790
bet lögt, ist iit meinen Augen einfach ein Lump. Also: Haben! Sie Verpflichtungen gegen Fräulein Effert?"
Wie tont Blitz geschlagen stand der Kandidat da.
„Ja oder nein?" fragte das Edelsräuleiu mit heller Stimme.
„Ja!" kam es gepresst aus dem immer tiefer werdenden Dunkel heraus; „das heißt —"
„Larifari!" unterbrach sie ihn; „das gibt's nicht! Mvlleir Sie Ihre Verpflichtungen erfüllen? Ja ober nein?"
Eine Pause. Sie hörte, wie sein Atem hastig ging.
Sie trat ans Fenster und hielt ihre Uhr dicht an die Augen.
„Ich gebe Ihnen noch eine Minute, um als Mann von Ehre zu handeln, — fünfzehn, sechszehn, — sieb —"
„Ja!" klang es hell und klar von drüben her.
„Srl.ön! Nun geben Sie mir die Hand! Brav so! Hätten Sie „nein" gesagt, dann Wie ich Sie noch heut' abend nach der Bahn fahren lassen. Sind Sie zufrieden mit meinem Weihnachtsgeschenk? Erstens eine reizende Braut, die Sie gar nicht verdient Habeir, und zweitens habe ich Sie Ihrem bessern Ich zurückgegeben und Ihrem guterd Gewissen. Ich nehme an, dass das auch seinen Wert hat; und dann verspreche ich Ihnen zur Belohnung zu Ihrer Hochzeit Ihnen einen Serviettenring aus Perlen in blau und weis; zu sticken. So, und nun kommen Sie, sonst könnte Karl denken ich hätte sie wirklich hierher zum Rendez-vous bestellt. Als Gegenleistung für Ihr etwas erzwungenes Vertrauen will ich Ihnen ganz freiwillig unter dem Siegel männlicher Verschwiegenheit erzähle» hast mein Vetter, der Garde-Husar, mor- gen koutmt, der sich ein unbeschreibliches Vergnügen daraus machen würde, Ihnen das Genick zu brechen, wenn Sie einen einzigen Blick aus mich würfen. Offen gestanden, bin ich auch mehr für die Kavallerie/als für die Theologie. So, nun ist Ihnen warm ge- wvrdeu, nicht wahr? — Aber mich sriert's. Vorwärts!"
Wie im Traum ging er neben deut Fräulein durch den Schnee. Es war finster. Sie blieb steherr, legte die Hand aus seinen Arm und zeigte auf ein erleuchtetes Fenster. „Da oben sitzt die arme Friedet und hat keine Ahnung, daß sie jetzt etatsmäßige Braut ist, und Sie werden ihr nie einen Ton davon sagen, >vas zwischen uns vorgegangen ist; geben Sie mir die Hand und ihr Ehren- toort daraus! — So ist,'s schön! Und gehen wir spornstreichs da hinauf, und Sie verloben sich und melden mir, ehe wir zur Bescherung gehen: „Befehl ausgesührt!"
Er Wßte die kleine, kalte Hand, die in seiner lag.
„Gott lohn' es Ihnen!" sagte er leise; „ja. Sie haben tnich mir selbst tviedergegeberr. Aber verurteilen Sie mich nicht $it sehr."
„Fällt mir nicht ein!" lachte sie, und zog langsant die Hand aus seiner; „ich kenne die Beurteilung der Verhältuisse", wie Onkel Bräsig sagt. Allons!"
Kopfschüttelnd sah Karl die beiden aus dem Garten konimen Und die Treppe hinaufsteigen; dann hörte er eine Tür auf- und zu gehen und sah die Baroneß wie ein Reh die Treppe heruntev- und hineinstürmen ins Zimmer des Kammerherrn.
„Da werde einer klug daraus!" murrte er. — Die Uhr schlug eine Viertelstunde um die andere. Und drinnen, iit Frieda's Zimmer, lag einer auf den Knien und hatte den Kopf in ihren Schoß gelegt, und sie die Hände auf seinen Scheitel; so sah sie «us seligen, Augen auf ihn nieder. Er hob das Haupt und blickte ihr in das liebe, verklärte Gesicht. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn und neigte sich und küßte ihn.
„Nun geh', mein Weihnachtsbräutigam!" bat sie mit leiser Stimme. Gr stand groß und stattlich vor ihr und zog sie an sein Her».
Stolz gehobenen Hauptes ging er hinaus, und mit fefionk, klingendem Schritt ging er auf sein Zimmer.
Der Saal erglänzte int hellsten Weihnachtsschein. Die mächtigen Licht-Pyramiden der Bäume ergossen ihren Schimmer, und Büschel voll Kerzen brannten in dem grünen Behang der Wände. Köstlicher, würziger Tannendust erfüllte den großen, lichtdurch-- fluteten Raunt. Das Jau-chtzen der Enkelkinder ivar die rechte Musik zu all der leuchtenden Pracht; und daß ab mrd zu der Schueesturm draußen aufheulte, und gegen die Fenster !vetterte, b«3 lgkab keinen Mißklang in die große, friedliche Weihnachts- .Symphonie. Sie hatten's hellstimmig miteinander gesungen, Knecht und Herr und Magd und Edelfraulein: „Vom Himmel hoch, da Iomm ich her", und Frieda hatte dazu gespielt aus dem Har- Moniunr, aber es war nicht nur de« Widerschein der Kerzen Kewesen, der aus ihrem Auge gestrahlt als sie „aus Herzensgrund den süßen Ton" mitgesungen hatte. Nun war das Gesinde gegangen, .und die Herrschaften waren unter sich. Ilse stand unter dem einen Baum und ließ ihre Blicke durch den Saal schweifen, und in ihren glanzenden Augen leuchtete es auf: sie hatte gesehen' wie dort die zwei beisammen standen und wie
ihre Hände sich heimlich fanden. Da löste sich die Gestalt des! Kandidaten aus der Gruppe. Gr kam auf das Fräulein zu, die abgesondert dastand und trat dicht vor sie hin, und sich tief wie vor einer Fürstin verneigend, sprach er leise: „Befehl ausgesührt !" Und ganz Königin neigte sie ein wenig das schöne Haupt: „Das hätte ich Ihnen auch raten wollen!" Ganz leise setzte sie hinzu: „Nun machen Sic, daß Sie fortkommen! Frieda schaut hierher."
Nach einer Weile ging sie auf Frieda zu und nahm ihre Hand. „Nun, Kleine, darf ich wohl die erste sein, die Ihne» zu Ihrem Weihnachtsgeschenk Glück wünscht," sagte sie mit ihrem strahlenden Lächeln; „er hat's mir anständiger Weise eben gesagt. Sie sind natürlich wieder verstockt und bösartig verschivie- gen. Aber trotzdem habe ich hier noch eine kleine eigenhändige Handarbeit für Sie; vielleicht macht Jlmen die Kleinigkeit Freude."
Sie reichte ihr ein in Papier gewickeltes Päckchen. Frieda, die Glückberauschte, streckte ihr beide Hände hin. „Nun mache» Sie's nur erst auf! Es ist etwas Brauchbares zur Aussteuer!"
„Was ist beim das?" entfuhr es Frieda; sie entfaltete! einen Folio-Bogen, und leise las sie, und immer größer wurden ihre Augen, und immer tiefer färbte sich das Rat ihrer Wangen! Und mit einemmale ließ sie das Papier fallen und flog Ilse in stürmischem Jubel um den Hals und ries jauchzend: „Tas ist unerhört!"
Und da lag sie am Herzen der jungen Herrin und lachte und weinte vor seligem Glück.
Ilse hob ihr das glühende Gesicht mit der Hand: „Sehen Sie, Kleine, das geben Sie ihm als Ihre Mitgift. Nun sagen Sie noch, daß Sie zu arm sind! Es traf sich gerade so, daß es zu machen war."
Verwundert war der Kandidat hinzugetreten und nahut das Blatt vom Boden auf. Er las: „Kraft des mir zuftehendew Präfentatious- und Vokations-Rechtes ftir die Pfarre zu Golleüen erkenne und Berufe ich Sie zum Pfarrer der dortigen Gemeinde zum ersten April kommenden Jahres. Das Einkommen beträgt rund neunhundert Taler." So weit war es die Haudsclzrift Jise's. Der Kammerherr hatte unterschrieben und untersiegelt.
Der Kandidat stand starr.
„Es liegt da hinten in der Altmark," sagte das Fräulein ruhig. „Der alte Herr hatte gerade seine Pensionierung beantragt. Ich gratuliere zur Pfarre."
Er neigte sich tief ergriffen über die dar gebotene Hand. Zwei warme Tränen fielen darauf. Ilse sah außergewöhnlich erregt aus.
„Morgen nach Tisch kann der Schlitten Sie zur Bahn fahre». Sie »verden sich sehnen mit anderen ausznsprechen als nur mit uns. Nun gehen Sie zu Papa und bedanken Sie sich. Mein« Schsvester hat auch für Sie gesprochen. Sie muß nun zu Ostern wechseln!" Sie sprach in gleichgültigem Ton, aber es lag ein eigenartiger Klang in ihrer Stimme, wie sic an ihm vorbei in das Licht des Taimenbaums blickte.
„Es ist angerichtet," meldete der Diener mit lauter Stimme.
Frieda lehnte sich fest auf den Arm ihres Verlobten.
Als letztes Paar schlossen sie sich dem Zuge der Familie zum Mah! an.
Es war ei» großer Weihnachtssriede» Überall. Hinter ihnen her leuchtete hell der Weihnachtsglanz.
„Du bist mein, — des sollst Du gewiß sein!" sagte er leise.
Baroneß Ilse ging vor ihnen am Arm eines Gastes. Sie hatte das Wort gehört. Sie wandle sich, und nickte ihnen ernsthaft zu.
Kameraden,
Skizze von Marie von Ploetz.
lNachdruck verboten.)
Sie trafen sich diesmal in der Schackgalerie. Iit dem kleinen Saal rechts vor den Schwindschen Bildern. Er war schon etwas früher da als sie und stand nun wartend vor der Jungfrau.
Er liebte dieses Bild. Nicht weil es so wundervoll märchengläubig war wie alles, was dieser Märchenmeister geschaffen hatte. Er liebte die monumentale Kraft, den Zauber der Morgenröte, die über das hochragende, gekrönte Haupt fiel und rwch ihren Schimmer über die Gletscher warf. Und leise murmelte er tue Verse, aus denen dieses Werk geboren war.
Es sitzt die Königin hoch und klar
Auf unvergänglichem Throne,
Die Stirn umkränzt sie fick wunderbar
Mit diamantener Kron«.
Die glitzernden Kronen, die die ziehenden Wolkenschleier int Sonnengeflimmer um die Häupter der Höhen woben.


