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Mensch! geworden. Von Mn ab trieben nur noch plötzliche Impuls« von Tatkraft den Kaiser zu rasch auflodernden Entschlüssen, die Hof und Reich in Erstaunen und Verwirrung fetzten. So setzte er 1894 ganz plötzlich die oberste Priifungtzbchörde ab und erklärte, er werde die Arbeiten der Examianten höchst persönlich prüfen. SS waren 208 Arbeiten eingereicht worden, und der Kaiser widmete drei ganze Tage ununterbrochener Arbeit ihrer Durchsicht. Tie Vorarbeiten der Prüfungskommission blieben unberücksichtigt: nach eigener Auswahl überwies Kwang-sü sechs erste Preise an Leute, die sich diese Ehrung wohl mit wenigsten hatten träumen lassen. 77 Bewerber ivurden in die zweite Klasse und von den übrigen 123 in die dritte, nur zwei in die vierte gestellt. Da von dem Ausfall dieser Prüfungen die Beförderung hoher Beamter abhängig ist, so war damit eine Revolution in dem ganzen Beauiteuweseu Hervvrgerufen. In dieser Kette unerwarteter Entschlüsse war der folgenschwerste Schritt des Kaisers die Aufnahme der extremen Mfoumen im Jahre 1890, zu denen ihn Kang-Pu-Wei drängte. Der Kaiser geriet in völlige Abhängigkeit von beu phantastischen Ideen dieses modern gebildeten Kantoner Lehrers, der aus dem schirachen Fürsten einen „chinesischen Peter den Großen" machen wollte. Was Kang-Bu-Wei wollt«, hat er in einer interessanten Denkschrift dem Kaiser unterbreitet: Danach sollte mit all den alten Sitten, Gebräuchen und Vorschriften,der Vorfahren aufgeräumt werden. Alle Beamten des Reiches sollten einen heiligen Eid leisten, die Reformen durchzusetzen. Der Kaiser sollte mit heilt Volk in nähere Berührung treten. Die Verwaltung sollte nach rnroväischen Muster geregelt, die Anlegungen von staatlichen Eisenbahnen überall betrieben werden. Ktvang-sü nahm es mit diesen Ideen sehr ernst. Das erste, was er tat, war, daß er seinen alten .Erzieher Weng-Tung-Ho verbannte, der ihm zur Mäßigung riet. Mit einem einzigen Strich seines geheiligten Schreibpinsels entließ er öOOO hohe Beamte; die bedeutendsten Fürsten und Würdenträger seines Hofes setzte er ab, weil sie ihm widersprachen. Besonderes Aufsehen erregte die Verordnung, daß alle Befehle des Kaisers nur noch telegraphisch übermittelt ivcrden sollten. Alle uralten hochheiligen Schranken chinesischer Sitte und Ordnung schienen plötzlich niedergerissen. Im Volk verbreitete sich die Schreckensnachricht, der Kaiser werde allen ihre Zöpfe abschneiden lassen und sie in europäische Kleider stecken. Die Rechte des Volkes wurden verkündet, völlige Preßfreiheit gewährt und allen die Erlaubnis gegeben, sich mit Bitten und Beschwerden direkt an den. Herrscher <zn wenden. Aber all diese Reformen, die sich erst jetzt langsam und allmählich zu verwirilichen beginnen, waren nur die Hirngespinste eines schwärmerischen Weltbeglückers und eines völlig von ihm abhängigen Herrschers, der keine Macht hinter sich hatte. Die hohen Beamten, ihrer Stellungen entsetzt, wandten sich an die Kaiserin und stellten ihr die ihnen ergebenen Truppenkräfte zur Verfügung. Eine starke militärische Macht umzingelte den Palast des Kaisers und Tsu-Si übernahnr wieder die Zügel der Regierung. In einem Dekret vom 21. September 1898 trat sie aus ihrer Zurückhaltung wieder heraus und erließ in des Kaisers Namen eine Erklärung seiner eigenen Unfähigkeit, weiter zu negieren. Sein kurzer Herrschertraum war vobei, von ij.itit an war er nur eine Puppe in ihrer Hand.
vom wert der Vergchsrir.
In seinem neusten Buche, Das Gedächtnis, das in den nächsten Tagen bei Reuther und Reinhard in Berlin erscheint, gibt Pros. Dr. M. Offner einige interessante Ergebnisse der experimentellen Psychiatrie, von denen wir nachstehende Beobachtungen Iviedergeben:
So unübersehbar wichtig für den Menschen wie für die Tiere das Gedächtnis ist, es wäre unbedacht, wenn tvir wünschten, daß cs unbegrenzt wäre, daß es alles lückenlos bewahrte. Auch das Vergessen ist ein Segen. Es verringert die Zahl der Erinnerungen, die uns nur zu bald eine furchtbar drückende Last würden. Denken wir doch nur an die zahllosen flüchtigen Eindrücke, die ans einem Gang durch die .Straßen einer Großstadt unser Auge, unser Ohr bedrängen! Sie alte ließen Spuren zurück und alle müßten an ihrer Stelle wieder erinnert werden, lvenn mir uns jenen Gang vergegenwärtigen lvollten. lind wollten mir über ein Vorkommnis berichten, so könnten wir uns nicht auf die wichtigsten Punkte beschränken; wir müßten vielmehr alles und jedes, auch das Gleichgültigste haarklein erzühleil. Wollten wir uns rekapitulieren, was wir in einem Buch gelesen, so könnten wir nicht etwa in rascheln Fluge die Grundgedanken an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen, sondern wir müßten es Kapitel für Kapitel, Seite für Seite, Satz für Satz, ja Wort für Wort mit allen den nebenher lausenden, durch die Lektüre nacheinander vorgeführten Bildern, samt den etwa erlebten Störungen, den Unterbrechungen, der Erinnerung an Oertlichkeit und Zeit und andere äußere Umstände der Lektüre, wie Beleuchtung und Stellung, Form des Buches und der Buchstaben, Farbe und Art des Papiers und weiß der Himmel welch' andere Dinge, anfs neue über
uns ergehen lassen. Und das würde kaum weniger Zeit in Anspruch nehmen, als die Lektüre selbst. Und lver über eine Rede, eine Predigt referieren, wollte, die er gehört, wer sich nur an eine Stelle darin entsinnen wollte und sie; nicht sofort fände, der müßte alles einfach wortwörtlich wiederholen zu seiner Qual und nicht minder zur Qual seiner Zuhörer. Was hätten wir von unserem Gedächtnis, wenn wir, um zu einer Jugendertnnerung zu gelangen, die ganze Reihe der Erlebnisse von. heute bis zu jenem 30 oder 40 Jahre zurückliegendem Ereignis durchlaufen: müßten? Wir könnten es ja gar nicht, weil uns die Zeit mangelte. Und ein Vorrat von Beobachtungen, von erlebtest oder durch andere mitgetetlteu Einzelheiten, wäre für die Umreihung in neue Ordnungen uud Zusammenhänge, kurz für die deutende Bearbeitung unbrauchbar, wenn die ihn seit seinem Erwerben verbindenden Assoziationen unlöslich! wären, wenn er eine starr zusammeuhängende Masse wäre, mit der wir nicht frei nach Belieben, und Bedürfnis verfügen könnten. Ein solch starres, alle erfahrenen Zusammenhänge konservierendes Gedächtnis ist geradezu ein Hindernis für den Verstand, dessen Hanptarbeit besteht im Finden neuer Beziehungen, im Schassen neuer geistiger Zusammenhänge.
So hat Ribot ganz recht, so paradox es klingt, wenn er sagt, daß eine Bedingung des Gedächtnisses das Vergessen ist. Das Vergessen ist kein Mangel, keine Krankheit des Gedächtnisses; es ist eine Bedingung seiner Verwendbarkeit. Indem es die minder wichtigen Glieder ausfaltest läßt, die wichtigeren miteinander in Berührung bringt, so daß sie sich assoziieren können — Gesetz der Verdichtung des Denkens oder der Ausschaltung —, weiterhin auch aus dieser Kette wieder die minder wichtigen Glieder ausscheidet, bewirft es eine fortschreitende Auslese. „Diese Auslese ist, um eist hübsches Wort vou James zu gebrauchen, der Kiel, aus dem das Schiff unseres Geistes gebaut ist." Daß bei dieser Auslese nicht immer das Beste behalten wird, daß auch viel Minderwertiges aufbewahrt wird, während viel Wertvolles verloren geht, wer wird es bestreiten? Auch im Kampf um das Dasein in der Natur neben uns überlebt nicht immer das Beste, das des Lebens Würdigste — nicht immer, aber doch in der Mehrzahl der Fälle. Und wie dann die Kultur sich bemüht, die Auslesetätigkeit der Natur zu unterstützest und zu verbessern und dem Lebenswerten noch größere Sicherheit der Existenz zu verschaffen, so ist es. Aufgabe eines sparsamen Wirtschafters mit innerem geistigen Kapital, planmäßig und zweckbewußt auszuleseu und durch geeignete, Die Einprägung erleichternde und stärkende Darbietnng durch vielfache Wiederholung und reichere Angliederung au nur sichere Glieder die nutzbringenden Erfahrungen, die wtch- tigen Erkenntnisse und die beglückenden Erinnerungen zu seinem stets bereiten Besitz zu machen, dagegen durch Nichtbeachtung, Nichtwiederholung, Nichtübnng, Nichtaugliedern, durch negative Mnemotechnik das Minderwertige oder gar Schädliche und Falsche zurückzudrängen, die quälenden Erinnerungen anszulöscheu.
Wenn wir so das Wertvolle pflegen und hüten und das Wertlose unterdrücken und ausmerzen, dann wird das Gedächtnis ein Schatzhaus und eine Rüstkammer und tne Erinnerung wird in Wahrheit zum Paradies, „dem einzigen Paradies",' wie Jean Paul so schön sagt, „aus welchem wir nicht vertrieben ivcrden können."
Vermachtes.
* Roosevelt als Redakteur. Aus Rew-Bork ivird ans berichtet: Die Nachrichten, nach denen Roosevett nach Ablauf seiner Präsidentenzeit eine leitende journalistische i-tellnng anzu- nebnten gedenke, finden jetzt ihre Bestätigung durch die formelle Ankündigung voll Sem Abschluß eines Vertrages, am Grund dessen Roosevelt als Mitarbeiter and Mitherausgeber m den Verband der amerikanischen Zeitschrift „The Outlook" eintritt. Er wirb im März bereits feine Tätigkeit anfnehmen und bezieht em Jahres' qehalt von 120 000 Bit. Eine Anzahl der größten Tagesblaiter hatte sich um die Mitarbeit deS Präsidenten beworben und Jahres- f,tmmeit bis zu 200 000 Mk. geboten. Allein Roofevekt dringt vor allem auf die Aiögtichkeit einer völlig unabhängigen ireien Meuiungs- äußerung und hatte berechtigte Bedenken, seinen Namen als ein- lache Reklame mißbraucht ju sehen. Der ernstere Charakter der Zeitschrift entsprach seinen Anforderungen besser,. wie auch sw größere Bewegungsfreiheit, die ihm seine Tätigkeit an emeni periodisch erscheinenden Organ gestaltet, so daß ihm die nötig^Zen bleibt für die Abfassung seiner künftigen afrikamfchen n«gd- ersahnmgen und den iiaturgeschichtttchen Beobachtungen, die n sich zum Ziele gestellt hat.


