Ausgabe 
17.6.1908
 
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Mittwoch den 17. Juni

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Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Als er bei sinkender Dämmerung ins Schulhaus zurückkehrte, fand er Doktor Schröder vor. Gleich beim Eintritt fiel ihm auf, das; Bartikow das Bild seiner Frau nicht mehr in Händen hielt; wie ihm Nagel zuflüsterte, war es Doktor Schröder verhältnis- mäßig leicht gelungen, es an sich zu bringen und ans dem Zimmer 8ii schaffen. Jetzt saß Bartikow still auf einem Stuhl, gab auch auf die an ihn gerichteten Fragen vernünftige Antworten; die Nähe des Arztes, der ihni schon so manches Mal durch allerlei Krankheit und Gebrest hindurchgehvlsen hatte, wirkte beruhigend mtf ihn.

Na, 's tvird schott wieder wer'», Onkel Barch; mit Tante Korn is 's ja ooch jewor'n," scherzte Doktor Schröder und gab Bartikow einen leichten Klaps auf die Schulter.Ja, ja, mein lieber Kantor," wandte er sich dann an Nagel,so gehts in der Welt: der eine kriegts von der Solidität ganz unten im Zeh : der andere von der Unsolidität oben im KvpP. Aber unserm Freund Bartikow wird man ja wohl das Bierseidel und die Kognakpulle etwas höher hängen in Zukunft. Und Fräulein Martha wird gerade Mühe genug haben, mit ihrer Hände Arbeit für sich und den Herrn Pasm das Notwendigste zu ver­dienen."

Bartikow nickte mit düster-verschlossener Miene. Heber seine Niedere Stirn hin zogen sich tiefe, parallel, verlaufende Furchen von einer Schläfe bis zur anderen.

Bon dem Monsieur Sohn ist doch wohl auf keine Unter­stützung zu rechnen," fuhr Doktor Schröder fort,obgleich er jetzt wie ich neulich zufällig hörte eine Anstellung än Berlin gefunden haben soll? Oder stimmts nicht?"

Ich weiß nichts von ihm für mich existiert er nicht mehr, der ... .," entgegnete Bartikow.

Doktor Schröder verabschiedete sich und ging, von Heinz be­gleitet, hinaus. Draußen sagte er:

Ter Alte umrde augenscheinlich infolge der unmenschlichen Hitze in letzter Zeit von einem allzu großen Durst geplagt .... da hat ihn so'n kleiner Anfall von Delirium untergekriegt. Im übrigen kann er besonders, wenn man ihm den Alkoholgenuß auf ein bescheidenes Maß beschränkt noch zehn Jahre leben. Ter Kerl hat eine Konstitution wie Stahl und Stein. Wo wird er denn übrigens bleiben, nachdem ihm die Schlafstelle runter» gesengt ist?"

Ich will ihn bis anf weiteres bei mir behalten," antwortete Heinz.

Doktor Schröder fuhr herum.

Mann Gottes, Sie sind . . . ." Tie Fortsetzung verschluckte er. Nach einem kurzen Stillfckpveigen fragte er:

Mas sagen Sie zu der Neuigkeit, daß Wilhelm Bartikow einen Posten gefunden hat?" >

>,Jch wußte es schon seit Wochen."

So so . . . na, dann guten Abend. Und lassen Sie sich die Gastfreundschaft nicht leid werden."

Er stolperte in die Nacht hinaus, die noch immer von dem widerlichen Geruch der Brandstätte erfüllt war.

Heinz ging noch rasch über die Straße zu seiner Mutter hinüber, unt über das Besserbefiuden BariiÄws Bescheid zu bringen. Er tounberte sich, Martha nicht anzntreffen im stillen hatte er sich schon gewundert, daß sie nicht mehr ins Schulhaus hinüber gekommen war, nach ihrem Baler zu sehen, und erfuhr, sie wäre, ohne vorher einen Bissen zu sich genommen zu. haben, tg Schlaf gesunken.

Das beste für sie," sagte Frau Bollrath.Wenn ichs eilt* richten könnte, sollte sie achtundvierzig Stunden schlafen, um und um. Ich glaube, das arme Ting hat jahrelang keinen rsM tigen, ruhigen Schlaf mehr gehabt."

In der Nacht, die nun kam, richtete sich Heinz oft von dem Kanapee, anf dem er sichs notdürftig bequem genracht hatte, enipor und horchte nach feinem Bett hinüber, das er an Bartikow abgetreten hatte. Wohl warf sich der ab und zu unvuhig auf dem fremden Lager umher, dann und wann rang sich auch ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust; aber es schien doch kein Anzeichen dafür vorhanden, daß er wieder in den Zustand gefährlichep Beängstigung zu verfallen drohte.

Gegen Morgen, als schon die Hähne rings auf den Nachbar-! grundstücken zu krähen anhnben, sank Heinz, von Müdigkeit be­zwungen, in schweren Schlaf. Unsanft wurde er in der achten Stunde geweckt. Nagel stand vor ihm.

Steh aus, du, es ist schon spät."

Jäh schnellte er empor; sein Blick, noch schlaftrunken, flog zu Bartikows Lagerstatt hinüber sie war leer. Erschreckt sah. er den Kantor au.

Ja," sagte der und kraute sich Hinterm Ohr,eben kommt der Bergbauer Franz, der am Kirchhof den großen Ackerplau hat, und erzählt, daß Bartikow sich aufgehängt hat.... an der großen Buche, die am Eingang des Bartikowschen Erbbegräbnisses steht."

Tret Tage darauf trug mau den Unglücklichen zur letzten Ruhe. Heinz hatte sich keinen Augenblick bedacht, ihn mit vollem kirchlichen Geleit zu bestatten. Wie hätte er Marthas Vater verweigern können, was er Claus Schwarzmeier gewährt hatte?

Auch Wilhelm Bartikow nahm an der Beerdigung teil. Ge­beugt und mit den Tränen kämpfend, stand er an der offenen Gruft. Er war sehr mager geworden, und feine Züge schienen sich vergeistigt zu haben; oder fraß nur flüchtiges Reueemp- finden an ihm, von der Wucht der Stunde hervorgepreßt, prägte vorübergehende Schmerzerschütterung seinem blassen Ge­sicht den täuschenden Ausdruck seelischer Erhebung und Veredelung auf? Heinz Vollrath sah ihn ost an, richtete ganze Sätze feiner Leichenrede nur an ihn; doch wich Wilhelm dem Blick des Hoch­herzigen felbft dann noch aus, als dieser beim Niederpoltern der Erdschollen auf ihn zutrat und ihm die Hand gab.

In den ersten Tagen des Oktober kehrten Friedheims von der Reise zurück; alle drei: denn Werner war gegen die Mitte des.