1908
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Herr Lecoq.
Kriminal-Noman von E. Gaborialt.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Wozu denn aber 'diese Komödie, die er uns soeben vorgespielt hat? fragte der Direktor. Das kann ich mir nichts erklären.
Oh, ganz einfach! antwortete Lecoq. Sehen Sie b-ctni nicht, das; er gehofft hat, den Richter zu überreden, das erste Billett sei ebenfalls von mir fabriziert worden? Der Versuch war kühn, aber, wenn er glückt«, so war ich entehrt, und er blieb ohne Widerspruch vor'allen Leuten Mai. Wenn ich nur wüsste, wie er hat erfahren können, daß ich ein Billett abgefangen hatte und ihn von meinem Hängeboden ans belauerte! Das wird ohne Zweifel niemals aufgeklärt werden.
Der Direktor und Lecoq wechselten Blicke, in denen sich ein schwerer Verdacht aussprach:
Hm, hm, dachte der Divektor, warum sollte in der Tat das Billett, das mir gestern vor die Füße fiel,, nicht von diesem gerissenen Burschen fabriziert worden sein? Sein Freund, der alte Absinth. hat ihn im ersten Fall ebenso gut bedienen können, Ivie im zweiten.
Wer weiß, sagte Lecoq zu sich selber, ob nicht der brave Direktor die ganze Geschichte an Gsvrol ausgeplaudert hat? Mein eifersüchtiger General würde mir sicherlich ohne jedes Bedenken einen Possen spielen! i
Jedenfalls ist es recht ärgerlich, rief Goquet, daß eme so fein ein gefädelte Komödie keinen Erfolg gehabt hat.
Dies Wort störte den Richter aus seinem Nachsinnen auf.
Eine unwürdige Komödie! rief er. Ja, eine Komödie, zu der ich niemals meine Einwilligung würde gegeben haben, wenn ich nicht von einer blinden Leidenschaft besessen gewesen wäre. Ich wollte die Wahrheit wissen, aber man verletzt die Majestät der Gerechtigkeit, wenn man sich zu so erbärmlichen Täuschungen hergibt. ,,
Bei diesen Worten wurde Lecoq blaß und Wnttränen stiegen ihm in die Augen. Zum zweitenmal binnen einer Stunde wurde er schwer beleidigt — erst vom Angeklagten, jetzt vom Richter.
Ich bin gescheitert, dachte er bei sich, also verleugnet man mich. Das ist ganz in der Ordnung. Ah! wenn mein Plan gelungen wäre ... , t
Nur der Aerger hatte Segmüller bte harten Worte entrissen ; hinterher taten sie ihm leid, und er bemühte sich nach .Kräften, um sie durch Freundlichkeiten gegen Lecoq wieder, gut zu machen. Denn sie sahen sich noch immer jeden Bornnttag und hielten lange Beratungen über die verschiedenen von Lecoq unternommenen Schritte ab.
Dieser hoffte noch immer auf Erfolg, aber der Untersuchungsrichter war gänzlich entmutigt:
Es ist aus! sagte er. Alle Mittel sind vergeblich angewandt; ich ergebe mich. Der Angeschuldigte kommt vors Schwurgericht und wird unter dem Namen Mai verurteilt oder freigesprochen. Ich will nlit die Geschichte gar nicht mehr denken.
So sagte er, aber er dachte doch daran; und die fortwährenlus Aufregung erschütterte seine Gesundheit; er mußte das Bett hüten.
Seit länger als acht Tagen war et nicht mehr ausgegangen/ als eines Morgens Lecoq zu ihm kam.
Sie sehen, mein armer Junge, sagte Segmüller, dieser rätselhafte Mörder ist seinem Richter verhängnisvoll. Oh, er hak uns gefoppt, er wird unerkannt bleiben.
Vielleicht! antwortete der junge Beamte. Es gibt noch eilt letztes Mittel, um hinter fein Geheimnis zu kommen: wir müssen ihn entfliehen lassen.
34. Kapitel.
Das von Leooq in Aussicht genommene allerletzte Hilfsmittel ivar nicht von seiner Erfindung und auch nicht einmal neu. Seit undenklichen Zeiten hat die Polizei es verstanden, notigen- falls ein Auge zu schließen und eine Gefängnistür offen zu lassen. Indessen entschließt man sich doch nur im äußersten Notfall, wenn alles andere fchlgeschtageu ist, dazu, einen Gefangenen enb- kommen zu lassen; im Grunde ist das Mittel gefährlich Man greift also nur dazu, wenn man von dem Gelingen einen ganz besonderen Vorteil erhofft, wie z. B. die Verhaftung einer ganzen Verbvccherbande.
Angenommen, man hat einen einzelnen Mann von der Bande festgenommen; er besitzt die Verbrecherehre und weigert sich, seine Mitschuldigen zu nennen. Was soll man tun? sich darein ergeben, daß er allein gerichtet und verurteilt wird? Oh nein! Da läßt man besser, anscheinend durch Zufall, eine Feile in seine Hönde gelangen, womit er die Eisenstäbe durch- seilen kann, oder einen Strick, um sich daran herunterzulassen. Er bricht aus; aber er ist wie ein Maikäfer, dem man einen Nadeir ans Bein gebunden hat: eine Anzahl geschickter Beobachter ist ihm unmittelbar auf den Fersen. Und im Augenblick, wo er sich seinen Genossen gegenüber mit seiner Geschicklichkeit und seinem Glück brüstet, klappt die Falte über der ganzen Gesellschaft zusammen. , , . , , .
Richter Segmüller wußte dies alles und noch viel mehr: auf Lecoqs Vorschlag jedoch richtete er sich im Bett auf und rief:
Sind Sie wahnsinnig?
Ich glaube nicht, Herr Richter.
Den Gefangenen entfliehen lassen!
Ja, antwortete Lecoq kalt, das ist allerdings meine Meinung.
Genug! unterbrach Segmüller ihn. Ich will von dieser Geschichte nichts mehr hören. Ich denke, ich hatte Ihnen verboten, mich fortwährend daran zu erinnern.
Der junge Beamte senkte mit erheuchelter Befcheidenhett den Kopf. Aber er beobachtete den Richter aus dem Augenwinkel und bemerkte sehr gut dessen Erregung.
Ich kamt ruhig schweigen, dachte er bei sich, er wird von selber darauf zurückkvmmen.
Und Segmüller kam in der Tat darauf zurück. Eist erkundigte er sich im allgemeinen, ivas Lecoq zu tun gedächte, dann erklärte er, daß er nickst mehr tun könnte, als seine stillschweigend« Einwilligung zu geben. Aber Lecoq machte ihm begreiflich, daß er nicht allein Vorgehen könnte, daß man ihm auf der Präfektur niemals die Erlaubnis geben würbe, daß man ihn im Gegenteil


