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He tarnten Opfer der Repräsentation, der mondainen Pflichten, die von Soireen, Bällen und Diners Zermürbten und Erschlagenen. Ihre Zahl ist Legion. Nicht nur in Rom, und wenn das Frühjahr kommt, so ftaiut man diesen armen Opfern, die des Winters Hochvergnügen ausgehöhlt, schwach und krank gemacht hat, überall begegnen, wenn es die be- dauernswerten Märtyrer nicht vorziehen, sich unter südlichem Himmel von den Strapazen eines Winters zu erholen. Das Frühjahr ist die Zeit der Magenverstimmungen, des physischen und seelischen Katzenjammers, der Eitttäuschnngen und der ärgerlichen Rückschau. Wenn es heut noch Lenz- poeten geben würde, so würden sie ihre Leier auf Moll stimmen, und eitel Klagetöne entquöllen ihrem Munde. Eijn alter Satz bewahrheitet sich: Für das Gute und Schöne, das wir genießen, haben wir mir ein schwaches Gedächtnis, und alles Unangenehme, das uns widerfährt, bewahren wir sorgfältig in der Erinnerung. So haben wir denn jetzt rasch und leicht vergessen, was wir im Winter Gutes und Schönes getrunken und gegessen haben, wieviel liebe Worte und noch liebere Blicke Noir an Tisches Bord mit der schönen Nachbarin tauschten. Und wenn wir an die lange Reihe der Feste znrückdenken, so haftet uns nur der Tafellärm im Gedächtnis, das Gewirr der Stimmen, das Geklirr der Bestecke,' das Brnhaha, in dem man sein eigenes Wort Nicht versteht. Und da nun einmal der Mensch ohne Tafelsreuden denn doch nicht auskommen kann, so sehnt er sich jetzt nach aeräuschloseren Diners und nach Eßtischen, die weniger vom Sturm der Menge umbraust sind. Und wie immer, wenn der Mensch seine Sehnsucht klagt, öffnet ihm die Natur ihre liebevollen Arme. Ein herrlicher großer Speisesaal tut sich auf: der Wald, Und der Tisch im Freien, die Eßkunst im Plenair lockt mit allen Reizen.
Die ersten warmen Sonnenstrahlen brauchen nur zu kommen, und der Boden des Waldes bedeckt sich mit Ltullen- papier. Man packt Eßkörbe, und man prüft Speisen und Getränke auf ihren Widerstand gegen Märsche und Fahrten.
Wer einmal im Walde auf weichem Moose gelegen, von dem eilt weißes Tuch sich blinkend abhebt, wer einmal gesehen, wie die Sonne durchs Gezweige bricht und einen Rheinwein vergoldet, wer einmal die hungrige Neugier erlebt, mit der man die Pakete löst und die Terrinen öffnet, Und wem einmal die seltsame Mischung von Tanneuduft und dem Parfüm einer reichgefüllten Obstschüssel nm die Nase gezogen ist, der schwärmt immer wieder von solcher Hingabe an die Natur. Und dann! Das Essen im Winter hat etwas Abgezirkeltes, Regelmäßiges, von vornherein Bestimmtes. Das Wesen des Picknicks liegt in der Improvisation, int Unerwarteten. Niemand weiß, was der hoch- beladene Korb enthält, was der oder jener zum gemeinsamen Mahle beigestenert hat. Und ist nicht das schönste im Leben immer eine Ueberraschnng? Und hier spielt die Natur mit in dem lustigen Wettbewerb. Einmal wirst die Sonne in verschwenderischer Laune eitel Goldstücke durch das Laub auf Täfel und Gäste, ein andermal huscht eine Wolke vorbei, und plötzlich ist die ganze Stimmung transponiert, ein andermal wieder spielt der Wiitd zu Tische auf, oder ein Vöglein gibt ein Konzert; jeden Augenblick ändert sich der Rahmen der Gesellschaft, jeden Augenblick hallt das Lachen im Freien anders wider. Und wenn man auf die Stimmen ringsum achtet und sie versteht, dann ist es, als würden alle Waldgeister und Waldekferr mitwirken, um die Menschen, die ihre Gäste sind, zu zerstreuen.
Und dann kommen die Uebevraschiutgen, die sozusagen im Stoffe selbst liegen. Wer niemals Sekt int Walde, wer niemals Sekt hoch oben in der Gletscherwelt getrunken hat, der weiß nicht, welche zauberischen Kräfte in ihm verborgen sind. Es ist, als ob jenseits der Schneegrenze ein himmlischer Rauschegott den irdischen Champagnergeist ablösen würde. Die blaue Kuppel der Unendlichkeit über sich, das im Morgenlicht aufglühende Schneefeld zu seinen Füßen, die Stirne gebadet in reinster Luft, glaubt man im Sekt eisgekühlte Sonnenglut zu schlürfen. Und dann beginnen die Steine zn fingen und die Felsen zu tanzen und die Sterne zu lachen, und man singt nnd tanzt und lacht mit, als wäre das Flugproblem längst gelöst, und als hinge es nur von uns ab, uns frei und leicht in den Aether zu schwingen.
Picknick hoch oben auf den höchsten Höhen, Joie des Menschen Fuß erreichen kann, Picknick unten im Tale, im Wald, am Fluß, am Wieseurand — tausend Stimmungen
stürmen auf mich ein, wenn ich daran denke. Und in der Natur erst kommt man zur Einsicht, wie lyrisch ein kulinarisches Vergnügen werden kann. Und wie orchestriert die Jahreszeit die Melodik der Umgebung. Wie anders frühstückt es sich int gnfgrünenden Birkenwalde, wie anders unter dichtem Sommerlaub und wie ganz anders int Herbste, wenn die ersten braunen Blätter raschelnd auf uns nieder- fallen. ... Aber daun entdecken wir mit einem Male, daß unsere Sitzgelegenheit reich ein Ameisen ist, daß der Wind boshaft mit Servietten und Tischtuch umspringt, daß die ganze Picknickerei eine Kette von Unannehmlichkeiten ist. Wir sehnen uns wieder nach dem wohligen Zimmer, nach dem sauber gedeckten Tische, nach der Zigarre vor dem Kamin, kurzum, nach allem, was Gesetz und Regel und abgezirkelt und vorhersehbar ist. _ Und so schwanken wir ein Leben lang von einer Sehnsucht zur anderen, von Erwartung zu Enttäuschung, von Freiheitsdrang zur Freude am Gesetz. Das improvisierte Picknick •— Picknick int Freien hat einen schönen Doppelsinn — war immer unter hundert verschiedenen Namen das Tischvergnügen der Frei- heitsschwärmer. Und weint der Sommer diesmal nur Halbwegs feinen Aufgaben und Pflichten genügt, so lockt er in allen Menschen die Freiheitschwärmerei aus dem Herzen, und sie gehen hinaus nnd tafeln int Wälde.
Vermachtes.
* „Und in Jene lebt sich's bene!" Aus Jena wird geschrieben: Ein geradezu ideales Verhältnis besteht in der thüringischen Musenstadt zwischen den Jüngern der heiligen Hermaudad und denen der Alma Hinter. An einigen Vorgängen der letzten Tage kann dies auch für Fernstehende glaubhaft gemacht werden. Einige lebenslustige Studios hatten sich abends trotz kühler Witterung vor dem Hanfried- Denkmal auf dem Marktplatz gelagert und musizierten, scherzten und lachten. Da nahte sich ihnen gemessenen Schrittes ein Hüter des Gesetzes und sprach die großen Worte gelassen aus: „Meine Herren! Daß Sie sich nur keinen Schnuppen holen!" Die Korona lachte und dankte herzlich für die Besorgtheit des manchmal verulkten „Polypen", der sich mit einer wiederholten Mahnung verabschiedete. Kurze Zeit darauf wurde ein Student von einem Schntzmanne dabei beobachtet, als er an einem Anstreichergerüst empor- klctterte. „Was machen Sie da?" frug der Behelmte tn verweisendem Tone und suchte nach dem Bleistift. Der Kletterlustige antwortete: „Ich möchte mich nur ans das Gefühl prävarieren, wenn ich demnächst ins Examen steige!" — Und kaum hatte er das Wvrt gesprochen, als er auch bereits mit großem Gepolter durch das Gerüst hindurchfiel. Ein Haufen Bretter donnerte hinterdrein und deckte den Abgestürzten liebevoll zu. „Ich bin gerasselt!" rief der Studio aus seinem Holzlagerplatze dem Schutzmann zu. Dieser aber ließ den Bleistift stecken und überließ den Turchfallskandidaten seinem Schicksale.
* Der Omni b u s als Theate r g ar dero b c. Die Choristinnen des Shesficldtheaters reiften jüngst nach London, um in einer Vorstellung in Queens Hall mitzuwirken. Sie kamen erst eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung in London an. Auf dem Bahnhof erwarteten die Gesellschaft zehn Automobilomtiibusse, nm sie nach Queens Hall zu führen. Der Manager, welcher einsah, daß es an Zeit mangelte, um sich in den Theatergarderoben zu kostümieren, gab schnell entschlossen die Order aus, sich int Omnibus umIiizieheii. Die Vorhänge an den Fenstern wurden her- untergelässen, und während die Omnibnsse mit Getute durch die Londoner Straßen stürmten, entwickelte sich im Innern eine lebhafte Tätigkeit. Der Direktor von -Queens Hall, welcher am Eingang seines Theaters wie ein Verzweifelter hin und her raunte nnd mit schweißbedeckter Stirn den unbarmherzig weiter vorrückeuden Zeiger seiner Tascycn- uhr betrachtete, war hocherfreut, zu sehen, daß ine Chor- mädchen schon alle kostümiert den Wagen entschlüpften, so daß sie sich direkt ans die Bühne begeben konnten. Die Idee ist übrigens nicht ganz neu nnd war schon vor etwa einem Jahr einmal von einer Londoner Schauspielerin verwirklicht worden. Diese Dame, eilte Vortragskünstlerin, hatt in drei verschiedenen Londoner Theatern zu gleicher Zett Engagements angenommen und sich die Sache so eingeteut, daß ihr Auftreten aus den verschiedenen Bühnen auch in verschiedene Zeiten fiel. Nur mit dem Umziehen haperte es. Sie ließ sich nun ein völlig geschlossenes Automobil als Theatergarderobe Herrichten und mit allem hierzu ge


