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Herr Lecoq.
Kvimüral-Roman von E. Gaboriau.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Die Liste der „Unglücksfälle" der Witwe Chupin war noch nicht erschöpft, aber Segmüller hielt c§! für unnötig, sich mit der Aufzählung derselben noch länger aufzuhalten und fuhr fort:
Das wäre also Ihre Vergangenheit! Gegenwärtig ist Ihre Schenke eine Verbrecherhöhle. Ihr Sohn ist schon viermal bestraft, und es ist erwiesen, daß Sie seine verbrecherischen Neigungen ermutigt und begünstigt haben. Ihre Schwiegertochter ist wunderbarerweise ehrlich und fleißig geblieben. Sie haben sie deshalb aber auch so fürchterlich schlecht behandelt, daß der Kommissar Ihres Reviers einschreiten mußte. Als sie Ihr Haus verließ, wollten Sie ihr Kind zurückbehalten — ohne Zweifel, um es aufzuziehen, wie seinen Vater.
Dies war, dachte bne Alte, der rechte Augenblick, gerührt zu werden. Sie zog ihr neues von der Appretur noch ganz steifes Taschentuch hervor und rieb damit kräftig ihre Augen, um denselben eine Träne zu entlocken.
Oh, Elend! klagte sie, mich im Verdacht zu haben, ich wollte meinen Enkel, meinen armen kleinen Toto, zum Bösen erziehen! Da wäre ich ja schlimmer als die wilden Tiere, das hieße ja, mein eigenes Fleisch und Blut verderben!
Aber diese Wehklagen schienen den Richter nur sehr luenigi zu rühren: sie bemerkte es und wechselte sofort System und Ton, indem sie zu ihrer eigenen Rechtfertigung überging.
Ach! sie gehöre zu denen, die niemals Glück haben; sie wäre immer unschuldig verfolgt worden. Wo läge zum Beispiel bei dieser letzten Geschichte ein Verschulden von ihr vor? Ein dreifacher Mord wäre in ihrer Schenke vorgefallen, aber die anständigsten Wirtshäuser seien vor Katastrophen dieser Art nicht sicher. Sie hätte in der Stille ihrer Zelle Zeit gehabt über alles nachzudenken, sie hätte die verborgensten Falten ihres Gewissens durchsucht, aber sie fragte sich noch immer vergeblich, welche Vorwürfe man ihr vernünftigerweise machen könnte...
Das kann ich Ihnen sagen, unterbrach der Richter sie; man wirft Ihnen vor, daß Sie nach Kräften dem Gang des Gesetzes Hindernisse in den Weg legen . . -
Oh, mein Gott, ist das möglich? .
. . . und daß Sie die Justiz irre zu leiten suchen. Das ist Mitschuld, Witwe Chupin, nehmen Sie sich wohl in Acht! Als die Polizei erschien, genau in dem Augenblick, wo das Verbrechen begangen wurde, da haben Sie Ihre Antwort verweigert.
Ich habe alles gesagt, Inas ich wußte.
So? Nun, das müssen Sie mir wiederholen.
Herr Segmüller konnte mit sich zufrieden sein. Er hatte das Verhör so geführt, daß die Witwe Chupin, ohne etwas zu merken, sich in die Lage versetzt sah, selber den Hergang zu erzählen. Dies war eine große Hauptsache. Durch direkte Fragen wäre örel- leicht diese schlaue, kaltblütige Alte auf wichtige Punkte aufmerk
sam geworden und es war nötig, daß sie keine Ahnung hatte- was der Verhörrichter wußte oder nicht wußte.
Indern man sie ihrer eigenen Einbildungskraft überließ, mußte miau die Lesart, die sie an Stelle der Wahrheit vorzutragen sich vorgenommen hatte, in ihrer ganzen Vollständigkeit vernehmen. Weder Lecoq noch dev Richter bezweifelten, daß diese Lesart auf der Polizeiwache an der Barriere d'Jtalie zwischen dem Mörder und dem vermeintlichen Trunkenbold vereinbart und darauf der Chupin durch den kühnen Komplizen mitgeteilt worden war.
Oh, die Sache ist ganz einfach mein guter Herr, begann die ehrenwerte Schankwirtin. Sonntag abend saß ich allein an meinem Kaminfeuer in der Schankstube meiner Wirtschaft, da tut sich mit einem mal die Tür auf, und ich sehe drei Männer und zwei Damen eintreten.
Herr Segmüller und der junge Kriminalbeamte tauschten einen blitzschnellen Blick miteinander aus: dev Vertraute hatte gesehen, wie die Fußspuren untersucht wurden, also versuchte man nicht, die Anwesenheit der beiden Frauen abzuleugneu.
Wie spät war es? fragte der Richter.
Ungefähr elf Uhr,
Fahren Sie fort!
Die Leute setzten sich und bestellten einen Napf boll Wein ä la franyaise. Ohne mich rühmen zu wollen, aber in der Zubereitung dieses Getränkes habe ich nicht meinesgleichen. Natür4 lich bediene ich sie, und unmittelbar dapauf gehe ich in Mist zubessern hatte, bessern hatte.
Sie ließen die Leute allein?
Ja, Herr Richter.
Das war sehr vertrauensselig von Ihnen?
Die Witwe Chupin schüttelte melancholisch den Kopf und sagte:
Wenn man nichts hat, fürchtet man keine Diebe.
Weiter! Jahren Sie fort!
Ich war also seit einer halben Stunde oben, als da nutest einer ansäugt zu rufen: Heda Alte! Ich gehe hinunter und sehe vor mir einen Mann mit großem Bart, der eben eingetreten war. Er verlangt ein Gläschen „Doppelten Zwirn". Ich gebe es ihm, und er setzt sich allein an einen Tisch.
Und Sie gingen wieder mich oben? unterbrach der Richter sie.
Wurde die Ironie von der Chupin verstanden? An Mein Gesicht konnte man es nicht erraten.
Ganz recht, mein guter Herr, antwortete sie, aber diesmal habe ich kaum Nadel und Fingerhut wieder zur Hand genommen, als ich einen furchtbaren Lärm in der Stube unten höre. Trapptrapp, bin ich die Treppen hinunter, um Frieden zu gebietest. Ach, jawohl! Die drei zuerst Gekommenen waren über den später Eiiigetretenen hcrgefallen und schlugen nuf, ihn los, oh mein guter Herr! sie massakrierten ihn. Ich schrie, als wenst ich am Spieße stäke. Aber auf einmal zieht der Mann, der allein gegen drei ist, ein Pistol aus dev Tasche: er schießt und tötet einen von dm anderen, dev auf den Fußboden rollt; ich sinke auf meiner Treppe zusammen, und, uni nichts zu sehen denn das Blut floß in Strömen — ziehe ich meine Schurze WM


