174
Auf »deinen Knien will ich i*r der verschlossenen Mir liegen und Warten, bis sie sich öffnet!"
$ion nun an hatte sie keine Ruhe mehr, bis die Kbfserl gepackt waren und sie abreisten. Er telegraphierte an Wilhelm und meldete ihre Ankunft, und Wilhelm sandte sogleich ein herzliches Willkommen! entgegen.
Und so geschah es denn wirklich, baßi er noch einmal am Bahnhof Jarowih landete und in die wohlbekannte, im ersten Frühliugsduft daliegende Landschaft hincinfuhr. Ter Rothaider Wagen holte sie ab. Luise saß, in sich zusammenschauernd, an seiner Seite. „Tiefen Weg bin ich damals zu Fuß gelaufen," flüsterte fie — „und nun bringst du mich wieder in Glanz und Ehren! Wie wollte ich mein Glück Preisen, wäre nur das eine erst errungen!"
„Auch das wird kommen," — sagte er ruhig.
Sie reckte sich im Wagen empor.
„Rothaide!" — flüsterte sie und sank dann in die Polster zurück. T-nrch das dämmernde Abendlicht erblickte man die Kirche, und zu ihren Füßen im Tal gelagert das langgestreckte Dorf. Noch wenige Minuten und der Wagen rollte die lange pappelbesetzte Torfstraße hinab und bog in das Hoftor des Gutshauses.
Ter Hund Dingo schlug an mit mächtiger Stimme, vor der Haustür auf den Stufen standen Wilhelm und Edeltraut und hatten für die Kommenden eine 'Begrüßung bereit, so einfach und herzlich und so ungekünstelt unbefangen, daß es Loysen war, als wehe ihn Heinmtsluft an. Luisen umfassend führte Edeltraut die fiebernd Erregte sogleich hinauf in das für die Gäste bereit gehaltene Zimmer, und es erwies sich, daß sie und Wilhelm es an zarten Aufmerksamkeiten in der Ausschmückung des Gemaches nicht hatten fehlen lassen.
Unten wartete indessen Frau von Tahlen mit einem vorzüglich zubereiteten Abendessen auf die Gäste. Diese gute Dame war zwar prinzipiell durchaus nicht einverstanden mit Loysens Heirat und hatte mit ihrer Vertrauten, der Schulmeisterswittoe, viele erregte Auseinandersetzungen darüber gehabt, daß die davongelaufene Luise Becker, die Theaterprinzessin, nicht wert sei, eine so gute Heirat zu machen — aber schließlich, sie war nun mal Gast im Hause und sollte, so wünschte es Wilhelm, als Loysens Fran geehrt werden, so hatte Großmama ihr Bestes getan und sah dem Paar mit der größten Neugierde entgegen.
Wilhelm führte Luise zu Tisch. Sie hing mehr tot als lebendig an seinem Arm und war während des Essens kaum eines Wortes Mächtig. Loysen sah blaß aus, sprach aber ziemlich viel, so daß, dank den beiden Herren, die Unterhaltung nicht stockte. Tie Reise mit ihren Se heuswürdigfeiten gab guten Stoff. Dazwischen sorgte Wilhelm mit fast altväterischer Zuvorkommenheit für das Wohlbefinden seiner Nachbarin. Vor ihrem Platz stand ein Veilchenstrauß. Wenn er mit ihr sprach, lief in seinem Ton eine fast gerührte Stimmung mit unter. Er nötigte sie zum Essen, wie man Mitleidig einem kranken Kinde zuredet.
Frau von Dahlen konnte endlich nicht länger stumm bleiben. Sie hatte sich satt gesehen an der schmächtigen Gestalt im schwarzen Sammetkleid und dem breiten, weißen Spitzenkragen:
, „Nie im Leben hätte ich das Luischen wieder erkannt — das Lutschen von damals! — Wissen Sie noch, als Sie jeden Tag herkamen und fangen und Klavier spielten und uns Komödie vorspielten? — Ta hatten Sie ja noch ganz rote Backen und glänzende Augen und waren nicht so mager. Es ist Ihnen gewiß recht schlecht ergangen imi Leben, wie?" —
„Je nach dem," sagte Luise kalt.
„Nun aber, das hat doch noch ein gutes Ende genommen und Sie tonnen srvh fein!"
Edeltraut sprach schnell dazwischen:
„Weißt du noch, Luise, wie du Gitarre spielen lerntest? Tn konntest eigentlich alles, was du wolltest! Und dann, Ivie Wilhelm uns den „Tafso" vorlesen wollte, und da erwies es sich, daß du ihn bereits auswendig konntest?" —
Nun verlor sich das Gespräch ganz in Erinnerungen, und Loysen konnte nur zuhören. Tabei kam ihm plötzlich ein Gedanke, der ihn fast aufspringen ließ — doch beherrschte er sich noch und Niemand bemerkte seine Unruhe. Ihm siel ein, wie ihm Wilhelm einst von einer stillen Neigung zu einend jungen Mädchen gesprochen, deren Lieblichkeit sein Herz bewegt hatte, bis sie ging, nm nicht wiederzukehren. Er wunderte sich, daß er nicht eher an die Möglichkeit, dies könne Luise gewesen sein, gedacht hatte. Jetzt stand diese Gewißheit plötzlich sonnenklar vor ihm und erfüllte ihn mit größtem Unbehagen. So hat er dein Freunde ins Haus gebracht, was diesen zartfühlenden Gemütsmenschen immer schmerzlich an die Zeit erinnern muß, da sie noch jung, unschuldig Und froh hier eine zweite Heimat fand und seinem Herzen teuer war..
WS SitngtiM lvar dn.rch diese Entdeckung plötzlich mchaltbar
geworden'. So wenig wie es ihm möglich gewesen iväre, wochenlang der Gast des Hanfes zu fein, darin Edeltraut waltete, sp wenig durfte Luise hier bleiben. Sie müß so bald wie möglich in die Pfarre übersiedeln.
Gleich nach dem Abendessen sollte sie sich zur Ruhe begeben. Sie. widersprach nicht, denn sie fühlte ihre Kräfte schwinden. Eine Stunde hatte sie nun dasitzen müssen und die brennende Ungeduld bemustern, die sie forttrieb, noch heute abend im Elternhause Einlaß zu begehren. Loysen hatte ihr schon unterwegs das Versprechen abgenommen, nichts so Unüberlegtes zu tun. Aber fie erstickte fast an der inneren Qual. So war fie es zufrieden, als Edeltraut sich erbot, sie hinauf zu begleiten, und mit den Worten: „Arme Luise, du mußt ja todmüde fein," umfaßte sie mit starkem Arm die schwankende Gestalt und führte fie die Treppe hinauf.
Kaum waren die Freunde allein in Wilhelms Zimmer, als Loysen diesem beide Hände reichte.
„Wie soll ich dir danken!" — sagte er ergriffen, „du tust für mich, was kein anderer mehr für mich tun würde. Und wie htfjj du es! — So daß man sich des großen Opfers kaum beimißt wird."
„Wils meinst du nur?" — fragte Wilhelm verwundert, „doch nicht etwa, daß ich euch mit tausend Freuden willkommen heiße, dich meinen besten Freund, und Luise, die einst in diesem Hause Kindesrechte hatte und als dein Weib wiederkehrt? — Geh, das ist nicht dein Ernst. Nein. Ich bin es, der mit Verehrung zu einem Manne ausblicken muß, den ich einst — verzeih! — für meinen lieben, jungen Schüler au sah, und der doch turmhoch über Mir steht. Tenn das, was du getan hast, macht dir so leicht kein andrer nach, und ich und die Meinen fühlen uns geehrt, daß du unter unserem Dachs weilst, und bitten dich, dies Hans so lange als das deine anzusehen, wie es dir nur gefällt."
Loysen jrat ans Fenster und sah in den dunklen Hof hinaus, lFortsetzmig folgt.)
„GsmWme Nacht".
Militär-Humoreske von H e inri eh von Selbitz.
(Nachdruck verboten.)
--Hm — Hm —, nur hätte der Angriff von feitert des X. In fcmterie-Rc g i m e n ts etwas energischer durchgeführt werden können! Im übrigen war ich jedoch mit dem Manö- Ver-Berlans ganz zufrieden und danke Ihnen, meine Herren! Morgen — ans Wiedersehen im Manöver-Terrain! — 'n Tag? meine Herren!" schließt der Divisions-Kommandeur — ein Prinz, ein noch junger Herr, die Kritik und reitet freundlich nach allen Seiten grüßend, von seinem Stabe, begleitet, von dannen.
Das Manöver hatte heute sehr lange gedauert; es war später Nachmittag geworden.
Der Oberst des X. Infanterie-Regiments, auf welchen der Tadel — hätte „energischer durchgeführt werden können" — hinzielt, blickt eine kleine Weile gerade vor sich hin, bann schaut er auf seine Brust herunter, die das Eiserne Kreuz erster Klasse schmückt, das er sich 1870 dort unten bei Orleans verdient hatte — er denkt der damaligen Zeit — und lächelt still für sich hin, luie Einer, dem eine schöne Erinnerung durch die Seele zieht — er lächelt und reitet stumm der Sonne entgegen, die im Westen mit goldenen Strahlen leuchtet — vor seinem Regiment her. Die Soldaten marschieren, schwer bepackt, ermattet, schweigend dahin; es geht ein Flüstern durch die Reihen, daß „der Alte" heute einen „Wischer" bekommen hätte und das tut ihnen leid, denn sie haben ihn alle gern, ihren alten Obersten, den „BatSablanea", wie er feit dem Feldzuge seines großen- weißen Bartes halber von den Soldaten genannt wird.
An einer Straßenkreuzung ziehen sich die Bataillone auseinander; sie werden in verschiedenen Ortschaften ein- q'nartsert. Das 1. Bataillon kommt nach Dingshausen. Dort angelangt — heißt es: „die 4. Kompagnie ist nach Weim detachiert" — und in Wenn: „der 1. Zug hat hier keinen Platz mehr und mutz noch „Ins Himmelreich" — eine kleine halbe Stunde von hier!"
„Mlliouen-Donnerw.....!" flucht innerlich der Herr
Leutnant Müller II. — denn dieser ist der glückliche Konm Mandant des detachierten Zuges — „natürlich — versteht sich — wieder mein Zug muß verlegt werden! O, du liebes gerechter Strohsack! Gerade mich muß alles treffen, was. unangenehm ist: das bin ich schon gewohnt," — fügt er mit grimmiger Ruhe bei „mein ganzes Leben lang geht! gerade mir alles konträr tn wo ein. Pech ist, muß schon ich


