Ausgabe 
19.3.1908
 
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Deshalb «nkerscheide» Sie bitte zwischen Ihrer Tochter und meiner Fran. Es ist meine Gattin, die ich bitte, Ihnen bringen zu biu'fcn. Sagen Sie nein? Mir? Und weshalb gerade Mr?"

Es entstand ein Schweigen. Ter alte Mann saß mit über die Augen gelegter Hand. Tann sagte er mit schwankender Stimme:

Wie sollte ich Sie kränken wollen. . . ich kann Ihnen Nicht nein sagen . . . wiste nur mein Sohn hier!"

Er könnte mir ebensowenig nein sagen."

Bem dieser dieser Seite habe ich die Sache noch . nie angesehen. . ."

Mio darf ich sie bringen?"

Ter Pastor sank iit seinen Lehnstuhl herab imb legte seine Hand fast tastend auf des jungen Mannes Arm.

Also sagte er atemlos,um Ihretwillen soll mir Fran von Loysen willkommen sein. . . Frau von Loysen."

Tanke. So werde ich gehen und sie holen."

Rachdeu« er gegangen ivar, saß der Pastor lange regungs­los und versuchte mit sich ins Reiiie zu kommen. Dabei wurde er auch allmählich ruhiger und erwog, was er, wenn der mit Beben erwartete Augenblick eintrat, sagen müsse, um dem domi­nierenden Willen seines Sohnes gerecht: werde» und zu­gleich Loyseus Bitte zu erfüllen. Tiefer brachte ihm seine Fran und als solche mußte er sie empfangen. Gotthard muß das einsehen, er muß ja zugeben, daß es eine tödliche Be­leidigung des Rittmeisters wäre, verweigerte er dessen Gemah­lin den Eintritt in sein Haus. Aber mehr nicht. Sie muß es fühlen, daß sie nur um ihres Mannes willen ausgeuomui-n Wird.

Ter arme, verängstigte alte Mann sagte sich das alles her wie eine Schulaufgabe. Tann erhob er sich lies ausseuf­zend, ging in sein Schlafzimmer, vertauschte den Hausrock gegen einen schwarzen Anzug und setzte sich wartend aus das lederbezogene Sofa unter die vier Bilder. Ter abgeschabte Fleck, auf welchem Luisens Bild gehangen, blieb leer.

Ta schlug der Spitz an, es nahten Schritte, unterdrückte Ausrufe wurden in» Hausflur hörbar, mit einem Male öff­nete sich die Tür und Loysen, Luise im Arni haltend, trat ein und blieb, nachdem! er die Tür geschlossen, stehen.

Es entstand ein qualvolles Schweigen. Ter alte Mann saß luie gelähmt da, wollte sprechen und konnte nicht. Luise befreite sich von Loysens zurückhaltendem Arm, tat einige Schritte, siel aus die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Ter Pastor wollte sich erheben, aber die Glieder zitter­ten ihm, Loysen trat vor, hob die Kniende auf und sagte mit fester Stimme:

Ich bringe Ihnen Meine Frau, Herr Pastor, haben Sie Nachsicht imt ihrer Schwache."

Der Pastor setzte an, hierauf etwas zu erwidern, aber alles, was er hatte sagen wollen, entsank seinem Gedächtnis r- er schluchzte auf, breitete die Arme aus und rief:

Luise, mein Kind, komm zu mir!"

Ta stürzte sie vorwärts und sank vor ' ihm auf die Knie, feine zitternden .Hände tasteten Nach ihr und legten sich segnend auf ihr Haupt.

Er hatte vergeben und vergessen, das. Vaterhaus stand der verlorenen Tochter wieder offen.

XXL

Es folgten seltsame Tage.

Luisens Stimmung war von tiefster - Verzagtheit zu hoch­gradigem Glücksgefühl umgejchlagen. Jetzt, so versicherte sie allen, fehle ihr nichts mehr zur vollkommenen Seligkeit. Da­bei war sie aber doch den Ihrigen innerlich völlig entsrenw det und begriff diese so ivenig, wie sie begriffen wurde. Aber sie hatte erreicht, was feit einem halben Jahre ihres Herzens- Sehnen gewesen ivar, und dieses Bewußtsein berauschte sie förmlich. Gehoben, fast triumphierend, schritt sie einher und war, ivie immer in solcher Stimmung, außerordentlich liebens­würdig und verstand es, besonders ihren Vater dadurch zu beglücken. Tiefer stand völlig unter der Nachwirkung des am eigenen Herzen erlebten Wunders vergebender Liebe, die alles ansge- röscht hatte, was dem Erinnern bitter war. Es freute ihn so, daß er sich freuen konnte, und wenn Luise eintrat und ihn» mit stummer Inbrunst die Hand küßte, gings wie ein Aufleuchten über sein Gesicht. Ihre Aehnlichkeit mit der verstorbenen Mutter Nährte ihn, und weltunkundig, wie er war, empfand er es nicht, daß alles, Was sie tat und sprach, nmi ihm ihre Rene und Are Liebe zu beweisen, ganz unbewußt dem Bühncnleben ent­

lehnt war. Tenn über die schroffe, alle Äußeren Formen Ver­achtende Luisanc hatte sich in» Laufe der Zeiten die Kunst schauspielerischer Gestaltung wie ein gefälliges Kleid gelegt.

Von der Vergangenheit schwieg man. Es hätte zu viel aufgerührt, was anklagend geklungen hätte. Tie Gegenwart war jetzt reich genug. Luise schmückte das Grab der Mutter mit einem kostbaren Kranz, den sie sich auS der Stadt verschrieben hatte, und iueinte bittere Tränen, so oft von der Toten dis- Rede Ivar, aber sie fragte nicht danach, wie ihr Ende gewesen und weshalb sie so vorzeitig den Ihrigen entrissen ward. Jul- chen war ganz glücklich über diesen so unerwarteten Familien­zuwachs. Sie liebte den Schwager und staunte die Schwester bewundernd an, denn ihr schien Luise wie ein höheres Wesen. Sie sah so reizend aus, wenn sie lachte rind das Helle Rot die sonst blassen, schmalen Wangen färbte, und sie ging wirk­lich , einher wie die Prinzessin in» Märchen, angetan mit einem dunkelblauen Sammetkleide, großem, mit Straußenfedern besteck­ten Hut, langen, grauen Tonischen und einem Federfächer an goldener Kette, die vom Gürtel herabhing. Sie ivar immer be­strebt, sich so zu kleiden, ivie sie nach ihrer Ansicht als Fran von Loysen gekleidet sein mußte. Kein Attribut durfte fehlest- auch nicht daS nach Reseda duftende, spitzenbesetzte Taschen­tuch. Tast diese umständliche Toilette in der ländlichen Stille etwas theatralisch wirkte, wußte sie nicht. Julchen war auf jeden Fall entzückt und konnte sich an der Schwester weder satt sehen noch hören, denn diese sprach viel in ihrer frohen Erregtheit und sprach gut. Alles was sie auf ihrer italieni­schen Reise völlig unbeachtet gelassen hatte, wurde jetzt doch im Glück der Gegenwart gleichsam nachträglich von ihr ge­würdigt und als unverfänglicher und zugleich reizvoller Ge­sprächsstoss hervorgeholt und mit Talent und Lebendigkeit vvr- gettagen. Sie schilderte die Alpen, die Orangenhaine, das Meer, die Städte, das Volk, erzählte Keine Reiseabenteuer und wusste durch ihre Vortragsweise den Vater zu fesseln, zu er­heitern und en unterhalten. Auch Frieda hörte bewundernd zu und Julchen wich nicht mehr von ihrer Seite. Loysen sah sie, wenn er zugegen war, ost ganz betroffen an. Sie war wie ausgewechselt. Es freute ihn, aber es beunruhigte ihn auch, denn zn schnell war der Umschlag von tiefster Depression und krankhafter Unruhe zn jubilierender Siegesfreude gekommen. Indessen war er immerhin dankbar, daß er sie so-zurücklassen konnte, wenn er nun seine Fahrten anttat. Tie Tage, die er noch bleiben musste, bemitzie er, um sich durch den alten Inspektor Mciuert etwas Auskunft zu holen, denn der Alte ivar ein Sohn der Ostmark und wohl imstande, Rat und nützliche Winke zu erteilen. Wilhelm, der sich in diesen Tagen völlig dem Freunde und seinen Interessen! widmete, bat, ihm Meinert mitgeben zu dürfen. Mit diesem Be­gleiter dürfe er so ziemlich drauf rechnen, einen guten Kauf zu. machen. Aber davon wollte Loysen nichts hören. Er wußte, wie unentbehrlich der Aufseher bei der Frühjahrsbestellung ist. Schließ­lich kam man überein, daß Loysen, wenn er glaubte, das gefunden zu haben, ivas er suchte, telegraphieren solle, worauf dann der Inspektor unverzüglich abreifen und vor den» Abschluß des Kaufes sein -Gutachten geben solle. Loysen hatte sich schon seit einiger! Zeit mit einem Königsberger Güteragenten in Verbindung gesetzt und durch diesen verschiedene Offerten erhalten, deren die Post ihm täglich neue zutrug. Mit Wilhelm erwog er jedes einzelne reiflich und auch Edelttaut sand trotz ihres vielbeschäftigten Lebens Zeit genug, um Anteil zn nehmen, und dies mit mehr sreund- schaftlicher Wärme, als sie ihm je gezeigt. Nur Luise zeigte feilt Interesse für die Einzelheiten dieser Vorarbeiten. Es ivar ihr ivirklich gleichgültig, wohin er sie brachte, und sie freute sich nur im allgemeinen auf das Leben einer Schlloßfrau. Wieder lauschte Julchen andächtig, wenn ihr die Schwester ausmalte, wie sie sich dies Leben gestalten wolle und ivie oft in» Jahr sie, Frieda und der Baler hinkommen sollten. Tas war auch solch ein unverfäng­liches Thema, welches sich zu einem langen Märchen ausspinnen ließ. (Fortsetzung folgt.)

Geruhsame Nacht".

Militär-Humoreske von H e i n r i ch von Selbitz.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Mit einem Satze fährt der Leutnant aus dem Bette> blickt sich, langt mit der Hand unter das Bett; er greift darunter herum; er fühlt Stroh er greift weiter, fühlt umher uno packt auf einmal das Fell eines kleinen Tieres< eines jungen Hundes, der nun leise zu knurren und zu kläffen beginnt.

Heiliger Sebastian! gerade das fehlte mir noch, daß unter meistem Bette ein solcher Köter sich befindet, der die