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ihr die Pate mitgebracht, ein Flachshaar nach dem andern auszuzichcn. Sie bückte den dunklen Kops über diese Arbeit, schob die Oberlippe vor und war das Bild emsiger Sittsamkeit. Anne Marie, in ihren Rohrsessel zurückgelehnt, betrachtete das Kind durch ihr Lorgnon. Kinder waren ihr, wie sie zu sagen pflegte, nicht unangenehm^, aber unheimlich. Marie Anne kramte in ihrem Arbeitskorb und räusperte sich. Sie konnte cs nicht lassen, zu seufzen:

Ach, Anne, wenn ihr du und Edmund, doch auch Kin­der hättet."

Anne Marie klappte ihr Augenglas zusammen.

Das wäre ja gräßlich!" sagte sie kurz.

Aber Anne"

Bitte, höre davon auf. Ja? Sag mir lieber, !vie du dieseir Kuchen backen läßt. Er ist besser als meiner."

Und das Gespräch glitt ins Häusliche. Anne Marie war als Hausfrau ebenso rühmlich bekannt wie ihr'« Schwester. Nur daß sie für gewöhnlich nie von solchen Dingen sprach und ihre Gäste den Eindruck empfingen, irgend eine unsichtbare Macht treibe das Uhrwerk ihres Hauswesens. Tas war auch etwas, !vas Troß an ihr bewunderte.

Ten nächsten Morgen bat sie Lohsen, mit ihm nach Braun­stadt zu fahren. Sie wollte ihrer Jugendfreundin Ada Valois einen Besuch machen mehr ans Langerweile als aus Herzens­bedürfnis. Die stolze Schönheit bewohnte mit ihrer alten Tante drei Parterveziimner der dem alten Grafen Trauen gehörigen Villa und empfing ihre Besucher in einem mit etwas ver­blichenen blauen Sammetmöbeln ausgestatteten Salon. Daß Loy- sen mitkam, sah sic nur als einen ihrer Schönheit schuldigen Tribut an und er sagte ihr all die Artigkeiten, die er immer für junge Damen in Bereitschaft hatte und die ihm nur Edel- traut gegenüber nie über die Lippen wollten. Als sie dann I fortfuhren, sagte Anne Marie:

Machtest du dich über meine Freundin lustig oder bist du I wirklich solch ein vielversprechender Courmacher?"

Ich denke, dazu seid ihr da," versetzte er sorglos.

Damit man sich über uns lustig macht, oder"

Sie lachten beide und Lohsen sagte:

Man kann ihr ivohl nun ungestraft dcu Hof machen, Nicht?"

Tu meinst, sie sei alt genug? Du bist ein netter Fraucn- kenuer. Ich werde dich bei meinen Verehrern in die Lehre schicken müssen."

Am Abend reiste Anne Marie wieder ab. Lohsen mußte Marie Anne recht geben, die klagte:Ich verstehe Anne gar nicht mehr. Wie kann nur jemand in ihrer Lage so gleichgültig bleiben. Ich würde cs wirklich begreiflich finden, wenn sic Edmund haßte aber sie haßt ihn nicht int mindesten. Und Wenn du wüßtest, was sic mir gesagt hat so unnatürlich!" z

Ich will dir sagen, Mieze, man muß sie in Tobrau sehen. | Tie Luft von Bardes ist ihr nicht bekömmlich. Woran e§ | liegt, weiß ich nicht."

Er wartete nun schon mit Ungeduld auf den nächsten Tag, Um, so wie es anging, nach Rothaide zu reiten und sein Fern­bleiben zu erklären. Ta ward ihm, als er am Frühstückstisch erschien, eine Ueberraschung. Ein großes, weißes Couvert, an ihn adressiert, aber ohne Poststempel, lag auf feinem Platz.

Von Wilhelm," sagte erwie kommt der Brief her?" I

Sie nach Jarowitz zum ersten Zuge fahrenden Milch- j jungen vermitteln solche nachbarlichen Korrespondenzen," er- I »2rte Recknitz,wie wir versendet auch die Rothaider Gutsver- | Wallung die frische Morgenmilch in die Stadt. Gutes Geschäft." |

Lohsen hörte natürlich gar nicht hin. Er hatte das Cou- | tert ausgeschnitten. Ter Brief war ton Edeltraut! Die | Aehnlichkeit der Handschriften hatte ihn getäuscht. Sic schrieb:

Lieber Herr von Lohsen! Wilhelm kann sich Ihr Fern­bleiben . so wenig erklären wie Ihren neulichen plötzlichen Auf- | bnic) in der Pfarre und ist in Unruhe und Besorgnis, es I tonne ^irgend etwas Sic verstimmt und gegen uns abgekühlt ha- t)iet nn Kiner Beruhigung gelegen ist, bitte W ®ie verziel) um eine Aufklärung, ob irgend ein Grund ®r,ur, «usall Ihrem Verschwinden zugrunde liegt. Ist cs möglich, so Bringen Sie uns bitte Aufklärung mündlich.

Es grüßt Sie freundschaftlich

Edeltraut v. d. H."

Lohsen sprang auf und griff nach seiner Mütze.

Frühstückst du denn nicht?" rief Marie Änne

Nein. Ich muß augenblicklich nach Nothaide reiten" Himmel, ist ein Unglück"

Recknitz legte seine Hand.auf den Mnnd der Eifrigen.

Lohsen war schon aus der Tilot.

Ruhig Blut, Mieze," lachte der Hausherr,wie Unglück sicht der nicht aus."

Auf heißem, schäumendem Rappen ritt Loyscn in den Hof zu Rothaidc, brachte selbst das Pferd in den Stall und ging Wilhelm suchen. Ter war noch in seinem Zimmer, sagte Mar­tens, nnd ehe Lohsen klopfen konnte, kamen schnelle, leichte Schritte die Treppe herab und er fühlte eine Hand aus seinem Arm. Edeltraut stand vor ihm in ihrem Reitkleid aus Lodcu- stoff, Hut und Gerte in der Linken. Tas ihm, schon so bekannte schnelle Erröten färbte ihre Wangen, als sie flüsterte:

Ich danke Ihnen, daß Sie gleich kommen. Und ist alles gut zwischen uns?"

Einen Augenblick sahen sie sich in die Augen, daun beiigte er sich auf die Hand, die immer noch auf seinem Arm lag und seine Lippen berührten dieselbe.

Zwischen uns soll es, so hoffe ich, immer gut blcibcn, und immer besser werden. Nun verzeihen Sic einem Vergeßlichen feine Rücksichtslosigkeit ich _fami mirS nicht vergeben, Wilhelm beunruhigt zu haben. Besuch meiner Schwester Ivar meines Fernbleibens Ursache."

^Sie hatte ihre Hand zurückgezogen, aber weder schnell iwch unwillig:Ich bin ja so froh, daß kein Mißverständnis vorliegt. Bitte, gehen Sie hinein zu Wilhelm. Ich schicke Ihnen Frühstück. Mich selbst müssen Sie entschuldigen."

Drinnen wartete seiner ein noch herzlicherer Empfang. Nach der Ursache seines Fernbleibens fragte Wilhelm gar nicht mehr, nachdem ihn Lohsen in altgewohnter Weise begrüßt und ein Blick in dessen noch froh bewegtes Gesicht ihm zeigte, daß auch nicht die geringste Verstimmung Vvrliegen könne. Ta er am Schreib­tisch saß, zog sich Lohsen ohne weiteres einen Stuhl herbei und setzte sich. Cr erklärte nun auch, was zu erklären war.

Hast du dich ernstlich beunruhigt?"

Wilhelm schüttelte den Köpf.

Was ich dachte, konnte ich meiner Edel nicht sagen. Sie sah nur die äußere Unruhe."

Und was dachtest du?"

Sic habe dich vielleicht durch ein unbedachtes Wort ver­scheucht."

Lieber Freund" Loyscn lächelte,ich muß cs dir sagen, daß ich die Absicht habe, mich nicht so bald verscheuchen zu lassen. Denkst du noch daran, was ich dir einst sagte?"

Ich habe in diesen Tagen dran.gedacht. Ich sehe doch, daß du nicht nur meinetwegen herkommst."

Lohsen verbeugte sich nur. Ter andere schob die Bücher auf seinem Tisch zurück, lehnte sich in den Stuhl und strich sich gedankenvoll den krausen Moridbart.

(Fortsetzung folgt.)

Aus ser Geschichte der LüöoMML. Original-Artikel derGieß. Familienblätter".

Die philosophische Fakultät.

Die Stellung keiner der vier Fakultäten hat im Umversi-- tätsleben eine so gründliche Veränderung erfahren, als die der philosophischen. Sie stand nicht neben, sondern unter den drei anderen Fakultäten, sie bildete nur den Vorbercitungs- kurS für tiefe, die höheren Fakultäten, die man durchlaufen haben mußte, um in diesen das Studium beginnen zu können. Die Absolvierung des philosophischen Studiums berechtigte uickst 1 Sur Bekleidung eines Amtes, selbst die Professoren der Fakultät hatten säst ohne Ausnahme auch Theologie oder Rechtswissen­schaft, seltener Medizin studiert und trachteten meist danach, rn die höheren Fakultäten aufzurückcn. Dieser untergeord­neten Stellung entsprach cs, daß die Fakultät bei ihren Pro- motionen nicht den Toktortitel, sondern nur den Magistergrad vcrneihen durfte, und daß die Besoldung ihrer Mitglieder niedriger -war als -die der Professoren an den höheren Fakultäten. Als eme Art von Entschädigung sollten das Amt des Pädagogiarchen (Gymnaiialdirektors) und Bibliothekars statutengemäß Mitglie­dern oer philosophischen Fakultät Vorbehalten bleiben, ersteres ist bis zum 15. September 1838, letzteres bis zum 16. Ok­tober 1885 der Fall gewesen. Eine Zeit lang wurde auch versucht- das Amt des Stipendiatenephorus der Fakultät zuzuweisen Fer­ner pflegte mit ihr das Amt des Zensors verknüpft zu sein, das teils der Professor der Beredsamkeit, teils der Dekan ver- sah und das bis zu seiner Aufhebuilg im 19. Jahrhundert bei der Facultät geblieben ist.

Spezialisten für einzelne Fächer gab es im Anfänge nicht. Wenn auch der Einzelne für ein bestimmtes Fach angestellt wurde, so mußte er doch die übrigen auch beherrschen und wenn die Umstände verlangten, ein anderes Fach übernehmen oder neben seinem eigenen lehren. Deini nicht immer waren dre acht Professuren, die es im Anfänge gab, alle besetzt, und so fliideii wir als Kombinationen von Fächern, die einer lehren mußte, z. B, Logik, Metaphysik, Physik und Rhetorik,