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Kelmuiß Von LoVlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Sehen Sie, Fväulciir Luisane", sagte er freundlich, „wenn ich das höre, fühle ich immer wieder, daß ich mit Ihrer Lebensrettung eine gewisse Beantwortung fite Ihr ferneres Fortkommen auf mich nahm, die ich nicht einlöse. Das drückt mich geradezu."
Sie wehrte heftig ab: „Nein! Nie! Ich weiß, daß Sie es gut meinen, aber ich wünsche völlig unabhängig von Ihrer Unterstützung zu bleiben!. Das tut mir wohl. Verstehen Sie? — Ich suchte den Tod nicht aus Hunger, obwohl mich hungerte, sondern aus Verzweiflung über meinen Verlust. Sie haben nun, da ich durch Ihre Vermittlung Heilung finde, keine Berpflich- tuttgcit mehr. Wollen Sie Sonntag nachmittag kommen? Ja?" ■— „Ich komme Sonntag nachmittag. Empfehle mich Ihnen!"
VI.
Es wurde Lohsen nicht ganz leicht, sein Versprechen zu halten, denn am Sonntag nachmittag war bei der Baronin Troß ein kleiner Kreis intimerer Freunde zum Tiner geladen und sie wollte es gar nicht glauben, daß er eine Verabredung habe. Aber viel zu sehr taktvolle Weltdame, um ihn durch eine Frage in Verlegenheit zu setzen, ließ sie ihn gehen, und so stieg er denn wirklich um drei Uhr die häßlich finsteren Treppen in dem schmalen, unsauberen Hinterhause empor, an seiner eigenen Identität zweifelnd. Tas sollte er, Hellmuth Loysen sein? — Und es handelte sich itidjt einmal um ein Hintertreppen-Abenteuer! In dem Hof hatten ein Böttcher und ein Schmied ihre Werkstätten, Pochen, Hämmern und der wüste Stimmenlärm fersender Weiber begleiteten ihn noch eine ganze Weile treppauf. Endlich war der vierte Stock erklomrnen. Eine mit brauner Farbe gestrichene Wohnungstür stand offen und auf weißem Blechschild las er: Witwe Schipcke. Möblierte Stuben.
Er trat in einen länglichen, übelriechenden Borsaal. Kleiderschränke, Kisten und Komnroden beengten ihn, dazwischen mehr oder minder vergilbte, abgegriffene Stubentüren. Jede trug eine Nummer und ein mit Nägeln befestigtes Visitenkärtchen oder Papierstreifchen. An ihnen hingehend, las er die verschiedenen Namen: Emma Meier, Klavierlehrerin. — Anna Müller, Schneiderin. — Klara Weiß, Stickerin.
So ging das fort. Vergeblich sah er sich nach einer uod> höher führenden Treppe um. Endlich, da niemand sich blicken ließ, ging er ins Treppenhaus zurück. Ter Sonntagnachmittag hatte wohl auch all diesen kümmerlichen Existenzen einige Stunden in frischer Luft gebracht.
Er wurde nun tnti Winkel des Treppenhauses eine leiter- artige Stiege gewahr, die >ich, steil aufstrebend, im Tunket eines gähnenden, viereckigen Teckenansjchnittes verlor. Gütiger Himmel! dachte er, als diese Treppe unter seinen Schritten knackte.
Oben ein Bodenraum, durch dessen Dachsparren der Wind pfiff rind vor ihm eine aus Brettern gezimmerte Tür -auf
welche mit Rotstift: „Nummer 9" geschrieben war. Das ivar's also. Er klopfte an. Drinnen fiel ein Stuhl mit Gepolter nm, ein Riegel ward zurückgerissen, die Türt sprang auf und Luisane kam ihm erregt entgegen.
„Sie sind doch gekommen!' Sie haben sich meiner Arm^ seligkeit nicht geschämt. Verzeihen Sie mir, daß ich bis jetzt an Ihnen zweifelte!"
Sie nötigte ihn einzutreten, schloß die Tür: und schob ihm einen Stuhl hin.
„Sehen Sie sich nicht zu viel um," rief sie hastig, „sonst zanken Sie noch, daß ich diese elende Baracke dem molligen Stübchen neben Frau Jahns Küche vorziehe. Begreifen ©lei nur: hier bin ich allein und frei."
Während sie so sprach, lief sie zu dem' kleinen eisernen Kanonenofen, der kalt und leer dastand, warf eine Schaufel Kohlen hinein und legte Kienspan und brennendes Papier oben-- auf. Ihre Hände waren blau von der in der Mansarde herrschcn-i den Kälte, sie hielt sic dicht an die auflodernden Flammen. Er konnte doch nicht umhin, einen Blick umher zu werfen. Es war schlimmer wie er erwartet hatte. Der abgefallene Bewurf hatte an den Wänden wunderbare Wandkarten zurückgelassen, das Glas des schrägen Fensters war an zwei Stellen zersprungen und mit Papier überklebt. An einer Wand nand ein Schlafsofa, dessen alter grüner llcberzug vielfach geflickt war. Die große Lade unter ihm barg wohl alle Habe des Mädchens, denn ein Kleiderschrank war nicht zu sehen, nur eilte Truhe stand an der Wand. Vor dem Sofa stand ein runder Tisch, auf welchem Bücher, Noten, ein Nähkasten, Tintenfaß und allerlei Kleinig« leiten unordentlich durcheinander lagen. An der gegenüber-! liegenden Wand standen zwei Stühle mit Strohsitzen und da« zwischen ein schmaler Tisch, auf dessen oberer und unterer Platte Eßgeschirr und Kasserolen, ein Petroleumkocher und ein Teller mit Brot- und Wurstresten aufgestellt waren. Auch ein weißes Waschbecken und ein brauner Wasserkrug fanden dort Platz. Mitten in dieser armseligen Umgebung stand ein altes Piano, dessen Politur immerhin wie gleißender Luxus gegen alles übrige abstach Sier machte sich Luisane jetzt zu schaffen, kramte in den Noten und rieb die Tasten ab.
„Nicht wahr, das wundert Sie?" — rief sie mit fieberhafter Lustigkeit — „wie kommt dir solcher Glanz in deine Hütte, werden Sie sagen. Ja! fällt Ihnen denn hier nichts auf? Vermissen Sie nicht Sachen, die Sie hier zu schon berechtigt waren? — Ich habe Ihnen doch gesagt, daß mir meine Base die. Einrichtung ihres Gaststübchens vermacht hatte. Wissen Sie? — Ich schlief in einem warmen Bett, id} besaß eine Kommode, einen Waschtisch und einen Kleiderschrank. Ta dachte ich eines Tages: Wozu das alles? Macht es mich glücklich? — Ich könnte mich mit wenige« begnügen und mir statt dessen einen wertvollen Gefährten in meine Einsamkeit holen. Ich verkaufte alles, Fran Schipckes altes Schlafsofa tut es auch . . . und ich habe mir dies Instrument gemietet.. Es ist gut — das ist mein Luxus!"
Sie saß jetzt am Instrument und rang nach Ruhe, aber sie ” war furchtbar aufgeregt. Ihn hatten ihre Worte förmlich erschüttert. Er sah starr nach der Wand, an der an einem groben


