Ausgabe 
18.1.1908
 
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Eisennagel ein alter Strohhut, eine Jacke und das schwarze Wollentuch hingen. Endlich hatte er feine Rührung soweit be- tzwmigeir, baß er nachdem Mädchen Hinsehen und fragen konnte:

Werde ich nun ein Lied zu hören bekommen?"

Sie nickte nur und blätterte in den Noten. Ihr Anblick sil dieser Umgebung hatte ettvas Rührendes. Sie trug ein blaßlila gemustertes Sommerkleid, dessen Mode um mehrere Jahre zurück­stand. Er hatte fast vergessen, daß die jungen Mädchen solche Kleider getragen hatten und es erschien ihn« ganz wunderlich, eng und durstig gegen die herrschende bauschige Fülle. Gerade deshalb lag ein gewisser, fremdartiger Reiz in ihrer Erscheinung, Km/ sie sich so silhouettcnhaft fein und schmal gegen das Fenster avlwb. Tie halblangeir Aermel, die schmächtigen Mermchen, die kleinen mageren Hände, das scharfgerissene Profil mit der dunklen Haarwelle über der Stirn es war alles wie ein Bild.

Plötzlich schwirrte ein trillernder Laut durchs Zimmer, die Hände griffen in die Tasten sie sang.

Zuerst erschrak er und dachte: Armes Kind! denn sonder­bar rauh, wie verstimmt, klangen die ersten Töne aber siehe da, wie wenn Schleier um Schleier von einem Bilde gezogen würde, so klärte sich der Ton ton Strophe zu Strophe und gewann an Wohllaut, eine Weichheit, eine Reinheit, ein unver­gleichlicher Schmelz wirkten wie mit Zaubergewalt. Ob er wollte oder nicht, iob er musikalisch war oder nicht, es riß ihm am Herzen, es schmeichelte sich ihm in die Seele, alle die Töne griffen wie kleine, weiche liebkosende Hände nach ihm und rissen ihn daun mit sich fort in eine Erregung, die er vergeblich zu bemeistern suchte, bis er heiß und rot im Gesicht anfsprang und die Hände der Sängerin auf den Tasten festhielt:

Was fällt Ihnen ein, Fräulein? Hören Sie ans, sage ich, oder Sie machen mich ganz verrückt!"

Mit einem Ruck sprang sie ans und sah ihn an mit Augen, In denen der Triumph funkelte.

Ernstlich? Wirklich? Aber das wollte ich ja! Nur probieren wollte ichs an einem menschlichen Wesen, ob ich meine Macht noch besitze oder nicht. Ja! Ja! Sie find ja ganz rot, ganz verstört ich feh's!"

Na, ich danke," sagte er mit trockenem Humordaß Sie mich so gewissermaßen als Versuchskarnickel benutzten."

Ach, das dürfen Sie mir nicht verargen. Habe ich Sie jetzt sentimental gesungen ich finge Sie wieder heraus, verlassen Sie sich drauf! Ihre Stimmungen find Marionetten in meiner Hand."

Nein!" rief er und fiel ihr in den ausgestreckten Arm, ich will nichts mehr hören. Nichts. Ich habe genug mit der ersten Probe. Sie sind eine große Künstlerin."

Das meinen Sie also auch. Ja, ich will eine werden, berühmt, gefeiert, reich, mächtig" . . . ein heftiger Hustenanfall schnitt ihre Ausrufe ab. Sie tourbe ganz blaß vor Schreck und tiefer Niedergeschlagenheit.

Ich fürchte, Sie muten Ihrer wundervollen Stimme für den Anfang zu viel zu" sagte Loysen.

Mit beide» Händen strich sie sich das Haar ans der Stirn Und raffte sich gewaltsam auf.

Ja, ja," sagte sie ausseufzenbaber das kann ich nicht ändern. Es ist stärker wie ich das Singen meine ich. Doch hat der Husten nichts zu sagen. Ich. nun mal nicht sehr stark, habe oft Fieber doch das wird auch schon alles wieder gut. Der Arzt hat es mir versichert . . , und dann und bann"

Ihre Augen weiteten sich, als blicke sie tu ein Märchenland. Ihn - erfaßte das Mitleid stärker denn je, gemischt mit einer fast übermütigen, zärtlichen Rührung aber schnell entschlossen stand er auf, reichte ihr nur kameradschaftlich die Hand und sagte scherzend:

Nun, nehmen Sie es mir nicht übel, loenn ich fliehe. Es ist das einzige, was einem armen Sterblichen zu tun übrig bleibt, der in bett Zanberkreis einer Sirene geriet. Poetisch gesagt, tote? Leben Sie recht wohl, Fräulein Luisane ich wünsche Ihnen Viel Glück!"

Als er die-steile Treppe hinunter ging, dachte er: So! ein­mal und nie wieder.

Jetzt dachte er weder über die DmMheit, noch die unsaubere Dürftigkeit u!ach, die ihn umgab, wie er schnell und ganz in Ge­danke!« verloren, fortging.

Am nächsten Tage kämpfte er mit sich, ob er sie in Frau Jahns Handschuhladen aufsuchen sollte oder nicht. Es wäre gut, so sagte er sich, das närrische Geschöpf wieder im nüchternen Lichte der alltäglichenFronarbeit" zu sehen, um den gestrigen, beunruhigenden Eindruck zit verwischen. Er mußte das ihm ganz abhanden^ gekommenearme Tittg" doch wieder in ihr heratts- finben. Dennoch ging er nicht, sondern machte einige Gesell­

schaften mit unb ließ sich von beit jungen Damen bebattcvn unS verwöhnen, t t , , .

Mer einige Tage später trat er beim doch zu ber Zett, da

Srntt Jahn, wie er nun schon wußte, ihre Mittagsruhe hielt, in bett Laben. Luisane saß am Pult unb rechnete. Als sie ihn erblickte, iuarf sie die Feder hin und sprang auf.

Endlich!" rief sie itngebitlbtg,ich wollte Ihnen schon schreiben. Ich habe Ihnen so viel zu erzählen. Denken Sie sich!" unb nun berichtete sie in hastigen, abgerissenen Sätzen, baß sie noch am selben Sonntag nachmittag bei jener berühmten Ge­sanglehrerin gewesen sei, bie ihr schon einmal bett Weg zur Buhne geebnet, baß sie von biefer einflußreichen Frau, bie es sich angelegen sein ließ, vielversprechende Talente zu fördern, auf das freundlichste empfangen worden sei, ihr Habe Vorsingen dürfen und von ihr nach altem gefragt worden sei, was ihr zu- gestoßeu. Daraus habe bie berühmte Frau versprochen, fick ihrer anzumhmen mit Rat und Empfehlung.

Sie wird die erste Staffel sein, auf welche ich meinen Fuß wieder setze ich werde wieder singen und siegen. Sie aber werden sicherlich nicht unter denen fehlen, die mir Beifall spenden, nicht wahr, Sie kommen an meinem Ehrentag?"

Mit fieberhaften Wangen und Augen stand sie weit über beit Ladentisch vevgeneigt da. Ihn berührte diese exaltierte Vorfreude kommenber Triumphe fast peinlich. Beschwichtigenb nahm er ihr­em en Handschuh aus den Händen, den sie in ihrer Aufregung achtlos in bie Lange zerrte. ,

Geben Sie acht, Fräulein, das Ding geht kaput auf bteje Art! Nun bleibt mir nichts übrig wie das Paar zu kaufen, ehe Frau Jahn beit Schaben merkt. Was kostet es?"

Erschrocken unb ernüchtert sah sie auf bett kläglich zuge- richteten feinen Dameithaubschnh, den er gemütsruhig in bie Tasche steckte. Ihre schwarzen Brauen zuckten finster.

Geben Sie es wieder her!" herrschte sie trotzigden! Schaden ersetze ich selber, wenn Schaden geschehen!"

Statt der Antwort legte er ein Fünfmarkstück auf beit Laden­tisch und steckte auch den anderen Handschuh ein. Sie schob das Geldstück heftig zurück aber ganz plötzlich verklärte sich iHv Gesicht. Sie nahm bie Zahlung, warf sie in bie Ladeukafse und lachte.

(Fortsetzung folgt.)

Ms der Geschichte von Hungen.

Bon Oberlehrer Dreher, Friedberg.

-Nachdruck verböten.

«Schluß.)

Am 21. Sept. 1625 starb Ottos edle Geniahlin Ursula, Jhr Schwager Reinhard ließ sie am 23. Okt. in der Hungener Kirche prächtig bestatteit. Besonders prunkvoll verlief das Leichenmahl. v .

Tie Hungener Stadtrechuung von 1626 bringt nur von Januar bis April auf bett Krieg bezügliche Einträgefür Salve- guarbien, als spanische Reutterei angekommen".

Ten Kriegsstürmen zum Trotz ließ Gras Remharb 1629 parallel zur Stabtinauer beu Wall aulegen. Tie Untennühle (Johannesmühle) an der Horloff wurde in demselben Jahre erbaut.

Damals gab es. auch ein Gymnasium zu Hungen. Es war eine Pflauzschnle für bie Staatsbeamten ber Grafschaft unb stand unter ber besonderen Fürsorge des Grafen Reinhard. Er sonderte bas Diakonat vom Gymnasium ab unb berief einen tüchtigen Gekehrten. Tie Schulbibliothek vermehrte er von Messe zn Messe um neue Werke. Am 16. Mai 1630, morgens 9 Uhr, starb Graf Reinhard im 58. Jahr an einer Lungenent­zündung. Sein Sohn Moritz war bamals erst 8 Jahre alt (geb. 21. November 1622). Für ihn führte zunächst bie Grä­fin Witwe, Reinhards zweite Geniahlin Elisabeth, die Regent­schaft. Sein Erzieher und Berater war-der Rat und Amtinann Wilhelm Otto Sames aus Hungen. .

Die Rechnungen ber Stabt Hungen von 1632 lassen an beit Ausgaben für Arme aus anderen Gegenden erkennen, wie siirch- terlich es dort zuging. Unter beu Alniofenempfängern finden wir auffallend viel kurpfälzische Flüchtlinge. Boni September 1634 bis Juni 1635 brach für Wetteran eine Schreckenszeit sondergleichen herein. Entsetzt floh das Landvolk iit die Städte, wo allein vor dem teuflischen Soldatenvolk Schutz zu finden luar.: Biele Dörfer blieben jahrelang leer; das solms-hungeuschs Tors Billingenneun gaußer jar lang, da ist alles zu Hecken und streuch geworden". Die einst so blühende Wetterau lag bald als eine große trostlose Wildnis da. Durch die ver­fallenen Dächer ber verlassenen Ortschaften wuchsen Bäume/ unb Straßen wie Markt stauben so voller Gebüsch, daß man auf Hasen und Rebhühner jagen konnte (Wiesbaben). Außer ben Bewohnern von Billingen hatten sich bamals noch bie von Langd, Traishorloff, Utphe, Obbornhofen, Bellersheim und