Ausgabe 
17.8.1908
 
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Verzierungen versehen. Das Podium mit blauem Vor­hang wurde in grüner Farbe gehalten, die daselbst befind­lichen Fenster haben gelbe Vorhänge, die eine freundliche Stimmung geben. Das Lesezimmer mit kleinem Erkersitz­platz zeigt eine einfache Möblierung in brauner Farbe. Der Bücherschrank mit ländlicher Musterbibliothek wurde eingebaut, die Wände erhielten eine Bespannung mit Jdeal- tapete (venezianischen Papiermatten) in granem Tone. Ein anschließender kleiner Raum dient zur Aufbewahrung der Turngeräte, ein kleiner Turnplatz befindet sich hinter dem Hause. Vom zweiten Haupteingang aus, der wie der erste als offene Säulenvorhalle mit violetten Wandplatten, grün­lichen Wandflächen, rotem Plattenboden, dem graugelben Putz und Sandstein und den Blumen mit ihrem lebhaften Krün und Rot eine gelungene Farbstimmung aufweist, ge­langt man in den Borraum ftir die Bäder und das Treppen­haus. Ein kleiner, mit abwaschbarer Tapete bekleideter Borraum dient als Ankleidezimmer, dem sich ein geräu­miger Duschraum mit Einzelzellen anschließt. Die durch Holzwände mit weißem Anstrich getrennten Zellen find mit Vorhängen versehen, die Wände und der Fußboden find mit weißen Plättchen belegt. Jede Zelle hat kalte und' warme Duschvorrichtung; die Bereitung des warmen Wassers geschieht durch einen Gasofen, von dem auch das neben dem Ankleideraum angelegte Einzelbadezimmer versorgt wird. Die Anlage derartiger Badgelegenheiten im Gemeindehaus ist sehr erwünscht; in vielen kleinen Fabrikstädten richten die Fabriken Bäder für ihre Arbeiter ein; die Verlegung dieser Badeanlagen ins Gemeindehaus würde der Allge­meinheit zunutze kommen. Der obere Stock des Ausstel­lungsgemeindehauses birgt die Räume der Frauenabteilung, die hinaufführende Treppe ist mit Steinholz belegt, ebenso der Korridor im Obergeschoß.

Man betritt zunächst die Kochküche, die dem Kochunter­richt auf deut Lande dienen soll und geräumig und hell angelegt wurde. Ein sog. WcMierkochherd sowie verschie­dene Kochkistensysteme sind nebst allem sonstigen Küchen- mobiliar aufgestellt. IN der Speisekammer steht ein Eis­schrank von Fink-Asperg, in sinngemäßen, einfachen For­men ausgebildet, im Gegensatz zu den sonst üblichen ge­schmacklosen Eisschränken, die" wir in den meisten Woh­nungen sehen. Die Küche ist mit Plättchen belegt, der Korridor, der Treppenbelag und Fußboden des Abortes ist als Steinholzboden hergestcllt.

EineCharlottenpflege" enthält allerlei Kranken- Utensilien, Badewannen, Krankenbett usw., die den Ort­schaftsbewohnern zur Verfügung stehen. Es schließt sich ein freundliches Schwesterwohnzimmer mit kleinem Schlaf­raum an. Ersteres ist tapeziert, letzteres mit blauer Lein­wand bespannt.. Das Mobiliar des Wohnzimmers wurde ländlich gehalten, ohne daß Anklänge an eine bestimmte Stilrichtung gesucht wurden. Die dunkelbraune Farbe der Möbel stimmt mit oem Grün des Kachelofens und den Farben von Teppich und. Sofabezug trefflich zusammen; der Schlaf­raum zeigt weiße Möbel, die mit der blauen Wandbespan­nung fein harmonieren. Beide Räume machen einen überaus behaglichen Eindruck. Ein kleines Dorfmufeum dient der Erhaltung von Altertümern des Ortes und soll auch beson­ders interessante Stücke örtlichen Gewerbefleißes beher­bergen. Der Fußboden dieses Raumes besteht aus den sehr harten amerikanischen Ahornriemen, die schiffsbodenartig verlegt sind.

Für den Frauenverein ist ein größerer Raum vorge­sehen, der während der Ausstellung Fröbelsche Arbeiten und einen Nähkurs des Schwäbischen Frauenvereins aus­genommen hat. Der Boden des, Raumes besteht aus rot­gefärbtem Estrichgips. Ein gemütlicher Sitzplatz vor dem Raume ladet zum Ausruhen ein, die Bühnentreppe führt vom Korridor aus den geräumigen Trockenboden.

Die Decke über dem Erdgeschoß ist schallsicher nach System Abel hergestellt. Das Dach ist in dem hervor­ragenden Material der Aktienziegelei Waiblingen vortrefflich eingedeckt, was besonders an deni Türmchen und den Dach­gauben zum Ausdruck kommt. Sämtliche Dachziegel sind nicht ausgesucht schöne Steine, sondern Durchschnittsmate­rial. Das ganze Gerippe des Hauses ist solid in Fachwerk konstruiert, so daß es an anderer Stelle neu aufgebaut und ausgemauert werden kann. Die Beleuchtung ist elek­trisch angenommen, doch könnte auch jede andere Art Ver­wendung finden. Das Haus zeigt in vorzüglicher Weise den Typus dieser neuen Gebändeart, die in erster Linie berufen

ist, vorbildlich für ländliche Bauweise zu wirken und ge­sunden Geschmack für einfach Schönes unter der Bevölkerung zu wecken.

Hinter dem Hause ist ein kleiner Turnplatz angelegt, der eine Anzahl moderner Turngeräte aufweist. Der ganze Bau zeigt durch die praktische Raumausnützung, welch viel­seitige Verwendungsmöglichkeit ein solches Gebäude bietet.

__________ A. B.

VsrmZschtss.

* Ein Kreuzzug gegen den Feminismus. Ame­rika gilt mit Recht als das ideale Laud der Frauenrechtlerinnen. In allen Staaten der Union genießt die Frau in der Gesell­schaft Rechte, die im alten Europa die Frauen selbst in ihren kühnsten Träumen nicht zu erhoffen wagen, und in vier Staaten hat sie sogar das aktive und das passive Wahlrecht. Nun er­öffnet Professor G. Stanley-Hall mit flammenden Worten den' Kreuzzug gegen das geistigeViragonentum" der modernen Frau, In den Artikeln, die er in den Zeitungen veröffentlicht, bekämpft er besonders die Herrschaft der Frau in der Schule, die ihm als der Anfang vom Ende der amerikanischen Gesellschaft erscheint. Stanley-Hall versichert, daß 75 v. H. der amerikanischen Lehr­kräfte, in manchen Gegenden sogar 90 v. H., Frauen find; von diesen Lehrerinnen geben jährlich etwa 25 v. H. ihren Beruf auf/ um sich zu verheiraten. Die Folge ist ein ewiges Fluktuieren von kommenden und gehenden Schuldamen; die Lehrerinnen haben kaum Zeit, sich richtig einzuleben und Erfahrungen zu sammeln. Am meisten geschädigt werden dadurch die Schulkinder, die von einer Hand in die andere gehen und sozusagen zu einem Rohstoff für pädagogische Experimente von Anfängerinnen werden. Ver­schlechtert hat sich auch infolge der Vorherrschaft der Frau die Schuldisziplin. Unberechenbaren Schaden habe die sogenannte gemischte Erziehung gestiftet: bei Knaben, die mit Mädchen zu­sammen erzogen werden, könne eine kräftige Männlichkeit gar nicht zur Entwickelung kommen; eine solche Erziehung mache sie iw sexueller Hinsicht indifferent und lau und nehme den Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern jeden Dust und jeden Zauber, Der Schule und mir der Schule verdanke, Amerika das Weiber- regiment in der Familie und im öffentlichen Leb'eN. In der Fan.iilie seien, die Frau, die Schwestern, die Töchter die Ty-- ranninnen; der Mann aber spiele stets nur die Rolle des Geld- schaffers und desCavaliere servente". In der Literatur, in der Kunst, aus der Bühne überall nehme man nur Rücksicht auf den Geschmack der Frau, da schon in den Schulen,als Grund­regel gelehrt werde:Never eontradiet a lady"; die Literatur sei geschlechtlos geworden; in der Kunst, in der Architektur fehlten! die starken, monumentalen Gedanken; das Nackte werde in geradezu lächerlicher Weise bekämpft. Den bemitleidenswert törichten For­derungen der Mäßigkeitsdamen gegenüber streckte selbst der Kongreß die Massen, indem er die Militärkantinen abschaffte. Der über­triebene Feminismus, der in Amerika herrsche, habe mit wirk­lichem Fortschritt nichts zu tun und sei ein Schaden und emd Schande für die ganze Nation. Eine gewisse Berechtigung wird mau den kühnen Angriffen des amerikanischen Professors nicht absprechen Kirnten. . ,

* Kindermund. Eine Dame ans erneut ober- hessischen Städtchen schreibt uns: .

Ter kleine 5 jährige Friedrich hat öfter von Milchzahnen reden hören. Eines Tages, als er mit seinen Eltern beim Nach­mittagskaffee sitzt, bittet er, die Mutter möge ihm' doch auch Kaffee! einschenken. bekommt aber zur Antwort, kleine Jungen durften keinen Kaffee, er müsse Milch trinken. Ta meint der kleine Friedrich hoffnungsvoll:Aber Mutter, wenn ich erst meine Kaffeezähne habe, dann bekomme ich doch auch Kaffee? '

Gesundheitspflege.

II e 6 e r b i e Vorbedingungen der Langlebig­keit plaudert Dr. Max Meyer-Bernstadt in derBert. Mm, Wochenschr.". Dr. Meyer, der selbst schon die Siebzig überschritten hat, hält Umschau unter den Alten des, sächsischen Landbezirw, in dem er seit mehreren Jahrzehnten die ärztliche Praxis, ans- übt, Männer und Frauen von über achtzig und über neunzig tn großer Zahl. Ausführlich schildert er einen Besuch bei dem ehe­maligen Weber Gottfried Apelt in Reichenau, der nächstens seinen 103. Geburtstag feiert. Meyer will ans den mttgetetlten Lebens­geschichten keine zwingenden Schlußfolgerungen ziehender findet aber bei allen mancherlei Gemeinsames, dem eine Bedeutung! nicht abzuerkennen sein dürfte. Zunächst haben sämtliche. Per­sönlichkeiten ihr ganzes Leben fast ausschließlich in erneut mitt­leren Gebirgsklima mit häutigem Wechsel der Temperatur, der Windrichtung und der Niederschläge verbracht. SodanN ist allen eigen eine heiter-phlegmatische Gemütsverfassung, die mit ihrem Schicksal zufrieden in beschaulicher Ruhe dahinlebt em Erb­teil der passiven Menschenrasse. Impulsive Naturen mit chole­rischen Neigungen finden sich ebensowenig unter ihnen wie see­lisch deprimierte. Der Umstand, daß allen mehr oder weniger etrt kräftiges Knochengerüst mit geräumigen Körperhöhlen verliehen par, sei sicher nicht zufällig. Auffallend ist Pie vorherrschen«