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September, nachdem er sein Abunricntcnexaincn bestanden hatte, nach Meran nachgereist.
Gleich am Tage seiner Heimkehr erschien der liebenswürdige Junge im Schnlhaus und brach.c Heinz „als Reisegcschenk" eine Kopie des Leonardo da Vineischen Abendmahles.
Heinz wollte das Bild nicht annehmen; schließlich aber, als Werner immer wieder bat, '"ernte er: „Nun gut denn, so mag eS über meinem Bücherschrank prangen, als Erinnerung au den liebsten jungen Freund, den mir das Leben bisher beschert hat."
Werner blickte besangen zu Boden.
„Sie sagen: ,znr Erinnerung',", hab er an, „das klingt so nach Abschiednehmen. Aber ich denke doch, wir werden uns noch recht oft sehen, ehe ich in unser Bergwerk nach Schlesien gehe?"
„Also Sie haben sich nun doch für die kaufmännische Karriere entschlossen?" suchte Heinz abzulenken.
„Ja," seufzte der Jüngling, — „ich möchte ja so sehr viel lieber Theologie studieren. Aber schließlich kann ichs Papa auch wieder nicht verdenken, daß er die Unternehmungen, die er in drei langen Jahrzehnten geschaffen hat, von mir fortgeführt wissen will."
„Gewiß nicht," entgegnete Heinz Vollrath. „Ueberdies können Sie als der reichbemittelte Arbeitgeber von Tausenden ebenso viel, wenn nicht mehr Segen stiften, denn als Geistlicher. Ich armer Pfarrer" — er lächelte resigniert — „bin und bleibe in der Hauptsache auf ein Wirken mit dem Wort angewiesen .... Sie aber, der zukünftige Herr über Millionen, werde!: Tag für Tag wirken mit der großen, allzeit lebendigen Tat. Und nicht zum Segen Ihrer Arbeit allein. Nein, lvemr Sie ein Vorbild geben in dem Sinne, in dem Ihr Herr Vater am letzten Abend vor der Mreise nach Ostende zu uns gesprochen hat, so werden Sie wirken zum Wohl und zum Segen von Hunderttausendeir."
Werner blickte seinen Lehrer mit strahlenden Augen an.
„Nehmen Sie meine Hand darauf, daß ich mich bei allem, >vas an mich herantreten lvird, immer erst fragen werde: iuie würde Heinz Vollrath in die,em Falle handeln?"
Eine Pause trat in der Unterhaltung ein; beide schienen befangen; denn beide dachten an Isabella. Schließlich begann Heinz:
„Ich habe noch gar nicht gefragt, wie es dem Herrn Papa und dem Fräulein Schwester geht?"
„Oooh . . .," brachte Werner gedehnt über die Lippen, „Papa ist ja ganz wohlauf; aber mit Isabellas Gesundheit steht es .nicht zum besten."
„Hm", machte Heinz und starrte zu Boden. Er wollte fragen, was Isabella fehle, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt Wieder schwiegen beide eine ganze Weile.
Plötzlich sprang Werner von seinem Stuhle auf.
„Ich ... ich kam: mich nicht verstellen," stieß er hervor, indem er ein paar erregte Schritte durch das Zimmer machte, „am allerwenigsten Ihnen gegenüber. Ich muß frei heraussagen, wie mir ums Herz ist." Er blieb dicht vor Heinz stehen, heftete bei: Blick der großen Augen mit dem Ausdruck innig-vertrasuender Bitte auf dessen ernst und blaßgewordenes Antlitz und fuhr fort : „Sehen Sie, es ist mir nicht entgangen, daß ein paar Wochen vor der Reise nach Ostende zwischen Ihnen und Isabella eine Spannung eingetreten ist, an der — wie ich wohl bemerkt habe — lediglich Isabella die Schuld trug. Hm" — er lächelte beklommen und räusperte sich — ,/daß schon seit dem Frühjahr eine Art Liebesverhältnis zwischen Ihnen beiden bestand, das ... . das konnte ja eine blinde Frau mit dem Stock fühlen- Aber . . . na also ... ich war ost fuchsteufelswild ans Isabella, weil sie so wenig Rücksicht ans Sie nahm und sich mit Banne- mann in ein albernes Getändel einließ — weswegen eigentlich, ist mir bis heute nicht klar geworben ■—, und ich habe ihr auch verschiedene Male meine Meinung gesagt, besonders an jenen: ,Abend, an dem sie für dieses Ekel von Forstmeister gegen Sie Partei nahm. Nebrigens hat ihr damals mich Papa gehörig den Text gelesen, und es hing nur an einem seidenen Haar, daß die Reise glicht noch in: letzten Augenblick ganz abbestellt wurde. Und als Sic, ohne von ihr Abschied zu nehmen, wegliesen, dachte ich: ,Nun ist der Bruch fertig. Aber das geschieht Isabella recht : • • •’ Na . . .", er seufzte —• „wie ich Isabella dann aber in Meran wieder gesehen habe — so blaß und — und so ver- grämt. und ihre Nerven setzten ihr wieder schrecklich zu, und immer war sie müde und mißgestimmt und an nichts, was wir auch unternehmen mochten, sand sie mehr Gefalle:: und Freude . . . . da tat sie mir denn wieder leid, und ich hätte au: liebsten gleich an Sie geschrieben und meinem Herzen Lust gemacht. Aber ich fühlte mich meiner Sache noch nicht sicher — es ist immer so schwer gewesen, bei Isabella klar zu sehe:: —; und als ich Papa, der
stets sehr sorgenvoll lvar, behutsam aüssorschen wollte, antwortete er mir: .Lieber Sohn, hier handelt eS sich um Tinge, die du noch nicht verstehst, und um die du dich also an: besten gar nicht kümmerst Derne Schlvester must mit sich allein ins Reine kvw- ”len- Wie rch aber den nächsten Tag mit Isabella nach Schloß -vrrol ^l)mauf>vanderte, sing sie nach langem Drucksen an, mich über «sie auszuforschen, ivie es Ihnen ginge, ob Sie ivohl aus-» sehen, ob Sie nie von ihr gesprochen hätten usw. Ich antwortete: -Nie!' da wurde sie kreidebleich und sing zu weinen an. Ich suchte sie zu beruhigen; und sie sagte: .Schreibe an Heinz, daß ich unglücklich bin.' Ich antwortete: .Nein! Deine Pflicht ist es, ihn um Verzeihung zu bitten.' — Ta entgegnete sie: .Ich hab' es schon getan. Aber er hat dir angebotene Versöhnung ausgeschlagen!' Ich war erschrocken: aber schließlich erwiderte ich: ,Ja . . . . du hast ihn zu schwer gekränkt- Ich ließe mir das auch nicht gefallen. Mit Männern spielt man eben nicht. Nun bleibt dir schon weiter nichts übrig, als zu hoffen, daß die Zeit wieder alles zum besten wendet.' Ich sagte das aber nur, weil ich wollte, daß Isabella eine gründliche Prüfung und Läuterung durchwachen sollte. Und die hat sie durchgemacht, glauben Sie mir! A’ie Photographie, die ich von Ihnen mit hatte — mein Gott .... eigentlich ist es ja wohl Unrecht, so etwas auszu- plaudcrn — aber na ... . alw Isa hat nicht eher nachgelassen, als bis ich ihr das Bild schenkte. Und die beiden Briefe, die Sie mir nach Meran schrieben, sind mir aus ipeiner Schreibmappe verschwunden, und ich bii: sicher, daß nur sie sie mir genommen haben kann. Und jetzt, wo wir wieder zu Hanse sind, geht sie umher wie im Fieber, ißt nicht und trinkt nicht, und fortwährend sitzt sie unter der Blntbuche an: See, dort, wo. . . wo . . . na, ich hab damals nach den: 'Auftritt mit den: jungen Bartikow gesehen, wie Sie sie küßten —, und — und ..... ick) .... ich habe wirklich so Angst, daß sie irgend eine Dummheit begehen könnte, und ich möchte sie am liebsten auf Schritt und Tritt verfolgen. Und darum . .. Mit Tränen in den Augen ergriff er Vollraths Hand und hielt sie fest — „und darum, bitte, bitte kommen Sie doch wieder zu uns . . . ein einziges Mal: Denn ich bin sicher, wenn Sie Isabella nur einmal gesehen haben, werden £5ie ihr vergeben, und cs wird alles gut sein."
(Fortsetzung folgt.)
Gictzencr Lcbcttsmittelppeise vor 1©O Jahre».
(Nachdruck verboten.)
Daß-wir gegenwärtig in einer recht teuren Zeit leben, lehrt die tägliche Erfahrung. Die Einnahmen stehen ost in keinem Verhältnisse zu den Ausgaben. Mancher wünscht sich daher auch die gute alte Zeit zurück, in der man bei geringeren: Einkommen doch weiter kam wie heute. Wie sehr sich die Preisverhältnisse verschoben haben, zeigen die Polizeitaxen und Marktpreise der Lebensmittel vor 100 Jahren. Damals konnte man ein Pfund Ochsenfleisch für 27 Psg„ ein Psund Kuh- oder Rindfleisch für 21 Pfg., ein Pfund Kalbfleisch für 10 Pfg. erstehen. Schweine- und Hammelfleisch hatten einen verhältnismäßig hohen Preis.; man zahlte dafür im Pfund 30 Pfg, Bratwurst und Schweinefett standen für damalige Zeit hoch im Preise. Während das Pfund gewöhnliche Wurst 24 Pfg. kostete, zahlte man für das gleiche Gewicht Bratwurst 45 Pfg., für Schweinefett sogar GO Pfg.'*) Das Pfund Butter stellte sich aus 45 Pfg. Seinen Durst konnte man billiger wie heute löschen; man zahlte für das Liter Bier und Milch etwa 6 Pfg. 9 Handkäse erhielt man ebenso lute 11 Eier für 24 Pfg. Das Pfund geräucherter Schinken kostete 48 Pfg. Der vierpsündige Laib Schwarzbrot stellte sich auf 36 Pfg.; ein Dreipseuuig-Milchbrot wog.65 Gramm. Fische hatten einen hohen Preis; man zahlte für ein Psund Hecht 48 Pfg. .Holländische Heringe wurden von I. Melchior Pistor zu 24 und 30 Pfg. pro Stück angeboten.
*) Der hohe Preis für Fett ist auffallend; jedenfalls war die Nachfrage stärker als das Angebot; auch gah.es noch nicht wie heute die Einfuhr fremden Schmalzes.
picknick im Grünen.
In Rom hat unlängst ein satirisches Lustspiel von G-iianniuo Antona Traversi sehr gefallen. Es heißt: „Die Märtyrer der Arbeit". Darunter ist aber beileibe kein Arbeiterstück mit Hinterstubenmilieu zu verstehen; im Gegenteil: das Stück spielt in den elegantesten, vornehmsten und höchsten Kreisen der römischen Gesellschaft, und mit dem Ausdruck „Märtyrer der Arbeit" bezeichnet der Dichter


