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Gießener Wandervögel unterwegs.
Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter".
Wandervögel nennt sich eine Schar jugendfrischer Jünglinge aus allen Gauen des Reiches, welche die Lust am Wandern verbrüdert hat; sie betreibt ihre Wanderungen auf eigene; Weise. Sie liebt es nicht, im Gasthaus zur schönen Aussicht ein langes Mittagessen mit Wein zu schlemmen, im §otel M übernachten und eine anständige Bedienung mit guten! Trinkgeldern zu erkaufen. Sie füngt's gescheiter an, um! ein Stück Welt zu sehen. In bequemer, wetterfester Wanderkleidung, den Rucksack und Mantel aufgeschnallt, gehts möglichst bald ins Freie und zu Fuß iu die Landschaft hinein., Um die Mittagszeit wird im Freien abgekocht, die Rucksäcke! enthalten die nötigen Geschirre und Vorrat zur Mahlzeit., Ein Koch ist immer dabei. Nach genügender Rast werden im Bach die Geschirre gereinigt, aufgepackt, und weiter gehts^ einem neuen Ziele zu. Als Nachtlager für so eine Wanderschar reichen die Betten in einem Dorfwirtshaus natürlich nicht aus, und Wandervögel machen auch keinen Anspruch darauf. Sie bitten den Wirt, ins Heu oder Stroh schlüpfen zu dürfen, und wenn er keins hat, suchen sie halt weiter, oder ein einsichtiger Bauer nimmt die Buben auf. Am nächsten Morgen wäscht man sich am Brunnen oder Bach oder es wird im Fluß gebadet, und nach einem Frühstück von Milch und Bauernbrot flattern die Sänger zu! neuem Schauen und Erleben über die reiche Erde hin. Wer hätte nicht Lust, mitzuziehen?
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Wir Gießener „Wandervögel" unternahmen während der achttägigen Pfingstferien der Schule eine Fahrt in R h ö n und Spessart, die uns unvergeßlich sein wird.
Samstag vor Pfingsten wandten wir unserer Heimat den Rücken, und eine Bahnfahrt von mehreren Stunden! brachte uns, in die herrliche Rhön. Am Abend bestiegen wir noch die Milseburg, die uns einen großartigen Ausblick gewährte, und wanderten dann weiter nach der Wassersuppe. Jedoch schon vorher machten wir an einem Abhang halt, um abzukochen. Das erste Mal für mich und manchen anderen unter freiem Himmel. Ein klarcsl Bächlein versorgte uns mit Wasser, und der nahe Wald lieferte das nötige Brennholz.
Bald flackerte ein lustiges Feuer im Abendschein, und 10 Gestalten hockten im Gras umher und warteten auf den Kakao, der zur Zufriedenheit aller ausfiel. Mittlerweile fing es an zu dunkeln, und so suchten wir im nächsten; Dorf Quartissr. In eine Scheune wurden wir ausgenommen, und bald hatten wir uns im Stroh verkrochen. Jedoch die erste Nacht sollte nicht die beste sein. Wir froren nämlich
verlassen habe. Ich hatte dies, wie Sie wissen, in Erfahrung ge- örächt und sagte ihm, er sei mit demselben Schiffe, das ihn zurückgeführt habe, abgesegelt, mit der „Dalmatia", die am! 21. April in Newyork nillangen sollte, so daß er reichlich Zeit behielt, vor dem Abend des 22. in Boston einzutresfen
Hierauf erwiderte er mit der größten Ruhe: „Der Sahib' hat recht. Ich fuhr mit der „Dalniatia" ab, die am' 21. April in Newyork stickig war. Dieses Schiff ist, wie Ihnen bekannt fein durfte,, ein Doppelschraubendampfer. Gerade auf dieser Fahrt brach eine Schraube, und infolgedessen erreichte der Dampfer Newyork erst, am 24. April, mit drei Tagen Verspätung, vhng daß ein Passagier aiif ein anderes Schiff übergesÄhrt worden wäre. Wenn Sie sich gefälligst zum Bureau der Dampfschiffahrts- gcsellschaft bemühen wollen, so werden Sie mir die llnannehmlichx- keit einer längeren Hast ersparen können."
Er sagte das alles mit völliger Beherrschung seiner Stimmd und einer kalten, messerscharfen Höflichkeit. Mein erster Gedanke war, es sei nur eine List, um Zeit zu gewinnen, aber die Beamten der Gesellschaft bestätigten Ragobahs Aussage Wort für Wort. Die „Dalmatia" war am 24. April elf Uhr vormittags! mit zerbrochener Schraube in den Ncwyorker Hafen eingelaufen!
Das Netz von Umstandsbeweiscn um Ragobah schien so eng, daß ein Entrinnen unmöglich war, und doch vermochte er beim! ersten Versuche, es um ihn zusammenzuziehen, mit Leichtigkeit durch seine Maschen zu schlüpfen. Gegen solch ein Alibi läßt sich nicht ankämpfen, und ich muß daher zugeben: Rama Ragobah kann unmöglich John Darrows Mörder sein. Daß er die Tat geplant hat, daß es seine Absicht war, sich bei der Ausführung an Ort und Stelle zu befinden, mag wohl sein, aber wir müssen sofort jeden Gedanken an seine persönliche Täterschaft aufgeben," (Fortsetzung folgt.)
sich das Haar, zerschlug sich die Brust und wies jede Nahrung so lange zurück, daß ein anderer vor Hunger zugrunde gegangen wäre. Niemals hat er sich von diesem Schlage wieder ganz erholt. Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, aber nie hat inan ihn wieder lächeln sehen. Lange, ehe sein zermalmter Fuß geheilt war, stand bei allen, die ihn kannten, die Uebevzeugung fest, daß er von nun an nur noch einen Lebenszweck habe: die Rache, und daß der Tod allein ihn von diesem Ziele abbringen könne. Gerade diese Ueberzeugung machte meine Nachforschungen nach deni Sahib Darrow um so schwieriger, denn ich mußte sie ganz im geheimen anstellen. Ich erfuhr zunächst nur, daß er Bombay den Rücken gekehrt habe. In allen indischen Städten suchte ich ihn vergebens, und oft genug mnßtc ich aus- sinden, daß ich bei meinen Nachforschungen nur Ragobahs Spuren folgte. Ich glaube, trotz meiner Vorsichtsmaßregeln erfuhr Ragobah endlich durch feine Werkzeuge von meinen Bemühungen; denn ich fand, daß alle meine Schritte von Leuten in seinen Diensten so scharf belauert wurden, daß ich schließlich alle persönlichen Nachforschungen aufgeben und mich eines ihm unbekannten Agenten bedienen mußte. Alle meine Versuche, den Sahib aufzuspüren, waren jedoch, wie gesagt, umsonst, und ehe ich von Ihnen eines anderen belehrt wurde, war ich auch der Ueberzeugung, Ragobahs Anstrengungen seien ebenso ergebnislos gewesen. Damit wissen Sie alles, was ich Ihnen zur Sache mitteilen kann. Vermag ich Ihnen sonst noch irgendwie zu dienen, so verfügen Sie über mich!"
Mit diesen Worten erhob er sich, um sich zu entfernen, und ich versprach, ihm von den: weiteren Verlaufe der Ereignisse Mitteilung zu machen. Dieser wird in erster Linie von einem Umstande abhängen, den ich gleichfalls mit Scindias Hilfe ermittelt habe. Er selbst war lange Zeit im Zweifel, auf welchem Schiffe Ragobah Bombay verlassen habe, doch gelang es ihm schließlich zu ermitteln, daß es auf der „Dalmatia" geschehen sei. Da die Vermutung nahe lag, day er mit dein gleichen Schiffe zurück- I kehren würde, so telegraphierten wir nach Newyork und erfuhren aus der Schiffsliste, daß Ragobahs sich tatsächlich wieder auf der „dalmatia" eingefchifft habe, und zwar unter seinem richtigen Namen. So schwimmt er jetzt auf hoher See; sobald er den Fuß^ans Land setzt, werde ich ihn verhaften lassen.
Das ist alles, was ich für heute zu melden habe, ich schreibe und telegraphiere sofort, sobald die „Dalmatia" im Hafen ist.
Als ich mit dem Vorlesen des umfangreichen Schriftstückes zu Ende war, schwiegen Florence und Maitland eine Weile. Sie blickte auf ihn, als müsse sie sein Urteil hören, bevor sie selbst zu sprechen wagte. Als er endlich den Mund öffnete, kamen die Worte in einem mißvergnügten Tone Hervor: „Das alles hört sich an wie ein interessanter Roman, aber es ist eine Stelle dann, die mir nicht gefällt: die Nachricht, daß Ragobah unter feinem: eigenen Namen reist. Ein Mörder wird kaum je so I leichtsinnig fein. Der erste Umstand, der den Verdacht gegen ihn I entkräftete, war fein Herumtreiben in der Nähe von Darrows I getufe, der zweite ist dies offene Hervortreten mit seinem Namen, I
glaube, beinah," hier stockte er für ein paar Sekunden, I
um dann hinzuzufügen: „Nun, wir müssen vorläufig in Geduld I einen weiteren Bericht unseres Freundes Siddons abwarten."
2. Kvpitel.
Zehn Tage mußten wir warten, bis ein weiterer Bericht aus Bombay kam, und wir füllten diese Zeit begreiflicherweise mit j unzähligen Kombinationen und Vermutungen darüber aus, was er uns bringen würde. Als er dann endlich kam, war es wieder meine Aufgabe, ihn voüzulesen. Herr Siddons schrieb:
"Es - ist eine sehr überraschende Mitteilung, die ich Ihnen I heute zu machen habe, so überraschend, daß ich zuerst im Begriff I stand, |te ^hnen kurz telegraphisch zu übermitteln. Bei näherem I lieberlegen schien mir aber die ausführliche briefliche Mitteilung doch besser, und so lasse ich sie hier folgen.
Die „Dalmatia" lief fahrplanmäßig am Donnerstag imHafeu j Iran Bombay ein, und unter ihren Fahrgästen befand sich Ragobah. Als er den Dampfer verließ, wurde er auf meine Vcr- I aulagung verhaftet. Beim Verhör schienen ihn die Anklagen, die ich gegen ihn vorbrachte, durchaus nicht in Verlegenheit zu I bringen. Dies überraschte mich übrigens nicht, denn ich halte nicht erwartet, daß ein Mann, der seinen nackten Körper von I bis zum Ganges über den glühenden Saud wälzte und I oer 1 ich von der Waisya- bis zur Brahmakaste aufschwingen konnte, I fufj so leicht durch Furcht oder sonstige. Erregung verraten würde. I ^??^dekannt,chaft mit Herrn Darrow und das feindselige Ver- I haltnis, das Mischen ihnen geherrscht hat, gab er ohne weiteres ■‘r’ m M dw Beschuldigung, am Abend des 22. April nt Dorchester den Mord verübt zu haben, fragte er sehr kühl, I Pb mir bekannt fei, wann und mit welcher Gelegenheit er Indien I


