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hast in Sonnenlicht und frischer Lust körperlich und geistig kräftigen ?
In dankenswertester! Weise haben Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers vor kurzer Zeit durch Verteilung von Spielgeväten, durch Mitteilung von Spielregeln (Barkauf) an das Spielbedürfnis unserer Kinder erinnert. Aber alle Anregungen dieser Art fallen auf unfruchtbaren Hoden, so' lange nicht auch ein Spielplatz da ist, auf dem^man wpielgemte benutzen und nach Spielregeln spielen kann. , In den svlgenden Ausführungen sei daher kurz die Notwendigkeit des sopreles zur Ausbildung von Körper und Geist und damit zusammenhängend die Notwendigkeit der Beschaffung von Spielplätzen dargetan:
Es ist eine bekannte Tatsache, daß hinsichtlich der verbreitetsten Bolkskrankheit, der Schwindsucht, die städtischen Bevölkcrungs- kreise weit mehr gefährdet sind als die ländlichen. Trotz aller sanitären Maßregeln: rascheste Entfernung aller Abfallstosse, Entwässerung des Untergrundes, Zuleitung guten Trinkwassers, Ueber- wachung des Verkehrs mit Nahrungsmitteln usw. usw., Maß- rcgeln, die die Städte in gesundheitlicher Beziehung' dem Lande weit vorauseilen lassen sollten, geht es hierin doch nicht so flott vorwärts, wie es sollte. Wieviel Blutarme weist wohl unser Gießen auf? Wie groß ist die Zahl der nervösen und übernervösen Kinder? Wie viele von unseren körperlich und geistig schwach- bcanlagten Jungen und Mädchen werden mit aller Gewalt durch eine höhere Schule gepreßt solange, bis endlich der Mechanismus des Körpers oder der des Geistes oder der beider versagt? Welche Erholung winkt unfern Kindern, wenn sie die tägliche Arbeit hinter sich haben? Die Straße, die Gasse — und bei den meisten: nur die Straße, die Gasse. Und auch da ist der Spielraum so winzig.
„Mutter, ich will Dobch tanzen lassen?"
„Ja, aber nur auf dem Trottoir, auf der Straße selbst ist's zu gefährlich."
„Dann kann ich gleich hierbleibcu, denn da jagen einen die Schutzleute doch alle Augenblick fort."
Eine ähnliche Erörterung wird im Winter die Frage jiädj einet kleinen Handschlittenexpedition Hervorrufen. Ueberall Hemmung, nirgends Freiheit in der Betätigung des Spieltriebs. Wie soll sich da. der Körper und Geist entwickeln können, wenn iede Regung eines selbständigen Wesens, Ivie sie das Kind im Spiel zeigt und wie es sie ausbilden muß zur Erzielung eines Charakters, im Keime erstickt wird? Schon der alte Goethe klagte, daß die Jugend zu sehr eingeengt würde. In seinen Gesprächen mit Eckermann lasen wir da neulich:
„Ich brauche in unserem lieben Weimar nur aus dem Fenster hinauszusehen, um gewahr zu werden, wie es bei uns steht. Als neulich der Schnee lag, und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war em Polizeidiener nahe, und ich sah die atmen Dingerchen fliehen, so schnell sie konnten. Jetzt, wie die Frühlingssonne ste aus den Häusern lockt, und sie mit ihresgleichen vor ihren Türen gern ein Spielchen machen, sehe ich sic immer geniert, als waren sic nicht sicher, und als fürchteten sie das Herannahen irgend eines polizeilichen Machthabers. Es darf kein Mibe mit der Peitsche knallen oder singen oder rufen, sogleich ist die Polizei ^da, es ihm zu verbieten. Es geht bei uns alles dahin, die liebe äugend frühzeitig zahm zu machen, und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit auszutreiben, so daß am Ende nichts.übrig bleibt als der Philister."
Und diese Worte sprach der 79 jährige Goethe, er sprach sie in einem Alter, da andere Menschen über die zunehmende Roheit, Pietätlosigkeit und Zuchtlosigkeit des Heranwachsenden Geschlechts zu eifern pflegen. Wie würde er wohl heute urteilen, wenn er Gießens Kinder, ihr Tun und Treiben beobachten könnte? Würde er nicht, wenn wir ihm alle Errmigenschasten unserer Kultur seit 80 Jahren aufzählen würden, fragen: Und wo und wie bildet sich die Fügend weiter?
Ja, die Jugend! Zur Hebung der Pferdezucht zur Erzielung einer Pferdejugend, die kräftige Küvchen und gesunde Lungen aufweist, hat man Fohlenweiden eingerichtet. In ähu- lichem Sinne wie Vie Pferdezuchtvereine arbeiten die Gesellschaften zur Verbesserung unserer R i n d v i e h s ch l ä g c. Und in der Z i e - g e n z u ch t hat Gießen vielen Orten den Rang abgelaufen. Em prächtiger Tummelplatz in staubfreier Lust ermöglicht den jungen Geistchen beiderlei Geschlechts einen Sommeraufenthalt, Ivie wir ihn für unsere Kinder in ihren Freistunden nicht schöner wün,cheit könnend Doch für diese ist nach der Schulzeit ja ine Gasse da, da können sic sich tnnnnelu nach Herzenslust, soweit es die vielen Wagen, die Passanten und die Polizei gestatten.
Nun liegt cs uns .vollständig fern, unseren Aufsichtsbehörden irgend welchen Vorwurf machen zu wollen. Sie hnt nicht mehr und nicht minder, als sie bei den heutigen Verkehrsvcrhaltmssett tun müssen. Vielleicht ist die Ursache davon, daß sich dem Spicl- trieb unserer Kinder so viel Hemmnisse entgegenstellen, m dem raschen Wachstum unserer Stadt zu suchen. Alle freien Platze innerhalb der Stadt und in deren nächsten Hingebung werden verbaut und so müssen denn gar viele Buben unb Mädchen heute noch viel mehr als früher ihre Freistunden in «midgafte, Muhlgasse usw. verbringen. Wo bleibt ein Spielplatz, Ivo bleiben
Spielplätze für unsere Jungen und Mädels? Spielplätze, möglichst nahe gelegen, staubfrei, mit einigen schattigen Partien, groß genug, um auch mehreren Spielgruppen Platz zu bieten, wo sind sie?
„Der Trieb ist ja den Kindern sreigcgeben, da können sie nch tummeln nach Herzenslust," sagte uns neulich ein Herr, mit dem wir die Frage iiach einem oder mehreren Kinderspielplätzen erörterten. — Richtig, der Trieb ist da und als Spielplatz fast ideal zu nennen, wenn — man dort ist. Man glaube doch nicht, daß die Kinder der Innenstadt erst einen Weg von s/z bis % Stunden machen werden, um auf den Spielplatz zu komuien. Die zum Spielen verfügbare Zeit geht ja bei manchem Kinde durch Hin- und Rückmarsch verloren. Mit diesem Platze ist also der Masse nicht gedient. Im Ostend, Nordend, Westeud und Südend mußten Plätze vorhanden sein, die den Kindertt ermöglichten (Feierabends und an Sonmagnachmittagen wohl auch dm Kindern über 14 Jahren) ihre Knochen zu kräftigen, ihre Muskeln zu stählen, ihre Lungen zu stärken. ______ „
Darum auf, ihr Bürger, die ihr mehr als 400 000 Mark iir ein Theater gespendet habt, vielleicht findet ihr auch noch Geldrestchen für die Zukunft unseres Volkes, für die Jugend, sorgt für Spielplätze, und die Jugend, die gesunde Jugend wird euch dereinst danken für das, was ihr für sie getan habt. Aber sorgt: bald, denn blasser werden die Rosen, die auf eurer Kinder Wangen: blühen — sollten, von Jahr zu Jähr. Geht an die Schulhöfe während der Schulpausen, und ihr werdet bald finden, wer erst kürzlich vom Lande hereinkam. Braune Haut, rote Wangen, blankes, gesundes Feuer in den Augen, ihr werdet alle drei Eigenschaften gesunder Kinder an vielen, vielleicht an sehr vielen, vermissen.
Schulärzte, Heilkurse, Ferienkolonien usw., sie können wohl hier und da helfend einspringen, aber die Masse, die Masse geht langsam, aber stetig körperlich und damit seelisch zurück.
Per boten wird unserer heutigen Jugend alles Mögliche, aber Ersatz für die Hemmnisse im Tätigkeitsbetrieb wird nicht g e boten. Und dieser Tätigkeiistrieb muß erhalten bleiben, muß gekräftigt und gefördert werden schon im ureigensten Interesse der Volks-, gesundheit.
Sv sprach am 18. Februar d. Js. der Abgeordnete von Schenckendovff im Preußischen Abgeordnetenhause:
„Jugendspiele und besondere Leibesübungen in frischer, freier Luft müssen in den Schulen obligatorisch eingeführt werden Diese Spielpflicht ist doppelt nötig angesichts der gesundheitlichen Schä- digungen, die der heutige 'Schulunterricht bei so vielen Kindern' zeitigt. Die Fürsorge für die Jugend dient der Erhaltung der Volksgesundheit, der wirtschaftlichen Bolkskraft und der nationalen Wehrkraft."
Kulturminister Holle erklärte unter anderem hierzu: „AuA dem Schulspiel, dem Schulturnen muß allmählich das Volksspiek, das Bvlksturnen werden. Ich werde deshalb solche Schulleiter, die der Ansicht sind, daß obligatorische Spielnachmittage nötig sind, solche einführen lassen, und nach ein paar Jahren über die Erfolge benchren lassen." Der Minister ist dann weiter iwch der Ansicht, daß die Pflege körperlicher Hebungen eines der besten Mittel sei, die Jugend vor sittlichen Gefahren zu bewahren.
Der Antrag v. Schenckendorffs wird einstimmig angenommen.
Die geistig höherstehenden Städte, zu denen sich doch auch unser Gießen rechnet, sind stolz, auf ihre guten Schulen, cs sollte ihren Bürgern aber auch Herzensangelegenheit sein, ein ebenso gutes Jugendspielleben aufweisen zu können und zwar' ein Spiel- iebeu, das in alle Kreise der Bevölkerung eingreift. Und was der Riesenstadt London möglich war, nämlich trotz der Enge der für Bauten verfügbaren Räume Spielplätze für, die Jugend zu erhalten bczw. neu zu schaffen, das sollte auch Gießen mit feinem in nächster Nähe der Stadt befindlichen, zu , gedachtem Zweck etwa verfügbaren Gelände nicht unmöglich sein. Auch Gießen sollte und müßte Spielplätze schaffen und den zukünftigen Geschlechtern sichern.
Vorhin schon wurde erwähnt, daß unseren Kindern .soviel verboten, aber so wenig geboten wird für ihren Drang, sich zu betätigen. Ganz eindämmen läßt sich ja diese Lust zum Schaffen nicht, Gott sei Dank! Aber wie oft wird am verkehrten Platz mit schlechten Mitteln zu schlechtem Zweck das von den Kindern, getan, was zu rechter Zeit in gesunde Bahnen gelenkt gesunde Ziele erreichen ließen, und hierzu würden Jugendspiele nur förderlich wirken.
Darum ist es notwendig, daß sich Eltern und Gemeinde, Schule und Kirche der Jugend in ihren Freistunden mehr annehmen. Alle Versorger der Kinder sollten ihren Pfleglingen weitestgehende nützliche Anwendung und Hebung ihrer körperlich und geistig werdenden Kräfte möglich machen. Vielleicht wird dann noch manches sittlich gefährdete Kind durch Führung in gcftindere Lebensbedingungen vor den: sonst sicheren Fall bewahrt.
Sorge deshalb jeder an seinem Teile dafür, daß Goethes Wort, wir müssen iLipnochmals! zitieren (s. n. S.), mit seiner bitteren Watrheit nicht zil spät nn unsere Herzen Pocht unb uns an klage, durch Lauheit und Lässigkeit mit Schuld zu tragen an so manchem! verkommenen Wesen, dem vielleicht nur die richtige Führung fehlte zunr Leben, jum wahren, guten Leben in körperlicher, geistiger und sittlicher Frische und Reinheit:


