Ausgabe 
17.2.1908
 
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t*;n Haides von Anne Maries Konemen etwas $u sage», nnd hechte auch nicht wieder dran. Tief verstimmt und gedankenvoll ritt er nach Bordes zurück.

Wenn man einen eisernen Griffel nehme» und mit ihm gewisse Tinge für immer ans der Vergangenheit streichen, ungeschehen inachcn könnte! Aber sie stehen da, .unverrückbar. Und mit diesen Erinnerungen wirbt er um ein stolzes, reines Mädchen, gewinnt vielleicht ihr Herz, führt sie zum Altar nnd läßt sie ihren bindenden Schwur sprechen und wenn sie wüßte? Wenn sie ihn kannte? ,

Er wollte und brauchte sich nicht mit einer» Edmund Trotz zu vergleichen, aber doch fiel ihm ein, ivas Anne Marie ihm einst erzählt hatte, und er wußte eS plötzlich, was sie bannt gemeint hatte. Er war sich auch klar, wie er zu handeln habe.

Tie Ehe ist eine große, ernste Sache, das ist gewiß, und immer wieder kam ihm Anne Mariensdu meinst?" in den Sinn, da er Edmund Trotz wegen feiner Beichte sofamos korrekt" gefunden hatte. Tiefe. Beichte war zu spät gekommen. Hätte der das vor der Hochzeit gesagt, so hätte sie ihn vielleicht nicht gemintiiten!

Richt so darf er handeln. Ehe sie sich entscheidet, soll fre ihn kennen lernen. Sie muß wissen, wein sie Herz und Hand zu eigen gibt.

Er atmete tief auf, straffte sich im Sattel und zog die Zügel an. Gut, so fei es! .Wie alles, so hat auch dieser üble Zufall sein Gutes gehabt, indem er ihm Klarheit über seine Pflicht brachte. So ritt er, wieder ruhig geworden, in Bardes ein.

Daß jene Aehnlichkeit ans mehr wie Zufall beruhe» könne, kaut ihm gar nicht in den Sin». Luisanens Verwandtschaft suchte er, wenn er überhaupt dran dachte, in ganz anderen Kreisen ihr Vater mochte ein Handwerker gewesen sein, ihre Mutter stammte ans einer Mnsikcrfamilie, einemGönner" verdankte das geweckte Kind ihre Bildung. So hatte er sich's einst aus ihren spärlichen Berichten zusanmiengereimt, immer mit dem inneren Nachsatz:In deinen Adern fließt Theaterblut, mein Kind, d» Weißt es nur nicht!"

Jetzt bildete er sich schon ein, sie habe ihm das alles so erzählt, und der Gedanke, diese Aehnlichkeit könne mehr als ein Natur­spiel sein, beunruhigte ihn nicht einen Augenblick.

Auf dein Geländer der stattlichen Bardesser Treppe, die aus der schönen Halle hinauf in den ersten Stock führte, turnte Lilly mit knabenhafter Ungeniertheit. Ihre langen, dünnen Beine staken in schwarzen Strümpfen nnd gelben Schuhen, nnd mit Arme» und Beine» schlenkernd, kani sie rittlings herabgesaust, sprang herab und an dein Onkel in die Höhe.

Wo warst du?" rief sie und hakte sich in seinen Arm.

In Rothaide."

Tu! Du reitest aber oft nach Rothaide. Sind dort schon junge Kaninchen?"

Ich weiß es nicht."

Aber so to«§' erzählt man doch. Mutz das ledern fein da!" Ich war gar nicht da, du Affe,"

Wo warst du dann?" fragte sie schnell.

Im Pastorat Mit Rothaide."

Sind da Kinder?"

Nun hör' mal auf. . ."

Jetzt sah er erst, daß sich oben Marie Anne üver das Ge­länder neigte und ihn etwas verwundert ansah.

Lilly quälte weiter:

Aber was wolltest du denn im Pastorat?"

Schokolade trinken, es war Geburtstag."

Onkel, du spaßt. Tn trinkst ja nie Schokolade. Sag' mal, wägst du die Pastors lieber wie unsere Pastors? Das ist aber nicht nett von dir."

Bitte, l a tz mich nun, ja!"

Er befreite seinen Arm von ihrem Griff, rettete sich in sein Zimmer nnd schlug ärgerlich lachend die Türe zu.

Au« nächsten Tage kam Anne Marie. Die Schwester holte sie an der Bahnstation ab, ivo die hohe, überschlanke Gestalt in grcmseid-enem Reisemantel der ersten Klasse entstieg und mit einem leichten:Nun Mieze?" die Entgegenkommende flüchtig küßte. Obwohl sie nur zwei Tage zu bleiben gedachte, wurden ein an­sehnlicher Koffer nnd zwei juchtene Taschen ans den Wagen ge­laden. Anders konnte Baronin Trotz nicht reisen. Sie war an so viele Bequemlichkeiten gewöhnt und pflegte dreimal täglich Toilette zu machen. "~

Während sie im Wagen Platz nahm, sagte sie:

Ich komme ohne Kammerjungfer, rechne auf deine Dulcinca."

Marie Anne war voll Ungeduld, von dem anzufaugen, ivas sie eben am meisten beschäftigte. Sowie der Magen davonrollte, flüsterte sie:

Annchen, unser HelmUth macht Ernst!"

Macht er? Nun, es wurde ja auch Zeit."

Er reitet, glaube ich, täglich nach Rothaide nnd daß er eS nicht recht zu gibt, zeigt, daß er sehr verliebt ist. Es ist so komisch, immer tvill er mit der dortigen Pastorenfamilie in Ver­kehr fein du begreifst, wir sollen abgelenkt werden. Nun, sage mir, was meinst du denn zu dieser Schwägerin? Ich würde mich riesig freue» und Kvnrad auch."

Ist das liebe Kind nicht etwas verbauert?"

Nein!" rief die Recknitz eifrig,nein, gewiß nicht! Don der Haide üst ja gewitz ein Original und unglaublich überspannt in seinen religiösen Ansichten aber er ist ein feiner Mensch und würde nie an seiner Schwester dulden . . . weißt du, Anne, leit wollen doch zusammen hinfahrrn. Ich brenne ja darauf, sie jetzt zu sehen. Ta bildet man sich ein Urteil Fahren wir morgen!"

Die Baronin wich förmlich zurück.

Ich? Niemals! Wie kann man nur so etwas tun. Eine Brautschau wie vor einer Bauernhochzeit. Ich bitte dich, lasse diese Mensche» und Helmmth ganz in Frieden. Ist die Sache reif, so kann man ihm ja Glück wünschen und uns ja wohl auch? Er hätte ja wohl eine diimmere Wahl treffen können, nicht wahr? Vorläufig aber noch keine Begeisterung."

Marie Anne war etwas enttäuscht. Sie hatte sich aus eine gründliche Aussprache gefreut, aber, die Schwester schien das durch­aus nicht zu wünschen. Sie sah überhaupt sehr blaß und etwas müde aus, und ihr ironisches Lächeln war matter denn je. Es kam sehr häufig znm Vorschein, als sie gleich darauf von ihrem Aufenthalt im Magnatenschlosse erzählt«.

Loysen kam ihnen schon weit vor dem Park entgegen, sprang auf den Wagen und balancierte, seine Zigarre ranchend, auf dem Trittbrettchen. Er sah heiter, gelassen und siegessicher aus, daß Anne Marie trocken bemerkte: . 1

An großen Aufregungen leidet ihr hier nicht, Ivie?"

9tnv nächsten Morgen wandelte sie in feingefälteltem, creme» farbenem Empirekleid durch die Anlagen vor dem alten, schloß­artigen Hause, von Lilly und Klein-Annchen vorläufig noch aus respektvoller Ferne angestannt. Ihr Haar war leicht gepudert. Ein kreuzweise über die Brust geschlungenes, blaues Atlasband hielt hoch im Rücke» das feine Geriesel des . schleppenden Ge­wandes zusammen und war zu mächtiger Schleife geknüpft. 'An goldenem Kettchen hing das langstielige Lorgnon.

An der bunten Glasveranda blüht noch immer die blaue Clematis," sagte sie zu Loysen, der neben ihr ging,ganz wie in unscrer Kindheit. Ich habe versucht, sie in Tobrau anpslanzen zu lassen, im Schloßhof, aber sie erfriert immer wieder im! Winter."

Du denkst doch auch gern an die hier verbrachte MnderzeN?

Ja, so lange cs Kinderzeit war. Gehst du mit in den Park?" Er kannte sie zu genau, um zu fürchten, sie wolle nun vor­sichtig sondieren, wie Marie Anne. Sie gingen einen gewundenen Weg entlang und waren bald inmitten grüner, srühlingsdustender Waldeinsamkeit.

(Fortsetting folgt.)

Asber die Mitte! zur Stärkung der Willenskraft.

Bon Dr. med. Otto T o rn b th (Frankfurt). Nachdruck verboten.

Der Wunsch, einen festen Willen nnd die darauf be­ruhende Leistungsfähigkeit , zu besitzen, ist sehr verbreitet. Man kann wohl sagen, daß jeder reise Mensch diesen Wunsch hat, und daß jeder einsichtige Erzieher es als eine wichtige Aufgabe betrachtet, seinen Zöglingen Willens­kraft, Energie beizubringen. Es ivird daher lohnen, ein- mal die Mittel zu diesem Zweck zu betrachten.

Es gibt verschiedene Arten und Formen der Willens­kraft. Um einige allbekannte Beispiele zu nennen, die doch schon historisch genug sind, nur objektiv beurteilt zu werden, möchte ich die Willenskraft bei Bismarck, König Wilhelm I. und Moltke heranziehen. Bei Bismarck ist die Energie eine gewaltsame und beherrschende Energie/ ein wesentlicher Gruudzug feistes aktiven Charakters; bei feinem Herrscher, diesem feinen und vornehmen Gemüt, wird eine starke Willenskraft durch sein festes Gottvertrauen nnd sein unerschütterliches Pflichtgefühl erzeugt, so daß der zarte, rücksichtsvoll-weiche König noch in seinen Greisen­jahren unvergängliche Züge in die Tafeln der Geschichte eingräbt. Bei Moltke endlich ist es die logische Erwä­gung, die ihn in jedem Augenblick das Kriegsspiel lenken nnd entscheidende Schlachten beginnen läßt, mit derselben