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eine Frage! Bon Wann tut wird die Mainzer Schiffsbrücke für! den Durchzug unserer „steinernen Flotte" geöffnet sein?"
„Bon zehn Uhr an, Exzellenz." — „Die Genehmigung von Seiten des Festungsgouverneurs ist ohne Widerrede erfolgt?" — „Ohne Widerrede! Auf Grund einer Anmeldung der Hafen- inspektion, dass für Sonntag abend das Eintreffen einer größeren Anzahl Neckarschisfe mit Bausteinen zu erwarten sei. Das' Erstechen, die Brücke des Nachts fiir die Durchfahrt zu öffnen, ward bmnit begründet, daß die letztere tvohl einige Stunden in Aw- fprnch nehmen dürfte, was bei Tag für den lebhaften Verkehr ßitf der Brücke eine empfindliche Störung bedeuten würde."
„Ganz recht! Also um zehn Uhr! Ich komme sogleich zurück." Damit ging der Minister an die Tür, hinter der vorher Georgi verschtvunden war, und folgte demselben. Es verging keine Minute, da war er wieder bei Werner und geleitete diesen, der feine innere Aufregung kaum unterdrücken konnte, in sein Geheimkabinett. Dort war der Minister so leutselig, nahm alle Einzelheiten des Berichts in so heiterer Laune auf, daß Werner jene Anivandlung schnell überwand. Auch forderte die Aufgabe, das Technische des Unternehmens in kurzen Worten auseinanderzusetzen, seine volle GeistesgegeMvart. Wiederholt rieb sich der gestrenge Staais- chef vergnügt die Hände, den Vortrag mit Worten des Beifalls und des Triumphes unterbrechend. „Jawohl, mein verehrter Herr Kdllega in Wiesbaden! Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein! Oder besser: wer seinem Nächsten einen Damnt in das Fahrvoasser setzt, kommt selber daran zum Scheitern!"
Als Werner endete, erhob sich der Minister und drückte dem Regierungsbaumeister die Hand. „So tvare alles vorbereitet und es kann losgehen! Sie haben, lieber Banrat" — damit teilte er ihm eine Rangerhöhung mit — „eine schwere Aufgabe vor sich, aber eine pläsierliche! Wenn es Ihnen gelingt, die Sache ohne jeden Zwischenfall zu Ende, zu führen, so wird es dem ganzen Land einen Hauptspaß bereiten! Die Zeit ist gut ge-- wählt. Die Nacht dunkel- Wenn das gute Wetter anhält, wird's Nebel geben. Bis zur Stunde der Abfahrt aber bleibt das Hauptgebot: Vorsicht! Alles vermeiden, was itt Nassau oder . bei den Mainzer Festungsbehörden Verdacht wecken könnte! Auch von unserer Seite ist nichts versäumt. Das Verhältnis unserer Zivilbehörden in Mainz zu dem Gouvertiement ist mit ganz besonderer Sorgfalt gepflegt worden. Und die Herren Offiziere, die morgen nacht auf Wache sein werden, haben nach dem tollen Treiben der drei Kärnevalstage sicher etwas Schlaf in den Augen! Die einzige Sorge macht mir der Posten auf dem Fort am Südende der Peters-Aue, an dem Sie vorbei müssen, um dann am Mrdende Ihr nächtliches Zauberwerk zu betreiben!"
„Exzellenz können auch in dieser Hinsicht beruhigt sein!" schaltete da Werner ein, und sein im Beginn der Audienz so ernstes Gesicht erhellte sich nun ganz. Er dachte au seine allzeit lustige Frau, die ihm während des Kttmevals mit einem Einfall, wie dieser Gefahr vorzubeugen sei, zu Hilfe gekommen war. „Ich habe den Namen des wachhabenden Offiziers", fuhr er fort, „rechtzeitig in Erfahrung gebracht und nun ist dafür gesorgt, daß der seine ganze Aufmerksamkeit morgen nacht auf das Ufer von. Kastel konzentrieren wird, ohne den dunklen Schatten unserer steinernen Flotte bei der Borbeifahrt und unferem! späteren Tun allzuviel Beachtung zu schenken!"
Der Minister lachte jetzt laut auf. „Ein Nachklang des Karnevals, wie?" Dann aber erhob er abwehrend die Hand. „Die Zeit drängt! Jetzt müssen Sie aufs Hauptpolizeiamt wegen der Gendarmen. Sie bekommen Ihre Leute von hier, auch den Leutnant! Die Beamten aus Mainz zu nehmen, war nicht ratsain. Hier ist die Vollmacht! Man wird Ihnen auf dem Amt in jeder Weise entgegenkommen! Und nun, Herr Baurat, guten Erfolg! Noch einmal — Vorsicht!"
Als Werner durch, die Tür schritt, durch welche vorhin Georgi abgegangen war, verflog auf einmal die Stimmung, in welche ihn der Verlauf der Audienz versetzt hatte. Als er aber gar beim Betreten des Hauptpolizeiamts die unheimliche Gestalt Georgis gerade wieder in' einer Tür verschwinden sah, da überfielen ihn aufs neue die quälenden Fragen: „Wem gelten diese Gänge? Wer soll verhaftet werden? Was hat das Vorhaben des berüchtigten Schleichers mit der Oeffnung der Rheinbrücke morgen Nacht zu tun?" Mer noch ehe er das Polizeigebäude verließ, hatte ihm der Zufall die Antwort auf diese Fragen gegeben.
Ein Verhastbesehl gegen Hell war erlassen! Der Polizeichef selbst hatte bei der Auswahl der Gendarmen für das Werner zu- gewiesene Kömmando von zweien seiner Leute gesprochen, die gleichfalls nach Kastel in geheimer Mission gesandt würden. Und er hatte uwvirsch dem Leutnant zugebrummt: „Das' hat man von der Amnestie! Der Georgi ist wieder hoch!" Auch er schien für dm Mann keine Sympathie zu empfinden.
Beim Durchschreiten eines Bureaus aber hatte W-erner dann gar Hells Namen gehört. Zwei Gendarmen standen vor einem Wachtmeister, der ihnen Weisungen gab. „Den Tag über wird Zivil getragen! Wenn ihr aber dann später den Hell festnehmt, seid ihr in Uniform! Verstanden?" Dem' neben ihm sitzenden Schreiber rief der Wachtmeister zu: „Ein Steckbrief wird nicht erlassen!"
Das war für Werner nur noch die Bestätigung der inneren Gewißheit gewesen, aber gleichzeitig eine Erleichterung! Es blieb Zeit, Hells Flucht vorzubereiten.
(Schluß folgt.)
Aus der Lsmensette.
Von M. T. in Gießen. Nachdruck verboten.
Es waren zwei Bauernhöfe, hüben ititb drüben.
Der hüben war klein, das bescheidene Anwesen eines Kleinbanern, aber unendlich freundlich spiegelte sich in seinen blanken Fensterscheiben die goldne Himmelssonne und lachte in den Flor blühender Blumen, welche die Fensterbänke zierten.
Drüben der Hof war groß und stattlich, der stolze Hof eines Großbauern. Aber kalt erschien er, eiskalt, düster und unfreundlich.
In dem kleinen Hof, da schaffte ein junger Mann in gesunder Kraft munter und vergnügt, und sein rotbackiges Weib mit den lachenden Blauangen und dem roten frischen Munde half ihm tüchtig bei der Arbeit. Und um die beiden her blühte ein Kranz sorglos fröhlicher, herziger, kleiner Menschenknospen auf, denen sie ihre besten Kräfte des Leibes und der Seele weihten.
Drüben, da quäkelte ein alter gebrechlicher Manu, der selber keine Kraft mehr besaß zum Arbeiten, hinter Knechten und Mägden her keifte ein altes Weib in Mißmut und Uebellaune und saß ein junges und dachte an nichts Liebes und Freundliches, sondern nur an Haß und Rache.
Einstens hatte drüben der kleine Hof dem nun reichen Großbauer gehört, da war er noch arm gewesen; doch dann fiel ihm durch Erbschaft Reichtum und Wohlstand zu. Da genügte ihm der kleine Hof nicht mehr, er wollte nun einen großen Hof haben; so baute er sich einen neuest auf die andere Seite der Dorfstraße.
Stolz wandelte er dann durch sein Anwesen und verglich die beiden Höfe, den großen mit dem kleinen. So klein war „er" gewesen und so groß war „er" geworden! Doch daß er früher in der Sonne wohnte und nun im Schatten, das merkte er nicht ....
Sein einziges Kind, die Anne, war eben den Kinderschuhen entwachsen, als das Glück kam in Gestalt des Reichtums. Bisher, da gehörte ihr Glück einen anderen Namen, da hieß es Franz Gebhard und war ein hübscher Bursche mit lachendem Gesicht und Sonnenaugen. Doch das konnte nun ihr Glück nicht mehr sein, denn Franz hatte weder Geld noch Gut und sie, Anne, war nun reich. Da paßten sie nicht mehr zusammen ....
Als sie alt genug war, eben zwanzig Jahre, da nahm sie denn auch, wie sich das gehörte, einen reichen Burschen. Er gefiel ihr weniger, doch sein Hof war stattlich und schön.
Seit Anne drüben auf der Schattenseite wohnte, war ihr Herz kalt geworden und hart, wie das ihrer Eltern. Was fragte sie da noch nach Liebe, da fragte sie nur noch nach Geld.
So wurde sie äußerlich immer reicher, doch innerlich immer ärmer, aber das wußte sie uicht. Bis eines Tages; da sollte sie es erfahren.
Zwei Jahre war sie verheiratet, da gab sie einem Kinde das Leben. Cs war ein Kuäblein. Doch es wollte nicht gedeihen; ihm erging es wie einem Blümlein, dem die Sonne fehlt. Ihm fehlte der warme Sonnenschein echter Mutterliebe.
Die Mutter hatte wenig Zeit für ihr Kind, sie mußte sich um Knechte und Mägde und das ganze Getriebe aus dem großen Hofe kümmern, denn ihr Mann, dem das wohl zugekommen wäre, der tat es nicht. Der lebte seinen Freuden in den Tag hinein, ging auf die Jagd, spielte und trank, denn es war ein Leichtfuß, und das Arbeiten hatte er bei seinen reichen Eltern nie gelernt. Und in ein paar Jahren, da hatte er sein ganzes großes Vermögen verspielt und verjubelt und trotz Annes Fleiß und Sparsamkeit konnte sie den schönen stolzen Hof nicht halten. Da fühlte


