Ausgabe 
18.6.1908
 
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Oder hoch? Wußte er, tys die Wahrheit aufhörte, die Löge anfing bei Isabella? Kviinte er ihr Fühlen und Denken sehen, greisen, betasten, sondieren? Hatte er, dem Kopf und Herz immer übervoll gewesen von Berufsinteressen, jemals die Frauen studiert? War er nicht bis zu seiner Begegnung mit Isabella in der Liebe ein Neuling gewesen? Doch die Gewißheit hatte das vor seinem Augen sich stetig abrollende Kaleidoskop deS Lebens ihm gegeben, daß die' Erkenntnismerkmale der stille», reinen, selbstlosen Liebe der Seele und der wilden, lodernden, selbstsüch­tigen Sinnenleidenschaft in ihren Abgrenzungen unklar, in ihren Unterscheidungen vielfach verwischt waren, und daß schwache, ver­weichlichte Naturen aus unglücklicher Liebe ebenso ost wie aus un­befriedigter Leidenschaft ihrem Dasein mit eigener Hand ein Ziel gesetzt haben ....

Und wenn Isabella das Gedicht nicht nur geschrieben hatte, um ihn auf jede Art an's Herr zu greifen, wenn sie .....

Nein . . . er durfte den Gedanken nicht zu Ende denken.

Ter Alp auf seiner Brust würbe schwerer. ,Du hast Isa­bellas Leben an das deine gekettet, nun füge dich. Und wenn da auch gewiß bist, daß d» kein Glück an ihrer Seite finden wirst, tu' deine Pflicht, folge der Stimme deines Gewissens, suche sie wenigstens glücklich zu machen!'

Gegen Mittag ging er aufs Schloß und hielt beim Kom­merzienrat um Isabellas Hand an, die ihm freudig gewahrt wurde,

- 18. Kapitel.

In dem Kampf, den Isabella nur Heinz Vollraths Besitz gekämpft, halte sie oft selbst nicht gewußt: liebte sie ihn denn überhaupt noch, oder haßte sie ihn? War sie nicht verächtlich, wenn sie ihn noch liebte? Mußte sie ihn nicht hassen, weil er ihren Bersöhnungsbrief ablehnend beantwortet hatte?

Nur das eine stand fest bei ihr: Alles mußt du aufbieteu, feilt Mittel darfst du unversucht lassen, um ihn noch einmal zu dir zurückzulocken. Und wenn es gelang? .... Es gab Stunden, in denen es in ihr schrie: Wenn du ihn wieder in deinen Bannkreis gezwungen hast, wenn er kommt, dir noch einmal von Liebe zu sprechen, dann wirst du ihm ins Gesicht lachen, ihm antworten: ,Jch leiste dankend Verzicht. Ich wollte nichts, als Sie demütigen . . . Ter Mohr hat seine Schuldig­keit getan der Mohr kann gehen. . . . Ich habe meinen Zweck erreicht, habe für die mir angetane Schmach Rache genommen.'

Aber diesen Stünden wilden Anfbänmcns ihrer rief getroffenen Eitelkeit waren oft Stunden gefolgt, in denen die Sehnsucht nach Heinz über ihr zusammengeschlagen war wie eine lodernde Flamme, Stunden, in denen das Verlangen sie verzehrte, sich satt zu trinken an dieses Mannes Küssen, sich festzusaugen an seinen Lippen, ihm die Seele aus der Brust zu trinken mit ihren Küssen.

Und nun, da sie ihr Ziel erreicht hatte, da Heinz Vollrath der ihre war, da sie sich dehnen und sonnen konnte im Triumph- gesühl seines Besitzes, kam es wie ein Siegesrausch über sie. Mit aller Glut ihres nach Zärtlichkeit dürstenden Herzens hängte sie sich an den Geliebten, und wenn ihr Stolz sich einmal aus- vecken wollte, angestachelt vom Gedanken an die alte Kränkung, so brachte sie ihn dadurch zur Ruhe, daß sie sich sagte: ,Tes Siegers schönste Tugend ist mildherziges Verzeihen!' ....

Nachdem zwei Wochen ins Land gegangen waren, Wochen, an deren jedem Tage sie ihres Bräutigams Hände halten, ihren Kvps an seine Brust legen konnte', blühten ihre Wangen so rot wie nie zuvor.

Heinz Vollrath aber empfand es wieder einwal deutlich, daß das Bewußtsein, einen anderen glücklich zu machen, eine warme Welle von Glück ausgießt auch über das eigene Herz.

Nicht nur Isabella, nein, auch Friedheim und Werner brachten ihm so viel aufrichtige, gütevolle Herzlichkeit entgegen.

So selbstverständlich es gewesen war, daß Freiherr von Banue- mann, der erst auf allerlei Umwegen von Ostende zurückgekehrt war, eine der ersten zur Versendung gelangenden Berlobungs- anzeigen erhielt, so sehr setzte es in Erstaunen, daß er, der zwei­mal abgewiesene Freier, sich nicht ans die schriftliche Gratulation beschränkte, sondern eines stürmischen Oktobertagcs selbst anss Schloß gefahren kam, mit einem aus Berlin verschriebenen Bukett Rosen ausgerüstet.

Er traf es gut: Friedheim, Isabella, Heinz und Werner waren alle vier im Salon versammelt, ihn zu empfangen.

An den Herren ging er zunächst mit einer Verbeugung vorüber, um mit zwei weitausgreifenden Schritten seiner Bohnenstaugen­beine vor Isabella hinzustelzen, deren Hand zu küssen und mit gefühlvoller Betonung zu sagen:

Es war mir Herzensbedürfnis, Ihnen,, gnädiges Fräulein, »teilte aufrichtigen Wünsche persönlich zu Füßen zu legen. Möge Ihr Gluck so schön und reich blühen wie diese Rosen . . .

und auch wieder nicht wie diese Rosen, die leider allzu rasch ver­welken werden, sondern unverwelklich und frisch bis ins späteste Greisenalter."

Na .... nur kein z u spätes Greisenalter," lachte Isa­bella und so den Dust des Buketts ein.Am schönsten denke ichs mir, von der Weltbühne abzutreten, wenn der Sommer des Lebens sich neigen will. Ein paar schöne Herbsttage allenfalls noch mitnehmen; aber nur kein Winter mit weißem Haar und Frost im Herzen."

O . . . ." versetzte Bannemann und küßte Isabella noch einmal die Hand,ein jedes Lebensalter, auch das winterliche, hat seine Freuden. Fragen Sie nur Ihren Herrn Papa!"

Ich fühle mich aber durchaus noch im Frühherbst!" warf der Kommerzienrat mit lebhaften Protest ein.

Gewiß, gewiß," gab ihm Bannemann nicht eben geistreich Recht;es kommt immer nur darauf an, wie man sich fühlt." Er verbeugte sich vor ihm.Auch Ihnen meine herzlichste Gratu­lation, Herr Kommerzienrat."

Danach trat er zn Heinz und bot ihm mit verbindlichem; Lächeln die Hand.

Ich denke, Herr Pastor, wir begraben die Streitaxt zwischen! uns. Es war ja schließlich nichts Persönliches, sondern nur ein' ganz allgemeines Anderer-Meinnng-Sein, was trennend zwischen uns stand."

Judas Jschariot!" flüsterte Werner seinem Vater ins Ohr, Heinz dachte Aehnliches; es kostete ihm Ueberwiudung, in' Rücksicht auf die Gastfreundschaft, Bannemanns Händedruck zu erwidern und einGewiß, gewitz, Herr Forstmeister" über die Lippen zu bringen.

Auf Vollraths Wunsch sah Friedheim von der Veranstaltung! einer offiziellen Verlobungsfeier ab, obgleich Isabella darauf brannte, all ihren Bekannten vor Augen zn führen, was für einen Bräutigam sie hätte, und wie über die Maßen glücklich sie sich an seiner Seite suhle.

Tamil sie aber doch ans ihre Kosten käme, gab der Kom­merzienrat gelegentlich seines ans den letzten Oktober fallenden! sechzigsten Geburtstages ein Tiner zu hundert Gedecken. Und er hatte die Genugtuung, daß sehr viele von den Gasten, die er wertschätzte, besonders ältere Herren und Damen, $n ihm herau- traten, ihm die Hand drückten und anerkennend sagten:

Ein außerordentlich sympathischer Herr, Ihr zukünftiger Schwiegersohn. Und wie man hört, ein hervorragender Kauzel- rebner und aufopfernber Seelsorger."Ter Mann wird seinen! Weg machen. Wie rührend besorgt er um Isabella ist, und wie Isabella vor Glück strahlt. Nie habe ich sie so blühend gesund und frisch gesehen. Es ist ordentlich eine Herzerhebung/ wieder einmal eine Liebesheirat mitzuerleben. Man dachte, sh etwas gab cs gar nicht mehr in unseren Tagen."

Natürlich wurden auch Stimmen laut, welche die Verbin­dung zwischen diesem armen Hilfs'prediger und der zukünftigen! Erbin vieler Millionen als eine Mesalliance bezeichneten. Aber der junge Graf Voß, der wenn auch Leutnant bei den Garde- Ulanenbedenklich am Ausklärungskoller litt" wie sein! Vater das nannte, beschwichtigte:

Meine Herren .... g.hen wir doch jeder ein Stück in unserer Ahnenreihe zurück, der eine mehr, der andere weniger, und wir werden finden, daß ünstr Stammbaum in nicht'besserem! Boden wurzelt, wie der des vielbeneideten Bräutigams. Und was die Vollraths betrifft, ,o sind sie Bauern seit nachweislich vier Jahrhunderten. Daß der Vater des Bräutigams erst als fünfter Sohn ।einer. Eltern auf dl; Welt kam, und hernach noch das böse Pech hatte, im Krieg .- 1870 kaput geschossen zu werden, so daß er sich mit einem Kramladen durchs Leben schlagen mußte, das wollen wir ihm doch wohl nicht zur Unehre anrechnen. Wäre er nicht ein gediegener, zuverlässiger Mann gewesen, der auch unter, den Haaren tüchtig was los hatte, dann hätten ihn die Fichten­wälder schwerlich zu ihrem Gemeindevorsteher gewählt und ihnt noch alle sonstigen Aemter aufgehalst, zu deren Verwaltung Ge­hirnmasse gehört." t

(Fortsetzung folgt.)

Dar ZugeMpiel.

Eine Anregung zur Errichtung von

Spielplätzen in Gießen.

Von einem Gießener Le h r c r. A

Ein Licht-Luftbad wird in aller Wrze die gesuudheitsördern- den Anstalten Gießens um eine neue vermehren. Die stärkende und abhärtende Wirkung der Luft- und Sonnenbäder wird maucheut Bewohner unserer Stadt neue Kräfte zu ausgiebigerer Arbeit in seinem Berufe zuführeu. Wird, da nicht bei vielen auch der Gedanke rege: /

Wie kann man unsere Jugend durch vermehrten! Aufcnb-i