510
ber fiifl Noch im Oktober verheiratet hatte — der alte Pater des heimgekehrten Flüchtlings hatte das junge Paar in seiner Dorfkirche eingesegnet —- geirotz mit Käthe das neue Glück eines gemütlichen eigenen Heims in Kvspl und war von ihm öfters zu Rate gezogen worden. Als er dann mit dem fertigen Plan vor seinen obersten Ressortchef trat, war dieser sofort Feuer und Flamme für die Ausführung, denn von den diplomatischen Verhandlungen erwartete der praktische Mann langst nichts mehr. Und auch du Thil mußte dieselben für erschöpft halten, denn er erteilte nach kurzem Zögern ixm Rcssortchef seine Zustimmung unter Worten des Lobes für den schneidigen Einfall. „Nun aber auch sofort an die Ausführung! Sobald der Strom eisfrei ist und die Schiffahrt wieder beginnt, muß alles' für den nächtlichen Dammbau bereit sein!" Mit dieser Mahnung hatte er die Beratung geschlossen.
Seitdem hatte Werner eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt, llnd jetzt war alles bereit. Mehr als hundert Schiffe mit Steinen lagen auf verschiedenen Stellen des hessischen Ufers verankert, nur ein Viertel davon schon vor Mainz — und Schiffer und Steuerleute waren angewiesen, bis morgen abend zehn Uhr vor der Mainzer Schiffsbrücke abfahrbereit zu sein, um dann in bestimmter Ordnung die geöffnete Brücke zu passieren. Mehr als dreihundert Arbeiter waren aus verschiedenen Orten der Mainzer Umgebung für eine nicht näher bezeichnete Arbeit ge- dlmgen, die noch in der Nacht zum 1. März auf einer der Rheininseln begonnen werden sollte. Sie hatten sich zur bestimmten Stunde an den ihnen bezeichneten Uferstellen unterhalb der Brücke bei Mvmbach einzufinden, wo Nachen zur Uebcrfahrt bereit stehen würden.
Die Leitung des Ganzen fiel Werner zu, wahrend einige jüngere Techniker speziell die Versenkung der eigens für den Zweck aus Eichenholz gebauten drei schweren Schiffe überwachen sollten. Auch ein Kvmmändo Gendarmen unter Führung eines Offiziers sollte Werner! mitgegeben werden, uni den Befehlen der Techniker an die meist fremden Schiffer und Arbeiter einen autoritativen Rückhalt zu geben.
In dieser Angelegenheit sollte Werner jetzt nähere Weisungen ünd Vollmachten direkt vom Minister du Thil erhalten, der von ihin auch einen mündlichen Bericht über den Stand der Vorbereitungen eingefordert hatte. Während er in diesen Minuten des Wartens alles überdachte, was er in letzter Zeit mit höchstem Aufwand seiner Kräfte geleistet hatte, mußte er mit warmem Dank seines Schwagers gedenken, der den ganzen Plan angeregt hatte.
Seitdeni der Plan zur Ausführung angenommen war und das E Dienstgeheimnis ihm die Zunge band, hatte er Hell nur wenig gesehen. Es war ihm peinlich«, mit ihm zu verkehren, ohne ihm davon irgendwelche Andeutung machen gu. dürfen, daß sein damaliger Vorschlag nun wirklich ausgeführt werden sollte. Auch hatte er wenig Zeit mehr für geselligen Verkehr jdder Art. Doch hörte er öfter von Hell durch Käthe, die von Kästel fleißig nach Mainz zu ihrer Schwester herüberkam; er wußte, daß die dem Schwager an der Taunusöahn übertragenen Arbeiten schnell voranschritten, seitdem die Kälte nachgelassen hatte. Auch daß er tit Zeitungen Artikel schreibe, die zum Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes in den Zollvereinsstaaten ermahnten, Hatte ihm Käthe erzählt. Wenn er sich bei dieser Artikelschreiberei nur nicht einmal die Finger verbrannte! Werner hatte eine Witterung, daß der Wind in Deutschland für die liberale Presse wieder schärfer wehe. „Na, er wird sich auch dann zu helfen wissen. So ein forscher Kvrl, wie er ist!" So dachte er voll Dankbarkeit und Sympathie an Hell, ohne eine Ahnung davon ßu haben, daß im Geheimkabinett deS Ministers nebenan, der ihn ganz wider seine Gewohnheit lange warten ließ, gleichfalls post d iesem die Rede war.
(Fortsetzung folgt.)
Das MustergemeiOchüLZ auf der Vauausfteüung in Stuttgart.
(Architekten Klatte & Weigle-Stuttgart.)
Aus der Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß- Lothringen.
Als ein neuer Gebäudetypus, der für den Architekten eine dankbare Aufgabe stellt, ist das Gemeindehaus zu bezeichnen. Es bildet gleichsam eine Ergänzung des Rathauses und der Kirche, alle Räume dienen lediglich der Wohlfahrtspflege. Der Wert eines solchen Hauses wird noch vielfach verkannt, und man hält es wohl gar oft für überflüssig. Wer bei den Anforderungen, die heute an Fortbildung, Zusammenschluß der Gemeinden und an die Hygiene gestellt werden, ist die Erstellung von Ge-
memdehausern sehr zu vegruyen, vte je nach speziellen Anforderungen oder Geldmitteln die verschiedensten Lösungen möglich machen. Da in dieser Richtung noch nicht viel Bor- mldliches vorhanden war, entschloß sich der Verein für icmdlrche Wohlfahrtspflege in Württemberg, auf der Bau- ausstellung in Stuttgart (bis Oktober) ein vollständig eingerichtetes Gemeindehaus zu erstellen. Die Architekten Klatte & Weigle-Stuttgart wurden mit der Erbauung eines Mustergemeindehauses beauftragt, das in möglichst gedrängter Anordnung diejenigen Räume in einer geschickten Grup- pierung enthält, welche als notwendig sich bisher erwiesen haben.
Erwünscht ist für ein Gemeindehaus eine freie Lage, so daß die Anlage getrennter Eingänge den verschiedenen Benutzungszwecken entsprechend vorgesehen werden kann. Das vielfach wechselnde Vauprogramm weist im allgemeinen folgende Raumbedürfnisse auf: Gemeindesaal,. Kleinkinderschule, Jugendveremslokal mit Lesezimmer und' Turngeräteraum, Buchhandlung, Wannen- und Duschbäder samt Ankleideraum, Turnsaal, Lehrlingsheim, Küche für Kochkurse, Zimmer für Krankenschwester und Kindergärtnerin, Krankenzimmer, Jungfrauenvereinslokal, Dorfmuseum. Das Hauptaugenmerk des Architekten liegt in der möglichst günstigen Kombination der einzelnen, durch transportable Trennwände oder Rollwände geschiedenen Einzelsale zu einem großen Saal für besondere Anlässe. In den meisten Fällen ergibt sich ein umfangreicher Erd- geschoßgrundriß mit den Haupträumen, dessen großer Dach- raum die Unterbringung der Nebenräume gestattet. Im Untergeschoß befinden sich Waschküche, Raum für Brennmaterial und etwas Keller für Wohnung oder Krankenweine, „Billig und praktisch bauen" ist eine Hauptanforderung an den Architekten. Da ein solcher Bau wie jedes öffentliche Gebäude berufen ist, eine gesunde Kunst zu pflegen und zu fördern uno anregend und belehrend durch das Aeußere wie durch die Innenausstattung zu wirken, müssen alle Baumassen wie Einzelteile mit großer Liebe, Sorgfalt und Verständnis bearbeitet werden. Durch Benutzung eines guten, gediegenen, ortsüblichen Baumaterials und Anordnung paffender belebender Motive dürfte es ermöglicht fein, einem Gemeinde- oder Vereinshaus sein besonderes Gepräge aufzudrücken.
Das Gemeindehaus der Bauausstellung in Stuttgart zeigt einen sehr klaren Grundriß und Aufbau. Durch offene Vorhallen gelangt man in den Gemeindesaal bzw. die Klein- kinderschule und in den Vorraum für die Bäder sowie das Treppenhaus für den ausgebauten Dachstock. Dem Gemeindesaal ist ein kleiner Windfang als Garderobe dienend,, v'orgeleat; in dem dort zugänglichen Krankenkasten befinden sich Tragbahre jund Bandagen usw. zur ersten Hilfeleistung bei Unglücksfällen. Der Gemeindesaal kann auch als Kleinkinderschule benutzt werden. Ein Podium mit Nebenraum ermöglicht kleine Aufführungen, an der Decke ist die zusammenrollbare Projekttonswand für Lichtbildervorträge befestigt. Neben oem Podium ist eine kleine Orgel mit Selbstspielapparat „Organiston" eingebaut. Auf der Orgel kann jedes Stück geistlicher oder weltlicher.Art gespielt werden. Für kleinere Gemeinden ist die Erfindung des genannten Selbstspielapparats von großem Wert, da! die Bedienung außerordentlich einfach ist und der Apparat auä) in jede bestehende Orgel eingebaut werden kann. Die Tätigkeit des Organisten ist entbehrlich gemacht, und es wird sich die erwünschte öftere Benutzung der Orgeln zu Konzerten, Vorträgen usw. ergeben. Im Saal sind Bänke ausgestellt, welche durch einen sehr einfachen Klappmechanismus die Verwendung für Erwachsene und Kinder ermöglichen. Die Säulen des Saales waren wegen der leichten Konstruktion als Ausstxllungsbau nicht zu entbehren, sie fallen bei der praktischen Ausführung fort. Durch transportable Trennwände vom Gemeindesaal geschieden, schließt sich ein Zimmer für den Jugendverein an in gleicher Ausstattung. Beide Räume werden bei größeren Versammlungen verbunden; das anschließende Lesezimmer ermöglicht eine weitere Vergrößerung bei Lichtbildervorträgen! usw. Der Jugendverein erhält einen eignen Eingang und Abort, zum Treppenhaus fuhrt ein Notausgang. Alle genannten Räume sind mit Linoleum belegt, an dessen Stelle auch Pitchpineböden zu empfehlen sind. Die Wände des Saales sind unten mit abwaschbarer blaugrauer Kinkrustck verkleidet, die Decke und der obere Teil der Wände sind mit Leimfarbe in hellgrauem Ton gestrichen nnd mit einfachen


