1908
ZIT
WM
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Kelmutß von Loysen.
Roman voir Ursula Züge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Es ist gut, dass das gleich zur Sprache kommt," sagte er, „ich habe Luise hierher gebracht, um einer Versöhnung mit ihrem Vater näher zn rücken. Sowie diese erfolgt ist, siedelt sie natnr-- gentlaß in die Pfarre über uub ich mache mich auf den Weg, uns eilt Domizil zu sichern und das — laß mich's offen sagen, lieber heute, als morgen. Ich muß Arbeit haben, Wilhelm, Arbeit von früh bis spät. Du wirst verstehen, daß ich mir keine andere Existenz denken kann. Ich dachte an ein großes Gut, am liebsten in einem fernen, ursprünglichen Erdenwinkel — so etwa in Ostpreußen, an der russischen Grenze —je vernachlässigter desto besser. Einarbeiten werde ich mich bald — ich bin nicht umsonst in Bardcs und Dvbran groß geworden und trau mir's zu, mit so einem Besitz in Ordnung zu kommen, und iß das bewerkstelligt, dann schaffe ich Neues — ein Gestüt lege ich an — oder eine Fischzucht — oder eine Holzwollsabrik, was weiß ich! — Genug, Arbeit muß es geben, die mich befriedigt — oder auch enttäuscht, ganz gleich! Alles, nur nicht Zeit behalten zum Grübeln und Nachdenken. Und tvenn ich die Früchte meiner Arbeit gar nicht mehr erlebe, so sollen sie doch unseren Rindern dereinst zu gute kommen, so uns welche beschieden sind. Es ist doch immerhin dann kein nutzlos Leben getvesen, das hinter mir liegt."
„Guter Helmut,)! — Und nun vergiß das beste nicht, daß du eine Lebensgefährtin hast, die dich über alles liebt."
Seine Stimme klang weich und gerührt.
„Tn hast recht," sagte Loysen, „und deine einfache Art, die Sache anznsehen, tut mir sehr gut. Auch sollst du nicht denken, daß ich dem Leben, welches ich mir erst zurecht zimmern muß, mutlos gegenüberstehe. T-nrch, mit Gottes Hilfe, und nicht zurückgcblickt!
Sic schwiegen beide und saßen so lange, jeder in seine Gedanken vertieft, bis Edeltrauts leichter, fester Schritt erklang und sie gleich darauf eintrat. Sie setzte sich zu den beiden und blickt: von einem zum andern.
„Tie arme Luise!" — sagte sie, „wie sie sich aufrcgt und übquält! Ich habe getan was ich konnte, um sie zu beruhigen, aber ich hatte die größte Mühe, sie davon abzuhalten, wieder aufzustehen und noch heute abend nach der Pfarre zu gehen. Ich mußte ihr sagen, tote schwach und schreckhaft ihr Vater ist, den ste nur als rüstigen Wann gekannt hat. Tas erschütterte sie nun wieder so, daß es Mir leid tat, es gesagt zn haben. Und nun denken Sie sich das Merkwürdige, mitten in dieser Aufregung schlief sie plötzlich ein und schläft jetzt ganz fest."
Sie sah Loysen etwas ängstlich an, doch der versetzte ruhig: „TanN hat sie schon beim Betreten des Zimmers ein Schlafpulver genommen. Tas macht sic oft so. Ich bin dagegen, aber sie läßt nicht davon ab. Sie hat jahrelang an Schlaflosigkeit gelitten und ein Theaterarzt gab ihr ein Betäubungsmittel. Es ist das einzige, was ihr Ruhe gibt."
„Sie sieht viel wohler ans, .als-ich erwartet hatte," sagte
Edeltraut. „Wissen Sie, ich bin eigentlich überrascht. Sie habctk sie gut gepflegt."
„Ich hoffe, daß sie sich völlig kräftigen wird, wenn dies glückliche Zerwürfnis mit den Ihrige» erst beseitigt ist."
Er sprach dies schon stehend, — dies Mädchen mit der hellest FlechtenliDne und der weißen Stirn so dicht vor sich zu sehen ist all ihrer ursprünglichen Frische und Fröhlichkeit, war ihm ebe» unerträglich. So wünschte er bett Geschwistern gute Nacht uub ging hinauf.
Am nächsten Morgen ging Lohsen sck)on zeitig über die Wiese zur Pfarre hinauf. Luise pflegte bis gegen zehn Uhr zn schlafen/ so brauchte er nicht zu fürchten, sie loerde ihm zuvorkommeu. Vcr- glichen mit alledem, lvas er schon durchgemacht hatte, war dies für ihn verhältnismäßig ein leichter Gang. Ja, hier konnte er hoffen, wirklich gute Früchte seines Opfers zu ernten. Auf alle Fälle war ihm persönlich ein freundlicher Empfang gesichert, den st er hatte getan, lvas ein Mensch tun kann, und noch etwas drüber hinaus, um vor dem eigenen Gewissen bestehen zu können.
Frieda Becker empfing ihn mit vor Erregung hochroten Backest und verweinten Augen, ihm- stumm die Hand drückend. Julchest sprang ihm zuerst freudig entgegen und blieb dann verlegen stehest«
Er reichte ihr die Hand und küßte ihr die helle Kinderstirn« „Tn lveißt, daß ich jetzt dein Schwager bin?" sagte er.
Das löste alle Befangenheit. Jubelnd hüpfte sie an ihm ist' die Höhe und lief dann eilfertig, um dem Vater sein Kommen zu melden. •'
Ter wackere, alte Mann geriet in die größte Bestürzung. Er wusste nicht, was sagen, und brachte das Wi-dersprechendste vor, fast stammelnd. Frieda rief die Schwester fort und schloß sachte die Tür.
Nun waren die beiden allein und Loysen führte den Ztiterndeff in seinen Lehnstuhl und setzte sich neben ihn. Sowie er dachte) daß er rede« dürfe, begann er:
„Herr Pastor, Sie haben mir geschrieben, Sie hätten feilt? Tochter Luise mehr und die Schauspielerin Luisane dürfe Ihr Haus nicht betreten."
„Gotthard — meinen Sohn meine ich — hat miry die Truge in diesem Licht — sehen gelehrt ..."
„Hm! Ich trete dieser Anschauung durchaus auch nicht zu nahe. Mir aber werden Sic es doch hoffentlich nicht verbieten, Jhncst Frau von Loysen, meine Gattin, vorzustellen? Womit, Herr Pastor, hätte ich so entehrende Kränkung verdient?"
Tor Pastor zog sein Taschentuch mit bebenden Fingern hervor und tupfte sich die Stirn. Sein graues Haar hing so wirr uni die Schultern, sein verstörtes Gesicht nahm wieder den hilflosen Ausdruck au. Er tat Loyseu unbeschreiblich leid, ivie er jetzt hervorbrachte:
„Ach, allgütiger Herr im Himmel, tvas soll ich tun! — Tas Rechte möchte ich tun — meine Vergebung habe ich ihr erteilt — aber sie hier sehen — zwischen ihren Schwestern . . Herr Rittmeister!" — er faßte plötzlich Loysens Hände — „vevz zeihen Sie mir! Ich beleidige Sie mit jedem Wort, was ich sage, und daS will ich ja nicht, das nicht!"
„Bitte, Herr Pastor, ich glaube, daß Sie das nicht wollen«


