Ausgabe 
17.2.1908
 
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Ruhe, wie der Schachspieler seine Erfahrung im Spiel verwertet.

Die aktive Energie, wie sie sich in Bismarck verkörpert, ist angeboren. Wir kennen kein Mittel, sie durch eigene Arbeit oder durch das . Eingreifen des Erziehers hervor- zubriugen oder zu vergrößern. Nur wo sie etwa in der Anlage vorhanden, aber durch schädliche Einflüsse des Lebens oder durch Krankheit verkümmert ist, kann sie unter glücklichen Umständen oder durch die Einlvtrkung des Arztes oft iviedcr gehoben werden.

Die Willenskraft dagegen, die durch Wissen und Er­fahrung und durch das Gewissen belebt wird, ist ein er­worbenes Gut und diaher der Einwirkung der Erziehung, durch andere oder durch eigenes Streben, durchaus zugäng­lich. Durch richtige Anwendung der dahin wirkenden Mittel läßt sich eine Persönlichkeit schaffen, die nach Goethes Wort höchstes Glück der Erdenkinder ist.

Der Charakter des Menschen ist zum großen Teil Mllensbetütigung. So trägt es unser ganzes Leben hin­durch zur Festigung des Charakters bei,' wenn der Körper soviel wie möglich unter die Herrschaft des Willens ge­bracht wird. Wenn man sich die lange Bahn vorstellt, die zwischen den ersten tappenden Bewegungen des Kin­des und den feinbemesseneu, geschickten, sicheren und doch zarten Handleistungen des Uhrmachers, des Feinmechani­kers, des Operateurs, des bildenden Künstlers, der Musiker usw. liegt, so wird cs ersichtlich, wie groß der Einfluß der zielbewußten Ausbildung der Handgeschicklichkeit auf die Willensbetätigung ist. Dadurch erklärt sich auch der große Einfluß des He ercsdi enstcs für das ganze Leben des Mannes. Vergleicht man den Rekruten mit dem Manne, der seine Dienstzeit zurückgelegt hat, so ergibt sich ein un­endlicher Unterschied in körperlicher Beziehung, aber auch in Hinsicht auf Charakter und Energie. Jeder, der eine größere Anzahl von Männern unter seiner Leitung gehabt hat, weiß diesen mächtigen Einfluß zu schätzen. Auch der Parademarsch, der viel befehdete, ist segensreich, weil der Soldat dadurch gelernt hat, jeden Augenblick seinen Körper vollständig unter die Herrschaft eines bestimmten, genau bemessenen Zwanges zu stellen. Die harmonische" Aus­bildung der Muskeln ist eben nichts rein körperliches, obwohl das immer wieder übersehen wird, so von denen, die glauben, das deutsche Turnen durch schwedische Gym­nastik oder durch Müllers System oder durch andere Ueb- ungen ersetzen zu können. Der Geist des Ganzen geht dabei verloren, und damit zugleich die Wirkung auf die allgemeine Energie der Menschen. Ebenso bereitet cs immer noch der Weiterverbreitung des Handfertigkeitsunterrichtes Hindernisse, daß der iineingeweihte denkt, cs handle sich dabei um eine Art Handwerksdilettautismns, während in Wahrheit nur die Erziehung des Willens zu genauer Be­tätigung gemeint ist.

Wir haben in der Tat in der ziel bewußten Kör­pertätigkeit einen breiten Weg zur Stärkung des Wil­lens. Das Turnen, die Volks- und Jugendspiele, Dennis, Rudern- Schlittschuh- und Schneeschuhlaufen und andere Sports wirken um so besser zu diesem Ziele, wenn sie in fröhlichem Wetteifer vorgenommen werden, wie er ja viel­fach zur. Art des Sports notwendig gehört, in anderen Fällen mehr durch die Schwierigkeit der Aufgaben, so beim Bergsteigen, die nicht durch jeden gelöst werden können. Bei vielen Arten des im Freien betriebenen Sports trügt auch die notwendige Abhärtung gegen die Nn- bilden des Wetters zur Stählung der Energie bei.

Bon der geistigen Arbeit sehen ivir nicht so regel- mäßig eine Förderung der Willenskraft, vor allem, weil Unter den heutigen Verhältnissen der Jugend lvcnig Zeit iinb Ruhe zu freiwilliger Arbeit bleibt. Der Kampf gegen Ueberdruß und Ermüdung ist freilich auch eine Willens- Übung, aber ohne die Frische und Freudigkeit, die beson­ders wichtig ist. Mit Recht legen daher die Landerziehungs- Heime itub andere moderne Unterrichtsaustalten großen Wert auf freiwillige Arbeit und freudigen Wetteifer. Auch die Erziehung der englischen Jugend, wo so viel.weniger Zwang zur geistigen Arbeit und so viel Wetteifer in Sport und Spiel herrscht/ wirkt wie bekannt ganz ausgezeichnet auf den Charakter und die Willenskraft.

Ganz besonders wertvoll ist in unserem Sinne der grundsätzliche Kampf gegen. Empfindlichkeit der Sinne und für die Beherrschung des Gefühlslebens. Was der wahr- i Hast gebildete Erwachsene von selbst in sich zu erreichen

sucht, eine richtige Selbstbeherrschung, eine Herrschaft über seine Stimmungen, Empfindungen und Leidenschaften, das bildet auch eine sehr wichtige Aufgabe der Kindererziehung, einer zielbewnßten Heranbildung eines energischen Men­schen. Leider lernen die Kinder uieist allzusehr von den Erwachsenen die übergroße Empfindlichkeit gegen Geräusche, die übertriebene Aengstlichkeit bei Störungen des eigenen Befindens, die Widerstandslosigkeit gegen Hunger itub Durst, gegen Wärme und Kälte, die übertriebene Abneigung gegen manche Eigentümlichkeiten der Nahrung, sei es gegen Fett, gegen die Haut auf der Milch uslv. Gewiß liegt es in unserem Interesse, daß wir uns bei der Arbeit gegen un- iiötige Störungen durch Geräusche schützen, daß wir uns gegen Hitze oder Kälte wahren. Hunger und Durst recht­zeitig stillen und sorgfältig über die Beschaffenheit unserer Nahrung wachen. Aber das alles darf airch nicht über­trieben werden. Es gibt ganze Familien, wo kein Ei ge­gessen wird, ohne daß erst mehrere es mit der Nase auf seine Frische geprüft haben, und wo der leiseste Zweifel daran gleich lebhafte Aeußerungen von Ekel uslv. hervor­ruft. Gerade bei Kindern sollte man damit sehr vor­sichtig sein, denn diese in gesunden Tagen harmlose Emp­findlichkeit kann in Kraukheitszeiten zu bedenklicher Er­schwerung der Ernährung führen. Es sind Fälle genug bekannt, wo die nervöse Aengstlichkeit gegenüber der Näh- rung zu den schwersten Folgen geführt hat. Alles, was über eine ruhige, objektive Prüfung der Nahrungsmittel hinausgeht, sollte vermieden werden. Und ebenso müssen Eltern und Erzieher ein gutes Beispiel geben, um den Kindern zu zeigen, daß man durch ernste Aufmerksamk !' sehr wohl dahin kommen kann, auch bei störendem Gerdas zit arbeiten, daß man sich »licht durch jede kleine Nnannehm- I ichke.it alis der Fassung bringen zu lassen braucht, daß man Hunger und Durst, Eisenbahnfieber, Schmerzen unb andere Schwierigkeiten mit Ruhe überwinden kann. Tas grundsätzlich Wichtige ist, daß schon das Kind lernen soll, durch Beispiel und durch Belehrung seine Empfindlichkeit und seine Stimmungen zu beherrschen. Dazu gehört auch daß man Schüchternheit und Aengstlichkeit ablegt, sich iveniger angenehmen Aufgaben nicht entzieht, auf Änge- nehmes hier rind da schmerzlos zu verzichten lernt. Wie auch scheinbar geringe Dinge wertvoll werden können, sielst inan oft daran, wenn man Langschläfer zum Frühaufstehen bewegen kann. Gerade diese Nebung zuuc Entschluß, der vielen Menschen so schwer ankommt, ist ost außer­ordentlich segensreich. Man muß nur nicht glauben, bet Kindern so etwas durch Strenge oder gar durch Strafen erreichen zn müssen, denn dadurch wird die Uniuststimmung natürlich noch vergrößert. Ein lehrreiches Beispiel dafür, ivie man vorgehen muß, ist das folgende, das ich ost erlebt habe: es gibt Kinder, die nach Angabe der Eltern durch kein Mittel zu bewegen sind, bestimmte speisen an- zurühren. Fe mehr Wesens davon gemacht lvird, um so schwerer ist etwas zu erreichen: Sagt man aber dem Kinde: mt bist jetzt so groß, daß du das schon essen darfst, wie wir Eltern es essen, so erzielt man fast immer sogleich beit gewünschten Erfolg. Fast jedes Kind ist durch seinen Ehrgeiz, den Erwachsenen gleichkommen zu wollen, anßer- ordentlich leicht zu beeinflussen. Natürlich muß die Form und der Inhalt der Ueberredung immer nach der Art des Kindes eingerichtet werden.

Sehr schädlich für die Ausbildung eines gesunden und kräftigen Willens ist die irrige Meinung vieler Erzieher, daß der Eigenwille des Kindes gebrochen wer­den muffe. Ist das eigensinnige Kind ijit Affekt, in der Aufregung, so ist jede Härte vvnr liebel, völlige Ruhe des Erziehers notwendig, oft eine absichtliche, zielbewußte Nichtbeachtung das Beste. Erst wenn das Kind wieder völlig ruhig geworden ist, kann man durch ruhige Be­lehrung, durch vorsichtigen Spott, durch Aeußerungen des Erstaunens über den Vorgang den Willen und die Leiden- schastlichkeit des Kindes in richtige Bahnen lenken. So wird ans dem eigensinnigen Kinde ein Mensch, dessen fester Wille durch Neberleguug und Selbstbeherrschung geleitet wird. Aber dazu muß auch der Erzieher diese Eigen­schaften des Charakters haben. Nur zu oft erlebt man es, daß die Heranwachsenden gerade dadurch zur Selbstbeherr­schung gelangen, daß ihnen das Fehlen dieser Tugend bei ihren Erziehern in übler Erinnerung geblieben war. Ein ungewolltes Abschreckungsverfahren!

Biele Menschen können nicht wollen, weil