Ausgabe 
18.1.1908
 
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Bettenhausen nach .Hungen gerettet. Den ±8. Febr. Ib3j srel Benningshausen ins Land,hat ut Hungen laubacher und Grunberger ampt auch sehr übel gehauset, Gott erbarme es. Bald stellten sich Hungersnot und Pest ein, oie unter. dem m Hungen zusammeugepserchten Menschenwirrwarr fürchterlich tinp räumten.Anno 1635 hatte die Pest mächtig crasnrt. .Und ist Kriegswesen halber großer Unfridcn gewesen. Seiut viel bur- qer und bis; vf den 23. Hs. Juwir acht Rohtspersohnen ver- storben und noch biss dato übrig gewesen Ciriakus Kreutter . Christofs Gebhart . Adam Weber . Conrad hornig.' Den Win­ter 1635 hindurch hatte Feldmarschall Graf Mansfeld sein hauvtquartier in Hungen. Während der Belagerung von Ha­nau durch den Kaisers. General Lambo, 1636 wurden an diesen auch von Hungen aus verschiedentlich Lieferungen gemacht Am 13. Juni gelang cs Landgraf Wilhelm vo,r He;sen-Kassel im Bund mit den Schweden, Hanau zu entsetzen. Zur Strafe dafür suchte im Juli und August 1636 die Götzische Armee das hessen-kasselsche Land heim. Ihnen mußte Hungen ebenfalls außerordentlich hohe Kontributionen an Vieh und Korn leisten Dadurch kam die Stadt in große Geldverlegenheit. S,e sah sich zu Anleihen genötigt und verkaufte 1638 sogar, da der Krieg immer wieder neue große Summen verschlang,em -Klocken, uf der Ober-Pforten gewesen, hat gewogen 2 Ctr, 38 Pfd., ail Jsac Jude" für 16 Rtlr. 18 Alb. Das Jahr 1638 war überaus kostspielig. Die Anfordcruugen der verschiedenen Befehlshaber nahmen kein Ende. Im Frühjahr 1639 er­schienenWallensteiner" (Wallenstein 1634 t) in Hungen und darnach Obrist Ramsdorf. Einer seiner Leutnants lag, um Geld einzutreiben, vier Wochen in Conrad Wecken Haus, lind ivie ließ er sich verpflegen! Er riß mit seinen Bedürfnissen an Brot, Käse, Eiern, Butter, Fleisch, Bier, Milch, Sauerkraut, Salz, Essig, Schmalz, llnschlitt zu Licht, Stiefeln, Geld für seinen Reitknecht, Heu, Hafer, Gerste usw. ein schönes Loch in den Stadtsäckel. Bitterste Not herrschte damals in Hungen. Alle Kassen waren leer. Deshalb mußten sich die Hungener, als Obrist Ramsdorf 1638 Gelder eintreiben ließ, sogar dazu ent­schließen, statt dessen ihr Bich herzugeben. Dabei aber rech­nete der betreffende Offizier für ein Rind nur zwei bis drei Taler. Das Jahr 1640 ließ sich besser an. Wie das Hungener Kirchenbuch ausweist, wurde am 17. Nov. 1640einer Soldaten­frauen Kind, so zu Lang gelegen" getauft und am 27. Nov. einem Kays. Soldaten ein Kind ,generofa'." Sie gehörten zu den Truppen des Erzherzogs Leopold, der am 13. Nov. von Grünberg über Hessen und Langd in die Nahe von Fried­berg rückte, das von einer weirnarischen Abteilung besetzt !var. Die Hungener Stadtrcchmingen von 1641 haben nur einen Ein­trag, der auf den Krieg hindeutet:1 th. 4 Pf. dem Meister hat ein tobt vor der Pforten weggethau, so die Kayserische liegen lassen". Im April 1646 bekam Hungen noch einmal kriegerischen Besuch von dem Reiterregiment Donop. Desgleichen zogen in diesem Jahr der schwedische General Wränget, Graf Königsmark und Turenne durch, auf Bayern zu. 1647 herrschte verhältnismäßig Ruhe, aber das Jahr 1648 stellte wieder beträcht­liche Ansprüche au die Geldkraft der Stadt.

Bald nach Beendigung des großen Krieges, 1651, ließ Graf Moritz einen Münzbau zu Hungen aufführeu.

1678 (30. Nov.) starb mit dem Grafen Moritz die Linie Solms-Hungen aus. Er hatte nur ein Älter von 56 Jahren erreicht und wurde in der Hungener Kirche neben seinem Vater beigesetzt. Eine Hälfte der Grafschaft Hungen ging nun an Wilhelm Moritz, Graf zu Solms-Greifenstein, über, die an­dere Hälfte an Heinrich Trajectin, Graf zu Solms-Braunfels. Ta aber Heinrich Trajecrin 19. Juli 1693 bei Neerwinden fiel, ward Graf Wilhelm Moritz (geb. 4. April 1631, t 9. Febr. 1724) jetzt Inhaber aller Lande Bernhardischer Linie. Wilhelm Moritz zog alsbald von Greifenstein nach Braunfels über. Er er­baute 1700 das Schloß zu Hungen, das heute noch den Stolz dcS Städtchens bildet. Im Hungener Schloß befindet sich ein perspeetivischer Entwurf" davon aus dem Jahre 1710. Dem­nach hat,sich das Schloß selbst seitdem gar nicht verändert. Nur der Bergfried, der auf deinperspeetivischen Entwurf" noch trotzig -gen Himmel ragt und von alten Zeiten träumt, ist nun dahin. Beim Ban der oberhessischen Bahn 1869 machten seine festen Fundamente viel zu schaffen.

' Während der Kriege Friedrichs des Großen bekam Hungen wiederum sein gut Teil ab. Die Kontributionen, Durchzüge, Fuhren und Einquartierungen hörten, wie uns die Kriegsakten im Hungener Archiv zeigen, gar nicht ans. Und die massenhaft vorhandenen Schadenverzeichnifse lassen erkennen, was die Bürger­schaft dabei alles über sich hat ergehen lassen müssen. Für die Stadt Hungen beliefen si ch z. B. 1761 d i e Lieferungen au Mnnd po r tion cn , Holz uu dFnt- tcrage" auf mehr als 26000 Gulden, während der Jan na r und Februar 1 762 allei n s ch o n ü b c r 5 0 0 0 Gulden Kr i e g s ko st e n verschlänge u.

1794 setzt für Hungen abermals ein kriegerischer Zeitab- schuiit ein. Die Akten auf der Bürgermeisterei geben darüber reichlich Aufschluß. 1794 kam das k. k. Feldspital in das Hun­gener Schloß. Die Toten, etwa 350, kamen auf die Pfingstweide, die Rekonvaleszenten nach Inheiden, Trais, Utphe, Bettenhausen, Langsdorf, Nonneiipod, Villingen und Röthges. 24. Sept. 1795

rückte das Spital vor den Franzosen ab, allein erst am 16. Juni 1796 trafen französische Truppen ein. Es waren Chasseurs, die 1 Tag und 1 Nacht im Oberpfarrgarten biwakierten und der Stadt 600 fl. kosteten. Wenige Wochen später zog General Ney au, derselbe, der im November 1812 den Beresinaübergang deckte und 1815 als erster mit seinem Korps zu dem von, Elba entflohenen Napoleon übertrat. Diesen General sahen die .Hungener bald mit gemischten Gefühlen scheiden. Hatte er doch von der Stadt nicht nur eine ansehnliche Lieferung mt Pferden und Mundportionen gefordert, sondern auch, da dieselben nicht schnell genug zur Stelle waren, 4 Bürger als Geiseln mitgeführt. Von den Kaiserlichen gedrängt, gingen die Franzoseir bis hiiZ-r die Sieg zurück, und so lagen beim den Winter 1796 über l > Ostern 1797 die k. k. Karabiniers vom Regiment Kaiser!zu Hungen. Im April 1797 setzten sich wieder Franzosen um Hungen herum fest und General Soult verlegte nm 23. sein Hauptquartier dorthin. Soult entschied später die Treikaiser- schlacht von Austerlitz. Wenn auch Soult bald auf Laubach ab- marschicrte, so dauerten doch für Hungen und das Land ringsum die kostspieligen Einquartierungen und Koiltributionen an Le­bensrnitteln, Vieh und Geld, sowie andere Belästigungen fort.. Es wurden noch zweimal Hungener Bürger als Geiseln mitgeführt und am 3. Mai 1797 mußte jeder Bürger in Hungen bei hoher Strafe Gewehr und Degen an die Franzosen abliefern, wobei 78 Gewehre und 42 Säbel und Degen zusammenkamen. Nun tritt für einige Jahre Ruhe ein, bis mit den Kriegen gegen Napoleon wiederum all das Leid burchgekostet werden mußte, von dem inan sich noch kaum erholt hatte. Vom 3. bis 13. Jauuar 1806 finden wir 150 Mann preußischer Husaren vom Regiment Köhler zu Hungen im Quartier. Sie kosteten der Stadt ^100 Achtel Hafer, 32 Zentner Heu und 9 Fuder Stroh. Einige Tage spater (21. Januar) machten noch einmal 23 Mann von demselben Regiment für 1 Nacht in Hungen Halt. Ihnen folgten Mitte Februar 2 Kompagnien französischer reitender Jäger, die bis zum 11. März blieben und noch in demselben Monat (29.) durch französische Ärtillcrie ersetzt wurden. Diese rückte erst am 28. eept. ab, als Preußen nwbil machte und in Thüringen seine Truppen zusammenzog. 2 Tage danach wurde Hungen kraft der rheni. Bundesakte dem jungen Großherzogtum Hessen eiuverleibt, indem Bürgermeister nebst Gericht ihrem neuen Herrn den reuet» leisten mußten. Tie Bürgerschaft huldigte dem Großherzog erst im August 1809. 1806 (14. Okt.) stürzte die Pforte am E'bertor ein und 1807 mußte die Unterpforte wegen Gefahr des Em- sturzes abgetragen werden. 1808 marschierte auf der 180 c neu erbauten Landstraße ein ganzes französisches Korps durch Hungen nach Grüuberg. Dabei riß besonders die Verpflegung der Ofsi- ziere ein tüchtiges Loch in beit Stadtsäckel. 1808 fanden noch 6 französische Durchzüge iit der Richtung auf Friedberg, statt. Jedesmal blieb der Stab in Hungen und verursachte nutzer der Stellung zahlreicher Fuhren stets bedeutende Kosten. Beim ,Zug der Alliierten nach Frankreich kamen auch zahlreiche russische Truppen durch die Wetteran. Bald nach der Leipziger Völker­schlacht, nm 1. November 1813, erschien ein russisches Kommando von 48 Kosnken in Hungen und nm 2. zogen 2 Regimenter russischer Husaren ein. Am 3. November marschierten auch^preußtsche Truppen durch, mit klingendem Spiel. An ihrer Spitze, von der Bevölkerung lebhaft, begrüßt, General Bork, der Held von Tauroggen und Wartenburg. Es waren lauter Regimenter, dte zu Blüchers Armee gehörten. Hungen zählte damals 174 Hauser mit 940 Einwohnern (Zählung von 1815). Dte langen schweren Zeitläufte hatten seine Entwicklung gehemmt und es wtrNchaft- lich tief heruntergebracht. .Wenn auch 183644 ,die Straße Gießen-Büdiugeit erbaut wurde, uud 1841 (bis 48) em Kreisamt nach Hungen kam, zu neuem Leben erwachte der Ort erst Ende der 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts. Tie Eröffnung einer selbständigen Telegraphenbetriebsstelle (1. Okt. 1868) und der Schienenstrang Gießrn-Geluhausen (1869) erschlossen als mächtige Pulsadern dem Städtchen daS frische Leben und Weben brn.men, Handel und Wandel. 1867 zählte Hungen noch 1)67 Em- ivohner, 1871 schon 1223 und 1880 1350.*) Tce Nebenbahnen von Hungen nach Laubach (1890) und Friedberg (1897) und die Einrichtung einer öffentlichen Fernsprechstelle (Sept. 189 0 trugen vollends dazu bei, den Landwirt, Gewerbetreibenden und Kaus- maml zu fördern. Der dadurch bedingte wachsende Wohlstand 'kommt heute in der rasch steigenden Bautätigkeit zum Ausdruck. Ueberall reges Streben. Eine neue, bessere Zeit ist endgültig sür Hungen angebrochen.

*) Jetzt ca. 1600 Einwohner. T. Red.

Gerhart yauptmaml m Griechenland.

In den» Januarheft derNeuen Rundschau" (©._ FstcherX veröffentlicht Gerhart Hauptmann seinegriechische Reise Wir drucken daraus folgenden Abschnitt ab, der dem Achilleion in Korfu, jetzt Eigentum des deutschen Kaisers, ecnst für die öftere. Kaiserin Elisabeth erbaut, gewidmet ist:

Wir unternehmen am Nachmittag eine Fahrt über Land; es liegt in der Luft eine außerordentlich starke Helligkeit. Bigi d'Jndia-Kakteen säumen mauerartig die Straße. Wir sehen seltsam violette Aueutoneu unten am