Ausgabe 
19.8.1908
 
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Sie sollen ihn nicht haben!

No.tz.elle aus der Zeit der Eisenbahufurchjt.

KoN Johannes Proelß.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Freiherr du Thil war einer der befähigtsten unter den deutschen Kleinstaatministern der kläglichen Bundestagszeit. Bei starren konservativen Regierungsgrundsätzen fehlte cs ihm nicht an (Ansicht in die wirtschaftlichen Aufgaben der Zeit unb an Voraussicht in dsie künftige Gestaltung Deutschlands. Hessen- Darmstadt war der erste Staat an der Maingrcnze, der sich mit Preußen zu einem Zollverein verband. Jetzt hatte er im Auge, die ÜN stillen längst geplanten Eisenbahnen, welche für die wirt- schaftliche Entwickelung des Landes nötig waren,langsam, aber sicher" auf Staatskosten zu bauen, um den für die Folgezeit sicheren Gewinn nicht den spekulationslustigen Geldherren in Frankfurt zu überlassen, soirdern dem Lande zu sichern. Seine Politik war von diesem Gesichtspunkte geleitet. Zu dem Hand­streich gegen Nassau und den Biebricher Steindamin hatte er seine Einwilligung erteilt, weil er mit dieser starken Forderung der Mainzer Schiffahrtsinteressen die stets vppositionslustigen Rhein- Mssen für seine Eisenbahnpolitik zu gewinnen hoffte.

Am Bundestag war er bestrebt, sich mit Oesterreich gut zu stellen, um bei Ausbruch der unvermeidlichen Streitigkeiten mit Nassau, die der zweite Steindamm vor Biebrich Hervorrufen muhte, daraus Vorteil zu ziehen. Durch diese Bemühungen sah sich du Thil aber auch genötigt, den österreichischen Zumutungen ent­gegenzukommen, welche verlangten, daß er dem neu eingeleiteten Prozeß der Zentwluntersuchungsbehörde für demagogische Um­triebe eine kräftige Unterstützung gewähre.

Zwar scheute er davor zurück, weil der frühere Prozeß, dem der R e k t v r W e id i g zum Opfer gefallen war, int Lande eine tiefe Verstimmung zurückgelassen hatte; jetzt aber hatte man ihm einen Mann als verdächtig denunziert, von dem er gleichzeitig erfuhr, daß er der Verfasser von allerhand Zeitungsartikeln war, die in Frankfurter und Mannheimer Blättern seine, von ihm streng geheim gehaltenen Eisenbahnpläne äußerst wirksant bekämpften. Diese Artikel traten für den Gedanken ein, daß sich das Privat­kapital der Aufgabe bemächtigen müsse, das hessische Bahnnetz zu bauen, da dessen Ausgestaltung sonst in unabsehbare Ferne gerückt werde.

Jetzt hatte der schon im Prozeß gegen den Rektor W e i d i g als Untersuchungsrichter verwendete Hofgerichtsrat Georgi heraus­spioniert, daß ein Beamter der Taunusbahn, der in Kastel auf hessischem Boden wohnende hessische Staatsüntertan Fritz Hell, ein durch den früheren Prozeß kompromittierter Demagoge, der Verfasser der Artikel sei. Ein wilder Haß beseelte den fanatischen Inquisitor gegen diese Leute, die sich damals der Untersuchung durch die Flucht entzogen hatten, jetzt aber unbestraft wieder im Lande herumspazierten und als Männer derneuen Zeit" den Kops gar hoch trugen.

Nach Anhörung des Berichts, den G e o ü g i erstattet hatte, gab du Thil seine Einwilligung zur Verhaftung des gefährlichen Unruhestifters. Georgi hatte angeführt, daß in Brüssel ein Mit­glied des neuentdecktenBundes der Berfetzmten" verhaftet worden sei. Unter den beschlagnahmten Papieren waren politische Flug­blätter gefunden worden, die schon im Weidigschen Prozeß eilte Rolle gespielt hatten. Zu Weidigs Gesinnungsgenossen hatte Hell als Gießener Student gehört.Daß er in seinen Gesinnungen noch ganz der Alte ist, das zeigt sich deut­lich in diesen heillosen Journalartikeln, wie^ Exzellenz zugeben (werden!" So schloß Georgi seine Beweisführung.

Tu Thil erhob sich und mit ihm zugleich Georgi.Abers diesmal Vorsicht, Herr Hofgerichtsrat! Lassen Sie sich den ver­wegenen Kerl nicht wieder durch die Lappen gehen! Wie Sie aus den Akten initteilten, verlor sich damals seine Spurs nach Mainz, und es gelang ihm offenbar, trotz Ihrer Vigilanten über die Brücke zu entkommen."

Der Minister unterbrach sich. Ein Einfall zuckte ihm durch den Kvpf, der seinen strengen Zügen ein Lächeln abzwang.Hören Sie, Georgi!" Der Jnquisitionsrichter richtete seine scharfen Luchsaugen gespannt zu den Lippen Seiner Exzellenz entpor, die ihn um Haupteslänge überragte.Ich bin zufällig unter-, richtet, daß uiorgen nacht für einen größeren Schiffsdurchzug der Verkehr über die Mainzer Schiffsbrücke ganz "gesperrt sein wird. Lassen Sie den Hell bis dahin beobachten, aber vermeiden Sie alles, was seinen Verdacht weckt. Keinen Steckbrief! Wer weiß, wer ihm dann diesen wieder zutragen könnte. Ich werde sorgen, daß er morgen dienstlich in Kastel zu tun hat. Werde ihm ganz wahrheitsgemäß durch den Kurier mitteilen lassen, daß er morgen abend den 23efuc() eines Beamten der diesseitigen Regierung tzu gewärtigen habe, wegen eines Grenzstveits mit Nassau . . ." Wieder mußte er schmunzeln.Und Sie tragen Sorge, daß er bei Anbruch der Nacht festgenommeu wird. Dann sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn er auch diesmal auf das linke Rhein­ufer entkäme, wo er schon einmal Helfer zur Flucht gefunden hat!"

Und die genaue Stunde, Exzellenz?" Der Minister besamt sich einen Augenblick. Dann sagte er, wiederum leise lächelnd : Kommen Sie. Ich geleite Sie durch den Audienzsaal in das Vorzimmer. Dort verziehen Sie nodji einen Moment. Sie wer­den dann durch mich genau die Stunde erfahren!"

Werner, der das lange Warten auf den Minister allmählich mit Verdruß empfunden hatte, war nicht wenig gefpannt gewesen, wer diesen wohl so lange von der doch, so dringlichen Konferenz abhielt. Hatte er doch in Mainz noch so vieles bis morgen abend zu tun! Seine Spannung verwandelte sich in Schrecken, als jetzt die Tür des Geheimkabinetts aufging und in ihr der Minister in Begleitung Georgis erschien.

Der Minister, der den Wartenden gleich beim Heraustreten mit den Augen freundlich begrüßt hatte, begleitete zunächst Georgi in leisem Gespräch an die gegenüberliegende Tür. 'Als diese sich hinter Georgi geschlossen hatte, trat er schnellen Schrittes auf Werner zu und sprach in hastigen Worten sein Bedauerti aus, daß er ihn habe warten lassen.Eine eilige Angelegen­heit! Ich werde sofort für Sie zur Disposition fein, Jetzt nM