Ausgabe 
17.9.1908
 
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Donnerstag den \x. September

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Der Dorfkönig.

Roman von Karl Böttcher- Chemnitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Da kam ein Wind den Berg hereingefahren, huschte blitz­schnell über die Brücke und sauste wie toll irrt Mühlhose umher. Er riß in der Gesindestube die Tür auf und stob hinein, er stieß int Herrensaale einen Fensterflügel zurück und huschte unter die Verlobungsgcsellschaft. Dann hob er sich, kletterte am .Haus empor und balgte sich mit dem Ecktürmchen. Er blieb Sieger und in seiner Freude tobte er im Türmchen umher und zerrte und riß an der Glocke, und als er endlich wieder durch bie Luken schlüpfte, trug er auf seinem Rücken leise, klingende, singende Klagetöne mit fort und am offenen Fenster des _ Herrensaales warf er sie ab mitten hinein unter die Fröhlichen. Durch Erika ging ein Frieren. Ihr Bräutigam fühlte, wie die kleine Hand erkaltete.

Vater Guttermann, der eben auf Oberst v. Horbachs Rede antworten wollte, fiel in sich zusammen. Der Weinkelch in seiner Hand kippte um, die harten Züge int Gesicht wurden schlaff.

Auch in der Gesindestube hatte man das Läuten des Toten- glöckchens vernommen. Alle lauschten auf die wimmernden Töne. Elan bengte seinen Oberkörper vor und blickte durch die Tür­spalte starr ins Finstere.

Das ist für mich--das ist für mich!" sagte er, schaurig

ächzend. Er richtete sich auf und bewegte sich ruckweise nach der Tür. Die Rechte am Ohr, so horchte er.

Ich komme ich komme!!"

Er wollte hinaus. Der Obermüller führte ihn an seinen Stuhl und drückte ihn nieder.

* * *

Am Abend des Neujahrstages fuhren Hugo und Irene Gntter- sttann schon wieder zurück nach Altengrün.

Mazda erstattete Bericht.

Nach Erledigung des Geschäftlichen sagte sie:Nun noch etwas, Hugo! Gestern nackt gegen 11 Uhr klopfte es am Dor. Die Hunde heulten furchtbar. Da ging der Verwalter hinaus und brachte eine Frau herein, eine alte Frau!"

In der Silvesternacht?"

Ja und sie ist blind."

Blind?!"

Man kann sonst nichts erfahren von ihr!

Wo ist sic?" . , , L r.

Gestern nacht hat sie in der Küche geschlafen, heute tst sie drüben neben der Geschirrkammer."

Recht so, Magda."

iMr wollen doch hinüber gehen, Hugo," sagte ^reue.

|Heut abend noch?"

i 'Na ja, Hngo. Eine alte Fran und blmd!

Sie gingen hinüber. Die Alte hockte auf deut Bett und starrte mit ihren toten Augen nach den Eintretenden.

Mv kommt Ihr her, gute Frau?"

Wer sind Sie?" nrurmelte die Blinde.

Hugo Gutterntann der Gutsherr."

Wie sich die Alte erhob, wie sie sich forttastete, das war unheimlich.

Wo wollen Sie hin, Beste?"

Fort fort."

Ich bitt' Sie, jetzt in der! Nacht?"

Fort fort!! Ueberall Gutterntann!"

Hugo wollte sie zurückhalteu, aber sie stieß ihn beiseite und mit eigentümlichem Instinkte tastete sie sich an den Mauerwändest hin und fand die noch offene Hoftür und verschwand int Dunkelns Das große, gestrickte, schmutzigrote Tuch, das sie in der Hand hielt/ war das letzte, was man von ihr sah.

Geh ihr nach, Hugo, bitte!"

Er zuckte die Achseln.

Sie wird erfrieren!" ,

Das Frauenzimmer war mir unheimlich init ihrem feind­seligen Gesichte voller Haß. Sie mag sich auf einem änderest Gute einlogieren." ,

Sie ist schon überall gewesen, wie mir die Leute heute erzählten. Ihre erste Frage ist stets gewesen: WM gehört das Haus? Und wie sie gehört hatGuttermann" ist sie fluchend sorlgegangen, bis sie ganz erschöpft zu uns kam." So berichtete Magda.

Da ging ihr .Hugo nach. Er rief, schrie, pfiff. Er ließ eine. Laterne bringen. Der Schnee war hart gefroren und keine Fußspur zu erkennen.

Die Blinde blieb verschwunden.

Das arme Weib!" sagte Jrme.

Wieviel Kummer mag nötig gewesen sein, diese tausend Falten in das Gesichten graben?" . i

Blind und arm!"

* * *

Einige Tage später saßen die Geschwister mit Magda iirt Spitzhause. Es war recht gemütlich in dem kleinen Raum. Int Ofen lustig flackerndes Feuer, im Teekessel brodelndes Wasser.

Magda und Hugo spielten Dame, Irene war mit Zurtchtest des Abendbrotes beschäftigt.

Da stand plötzlich ein Vierter unter ihnen.

Ich dacht mir3 doch!" schrie er und dazu ein furchtbarer Schlag auf den Tisch.

Es war der alte Guttermann.

Er faßte die beiden Mädchen hart ast und drückte sie zur Tür hinaus.

Vater und Sohn standen sich allein gegenüber.

Was sie miteinander gesprochen, wird nie jemand erfahrest/ doch es war ein harter nnd heißer Kampf. Die beiden Mädchen standen draußen im Schnee, eng aneinander geschmiegt wie Schwestern. Die eine zitterte um den Bruder, die andere um dest Liebsten.r,

Da kam etwas herangeschlichen, am Buschsaum entlang. Erst ein Stochern auf dem Stoben mit einem. Stocke, dann ein paar