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das cr lebend und waltend vollbrachte. Sie unerschütterliche Zuversicht, mit der die Jünger des Christentums die neue Lehre verkündeten, der zu Liebe sie Tod und Gefahren trotzten — sie erwuchs vor allem aus dem Glauben, daß der Heiland nicht mit dem Tode geendet, das; er lebendig sei in seinem Tun und seinen Werken. Und diese Gewißheit, meinen wir, sollte auch uns in der Amvendung auf unser eigenes Sein, auf all unser Tun und Schaffen von bestimmendem Einfluß sein; wir sollen bedenken, daß unsere Werke nicht nur ihren Lohn in der Zukunft finden, daß sie vielmehr auch deni Leben und der Welt gehören, und daß endlich jedes treu vollbrachte Tagewerk bestimmt ist, weit über die kurze Spanne unseres Lebens hinaus als ein Teil der wirkenden schaffenden Gesamtkraft Leben zu zeugen und Früchte zu bringen, lind darin liegt ein Trost, der »ns über alle Kleinheit des Alltagsdaseins hinausheben muß, darin liegt die Himmelsbotschaft, daß, wie wenig es auch sein inag, was das Leben des Einzelnen füllt, dieses wenige doch ein notwendiges Teil von jenem großen Ganzen bildet, das nur darum besteht, weil Eins sich stützend zum Anderen fügt.
Und noch eine andere, für das praktische Leben des Tages nutzbare Lehre danken wir dem Osterfest in seiner umfassenden Bedeutung — die Lehre, daß, wie dunkel uns manchmal aueh unsere Wege erscheinen und wie sehr auch feindliche, finstere Mächte sich uns drohend entgegenstellen mögen, nach eivigen unwandelbaren Gesetzen das Licht doch endlich über die Finsternis siegen muß:
Und drängen die Nebel noch so dicht Sich um das Licht der Sonne —: Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne.
Gstermsrgen.
Bon Marie R i e s e n st a h l. (Nachdruck verboten.)
Tie Tage folgen sich wohl, aber sie gleichen sich nicht. Den Wechsel des Lebens als ein charakteristisches Zeichen ihres irdischen Daseins zu empfinden, dieses war ihr noch nie so klar vor die Seele getreten wie heute, wo der Ostersonnen- glanz wie nie auf allen Dingen zu ruhen schien, mit denen sie in Berührung kam. Nein, sie gleichen sich nicht, und jeder, der nut ein wenig Nachdenken seinem eigenen und deut Leben Anderer nachgehet, kann dies zu allen Zeiten erfahrest.
Von der hier die Rede, die sand sich im Wechsel der Stunden heute kaum zurecht, und der „Östergruß" von Karl Gerok: „Was weinest du?" füllte mit einem unbeschreiblichen Gemisch von Tank und Schauder ihr das Herz, und, sobald sie auf ihren Gatten oder eines ihrer vielen Kinder sah, das Auge Heist mit Tränen. Auch Nhland's „Frühlingsglaube" in seiner vorletzten Strophe: „Nun, armes Herz, vergiß die Qual!" wollte, entgegen ihrem eigentlichen Glücksgefühl, doch immer an diese Qual erinnern. Deutlich, wie man Finsternis und Licht wahrnimmt, erschien ihr der Wechsel auf Erden, wie er an ein Menschenkind oft jäh herantritt. Lang' ist's her, was hier erzählt werden soll; aber vergessen ist's nicht, und jeder Osterheiligabend erinnert sie daran mit unbezwinglicher Macht.
Neber den steil abfallenden Ufern der Saale, da wo dieser poetische, von., den Musensöhnen der Saalestadt viel besungene Flust die kleine preußische Enklave durchzieht, die jedes Geo- graphiebuch als den „Kreis Ziegenrück" bezeichnet, und der wie eingekeilt zwischen vieler Herren Länder liegt, so daß die bunten Grenzpfahlfarben die Leute neugierig machen, weshalb i>ie Schlagbaume alle Nase lang eine andere Couleur haben, liegen auf einem Plateau, nahezu 1309 Fuß über denr Meeresspiegel, stattliche Dörfer. Bon da oben sah man au gar vielen Stellen hinab in ein recht beträchtenswerteS Stückchen Gottes- Welt; und heute ist es auch schon ein gesuchtes Sommeridyll, verborgene Perlen gibt es nur wenige mehr int deutschen Baterlaude. jedoch zur Zeit, aus der ich schreibe, fühlten sich gesellige Menstlen dort wie auf verlassenem Posten, denn vlp.w gute Wege, feste Brücken über den Flnst, waren sie von der Weit so ziemlich abgcschnitten. In einem dieser Dörfer Nwhute ein Pfarrer, der mit seiner gesunden jungen Frau ewig lerncheiihunger" hatte. Daher waren beide eifrig bestrebt, vermittelst ihrer ledernen Rosse (Siebenmeilenstiefel von Till- Wulenspiegel waren da oben auch nickt käuflich) die mühe
vollsten Kletterpartieil zu machen, um sich an der Zwiesprache mit Freunden zu sättigen. Tie Signatur ans ihrer Fahne hieß: „Keine Furcht!" Wetter, Räuber, Verirrungen, Nachtstunden bedeuteten ihnen keine Hindernisse. Kühn drangen sie durch den Nebel, den Schnee und ebenso überwanden sie dw Sonnengluten. Zehn Jahre fast hattet! sie sich abgemüht auf unbequemen Pfaden. Fast bei jeden! Ausflüge hemmten die Waiser der Saale unten im Tale ihren Scbritt, und wenn man dw Zeit mit der Elle messe» könnte, welche sie bei Tag und Nacht, Frost und Hitze oft verzweifelnd an seinen Ufern gestanden, den Fährmann dvüben rufend, pfeifend, klatschend oder durch ungewohnten Hohihaho-Gesang — dann könnte diese Ellenzahl, in Baud verwandelt, gewiß die halbe Erde umspannen. Es war wirklich eine verdrießliche Sache. Doch am Ende dieser zehnjährigen Wallfahrten kam es, daß die Regierung ein menschlich Rühren beschlich. Sie erbarmte sich der eingebrachten Petitionen, und fing an, eine herrliche Künst- straße zu bauen durch den bergigen Wald bis zum Wasser hinunter; und über dieses kam eine prächtige Brücke. Eine Stunde lang zog sich diese Straße in gewundener Linie hin, und fast täglich genossen die Gatten von den Aussichtspunkten die Schönheit des Tales. Von steiler Böschung sah man auf ein Zanberbild int kühlen tiefen Grunde. Schwindelnde Höhe ohne Schntz- lvchr erregte nicht selten ein Grausen in ihnen. Doch, »voran gewöhnt• inan sich nicht! Nun war es Osterheiligabend, milde Luft, friedliche Ruhe, Abendläuten. Das Haus leer, die Kinder im Dorf, der liebe Mann drüben über der Saale, um mit einem Amtsbruder etwas sür's Osterfest zu besprechen. Bald mußte cr zurückkehren, also ihm frohen Mutes entgegen. Bis zur Station Bclifort — eine Bergkanzel, als Ruheyrt eingerichtet — konnte man sich nicht verfehlen, und eine andere Angst kannte sie nicht. Den Nebel nicht achtend, der sich wie ein weißes Tunstmeer wogend und wallend im Tale sammelte, so daß cs oben oft erschien, als ob man über den Wolken wandele, schritt sie fürbaß dem gesteckten Ziele zu. Das Auge glitt trunken hernieder. Dort glänzte ja schm der breite Streifeti des Wehres, welches zu einem höchst malerisch gelegenen Mühlen- etablissement gehörte. Der weiße Schaum machte die Silberlinie weithin kenntlich und das Rauschen drang fern her durch den stillen Abend. Wie schön! rief es in ihr; und sie trat einen Schritt vor, da — ging es in die schauerliche Tiefe. Stürzte sie. wirklich? Nein, Gott sei Dank, glitt sie nur, aber weiter, weiter unaufhaltsam! Mit stockendem Atem griff sie umher, hier und dort den Rutsch verlangsamend durch das Erfassen einzelner Grasbüschelchen, die aus den Ritzen schon hervorgeschossen waren trotz, der neuen glatten Mauer. Jetzt hielt die Fahrt auf, doch sie wagte es nicht, herauf, herunter oder neben sich zu sehen. Der Schrecken hatte die Oberhand über das Denken gewonnen. Erst nach und nach er- itürte sie sich das Schauerliche der Lage. Der Abend hatte tief feine Schatten gebreitet. Kein Laut, der die Stille der Natur unterbrochen hätte. Nur das gurgelnde Wasser sandte in melancholischer Weise auch einmal einen Ton luie seufzendes Glucksen, Wie ein Notruf aus zusammengeschnürter Brust lkang dieses. Sie hörte und fühlte sich selber. Allmächtiger Gott, kann ich noch 10, 5, 2 Minuten mich halten? Und dann? Die Füße waren ohne jeden Halt, der Körper lag lose auf, sehr nnbe- guetn. Die Hände wie gemauert um einen Stengel, der fest int Spalt der Quadern wurzelte. Ein Schrei namenloser Angst hallte in die Nacht. Sie erschrak noch mehr, und haarsträubend iuar der Gedanke, daß ihr Mann kommen, dies Furchtbare wahrnehmen, und beim Versuche zu helfen, dasselbe Schicksal haben würde. Und — morgen war cs Ostern! O Auf- erstchnngsscst! O, meine Kinder!
Horch, Hundegebell und eine Männerstimme. Hilfe? Nein, nein, cs war ein trunkener, fluchender Mensch. Nur angstvoller noch flehte Auge und Herz zu den Sternen, die sich einzeln ihr , zu zeigen begannen. „Tpras!" ries fürchterlich keuchend die Stimme und ein Hund stieß einen Jammerlaut aus, als wenn er roh an einem Stricke herbcigezogen würde. — Sie hatte gehört, wie es Ertrinkenden geschähe, daß sie ihr Leben au sich vorüber fliehen sehen; so trat auch ihr in diesen Minuten, wenn auch nicht ihr ganzes Leben, so doch das Glück ihres Hauses vor die Seele, so daß sie meinen und beten konnte. Auch danken? Nein, trenn der Mensch war fort und hatte ihren Ruf nicht beachtet. Tie erregte Phantasie dachte an keine Rettung; aber der Glaube zeigte ihr ein leichtes Sterben. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt"; es ist ja der Ostergedanke sür die Christenheit. — Es war, als verändert« ich nichts in ihrer Lage, und doch war sie schon errettet- Ob der Nebel wich? Der Mond glänzte? Eine graue, krumm« Linie seitwärts zeigte sich als ein schmälet Pfad, den ft«


