Nr. 62
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Osterpredigt in Neimen.
Von Otto I n l! n s B i e r b a n in.
Bekehrter Mitmensch, höre und vernimm Freundwillig mit Hulden und ohne Grimm: Dieweil cs nun Ostern geworden ist. Sollst du, von welcher Art du auch bist, Ob. Heide, Jude, Moslem, Christ, Durchaus vergnügt im Herzen sein, Osterwürdig und osterrein.
Mit einem Birkenreise kehre
Aus deiner Seele den Geist der Schwere. Ter Wenns und Abers und Achs und Ohs, Tie hart und starr dein Herz umwindet. Daß der Geist der Leichte kaum Eingang findet, Mache dich hurtig und heiter los!
Tu brauchst nichts weiter dazu zu tun, Als dich im Grünen auszuruh'n.
Ta atmet sich's sehr wonnig ein, .
Was dir das Herz macht frei und rein:
Der jungen Blumen frischer Hauch;
Und die Augen haben der Wonne auch. Denn nichts ist lieblicher anzuseh'n. Als wie sie da hold beisammensteh'n, Blau, weiß und rosa, klar und licht, Ter Erde süßestes Ostergedicht.
An ihnen dir ein Beispiel zu nehmen. Sollst du, ach Mensch, dich keineswegs schämen!
Vergiß dein Gehirn eine Weile und sei Gedankenlos dem lielien Leben Blumeninnig hingcgebcn;
Vergiß dein Begehren, vergiß dein Streben lind sei in seliger Einfalt frei
Des Zwangs, der dich durchs Hirn regiert!
Er htü dich freilich hoch geführt Und Vieles dir zu wissen gegeben, Aber das allertiefste Leben Wird nicht gewußt, 'wird nur gespürt.
Dm: Blumen zarte Wurzeln fühlen Im keimlebendigen, frühlingskühlen Erdboden mehr non ihm als du. Und bist doch auch ein Kind der Erde. Daß sie nicht sinnenfvemd dir werde, Wende ihr heut' die Sinne zu!
Das ist der festlich tiefe Sinn
Der Ostcrtage: Mit Entzücken
Sollst du zum Mntterschoß dich bücken.
Gib heut', o Mensch, dich innerst zu beglücken, Der Mutter Erde frühlingsfromm dich hin!
Gstern.
Tie Glocken läuten die Ostern ein In allen Enden und Landen, Und fromme Herzen jubeln darein: Ter Lenz ist wieder erstanden!
In die erhebende Erinnerungsfeier an den Verso hnungs' tod und die Auferstehung Christi, als welche wir im ch ristlichen Zeitalter das Osterfest begehen, mischt sich für uns Deutsche unbewußt eine lebhafte Erinnerung an das Ostarafest unserer altheidnischen Vorfahren. Für sie war es ein Herzensbedürfnis, das Wiedererwachcn der Natur aus dem langen, tiefen Winterschlafe zu feiern und in der Reihe der Jahresfcsle stand das Ostarafest, das Fest beS Frühlings und der Auferstehung in Wald und Flur, als schönstes obenan. Was ihnen das Fest so außerordentlich lieb gemacht, das erweist sich auch heute an uns noch wirksam; von ihnen, den Alten, ist die sinnige, gemütstiefe Freude an dein Leben und Weben in Gottes freier Natur auf uns überkommen und auch bei uns dankt da§ Osterfest, unbeschadet seines hochzuhaltenden kirchlichen Charakters, feine Beliebtheit der mit ihm untrennbar verbundenen Frühlingsfeier. Wie ein Aufjubeln geht es bei dem bloßen Namen des Festes durch die bedrückte, sehnsuchterfüllte Menschenseele und mit innigem Entzücken hören wir ans dem Klang der Osterglocken die frohe Botschaft heraus, daß die nach neuem Leben ringende Natur ihr schneeiges Leichentuch abgeworfen, daß es nunmehr auf Flur und Wiese sprießen und schwellen wird von triebkräftigen, fruchtverheißenden Keimen. Und so ist auch uns, der Gesamtheit wie dem Einzelnen, das Osterfest ein Fest der Auferstehung von Grab und Tod, ein Fest, an dem wir den Sieg des Lichtes über die Finsternis feiern; und wie die Natur sich im ewig gleichen und doch so wonnevollen Spiel zu neuem Leben erhebt, so feiert auch das Herz des Menschen unter der Aufersiehungssreude dieses schönen Festes seine Verjüngung und die Auferstehung aus der bedrückenden Last der Alltagssorgen. Von der Ostersonne leuchtet ein Strahl auch in die ärmste Hütte, in das bedrückteste Herz, und keiner ist, der sich der jubelnden Hoffnung ganz verschließen könnte, daß es „doch einmal Frühling werden muß".
Aber auch nach anderer Richtung hin regt das Osterfest zu Betrachtungen an. Wir meinen, daß dem Auferftehuugs- gedanken, wie die Kirche ihn feiert: der Hoffnung ans ein ewiges, unvergängliches Leben, nicht unterstellt werden darf, daß man damit sich von bet Welt abkehren und den Blick nur auf dieses bessere zukünftige Leben wenden soll. Denn für den weltenumwälzenden Beruf des Christentums, für die hehre Aufgabe, die ihm auf Erden zu erfüllen bestimmt ist, war ja nicht sowohl der Opfertod Christi von entscheidender Bedeutung, als vielmehr seine Auferstehung und das Werk,


