Ausgabe 
18.6.1908
 
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Donnerstag den P. Juni

1908

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Wirket, so lange es Tag ist.

Koman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Heinz saß vornübergebeugt, schwieg und atmete schwer unter dem Truck inneren Kampfes. Nach geraumer Weile strich er sich über Stirn und Augen, blickte seinen jungen Freund fest an und entgegnete:

Ich muß Ihnen dasselbe antworten, Werner, was Ihnen Ihr Vater geantwortet hat: Es handelt sich hier um Tinge, die Sie nicht begreifen, weil Sie noch zu jung sind, um in Menschen­seelen lesen zu können. Und übet das, was mich bewegt, offen zu Ihnen reden, kann ich nicht."

O ... ich weiß wohl, was Sie bewegt," wandte der Jüng­ling eifrig ein;Sie mißtrauen Isabella. Sie denken, Isabellas Temperament Paßt nicht zu Ihrem Charakter. Wenn Sie wüßten, wie Isabella sich geändert hat."

Heinz, der aufgestanden tvar, schüttelte den Kvpf.

Glauben Sie denn nicht daran," fuhr Werner mit steigender Erregung fort,daß ein großes Leid, ein Schmerz, der die Seele durch und durch rüttelt, einen Menschen von Grund auf um­gestalten kann?" (

Heinz zuckte die Achseln.

Es kommt auf den Menschen an." Er nahm Werners Hand.Glauben Sie mir doch, daß es' mir weh tut, Ihre Schtvester leiden zu wissen. Aber dieses Leid tvird sie über» winden, während sie....."

Und wenn sie es nicht überwindet, wenn sie für immer unglücklich bleibt?" fiel ihm Werner ins Wort.Ein verfehltes Leben .... das ist doch nicht io leicht-" Seine Lippen zuckten, in seinen Augen stand Verzweiflung.

Heinz Vollrath sah ihn erschreckt an. Tie Blasse auf seinem Antlitz vertiefte sich noch um einen Schatten.

Ich verstehe Sie in der Tat nicht; ich werde irre an Ihnen," fuhr Werner fast zornigen Tones fort.Durch all Ihr Reden und Handeln sonst zieht sich der Gedanke: ,Alles begreifen heißt alles verzeihen.' Nur hier . . . -" Er brach ab, trat, wie wenn Trotz ihn gepackt hätte, aus Fenster und nahm seinen' Hut.Leben Sie wohl," stieß vt hervor, und stürmte, ehe Heinz erwidern konnte, aus dem Zimmer.

Unsinn," dachte Heinz Vollrath.Werner hat übertrieben. Isabella ist keine von denen, die unüberwindlich lieben, die von dein Schmerz des Entsagens unheilbar tief getroffen werden. Woran ihr Herz krankt, ist gewiß hauptsächlich verletzte Eitel­keit . . . ."

Als er sie aber am Sonntag darauf in der Kirche sah . mit keinem Gedanken hatte er sich auf ihr Kommen gefaßt ge­macht, wollte seine Hoffnung 'n Nichts zerstieben. Nein . . . - Werner hatte ivohl doch nicht übertrieben .... Wie zart und mager w aussah in dem schwarzen Seidenkleid, das sie trug, wie blaß ihre schmalen Wangen tvaren, und ein wie tiefer Zag des Grames nm ihren Mund lag.

Mitleid überflutete Vollraths Herz, und seine Gewissenhaftig­keit fuhr wie ein Schwert durch seine Seele. Ihm war, als lähmte ihn Isabellas Anblick. Tie Angst stieg in'ihm auf, er würde nicht predigen können unter denr anklagenden Blick der schmerzvoll flehenden Augen, die an seinem Antlitz hingen. Krampfhaft be­mühte er sich, an der Friedheimschen £>ge vorbeizusehen; aber immer wieder zwangen die dunklen, brennenden Augen seinen Blick zu sich zurück. Und nur mit Mühe brachte er seine Predigt zu Ende.

Ten Nachmittag über lief er umher, und die Nacht wälzte er sich wie im Fieber auf seinem Lager.

Mußte er zu Isabella zurück, müßte er Martha entsagen? . .

In der Frühe des nächsten Morgens kam Zanga und brachte ihm ein schmales', dünnes Paket.

Muß ich machen, daß ich wieder fortzueilen," sagte der Schwarze.Soll wissen niemand, daß ich gehe beim .Herrn Pastohr. Gnädiges Fräulein, ivas mich schickt, krank, von Nerven, int Bett. Großer Medizinmann aus Berlin kommt noch heute mit Tepesche."

Als der Bursche gegangen tvar, öffnete Heinz das Paketchen. Ein Buch, dessen Blätter aus Clfenbeinpapier nur zum Teil be­schrieben waren, lag darin. Auf dein ersten Blatt stand:Reise­tagebuch. Angefangen Ostende den 3 ten August 1900." Heinz überflog einige Seiten. Nur von Isabellas Liebe zu ihnt tvar da zu lesen, einen Tag wie den andern: Selbstanklage, Zorn- ausbruch, Verzweiflung, Leidenschaft und Hoffnung wechselten ab. Auf der letzten Seite stand, iit tmsicherer Handschrift mit Blei­stift geschrieben:

Nicht länger traute um mich, als der Ton Ter Glocke, die mein Sterben kündet, schallt, Ter Welt zu sagen, daß mein Geist entflohit, lind daß bei Würmern nun mein Aufenthalt. Ja, siehst du diese Zeilen, denk' nicht mein, Tie sie geschrieben; denn so lieb' ich dich: Eh'r möcht ich ganz von dir vergessen sein, Als denken, daß du dich betrübst um mich.

Wenn einst dein Blick noch fällt auf dies Gedicht, Nachdem mein Leib dem Staub zuräckgegeben. So wiederhol' selbst meinen Namen nicht. Laß deine Liebe enden ivie mein Leben.

Sonst sucht die kluge Welt der Tränen ©ittn Und höhnt dich um mich, trenn ich nicht mehr bin.

Isabella."

Heinz legte das Buch aus detr Schreibtisch und durchmaß das Zimmer mit erregten Schritten. Schwer lag es ihm auf der Brust. Warum sandte ihm Isabella dieses Gedicht, das wie das Vermächtnis einer Verstorbenen anmutete, und dessen selbst­los-altruistischer Ton doch im Widerspruch' stand zu dem Egois­mus, der sonst Art und Wesen ihres Charakters äusgemacht hatte? Nun und nimmermehr konnte sie sich doch so geändert haben, daß der Inhalt dieser Verse, die sie, toer iveiß, tvann und wo, einmal gelesen haben mochte, nrt der Sprache ihrer Seele sich im Einklang befand.