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die hatte er oft geschaut. Ein Bergfex tote er, der schon so manchen Gipfel erklommen, der unerschrocken den alpinen Majestäten den Fuß auf den eisigen Nacken gesetzt hatte!
Auch jetzt kam er wieder von solchen Wanderungen. Rur waren sie diesmal nicht so waghalsig gewesen, so nervenstärkend gefahrvoll — und doch tausendmal schöner.
Wenn sonst sich sein trunkenes Auge allein berauschte, diesmal war ein Wesen neben ihm, das mit ihm fühlte, mit ihm jubelte und jauchzte. Das ihn mit der impulsiveren Genußfähigkeit der Jugend in der Begeisterung mitriß. Das tapfer mit ihm Schritt hielt, auf schwindelnden Stegen, über Gletscherrisse und Schneefelder. Nie war sie müde geworden und nie verzagt. Einen besseren Wanderkameraden hätte er nicht haben können. Und nie einen fröhlicheren.
Ja, diese schönen Zillertaler Wochen! Nun waren sie vorüber . . . Nun noch die paar Tage hier in München und dann war — nein, zu Ende war es nicht, konnte es nicht sein. Roch heute wollte er sie fragen. Heute ganz bestimmt.
Ein Mädchen, das ein so guter Kamerad war, das so Verstand, sich in Strapazen und Unbequemlichkeiten zu schicken, mußte auch eine gute Frau werden. Mit solch einer Frau konnte man es schon wagen, auch iiber die Höhen und Tiefen des Lebens zu wandern. Er hatte sich so schwer zur Ehe entschließen rönnen, er mit seiner sensitiven Natur. Und nun, da er geglaubt hatte, es sei schon zu spät, packte ihn doch noch die Liebe.
Sie paßte so ganz zu ihm. Sie teilte seine literarischen Interessen. Sie war klug und gebildet, llttb vor einer dummen Frau, einer, deren Sinn nicht über Toiletten und Kochtopf hinausging, hatte er immer die größte Angst gehabt. Wie anregend waren auch diese Münchener Tage, diese gemeinsamen Wanderungen durch die Galerien; sie verstand so klug zu fragen, so verständig zuzuhören.
Zwei Damen streiften an ihm vorüber. Die eine blasse und überschlanke musterte ihn ungeniert und flüsterte dann ihrer Begleiterin ein paar Worte zu. Kannte die ihn? — Ach so — ja — in seinem letzten Buch war ja fein Bild. Weich vorn auf der Seite neben dem Titelblatt.
So fing er nun also an, ein berühmter Mann zu werden, einer, den man sich zeigte. Aber heute wirkte das störend auf ihn, und unwirsch drehte er der Beobachterin den Rücken.
Dann sah er wieder ungeduldig nach der Uhr... Wo sie nur blieb? Sonst war sie doch stets pünktlich und heute waren schon fünf Minuten über die Zeit versttichen.
Ob die Mutter krank geworden war? Ob sie selbst sich nicht wohl fühlte? Es Ivar so drückend heiß heute. Oder spürte er das nur hier in der schwülen Luft dieses Raumes?
Langsam schlenderte er weiter und blieb dann wieder vor einem Bilde stehen: König Krokus und die Waldnymphe.
So blond iv-ar sie, so blond wie dieses Märchenwesen. Und so lang mußte ihr Haar auch sein, sie trug einen ganz dicken Knoten im Nacken. Und einmal hatten sie auch so miteinander gesessen in schweigender Waldeinsamkeit. Sie ein wenig erhöht auf den knorrigen Wurzeln einer Erle und er etwas tiefer im Alpenmoos. Zu seinen Füßen hatten ein paar Enzianblüten neugierig hervorgelugt. Die hatte er gepflückt und ihr gereicht. Und ein paar Tage später fand er die blauen Blüten sorgfältig gepreßt in ihrem Buch.
Immer mehr Menschen kamen jetzt in die Galerie. Eine wahre Hochflut von Menschen.
Nein, hier konnte er sie nicht fragen, hier war es unmöglich. So mußte er schon mit ihr die Brienner Straße heraufgehen, da würde es still sein. — Und jetzt endlich sah er sie auch kommen. Gott sein Dank.
Noch reizender als sonst erschien sie ihm mit dem Rosenhut und dem weißen Jackenkleid, lieber das von der Bergsonne leicht gebräunte junge Gesicht zog ein strahlendes Lächeln, als er ihr rasch eutgegenkam. Herzlich reichte sie ihm die Hand. „Ich hab mich etwas verspätet. Nicht wahr. Sie sind nicht böse?"
Sein Blick glitt voll Zärtlichkeit über sie hin. „Wie könnte ich! Ich freue mich jetzt, daß Sie hier sind.
Sie sah ihn ruhig mit ihren leuchtenden Augen an. Fast schien es ihm, als wäre noch mehr Glanz dann. Wußte sie schon, daß er sie jetzt fragen wollte? .Hatte sie es mit dem so selten fehlenden Instinkt Weibcv erraten? Wenn er sie jetzt nur hatte in den Arm nchmen können und auf den roten, lächelnden Mund küssen. Aber da
waren ja Menschen. Ueberall Menschen! Sie kreuzten an ihnen vorüber, umstrichen sie, als witterten sie ein Liebespaar, irgend einen Roman, den sie miterleben wollten. Er hätte sie alle erwiirgen können.
„Wollen wir nicht weiter gehen?" fragte er gepreßt, „vielleicht ist es in den andern Sälen weniger voll. Oder — oder wollen wir gleich spazieren gehen?"
„Ach ja," sagte sie erfreut uub wieder mit diesem glücklichen Lächeln. „Wir wollen nur, gleich spazieren gehen, ich habe heute doch keinen Sinn für Bilder."
„Aber warum nicht?" Mit einemmal mißfiel ihm das. Er wußte selbst nicht warum.
Ihre gelben Stiefelchen wippten unruhig hin und her. „Ich habe nicht viel Zeit heute, wir müssen noch packen, denn wir reisen schon diese Nacht."
„Heute nacht?!"
„Ja. Wir können nun doch nicht länger bleiben, es ist etwas — etwas " und wieder trat das Leuchten in ihre Augen — „dazwischen gekommen." Sie schien noch einen Augenblick zu überlegen, dann fuhr sie energisch fort: „Mama will zwar nicht, daß ich es Ihnen schon sage, aber ich tu es doch, ich tu es doch."
Um ihn herum surrte und schwirrte es, der Raum schien lebendig zu werden, sich zu drehen, die Bilder an den Wänden tanzten einen wilden Cancan und wie aus weiter Ferne hörte er ihre Worte: „Ich habe mich heute verlobt."
Sie aber sah gar nicht sein erstarrtes Gesicht, sie war so glückselig, daß sie wie durch einen Schleier sah, einen rosenroten, goldigen. Und unbekümmert p.audcrte sie fort.
„All die Tage habe ich gehofft. Ich hatte es ja gelejen, daß er Hauptmann geworden war. Und heute früh kam nun auch der Brief."
„Kennen Sie ihn denn schon lange?" fragte er mit gepreßter Stimme.
„O ja, sehr lange. Wir hatten uns lieb, ohne es uns sagen zu dürfen, denn es reichte nicht für die Leutnants- kantion. Wir sind uns zuletzt sogar ans dem Wege gegangen, die Mutter wollte es. Aber nun" — sie hob fröhlich ihr Gefickt zu ihm auf — „nun ist alles gut. Und morgen Bin ich bei ihm." Dann wandte sie sich um, ließ noch einen Blick über die Bilder gleiten und meinte lachend: „Ich sehe wirklich nichts — gar nichts — ich glaube, wir gehen lieber hinaus." Und leicht ging ihr federnder Schritt vor ihm tyer. „
An der Treppe, die zu dem Eingangsraum, den Bocklms und Feuerbachs führte, blieb sie stehen und nahm plötzlich seinen Arm. t v ,
„Es ist sehr dunkel hier, mir wird ordentlich ein bischen schwindlig." Fest schmiegte sich der weiche Fraueuarm in den seinen.
Ihn durchrieselte es heiß. Warum riß er |te nicht an sich, nahm sie mit Gewalt, nahm sie dem andern fort!
Auf der Straße ließ er brüsk ihren Arm los, riß das Taschentuch heraus und fuhr sich ein Paarmal über die Stirn. „Es war sehr schwül da brinuen," sagte er hart.
Da bog sie sich herum, sah ihn prüfend au und meinte besorgt: „Sie sehen auch wirklich ganz elend ans. Ich habe Sie doch wohl zu lange warten lassen." .
Wie grausam doch Frauen sein können. Gequält ging er ein paar Schritte weiter, die Brienner Straße herauf. Sie blieb neben ihm. , , ,,
„Ja, Sie sind sehr blaß," wiederholte sie, „wie leid mir
J Da machte er noch einen schwachen Versuch. „Sie können doch gar nicht wissen, ob Sie ihn noch lieben, wenn Sie ihn so lange nicht gesehen haben, jeder Mensch ver- ""^Doc§'das weih ich," sagte sie bestimmt und faltete wie zur Bekräftigung ihre Hände ineinander. „Ich habe ihn nie vergessen, ich werde ihn immer lieben."
Hat sie denn nicht einen Funken Neigung für mich? dachte er traurig. Ihr offenes, warmherziges We,en nur gegenüber - und noch so vieles - hab ich mir das alles nur eingebildet?
Da gab sie ihm ganz von selber Antwort darauf.
„Sie sind mir ein so guter Freund geworden in diesen wenigen Wochen unserer Bekanntschaft," sagte s-e,weich. „Ich habe so viel von Ihnen gelernt, so viel gutes und kluges. Ich muß Ihnen von Herzen, danken, daß «le es nicht verschmäht haben, der Kamerad eines dummen, kleine»


