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Schritts dann wieder das Stochern, und Tasten und! nun wieder ein paar Schritte. Und jetzt stieg es auf die Stufen, lang und schwarz, und jetzt stand cs auf der Treppe, unheimlich und düster.

Von innen riß einer die Tür aus und ein anderer rief flehend: Vater!"--

Guttermann schrie:Fluch du Ungeratener!"- Guttermann!"--klang es gellend durch die Nacht.

Marie du--Marie!"

Der Alte schlug mit der Hand an die Türpfoste, daß die Eisenriegel glirrten. Der grelle Lichtschein siel von innen .auf fein Gesicht, es war eine Grimasse.

Dann raste er den Berg hinunter. 1

Die unheimliche Blinde trat eine Stufe zurück, strauchelte und siel vornüber. Sie wollte sich auf den Stock stützen, doch der rutschte ab und sie schlug mit dem Kopf auf den Stein.

Ohne jede Bewegung blieb sie liegen.

Sie war tot.

* *

*

Ein paar Knechte trugen sie hinunter ins Herrenhaus. In bimt großen Zimmer ward sie aufs Ledersofa gelegt.

Zwei Stunden spater kam der Arzt.

Ein einfacher Schädelbruch!"

Wieder eine Stunde später war es still nnd finster im Hause.

Doch nicht ganz. Einen Wachsstumpf in der Hand drückte sich der Dorskönig aus der Frcmdenkammcr die Treppe hinunter in das große Zimmer.

Er saß lange neben der Toten.

Als der Morgen graute, tastete er sich in seine Kammer und schloß sich ein.

Die tote Unbekannte wurde in einen Sarg gelegt und der Deckel aufgenagelt.

Die Schläge hallten durchs ganze Haus.

Beim letzten Nagel kam einer die Treppe herunter, einer mit schlotternden Knien uni) schlohweißem Haar.

.Das war Vater Gutterniann.

Die Geschwister sahen auf den Sarg, sie sahen ans den Alten, s Sollte das wirklich ihr Vater sein?

Und der Alte nickte, als wollte er sagen:Ja, ich bin cs!" und er blickte immerfort auf den Sarg.

Da kamen die Kinder zu der Erkenntnis: Die drin im Sarg nnd der dort, der über Nacht weiße Haare bekommen, die gingen sich etwas an!

Was soll aus dem Tuche werden?" fragte die Heimbürgin und nahm vom Sofa ein großes, gestricktes, schwarzes Tuch.

Das Tuch!!" Guttermann hielt es in der Hand.

:Das Tuch muß mit in den Sarg!"

Und es half nichts. Der Sarg mußte wieder geöffnet werden und durch eine Spalte ward das Tuch hineingeschoben. Der Dorfkönig atmete auf.

Guttermann, Irene und Hugo gaben der toten Blinden das letzte Geleit, und der Pfarrer schach:Mr du auch seist, wih wissen es nicht! Dir sei ewiger Frieden! Wer dir im Leben je Unbill zngesügt, ihln möge Gott verzeihen ! Amen!"

Der alte Guttermann drückte dem Geistlichen die Hand, zwei-, dreimal. Und als sie allein waren, fragte er ihn, ob cs möglich sei, daß sich jemand vor Kummer blind weinen könne.

Der alte Pfarrer sah den Millionär von der Seite an mit stählernem Blick, und tiefes Erkennen, gepaart mit innigem Mit­leid spiegelte, sich auf dem gütigen Antlitz. Dann sagte er: Ich glaub es nicht, Herr Guttermann."

Da drückte ihm der Dorskönig zum vierten Male die Hand.

14. Kapitel.

Am 11. Juli war ech am Jahrestag des Einzuges der Truppen in Dresden, als Ernst von Horbach mit Erika von Horbach, ge­borene Guttermann, von der Hochzeitsreise zurückkehrte.

Sie hatten die Schweiz bereisen trollen, doch in einem kleinen Schwarzwalddörfchen waren sie hängen geblieben und genossen dort in diesem Weltwinkel ihr junges Glück.

Ernst von Horbach tvar eine von jenen Naturen, die alles Neue reizt und außerdem noch eine von denen, die nicht eher ruhen, bis sie das erteicht haben, was sie sich in den Kopf gesetzt.

Erika Guttermann Hatte er nun, er liebte sie auch nach seiner Weise, das heißt, er liebte in ihr das Kindliche, das Un­berührte, er liebte das Diamanthaar und die Mandelangen.

Erika Gutterniann hatte er nun. Aber etwas hatte er noch nicht, ihre Geldsäcke. Und unglücklicherweise hatte sich bei ihm der Gedanke eingenistet: Die mußt du auch noch haben!

Wohl war am Tage vor seiner Verlobung im Gespräch mit

dem alten Guttcrlnann die Rede von der Mitgift gewesen, tvohl hatte der Dorfkönig gesagt, daß er seine Tochter standesgemäß unterstützen werde. Der Begriffstandesgemäß" des Mchlfabri- kanten war aber etwas anders, als der Begriffstandesgemäß" des jungen Reiterofsiziers.

Und der Einzug in das eigne Heim, der für andere junge Eheleute der Gipfel des Glückes ist, wurde für Erika der erste traurige Tag.

Daran war ein Brief des Dorfkönigs schuld.

Ernst von Horbach las ihn und warf ihn dann fluchend auf den Tisch.

Ernst--du!"

Na, soll man da nicht sluchen?! Tausend Taler will uns dein Vater pro Anno geben rind die Wohnung bezahlen. So ein Dreck!"

Wenn er in Zorn tvar, wog er die Worte nicht.

Erika schaute ihren Mann sprachlos an. Sie hatte nie Geld in den Händen gehabt, hatte nie mit Geld rechnen gelernt. Für sie waren tausend Taler eine Riesensumme.

So ein Dreck! Langt gerade für die ersten vier Wochen !" und er nahm den Scheck, zerknüllte ihn und schleuderte ihn in -die Stube.

Mit höhnischem Auflachen giug eh hinaus und warf die Tür krachend hinter sich zu.

Erika war sprachlos. Sie stand im Zimmer mit schlaffen Armen und blickte nach der Tür. Als ihr die Füße schmerzten, setzte sie sich und blickte immer noch nach der Tür. In ihr rang sich eine Erkenntnis los, noch undeutlich und verschleiert, aber schon jetzt herb bitter herb.

Sie ging nach dem Schlafzimmer. Das Mädchen teilte ihr mit, daß der Herr noch ausgegangen sei. Er war dreivicrtel zwölf Uhr nachts.

Sie erwiderte nichts. Mechanisch ging sie zu Bett. Sie zog die Decke bis unter das Kinn und blickte starr in den blauen Betthimmel. Dem Mädchen ward es bange vor diesen großen, verstörten Augen. . ,

Erika blickte noch im Finstern an die Decke. Ihr war wie einem Kinde, das man jäh aus seinem Märchentraume reißt.

Anr anderen Morgen setzte ihr Ernst die Lage auseinander. Er sei gezwungen, ein seinem Namen und seiner Stellung ent­sprechend großes Haus zu führen. Sie solle ihrem Vater das schreiben und den jährlich zugedachten Zuschuß sollte er monat­lich senden.

Erika versprach es, und mit einem Schlage war Ernst wieder wie früher. Er nannte sie seine kleine, verständige Frau uud überhäufte sie mit Zärtlichkeiten. Sie war wieder glücklich und der gestrige Abend erschien ihr wie ein böser Traum.

Doch als sie ihn um Wirtschaftsgeld bat, lachte er kürz und zuckte die Achseln.Ich hab keins! Mit den 1000 Talern hab ich gestehn abend einige Kleinigkeiten bezahlt." Da machte sie wieder die großen, starren Augen.

Sie ging in ihr Zimmer und suchte die fünfzig Taler hervor, die ihr die Mutter am Hochzeitstage als Notpfennig übergeben! hatte. Daß dieser Notpfennig so bald in Aktion treten sollte, hatten allerdings weder Mutter noch Tochter gedacht. Mit diesem Gelde wirtschaftete sie nun die nächsten Tage.

Sie hatte einen flehendlichcn Brief nach Hause geschrieben, einen Brief, in dem all die Angst um ihr Glück ans jeden: Buch­staben leuchtete.

Es kam keine Antwort.

Ernst fragte täglich zehnmal, ob sie denn wirklich geschrieben habe, ob denn noch keine Antwort da sei?

Ja, er schickte sogar aus den: Kasino Ordonnanzen, die ihm Nachricht bringen sollten.

Die Antwort kam nicht und ihr Geld wurde alle.

Da schrieb sie in ihrer Angst nach Altengrün an Hugo und daraufhin kam endlich am drittnächsten Tag ein Brief von ihrem Vater. Sie las ihn heinrlich und große Tränen rollten dabei aus ihren Augen.

Sie verbarg das Schreiben vor Ernst und gab ihm nur den beiliegenden Scheck von wiederum 1000 Talern.

Er fragte auch gar nicht danach, was der Vater geschrieben habe. Seine Hand zitterte, als er de:t Scheck in Enrpfang nahm. Erika sah, wie ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht huschte. Sie wandte sich ab.---.

So ging es nun Monat um Monat. -

Von Ernsts Seite das ewige Drängen um Geld, und von zu Hause die mehr als groben, beleidigenden Miefe.

Das war nun ihre Ehe!

Erika dachte in diesen Tagen viel nach über das Leben und über das Glück.

(Fortsetzung folgt.)