Ausgabe 
18.7.1908
 
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Abkochen verbanden wir zugleich ein Licht-, Luft- und Sonnenbad. Die heitersten Szenen trugen sich hierbei zu.

Nachdem die Grünkernsuppe, die Makkaroni und die Zlvetschen verzehrt waren, ruhten wir uns gemächlich aus. Dann zogen wir weiter. Obwohl der Weg kein Ende nehmen wollte, trieb uns doch eine gewisse Zaubergewalt an. Das durch Hauffs GeschichteDas Wirtshaus iin Spessart" be­rühmt gewordene Gasthaus sollten wir sehen. Endlich tauchte es vor uns auf, und wir waren ziemlich enttäuscht, denn es war ein gewöhnliches Touristenlokal in neuerer Bauart, das die Ehre hat, an der Stelle des abgebrannten Originals zu stehen und durch diese Berühmtheit Freunde anzulocken.

Die Sonne senkte sich schon zur Ruhe, und da wir müde waren, wollten ivir hier oben übernachten, aber die Mehrheit entschied sich für den Weitermarsch nach dem nächsten Dorf, das allerdings noch einige Stunden ent­fernt ivar, und so wanderten wir wieder abwärts. Durch ein langes Wiesental, das mit Wäldern auf beiden Seiten umgeben war, nahmen tvir unfern Weg. Um 10 Uhr kamen wir an, und da tvir sehr müde tvaren, legten ivir uns nach denk einfachen Abendessen, das aus Brot und Milch bestand, aufs Stroh nieder.

Die Sonne weckte uns am folgenden Morgen ititb er­wärmte uns auch während des Abkochens, das wir in der Nähe des Dorfes vornahmen.

Aschaffenburg sollte heute noch vor 6 Uhr erreicht werden, und so schlugen wir, abgesehen von einem Abstecher nach dem Schloß Messtelbrnnn, den nächsten Weg ein. Unterwegs trennten wir uns, ein Teil marschierte ohne Aufenthalt weiter, um noch nach Hause fahren zu können, während wir noch eine Stunde Rast machten urtd abkochten. Dann setzten auch wir den Marsch fort; von ferne sahen ivir schon die 4 Kuppeln des Schlosses, uttb allmählich wurde auch das Weichbild der Stadt sichtbar. Im Schloßpark, wo wir uns kurze Zeit aushielten, ivurde die Reisekasse aufge­teilt. Wir waren über unsere Sparsamkeit selbst nicht wenig erstaunt, denki von den 8.50 Mk., die wir eiugezahlt hatten, Erhielt jeder noch 3 Mk. zurück !

Leider trennte sich unser Führer von uns, und da ivir den Samstag, den letzten Tag, noch im Spessart verbringen wollten, so versuchten wir auf eigene Kraft angewiesen den Spessart von Aschaffenburg bis Hanau zu durchwandern. In einem Dorf wurden wir von der Frau Bürgermeister freund- lich aufgenommen und schliefe,t auch die letzte Nacht noch einmal im Heu.

Am Nachmittag wurde abgekocht, und nach eineni letzterr, langen Marsch erreichten wir Hana u.

In jeder Beziehung befriedigt, traten tvir die Heim- reise mit der Bahn an, und wohlbehalten erreichte,t ivir am Abend Gießen. E. T.

Vermischtes.

* D as Menü der Tiere. Der soeben veröffent­lichte Jahresbericht des Zoologischen Gartens in London beziffert die Erhaltungskosten der darin untergebrachten Tiere im abgelaufenen Jahre auf 85 000 Mk. Davon ent­fielen 442 Mk. auf Pferdefleisch; da aber die Pferde, die angekauft werden konnten, nicht die erforderliche Qualität besaßen, so erhielten die Raubtiere außerdem 5539 Pfund Rindfleisch und wurden für sie auch 149 Ziegen geschlachtet. Unter den anderen Posten findet man: 38 804 Hühner köpfe, 2555 Liter Garueelen, 26 025 Eier, 83 Viertelpfund-Dosen Fleischextrakt, 4326 Dosen kondensierte Milch, 40 Tonnen Reis, 648 Laib Brot, 12695 Liter frische Milch, 40 Zentner Nüsse, an 3000 Pfund Weintrauben, 8622 Orangen, 168 Pfund Rosinen, 15 263 Köpfe Salat, 69102 Bananen, und 20 Gurken. Der Hauptverbrauch bestand aber in Heu, dessen Anschaffungskosten 11680 Mk. erforderten, Getreide und Mais für 4640 Mk., Grünfutter für 13120 Mk. und Fische für 7140 Mk. Woraus man ersieht, daß der Appetit der Tiere unter der Gefangenschaft nicht gerade zu leiden scheint.

* D u r ch S ch u n d b ü ch e r z u m V e r b r e ch e n v e r- führt. Die Verwirrung, die früher Jndianergeschichten in jugendlichen Köpfen anrichteten, verursachen jetzt Sher­lock Holmes-Bücher. Das bestätigt wieder ein Fall, wo­rüber aus Köln gedrahtet wird: Der Kölner Kriminal­

polizei ist es gelungen, drei Mitglieder jener Spitzbube,^ bande aufzusstüren, die in letzter Zeit die nördlichen Teile Kölns unsicher machten. Es handelt sich um drei soeben aus der Schule entlassene Burschen, die gleichfalls, wie der Kölner Knabenmörder, durch Schundliteratur, vornehm« lich ans der Klasse der Sherlock Holmes - Bücher, zu ver« brecherischem Treiben angeregt, sich zu einer Bande ver« einigten. Sie war mit Revolvern, Patronen und Diet« richen ausgerüstet, schlich sich nachts in Privathäuser ein und schreckte nach eigenem Geständnis vor Mord nicht zurück, wenn sie in der Ausübung ihrer Pläne gestört werden sollte. Bei der Festnahme der Verbrecher wurden die Kriminalbeamten, die die jugendlichen Spitzbuben über die Dächer verfolgten, mit Schüssen einpfangen.

Hauswirtschaft.

Völlig geruchloses, mattes Nachtlicht, Daß alle Nachtlichte einen unangenehmen Geruch haben, weiß jede Hausfrau, ebenso, daß dieser Geruch für empfind­liche Kranke oft unerträglich ist und jedenfalls nicht sehr gesundheitsförderlich wirkt. Wenn inan aber oben auf die Brennfläche einer Stearinkerze so viel feingestnlvertes Koch­salz streut, daß der Stearin ganz verdeckt ist und das Salz dicht an den Docht heranreicht, so brennt die Kerze ganz schwach, völlig geruchlos und so sparsam, daß am Morgen nur ein kleines Stück verbraucht ist, Bei dieser Gelegenheit möge dringend vor dem so beliebten Herunterschrauben der Petroleumlampen im Krankenzimmer gewarnt werden, weil der Docht einer solchen Lampe die ganze Nacht hindurch raucht Und das Zimmer mit widerlich riechenden, höchst gesundheitsschädlichen Gasen anfüllt, die bei zarten Kindern sogar schwere Erkrankungen verursachen können und bei allen Krankheiten der Luftröhre oder der Lunge verschlim­mernd wirken.

Freiheit.

Hellen Auges, freien Blickes

Mußt du die Natur durchschweifen, Sollen dir auf deinen Wegen Der Erkenntnis Früchte reifen,

Hellen Auges,, freien Blickes

Mußt das Leben du betrachten, Daß nicht Aberglaubens Nebel Deiner Forschung Licht unmachten.

Unbeirrtes, frohes Urteil

Ans des Herzens lautrer Quelle Scheucht hinweg des Wahnes Schatten, Macht den Horizont'dir helle.

Glanbenszivang, Tyrannenwillkür Dürfen deinen Mut nicht stören, Und der Mensch in seiner Würde Dars sich selbst nur angehören.

A. Amina n n.

Silbenrätsel.

Von meinem Ganzen drei Silben nur Find'st hier du kaum noch eine Spur;

Doch, weil es nicht mehr ist auf Erden, Soll's dort noch einmal zur Vollendung werden. Die erste ab dem Rest häng' eine Silbe an, Erscheint dir ein Gewächs, beliebt bei jedermann.

N.W. Bhd.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Schiebe-Nätsels in voriger Nummer: Ukraine

Hunsrück Wilmersdorf f alm Tat ra Me mc( Net fon Psalter Padua Leander Welling ton.

Ausstellung in Darmst a dt.

Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.