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beargwöhnt«, er habe das ganze Märchen von einem verkleideten Vornehmen Herrn nur ersonnen, um befördert zu werden. Mais letzte kühne Beschuldigung hatte also doch gewirkt.
Alle Teufel! rief Segmüller, und ivas sagt man dann also von mir?
Der listige Beamte schien verlegen nach Worten zu suchen; schließlich sagte er:
9htn, offen gestanden, Herr Richter, man behauptet, Sic hatten sich von mir umgarnen lassen, meine Beweismittel nicht sorgfältig genug geprüft.
Mit einem Wort, rief Segmüller, dunkelrot werdend, man denkt, ich sei Ihr Hansnarr und — ein Dummkopf!
Und er erinnerte sich gewisser Bemerkungen, lächelnder Mienen seiner Kollegen. Das entschied seinen Entschluß und er ries:
Nun denn, ich werde Ihnen beistehen, Herr Lecoq. Ja, Sie sollen die Spötter zu schänden machen. Augenblicklich werde ich aufstehen, mich mit Ihnen nach dem Justizpalast begeben und dem Herrn Generalstaatsanwalt Vortrag halten.
Leeoqs Freude wav unbeschreiblich. Er hatte diese Hilfe kaum zu hoffen gewagt, und er wäre von Stund an für Segmüller durchs Feuer gegangen.
Doch der Richter Ivar wieder nachdenklich und ruhig geworden.
Ich nehme an, tvandte er sich an Lecoq, daß Sie sich schon einen Feldzngsplan entworfen haben, damit der Angeklagte nicht erkennt, daß bei seinem Entweichen die Behörde selber ihre Hand im Spiel hat.
Ich habe nicht eine Minute lang daran gedacht, Herr Richter, das will ich offen gestehen. Uebrigens wozu auch? Der Mann weiß -zu gut, wie scharf er beobachtet wird, als daß er nicht selber auf der Hut sein sollte. Er würde doch merken, daß ich die Hand int Spiele habe, und mißtrauisch sein. Das beste und sicherste ist es, ihm ganz einfach die Tür offen zu lassen.
Vielleicht haben Sie recht.
Nur halte ich eine Vorsichtsmaßregel für unerläßlich; ohne sie kann ich nicht !an einen Erfolg glauben . . .
Der junge Beamte schien verlegen nach Worten zu suchen. Segmüller wollte ihm zu Hilfe kommen und sagte freundlich:
Lassen Sie hören; was ist das für eine Maßregel?
Sie würde darin bestehen, Herr Richter, daß Sie Befehl geben, Mai in ein anderes Gefängnis zu bringen. In irgend eins — ganz nach Ihrer Wahl.
Und warum, bitte?
Weil ich wünschte, daß Mai wahrend der paar Tage vor seiner Flucht durchaus keine Möglichkeit hätte, Nachrichten nach draußen gelangen zu lassen, seinem Komplizen Bescheid zu geben.
Segmüller schien sehr überrascht zu sein.
Sie meinen also, daß er im Untcrsuchungsgefnugnis in schlechter Obhut ist?
Oh, Herr Richter, das sage ich nicht! Ich bin sogar Überzeugt, daß seit dem Vorfall mit dem Zettel der Direktor seine Wachsamkeit verdoppelt hat. Aber, kurz und gut, der geheimuis- pvlle Mörder hatte im Untersuchungsgefängnis seine Verbindungen, dafür haben wir einen tatsächlichen, unwiderlegbaren. Beweis gehabt; und außerdem...
Und außerdem? fragte der Richter, als Lecoq stockte.
Nun denn, Herr Richter, ich will ganz offen gegen Sie sein: Ich! finde, daß Gsvrol im Untersuchungsgefängnis sich zu viele Freiheiten hemusnimmt; er ist da ganz wie zu Hanse, geht und kömmt, geht hinauf itni> hinunter, aus uird ein, ohne daß es jemals einem einfiele, ihn zu fragen, was er da.macht, wohin er 'geht, was er will. W kann hem Direktor, der ein sehr ehrew- werter Mann ist, ganz nach Belieben ein L für ein N vvrmachen. Ich — ich habe ein Mißtrauen gegen Gövrol.
Oh, Herr Lecoq!
Ja, ich weiß, die Anschuldigung ist kühn, aber niemand vermag etwas gegen seine Gefühle, und Gövrol beunruhigt mich. Wußte der Angeklagte odev wußte er nicht, daß ich ihn von der Decke aus beobachtete, und daß ich den Zettel an ihn abgefangen hatte? Augenscheinlich: ja, aus dem letzten Auftritt geht es klar hervor.
Das ist auch, meine Meinung.
Me. hatte er es' denn erfahren? Geraten hat er es doch gewiß nicht! Seit acht Tagen zermartere ich mir das' Gehirn, um eine, andere Antwort auf die Frage zu finden. Die Einmischung Gövrols erklärt alles!
Der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit machte Seg- mutler ganz bleich, vor Zorn.
Ah, lvenn ich das glauben könnte! rief er, wenn ich dessen sicher tote! Haben Sie irgend welchen Beweis? Sind bestimmte Anzeichen vorhanden?
Der junge Beamte schüttelte den Kopf und autworlete:
Und wenn ich! die Hande voll von Beweisen hätte, so weiß ich noch nicht, ob ich damit hervortreten würde. Würde ich mir nicht damit jede Laufbahn verschließen? Wenn ich in meinem Beruf cs zu etwas bringe, so muß ich auf ganz andere Verrätcreien gefaßt teilt . . . Und ich bitte zu beachten, Herr Richter, ich taste nicht Gevrols Ehrlichkeit an. Für hunderttausend Franken, bar auf den Tisch gezahlt, würde er. einen Verhafteten nicht loslassen. Aber ev würde zehn Angeklagte der Justiz entziehen, wenn er Aussicht hätte, mir, der ihm im' Wege steht, damit einen Schabernack zu spielen.
Der Richter konnte sich auf dieses Gebiet der Mutmaßungen nicht einlassen.
Genug! sagte er zu Lecoq. Treten Sie für ein paar Augenblicke in den Salon, nur so lange ich mich anzjiehe. Ich werde- einen Wagen holen lassen, denn ich muß mich beeilen, wenn ich heute noch den Generalstaatsanwalt sehen will.
Einige Augenblicke später wollten sie zusammen den Wagen besteigen, als ein gutgekleideter Bedienter schnell auf den Richter zutrat.
Ah, Sie find'-, Jean. Wie geht es Ihrem Herrn?
Jeden Tag besser! Ich sollte den Herrn Richter fragen, wie es ginge, und wie es mit der Sache stände?
Immer noch so, wie ich in meinem letzten Brief schrieb. Grüßen Sie ihn von mir und sagen Sic ihm, ich sei wieder hergestellt.
Der Bediente verneigte sich, Lecoq nahm neben dem Richter Platz, und der Wägen fuhr ab.
Das war der Kammerdiener des Herrn d'Escorval, bemerkt« Segmüller.
Des Richters, der. . .
Ganz recht. Er schickt ihn alle zwei oder drei Tage zu mir,, um sich zu erkundigen, wie weit wir mit unserem rätselhaften! Mai sind.
Herr d'EScorval beschäftigt sich mit dem Fall?
Ganz außerordentlich., und ich begreife das, da er ja die Untersuchung eröffnet hat. Vielleicht bedauert er, daß er sie abgeben mußte, und denkt, er wäre weiter gekommen als ich. Nun, ich gäbe was darum, wenn er an meiner Stelle den Fall hätte.
lFortsetzung folgt.)
Lin LhamkterbM des chinesischen ttaisers.
Aus Peking kommt die Nachricht, daß der Kaiser des himm- iischen Reiches Kwaug-sü gestorben ist. Die Fülle der Herrscher- gcwalt war ihm schon seit zehn Jahren von der Kaiserin-Witwe Tsu-Si völlig aus den Händen gewunden worden; in seinen«, Palast lebte er wie ein Gefangener, ja schon fast als Toter, von! dessen Selbstmordversuchen ein paarmal dunkle Kunde tu die Öffentlichkeit gelangte. Und doch war Kwang-sü ein jugendlich frischer, von Den besten Absichten geleiteter Fürst gewesen, als! er im Jahre 1889 die Regierung antrat, die seine Tante, die: Kaiserin-Witwe, schon vierzehn Jahre für ihn geleitet. Als Knabe hatte er weniger Interesse für seine wissenschaftlichen Studien bekundet als für Maschinen und besonders für Eisenbahnen. Mit Feuereifer wandte er sich den Herrscherpflichten zu. Um zwei Uhr morgens stand er auf nnd ivar nm drei Uhr bereits an der Arbeit, empfing seine Minister in den ersten Frühstunden und interessierte sich für alles. Seine Maßnahmen und Ziele waren natürlich von einem Gegensatz zu der Kaiseriu-Mtwe bestimmt. Tsu-Si hat ihm bei der Thronbesteigung einen Vertrag mit nicht weniger als 25 Punkten vvrgelegt, den er imterjchredi. !l'. mußte und der ihn eines großen Teils feiner Herrschergewal. M- vaubte. Zehn Jahre lang führte nun der kaum dem Knabenalter entwachsene Kaiser einen erbitterten .Kampf mit der bisherigen Gewalthaberin, und eine zeitlang schien es, als ob er über sie triumphieren würde. Zunächst war noch viel Kindliches in seinem! Wesen. „Mir tuirb erzählt," so berichtete ein englischer Gesandter kurz nach der Thronbesteigung, „daß der junge Kaiser so ausgelassen ist wie nuv irgend eilt anderer Knabe unter seinen! Untertanen. Bor ein paar Tagen besuchte er einen neuen Dampfer, der vom Stapel gelassen werden sollte, und lief dabei plötzlich Lev Hofgesellschaft fort hinunter in den Maschinen raum, wo er sich mit den Heizern unterhielt." Einige Jahre später schildert ihn eüt Bericht des deutschen Gesandten: „Seine Majestät sieht Ätev aus, als er ist. Mit gesenktem Kopf und fahlem gelben Gesicht sah eri scheu aus die versammelten Diplomaten und feiner schweren dunklen Augen hatten einen dumpf melancholischen Ausdruck. Ein müdes und fast kindisches Lächeln spielte um seinen Mund. Wenn feine Lippen sich öffneten, so erschienen seins langen unregelmäßigen gelben Zähne, itnb zwei große Höhlen zeigten sich in den Backen. Sein Gesicht machte einen nicht un- fympathischen Eindruck; aber eine völlige Gleichgiltigkeit lag auf diesen starren Zügen und ivie eine schwere Last schien er seit« Würde und sein Leben zu tragen." Aus dem hübschen großäugigen' schlanken Jungen war! rasch ein schwermütig schlaffer, resignierter.


