Ausgabe 
17.2.1908
 
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1908

Montag den 17. Februar

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Kelmutö von Fovlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Beim Eintritt des Rittmeisters verstummte die Unterhaltung, alle Köpfe wandten sich nach der Tür, Wilhelms Stimme mit geivohntem, fröhlichem Klang:Ei, du, Helmuth?"

Tann erhob sich die lange Gestalt des Pastors im schwarzen Rock und kam dem Eintretenden entgegen.

Verzeihen Sie mir," sagte Loysen sich verneigend; er wollte noch den Grund seines Erscheinens nennen, aber schon standen alle mit viel Geräusch auf, um Platz für den neuen Gast zu machen.

In späteren Zeiten dachte er daran zuriick, daß die Bitte um Verzeihung sein erstes an Pastor Becker gerichtetes Wort ge­wesen war.

Ter alte Mann mit den kummervollen, ratlosen Augen wußte zuerst nicht recht, waS sagen.

Seien Sie mir herzlich willkommen" . . . murmelte er,ich habe wohl die Ehre, Herrn von Loysen" . . .

Gewiß, und ich bitte nochmals um Entschuldigung! Tast sich doch niemand meinetwegen stören läßt. . ."

Abel natürlich ließen sie sich alle stören und er verwünschte bereits innerlich seinen Einfall, denn ehe er es hindern konnte, war er auf einen Stuhl genötigt worden und saß eingekeilt zwischen der Frau Gymnasialdirektor aus Braunstadt und der Pastorstochter ans Jarowitz. Ihm gerade gegenüber saß der alte Pastor und Wilhelin auf der anderen Seit« der Tirektorsfrau.

Auch Edeltrauts blonder Kopf beugte sich vor und sie rief ihm zu:

Sagte mau Ihnen, daß wir hier wären? Wie nett, daß Sie kamen! Trinken Sie gem Schokilade?"

Tanke!" wollte er mit Entsetzen abwehrcn, aber schon stand die gefüllte Tasse vor ihm und Frieda reichte ihm den Kuchenteller.

Wir feiern heute Vaters Geburtstag," sagte sie herzlich, bitte zuzulangen".

Loysen faßte sich schnell. Er war denn doch zu sehr Welt­mann, um sich anm reu zu l sf n, wie weaig ihm die Situation behagte. Er brachte eine Gratulation an, für die der Pajwr mit altväterischer Höflichkeit und Umständlichkeit dankte. Dann kam ihm der glückliche Gedanke, von seiner Begegnung mit dem Sohne des Hauses zu berichten und zu versichern, die Bekannt­schaft sei ihn» sehr angenehm gewesen, der, junge Mann sehe bedeutend" aus. Hierzu niate. die Frau Direktorin heftig, mit dem Kopfe, Frieda lächelte erfreut und über des Paswrs bleiches Antlitz ging ein glückliches Leuchten. Unaufgefordert erzählte er, daß dieser Sohn alle seine Studien mit Auszeichnung be­endet ijatie und jetzt sein Stolz und seine Stütze sei.

Ja," ließ sich Wilhelms Stimme vernehmen,du solltest ihn einmal predigen hören, lieber Helmuth, er vertritt gelegentlich unseren Herrn Pastor." ,

Die Gymiasialdirektovsgattin pflichtete dem bei.Großartig!

flüsterte sie Loysen zu,er war schon als Schüler eine Zierdü unseres Gymnasiums. Ihn: gebührt ein Platz an einer Hnnpt- kirche der Residenz."

Loysen hatte sich in sein Geschick gefunden und nippte mit Todesverachtung an der Schokolade, während er mit der schöne rednerischen Direktorin die Vorteile der Gymuasialbildung durch-, nahm. Dabei hörte er immer Wilhelm in lebhaftem, fast knaben­haft vergnügtem Gespräch mit einem jungen Geistlichen und sah Edeltraut mit der Tochter des Hauses flüstern und scherzen. Dabei wurden seine Blicke aber wider Willen durch sein Gegen­über, den Hausvater, angezogen, welcher, nachdem sich die Wellen der Begrüßung und Vorstellung gelegt, verstummte und mit ganz weltentrücktem Ausdruck dasaß. Ein edler, ergebungsvoller Schmerz verklärte ihn gleichsam, verwandelte sich aber sofort in klägliche Verwirrung, sowie ihn eine Anrede in die Gegenwart zurückriß. Tann sah er namentlich den neuen Gast wie um Ent­schuldigung bittend an und Loysen fühlte Mitleid.

Ta öffnete sich ein« kleine, nach der Küche führende Türe und Julchen trat ein, in blauem, halblangem Sonntagskleid und weißer, zierlicher Latzschürze. Sie hielt eine große Schüssel frischer, noch warmer Waffeln in den Händen und kam mit Vorsicht, glücklich lächelnd, heran. Ein allgemeines fröhliches Ach! und Oh! begrüßte die unerwartete, duftende Speise, und namentlich Frau von Dahlen erging sich in Lob und Beifall. Sic saß rechts vom Pastor und ihr wurde die Schüssel zuerst präsentiert, dann ging die jugendliche Spenderin von einem zum aubent, kam auch zu Loysen, wobei sie zugleich grüßend knixte, und er mußte seiner Schokolade wohl oder übel auch noch diese Zutat geben. Er tat cs, ohne das freundliche Kind zu beachten. Erst als die Schüssel bis zu Edeltraut kam, sah er unwillkürlich hin, denn Edeliraut zog den Kopf der Kleinen zu sich herab und küßte sie.

lieber Loysen kam ganz unvermittelt wieder jene widrig« Empfindung, die ihn schon in der Kirche überfallen und Er­innerungen aufgescheucht hatte, die er am liebsten ganz aus seinem Leben gestrichen hätte, und die doch gleich schattenhaften Nacht­vögeln auf dem Grunde seines Gedächtnisses lagen. Damals war ihm die Ursache dieses tiefen Unbehagens völlig rätselhaft geblieben, jetzt wurde ihm der Zusammenhang klar, ebenso wie sein erster Impuls aufzuspringen und die beiden dort zu trennen: im Gesicht dieses jungen Dinges, das sich so zutraulich au seine ersehnte Brant schmiegte, lag eine zufällige Aehnlichkcit mit Luisane und dieses Zusammentreffen trieb ihm das Blut in die Wangen. Jetzt wußte er auch, daß er das Mädchen in der Kirche auf dem Orchelchor hatte sitzen sehen. Mit jeder Sekunde wurde ihm der Anblick des doch so anmutigen Bildes der zwei unan­genehmer, und sich plötzlich dran erinnernd, daß sein Pferd aus ihn warte, richtete er an den Pastor eine dementsprechende Ent­schuldigung, verneigte sich rechts und links, sagte etwas von einem Gaul, der sich eigentlich von nieinand halten lasse, und war aus dem Zimmer, ehe nur jemand recht begriff, was er vorhabe.

Draußen drückte er dem gefälligen jungen Menschen ein Zweimarkstück in die Hand, schwang sich auf Fra Diabolo und sprengte davon. Er hatte über alledeni! nun doch vergessen-.