Ausgabe 
19.2.1908
 
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»bet Logik und Griechisch, oder Griechisch, Hebräisch unb Physik.

Zahlreicher als in anderen Fakultäten waren bei den Philosophen die Privatdozenten vertreten, zu denen ein großer Teil der Pädagoglehrer gehörte, so daß ihnen 1663 für ihre Kollegs ein eigenes Auditorium eingeräumt wurde. Das war Larin begründet, daß sie einem guten Teil der Studenten bei der äußerst verschiedenen, ost ganz mangelhaften Vorbildung erst die für das Hören von Vorlesungen nötigen Vorkenntnisse ibeibringcn mußten. Aus dem propädeutischen Charakter der Fakultät erklärt es sich auch, daß die meisten Studenten bereits in viel früheren Jahren immatrikuliert wurden als heute. Aus diesen Verhältnissen entspringen auch die mehrfach (z. B. 1665 von Hermann von Oynhausen und 1726 von Professor Nurmann) gemachten Vorschläge, mit der Universität eine Ritter­akademie zu verbinden. .

Einen breiten Raum nahmen m der ersten Zeit bte eigentlich philosophischen Fächer ein. Logik und Metaphysik wurden tüch­tig gedrillt und noch ganz in mittelalterlichem Geiste ge­lehrt, so daß die Hauptlehrcii nur einen vernMserten Aristoteles boten Wie man zu dem Fortschreiten der Erkenntnis stand, zeigt, daß im Jahre 1673 aus Betrieb des Theologen Haber- iorn die Disputation von Wigand Kahler über die paradoxe Philosophie des Cartesius konfisziert tourbe. Dieser hatte näm­lich zn verstehen gegeben, daß die vortrefflichen «ätze dieses Philosophen auch auf die anderen Wissenschaften mit großem Rügen anwendbar seien. Seit 1702 hielt der Philosoph Lange ein Collegium pansophicum als Einführung in die Theologie und Philosophie. Langwierige Verhandlungen riefen auch bie Theorien Christian Wolffs hervor, der seit 1723 in Marourg lehrte, unb über dessen Philosophie die Darmstadter Regierung 1726 ein Gutachten von der Fakultät einsorderte. Auch die Ethik wurde eifrig gepflegt. Aber sie mußte es sich gefallen lassen, nach dem kirchlichen Dogma zugestutzt zu werden. Als joeitere philosophische Disziplin galt die Politik, b. h. die Lehre vom Staatsrecht. Für eine Ergänzung dazu wurde das Ratur­recht angesehen, das 1694 mit zuerst _ an deutschen. Universi­täten in Gießen Eingang fand und hier stark gepflegt wurde. Seit 1761 erhielten auch die Juristen das Recht, diesen stoft in behandeln. Als Kuriosum sei erwähnt, daß der Prosesioe der Ethik, Blanckenhcim, 1637 über boS Kriegswesen, erklärt aus Aristoteles und den alten sowie über die heutigen modernen mili­tärischen Sitlbn,kurz und deutlich," vortrug. ,

Auch einen. Professor der Physik gab es von Anfang an. Doch was er vortrug war, wenigstens im 17. Jahrhundert, der Hauptsache nach philosophische Spekulation, vermischt mit allerhand abergläubischen Hypothesen. Wirkliche Naturerkennt­nis ist dabei wenig gefördert worden.

Daneben blühte das Studium der alten Sprachen. War doch noch im ganzen 17. und einem Teile des 18. Jahrhunderts die Unterrichtssprache durchaus lateinisch, oft genug freilich nicht int Interesse der Faßlichkeit des Borgetragenen, «o hieß es denn fleißig Latein treiben. Lateinische. Dispu­tationen wurden in jeder Woche abgehalten. Geburts- und Todestage von fürstlichen und sonstigen vornehmen Perchn- lichkeiten wurden durch Festakte mit schwülstigen Reden ausge­zeichnet. Daneben gab es noch besondere feierliche Redeakte. So traten %. B. am 30. August 1670 sechs Studenten hinter­einander auf, die die Geschichte Davids behandelten. Daneben wurden fleißig lateinische Verse gedrechselt und bei allen mög­lichen Gelegenheiten Gedichte gewidmet. Ilm nur ems an­zuführen, pflegte man neu Promovierte nnzudichteii, und diese Gedichtchen wurden am Ende der Dissertation mit abgedruckt. Statutengemäß gab es denn auch einen Professor der Beredsam­keit (Eloquenz) und einen der Poesie. Freilich wurden beide Professuren oft in eine Hand gelegt. In der ersten Zeit fehlte es auch nicht nn tüchtigen Philologen, deren Ruf weit über Gießen hinausdrang, so Caspar Finck (16051607) und Christoph Hellwig (16051617), deren Gießer Grammatik fange Zeit ein viel benutztes Lehrbuch war, Konrad Dieterich, dessen Rhetorik großes Ansehen genoß und Konrad Bachmann, der als berühmter Dichter galt.

Von weitreichendstem Einfluß und noch heute viel genannt war Hellwig, der fein praktisches Organisationstalent in den Dienst der Pädagogik stellte unb so ber Verbündete und treue Genosse des Wolfgang Ratschins wurde. Mit ihm vereint suchte er den Unterricht zu vereinfachen, zu beleben und von totem Formelkram und Schematismus zu befreien. In der ältesten Zeit ivurde auch das Griechische wirklich gepflegt. In den Jahren 1658 und 1659 hielt ein Student sogar griechische Weihnachtspredigten. Aber bald verfiel diese Blüte der klassi­schen Studien, im Griechischen beschränkte man sich fast ganz auf das Neue Testament (nur bie Zeit Johann Heinrich May's 1716 bis 1732 bildete eine Ausnahme), im Lateinischen herrschte lvieder der alte Schematismus. Sehr gepflegt wur­den die orientalischen Sprachen. Clodius, bie beiden May unb die Privatdozenten Bürklin und Kempffer hatten einen Ruf, der weit über Hessens Grenzen hinaus ging. Als Beweis für die hohe Blüte der sprachlicheit Studien sei noch angeführt, daß bei, der ersten Jahrhundertfeier int Jahre 1707 Studenten Reden in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer, sy­rischer, arabischer und äthiopischer Sprache hielten.

Daneben sanden auch die neueren Sprachen reichliche Pflegt Dem Geist der Zeit entsprechend kam es allerdings nur auf den fertigen Gebrauch der lebenden Sprache an, an historisch grammatische Kenntnisse und an Literaturgeschichte dachte nie­mand. Deshalb pflegte auch ber Unterricht in ber Regel nur Sprachmeistern, meist geborenen Ausländern, nicht Professoren, übertragen zu sein. Englisch wurde in der ersten Zeit gar nicht gelehrt, später nur spärlich, dafür aber viel Italienisch. Bor anderen Universitäten zeichnete sich Gießen aber dadurch aus, daß Professoren der fremden Sprachen angestellt wurden (Gar- nir, Hofstetter, Le Bleu). Etwas ganz außergewöhnliches war es, daß 1 t3o unb die folgenden Jahre Prof. König über eng!ische und französische Autoren (Ramfay, Addison, Spectator, FsirÄvu) las.

der Mathematik fanden besonders die angewandten Disziplinen Pflege, in erster Linie Astronomie unb Kalender­kunde. Letztere war ja von besonderer Wichtigkeit bis zur Elnsührung des verbesserten (gregorianischen) Kalenders. Kein Wunder also, wenn am 5. September 1679 die Landgräsin Elisabeth Dorothea ein Gutachten über die Kalenderverbesserung von der Fakultät verlangte. Wie man damals die Mathe­matik trieb, zeigt die Ankündigung Prof. Christianas vom Jahre 1650. Im öffentlichen Kolleg will er das alte ptolo- mäische und AlphoNsiuische Weltsystem mit dem neuen des Kvpernikus und Tycho de Kratze vergleichen unbdas wahre Weltsystem" , aufspüren. Seine Privatvorlesnn gen sollen be­handelnArithmetik, Geometrie, Geographie, Astronomie, Astro­logie, Optik, Befestigungskunst und Rhetorik", je nach Wunsch seiner Hörer. Astronomische Beobachtungen wurden reichlich an- gestellt in dem dazu dem Kolleghaufe aufgesetzten Türmchen. Besaß doch die Universität die kostbaren, ihr 1643 vom Land­grafen Philipp -von Butzbach vermachten astrouomisch-mathe- malischen Instrumente, von denen besonders ber prächtige Himmelsglobus berühmt war, deren Beschreibung 1653 Christiam eine eigene besondere Schrift widmete. Wegen der Benutzung kam es allerdings des öfteren zu Konflikten zwischen Senat und dem Leh! der Mathematik, da ersterer eben um der Kostbarkeit will.,! die Apparate lieber unter Verschluß halten wollte, ans Angst, sie möchten ruiniert werden.

Mit der Berufung des bekannten Verfassers der Kirchen- unb Ketzerhistorie, Gottfried Arnold, vom 24. März 1691 bekam die Geschichte einen selbständigen Vertreter. Nicht ohne Interesse durfte es sein, daß schon sein Nachfolger Immanuel SBeber, ein Kolleg über Zeitungen las. 1720 wird ausdrücklich emgeschärft, fleißig deutsche und hessische Geschichte zu treiben.

Damit ist her Kreis der zur Fakultät gehörigen Wissen­schaften so ziemlich geschlossen. Chemie oder besser das, was man so nannte, und bie bescheidenen Anfänge von Natur­beschreibung gehörten zur medizinischen Fakultät. An eine Pflege ber Muttersprache dachte niemand.

Etwas anders wurde das im 18. Jahrhundert. Gerade int Jahre 1700 wagte der Professor der Moral Johann Christian Lange das erste ' deutsche Programm zu publizieren. Auch in den Vorlesungen fand nun allmählich die deutsche Sprache Eingang. Wie sehr gerade Lange bemüht war, frisches Leben in die akademischen Kreise zu bringen und die Ideen von Christian Thomasius in Gießen heimisch zu machen, zeigt die 1712 unter seinem Vorsitz verteidigte Rüffelsche Dissertation über die neueste Mode bei der gelehrten Welt, die über alten und neuen Studienbetrieb, Galantismus und Pedantismus, Ge­brauch der lateinischen und deutschen Sprache und ähnliches handelt. Wie es scheint, führte Prof. König diese Richtung weiter, wenigstens las er 1736 über den Pedantismus. Auch im Promotionswesen brachte das neue Jahrhundert allerlei Reformen, insbesondere Vereinfachungen ber Formalien und allerlei Erleichterungen inbezug auf die Magisterschmäuse, deren Wegfall öfters verordnet wurde. Sonst ist ans der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht viel zu berichten; int allge- meinen ging alles im alten Geleise weiter.

Als Amtssprache blieb das Latein noch lange !>errschend. Erst seit 1808 ist das Dekanatsbuch deutsch geführt, seit 1809 werden die Vorlesungsverzeichnisse deutsch abgefaßt, deren La­tinisierung der Professor der Beredsamkeit bis dahiti zu be­sorgen hatte, und erst das Jubiläumsjahr 1907 brachte das erste deutsche Doftordiplom.

Schluß folgt.

VesMZßedßeD.

* DerBefreier" ber Koburgerin. Aus Wien wirb gemeldet: Vor bem Zivillandesgericht kam eine Klage gegen die Prinzessin Luise von Belgien zur Verhaubliing, bei ber man mancherlei interessante Wahrnehmungen machen konnte. Kläger war der frühere Rathauskellerwirt Josef Weitzer, bei ein rechtliches Guthaben von 36 527 Kronen einforderte. Dieser Weitzer ist der eigentlicheBefreier" ber Prinzessin aus ber Heilanstalt in Bad Elster gewesen. Er schoß das Geld vor, das die Flucht ermöglichte, bei der er übrigens auch eifrig mithalf. Freilich nicht aus reinem Edelmut. In der Verhandlung stellte sich heraus, daß er im ganzen ein Darlehen von 50 000 Kronen gegeben und dafür bereits 136 000 Klonen empfangen hat. El