Ausgabe 
18.4.1908
 
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Plötzlich erkannte. Die arbeitenben Böhmen und Italiener hatten zum Heraufklimmen für sich hier und da, wo die Böschung nicht gemauert war, einen sehr schmalen Steg getreten, den nimmer aber ein Unkundiger gewagt hätte, zu ersteigen. Doch jetzt galt cs, diesen Wagemut zu haben. Sie kroch der Linie nach, und ohne zu bedenken, oder zu zaudern, wurde Spanne für Spanne aufwärts geklettert. Der Boden war feucht Nom Nebel, er rollte nicht sehr. Jetzt oben! Der erste Stein­haufen ward ihrDank-Altar" und klarer hat nie Jemand cs gewußt:Dein Erlöser lebt!" Tie Hände zerschunden, eilte sie nach Hause unb liebkoste wie halb im Traum die Kinder. Zitternd und bebend an Leib und Seele sprach ihre Stimme mit ihnen das Nachtliedchen. Bald darauf kehrte der Vater frisch und unbefangen heim, und redete von den wundervollen Wolkengebilden, die der Mond als Trabanten um sich sammele. Cirrus und Cumulus, ganze Alpenzüge türmten sich ans. All' die Schönheit ließ sie kalt, denn in ihr stürmte es gewaltig. So klar di- Erinnerung vor ihr stand, ein Zwang hielt sie in der Verborgenheit ihrer Seele, eine Scheu vor sich selber ließ nichts verraten. Es war. einitoli me tangere!" in dieser Geschichte lange Zeit. lieber zerschund en e Hände wird oft kein Wort verloren, denn auf dem Lande gibt es allerlei Arbeit für, die Hausfrauen, welche der Haut oft nicht zuträglich ist. Freilich konnten die Lieben alle ihr Erstaunen Nicht verhehlen, daß die Mutter sich standhaft weigerte, den schönen Weg als Spaziergang am Osterfeste zu nehmen. Doch sie gingen alle gern auch einmal nach der anderen Seite. Als es endlich aufspvang, das Schloß im Innern, ' und das Schreckliche ihnen gezeigt ward, die Stelle und der Kriechweg, war es ihnen so gräßlich, daß sie vorzogen, zu denken und ausznsprechen, ganz so schlimm, als sie es vor Augen hatten, würde es ja doch wohl nicht gewesen sein. Sie lächelte dazu und freute sich dieser jetzt spaßhaften, milden Auffassung.

Daß ihr diesmal der Ostermvrgcn die Menschen und ihre Umgebung in ganz besonderem Glanze zeigte, kann man sich leicht denken, und daß der Wechsel des Daseins sich oft un­glaublich schnell vollzieht,, beweist, wie so vieles andere, auch dieses Abenteuer am Osterheiligabend.

Kelmuth von Lovsen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Anne Marie war wirklich allein dort oben, nur Annchen hielt sie an der Hand. Die blühenden herabhängenden Schling­pflanzen am Säulenbogen bildeten einen märchenhaften Rahmen für ihre überschlanke Gestalt im mattweißen, weich herabrieseln­den Gewände. Im breiten, über d-r"Brust mit silbernem Schloß zusammengesaßten Gürtel steckte eine La France. Das licht- braune Haar umschloß den Kopf und die schmalen Wangen aber auf diesen Wangen lag ein seiner Rosenschlimmer und in den Augen strahlte ein Licht, luic wenn die Sonne hell durch spiegelndes Eis leuchtet. Sie tvinkte mit dem Taschentuch. Dieser ganzen Erscheinung gab Annchens Gegenwart besonders anmu­tige Vollendung, denn das Kind sah in seinem weißen Kleide mit den braunen Locken so recht wie zur Frau gehörig aus.

Als der Wagen vorfuhr, kam sic die Stufen herabgecilt und begrüßte die Geschwister auf das liebenswürdigste.

Willkommen, lieber, lieber Wilhelm, willkommen, Trautchen! Ja, sehen Sie sich nur um, ich bin allein mit meinem Paten­kinde, und gerade deshalb bat ich Sie, zu kommen!"

Sie reichte Wilhelm beide Hände, die er küßte, und unr- arnite Edeltraut.

Diese befand sich in der peinlichsten Verlegenheit, sie wollte um Wilhelms willen die Liebkosung erwidern und fühlte sich dabei trostlos elend und überflüssig:

Annchens Gegenwart war eine kleine Hilfe, sic beschäftigte sich mit dem Kinde und versuchte nicht zu hören, !vas die beiden leise sprachen.'

Man war auf die Veranda gestiegen, wobei Anne Marie hhne weiteres ihre Hand unter Wilhelms Arm legte:

Wenn Sie sich nur auf mich stützen wollten! Bedenken Sic, ich bin eine geübte Krankenpflegerin und bewandert in der Kunst, durch geschickte Hebel meine Kräfte zu verdoppeln."

Er aber zog gerührt die stützende Hand durch feinen Arm und stieg mit festen Schritten die Stufen hinan.

Oben stand ein Teetisch und vor dem Tisch inst der rings­umlaufenden Bank ein bequemer Rohrstuhl, darauf Decken und Kissen lagen. Die Sonne schien durch die bunten Glasscheiben und Vie Mmatis wob ihre tiefblauen Girlanden um die Pfeiler.

Zwischen Fragen und Antworten war Anne Marie ganz mit den Vorbereitungen zur Bewirtung beschäftigt. Sie goß das kochende Wasser in die Teekanne, nachdem sie vorher mir zier- lichenr Löffel den Tee eingemessen hatte, dann bestrich sie die auf dem Mstapparat liegenden heißen Toastscheiben mit frischer Butter. Sie tat das alles mit einer eigentümlich lässigen Anmut, tvelche auf Edeltraut einen starken Eindruck machte, wie denn überhaupt die ganze Erscheinung dieser Frau einen sesscln- den Zauber ausübte, ohne daß man hätte sagen können, worin dieser lag. Es !var, als schimmere ein starkes, geistiges Leben, die Seele, durch diesen allzu zarten, gewichtlosen Körper, eine Kraft und Energie, die in sonderbarem Gegensatz stand zur schlanken, schmächtigen Gestalt. Oder war 'es nur das Neue, Fremde, Meltkundige, was imponierte? Auf jeden Fall fühlte Edeltraut ihr Bangen wachsen und beugte sich lies zum Kinde herab, um nach Geschwister» und Puppen zu fragen.

Indessen sprachen die Zwei immerzu. Wilhelms Freude, sie heute wohl aussehend zu finden, war unverhohlen und Anne Marie versetzte lächelnd:

Meine Schwester hat es auch schon bemerkt und rühmt die Landluft. Sie kann ja recht haben, doch ich denke, es ist die Freude!" Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach weiter, ohne den Ton zu dämpfen:Mein Leben kannte ja bisher keine Freude, und nun weiß ich nicht recht, ivas damit ansangen! Liebes Trautchen, sagen Sie mir, ob er gerade so bequem und gut sitzt? Er soll sich wohl und bei- haglich fühlen."

Edeltraut blickte ans, sic meinte ersticken zu müssen, aber jung und stark wie sie war, brachte sie in leidlichen Don hervor:

Oh, danke, gnädige Frau, Wilhelm sitzt so bequem wie möglich."

Eine atkaslveichc, kühle Hand glitt ihr über die heiße Wange:

Nicht gnädige Fran sagen, wenn ich bitten darf. Ich bin für eujh beide Anne Marie. Für beide, hören Sie, Wil­helm? Wie haben Sie denn die lange Fahrt ertragen? Hatte er Schmerzen?"

Ich danke tausendmal," versetzte er heiter,und bitte nur, mich nicht als Invaliden zu betrachten."

Sie lassen sich gefälligst alles gefallen, was ich verordne," rief sie ebenso,und nehmen jetzt ein wenig Rum in den Tee? Ja? Was? Sie wollen nicht? Edeltrautchen, er ist über die Maßen störrisch und ungehorsam!"

Wieder lachten die beiden, während Edeltraut mechanisch sagte: '

Wilhelm verabscheut alle Spirituosen."

Darüber lachte Anne Marie iwch mehr und Wilhelm unfaß- lichxr Weise auch. Edeltraut saß mit unglücklichem Gesicht da. Wäre nur Annchen nicht so schüchtern ge­

wesen, aber es war keine rechte Unterhaltung mit dem Kinde möglich, nachdem das Fragen nach Geschwistern und Puppen erschöpft war.

Ta blickte Anne Marie plötzlich aufmerksam durch die Blatterranken nach der Seite, lvv sich die Gartenanlagen lich­teten und die hohen Pappeln der nach Braunstadt führenden Allee sichtbar wurden. 1

Ter Trauensche Wagen!" sagte sie.Eine Dame steigt aus und kourmt hierher. Ada Valois natürlich. Das ist Pech! Wir brauchen sie absolut nicht nicht wahr?"

Auch Wilhelm sah enttäuscht ans und über Edeltraut kam eine ans Edelmut und Fluchtsinn gemischte Aufwallung.

Ich kenne Fräulein von Valois nicht, aber ich könnte ihr ja eutgegengehcn und ihr sagen"

Ja, Liebchen, tun Sie das! Sagen Sie ihr, sie solle ihr« Fahrt nach Lobwitz ruhig fortfetzen."

Aber wie soll ich das"

Sehr einfach, indem Sie ihr sagen, Helmnth Loyseil sei iwch nicht hier!" Anne Marie lächelte.Denn natürlich kommt sie, um ihn in Europa zu begrüßen."

Schweigend verließ Edeltrant die Veranda. Sie war heute nun mal in einer Stimmung, in welcher alles sie kränkte, auch dieser Scherz. Sie eilte vorwärts, ohne selbst recht zu wissen, ivas sie sollte oder wollte. So kam sie dem unwill- kommenen Gast beinahe laufend entgegen unb erreichte sie, die langsam daherivandclte, aus halbem Wege.

Große Bosketts hinderten ben Blick auf das Schloß. Zwischen zwei solchen blühenden Strauchwellen begegneten sie sich und Edeltrant blieb stehen und wußte keine Worte zu finden. Ueber- dem war sie im ersten Augenblick förmlich ergriffen von der vollendeten statuenhaften Schönheit dieser neuen Erscheinung', welche dunkel und glutängig vor ihr stand unb den Köpf ein