur Erzeugung von Kraft. Vor kurzem ist in Tacony, Philadelphia, eineSonnenmaschiue" nach einem neuen Prinzip gebaut worden; bei dieser Maschine werden die Sonnenstrahlen ohne irgendwelche Konzentra­tion unmittelbar ausgenutzt. Ein sogenannter Wärmekasten dient zur Aufspeicherung der Sonnenwärme; er soll unter der Breite von. Philadelphia Temperaturen von bis 115 Grad und in tropischen Gegenden sogar solche von 150 Grad und da­rüber zu erzielen gestatten. DerWärmekasten" ist ein flacher Kasten von geeigneten Abmessungen, innerhalb dessen die Dampf- röhren angebracht sind; über letzteren befinden sich zwei durch eine isolierende Luftschicht von etwa 2,5 Zentimeter getrennte Lagen Fensterglas. Die Lichtstrahlen der Sonne gehen unbehindert durch das Glas hindurch und fallen auf die geschwärzten Ersenrohre, an denen die strahlende Wärme in Wärme gewöhnlicher Fornr um- gewandclt wird, der- gegenüber dann die beiden Glaslageu als Isolatoren wirken. Aul diese Weise kommt es zu einer Auf-