Ausgabe 
16.12.1908
 
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*) Der Direktor des Leipziger Mlierkuudemuscums, Professor Wmle, Hot in» Jahre 1006 eine Forschungsreise nach dein Eüd- toficit Deutsch-Afrikas unternommen und ist dabei mit den An­geborenen, besonders den Wajao und den Bewohnern des Ma- rondeplatcaus, den Makua und Makondc, in so enge Berührung gekommen, wie kein Forscher vor ihm. Die imssenschaftlrchen Ergebnisse seiner Reise veröfsentlicht er nun- in einen» großen Werke, das soeben bei E. S. Mittler u. Sohn als Erganzimgshest der Mitteilungen aus de»r deutschen Schutzgebieten erscheint. Der Bersasser gibt in einen» Rückblick eine zusammenfassende Dar- »ellung von dem Wesen und der Bedeutm»g dieser unserer schwarzen Landsleute für Wohl und Wehe unserer Kolonie. D. Red,

Lharakier und Gesundheit der Völker in Deutsch-Gstafrika.

Bor» Professor Dr. Karl W e u l e.*)

Von einzelnen Vorkonrnrnissen abgesehen, sind meiste Eindrücke vom Charakter der Bevölkerung des Südostens unserer Kolonie int allgemeinen als gut zu bezeichnen. Einer» ausgezeichneten! Eindruck habe ich vo>» des» Jav gewonnen; ihre politische Zu­verlässigkeit iinb Treue ist ja durch die großes» Ereignisse der letzten Jahre genngsanr erhärtet worden, aber sie sind nnzweifel- hast auch tvirtschaftlich cis» durchaus tüchtiges und zuksmstsreickes Volk, das die Ausmerksamkeit, mit der man regierungsseitig seine Führer, besonders Matola und Nakaan», behandelt, vollauf ver­dient. Bedauerlich ist nnr der Nmstand, daß sie der Zahl nach so sehr zurücktreteu; doch auch so bildest sie den Sauerteig, der mit seiner Tatkraft und rührigen Wirtschaftlichkeit nach und nach die ganze trägere Masse der übrigen Bevölkerung durchdringen wird.. Mit des» Jao konkurrieren ist der Wertschätzung der Weißes» lediglich die Makua. Auch sie sind ja neu int Nordes» des Rowuma tmd einstweilen auch stoch nicht übermäßig zahlreich vertreten; doch auch sie bilden für uns eist unstreitig wertvolles Element, das Vos» den» einen oder dem astdern der weißest Herren sogar höher eingeschätzt Svird als die Jao. Allerdings scheinest sie Richt die Zuverlässigkeit dieser letzteren zu besitzen, wie ihr zweisel- haftes Benehnten ivährend des letzten Aufstandes bewiesen hat; zudem ist bei ihnei» die Neigustg, bei vorkommenden Mißhelligkeiten mit der dentschcn Regierung über den Rowuma hinüber ins portu- Siesische Gebiet zstrückzukehren, immer sehr stark vorhanden. Es wird also gerade ihnen gegenüber einer nicht gering eit Regierungs- Iniift bedürfen, sie an int§ und unser Gebiet zu fesseln.

Bon dest übrigen Völkern und Völkchen kommest für unsere Kolonialwirtschaft nur noch die Makonde ist Frage; diese auf Grund ihrer Zahl von mehr als 80 000 Seelen allerdings in vorderster Reihe, lieber die bisherige Schwierigkeit oder sogar fast Unmöglichkeit, sie regelrecht z» beherrschen, und zu Dienst- teiftnngen irgendivelchcr Art, mögen sie im Steuerzahlen oder hi Plantagenarbeit bestehen, habe ich mich bereits früher aus­gesprochen. Solange sie ihre bisherige Wohnweise in beit im Busch versteckten, winzigen Weilern werden beibehalte» dürfen. Wird ns» jenen Beherrschisngsfchsvierigkcitei» wenig oder nichts zu Kudern sein; das einzige Hilfsmittel ist ihre Konzentrierung tn größeren Siedkmigszentren, wo man die Leute und ihr Tust xnb Treibest mit Leichtigkeit übersehen kann. Eine solche Ver- -slanzung wird ein schwieriges Beginnen sein, schwierig deshalb, weil die neue Wohmveise den altüberkommenest Wakondegesvohst- hciten stracks znwiderläuft, aber unmöglich und undurchführbar tft cs da raum nicht, zumal wenn wir uns einige Zeit dabei lasseu.

Die Makonde gelten int Lande bei Schwarzen und Weißen «ks unzuverlässig, hinterlistig und treulos. Ich selbst habe nur ton der ersten Eigenschaft ein weniges b merkt insofern, als die Hilfsträger, die ich mir bei meinen Märschen auf dem Plateau tzlbst und später nach der Küste zum Transport meiner vielen, Lasten dingen mußte, trotz aller Wachen mit großer Regelmäßig­keit an jeden» Morgen verschwunden waren. Für den Expeditions- hetricb bedeutete das jedesmal eine nstangenehme Verzögerung, indem ich bann meine Soldaten und einen Teil meiner Wan- jamwesi zum Herbeiholen neuer Hilfsträger erst. ist den Busch Entsenden mußte. . .

Als diejenige Beobachtung, deren sich die Praxis vor allen Dingen und zuerst wird bemächtigen müssen, möchte ich die For­derung einer raschen und energischen Erziehung des Negers lt»r Hygiene hinstellen. Mit Recht hat Seine Exzellenz der Staatssekretär des Kolouialamts jüngst die Notwendigkeit der Herabsetzung der Kindersterblichkeit ist Deutsch-Ostafrika betont; Mit noch mehr Recht find die Missionen und die ihr nahestehenden Kreise neuerdings zur Ausführung selbst geschritten, indem sie Krem hisiausgehendes» Missionspersonal fortan eine ärztliche Aus- htldung zuteil iverdes» lassen wollen. Das gilt für dest ganzes» Norden und das Innere der Kolonie, cs gilt aber in ebenso hohem Grabe für den weniger beachtetes» Süden. Ganz, un- sweifelhast ist der Eingeborene darin werden alle Einsichtigen -em Herrn Staatssekretär beistimmen einstweilen, vielleicht sogar für immer der größte Schatz in unserer Kolonie, ihn gilt es also nicht mir in seinem geoenwärtigen Zustande zu erhalten, iondern ihn qualitativ zu verbessern und quaittitativ zu vermehren. Beides kann nur geschehen dadurch, daß wir für einen gesmwen!

Nachwuchs sorgen, und auch dadurch, daß wir ifjst an dem srüb- ze»t»gen Dahinsterben verhindern...

Besondere Aufmerksamkeit müßte auf die Erziehung der schSvarzet»E Mutter zur Säuglingspflege gewandt werden, ilietste siinber, d. h. solche int ersten Lebensjahr und ein wenig darüber, waren im ganzen Lande massenhaft vorhanden, wohin- gegen die älteren Jahrgänge sozusagen fehlten. Wenn man, ivie m), Zeuge sein mußte, wie beit schwarzen Müttern vielleicht nicht der Wille, wohl aber die Möglichkeit einer sachgemäßen hygienischen Behandlusig ihrer Kleinen gänzlich fehlt, wie dieses» unglücklichen Würmern die Geleukbeugeu von best ätzendesi Flüssig» kecken der eigenen Fäkalien zerfressen waren, wie die Angesi beit Fliegest und anderen Insekten schutzlos preisgeoeben, einen wahr­haft b-lammertissoertesi Anblick darboten, wie schließlich ans Mund und Nasenlöchern dickeSchwämmchen" hervorauollen, und wie zu allerletzt bei so vielen die harte Haut wie Fischschnppen er­glänzte, so wird man unweigerlich den Ruf nach Hilfe erheben - müssen. Anfänge der Säuglingsbehandlung sind vorhanden; ganz wie bei uns svird das Nestgeborene in den ersten Tagest nach der Geburt regelmäßig gewaschen und trocken gelegt; aber laitsn hat die Pflege der iveißen Frauen aufgehört, und kaum hat sich die Mutter vom kurzen Wochenbett erhoben, so tritt die tägliche Fronarbeit wieder ast die Frau heraus das Kisid wandert ist dest rucksackartigen Behälter auf ben Stücken der Mutter, sind banst ist cs mit der Säuglingspflege ein für allesnal vorbei. Mast, wende nicht ein, die Leute könnten es nicht, sie wärest zu arm; heute, wo es Arbeitsgelegenheit ist der ganzen Kolonie in Hülle, und Fülle gibt, ist der Neger sehr wohl in der Lage, die wenigen Rupien, die Jilt diese Zwecke nötig find, mit Leichtigkeit zu verdienen. Er ist doch imstande und bringt es auch fertig, für den Putz seiner Geliebtes! die nicht unbeträchtlichen Mittel zusit Ankauf neuer Stoffe zu erarbeiten; würden wir Sorge tragen, daß die Fran, anstatt nnr auf die Schmückung des eigenen Körpers bedacht zu sein, auch einige dieser Zengstosfe für die SänglingS- pslege reserviert, so wäre zum wenigsten einmal eist Anfang gemacht worden. Die Anregung wird zu ihrer Durchführung langer Zeit nnd vieler Tatkraft bedürfen, unmöglich wird sie jedoch nicht {ein. Wie man den ultrakonservativett Neger zum viels tüchtigen Feldbau hcrckngezogen hat, so wird er sich auch zur besseren Kindererziehmig heranbilden lassen.

Einer der wundesten Punkte int Leben des Negers ist die SchutzlosigkeitkeinerunterenExtreinitäten gegen' die Fährlichkeiten seines Erdteils. Dorne»», scharfe Sternsplitter und spitzige Aeste, Schlangen- und Skorpionenbiß hat es in Afrika immer gegeben, mit diesen -Feinden sich abzufistden, hätte der Neger also genugsam Zeit nnd Gelegenheit gehabt. Wenn er es nicht getan hat, so ist das meines Erachtens auch weniger die Folge feiner Indolenz und Faulheit gewesen, als aus dem Mangel jeder Unterweisung geschehen. Seit kurzer Zeit ist mm zur Schar der alten Gegner noch der neue des Sjandslohes ge­stoßen ; ihm steht der Schwarze mit seinen bloßen Füßen erst recht rat- und hilflos gegenüber. Man ' wird mir einwerfe«, es werde ihm nicht einfallen, Schuhe und Stiefel zu trage»', selbst wenn man sie ihm als Geschenk in die Hand gäbe; allein dagegen sprechen alle unsere Erfahrungen mit unseren schwarzen Soldaten, die in jedem Gelände und im Buschkrieg doch nur auf Grund ihres Schuhwerks verwendbar sind, und die, wie ich oft- mals habe feststelle« können, sich ohne seinen Besitz beinahe un­glücklich fühlen. Ich bin überzeugt, daß sich durch konsequente Erziehung auch in dieser Richtung viel wird tun lassen. Die Gefahr, daß unser schwarzer Bruder im Ostes» mit seinen be­schuhtes» Füßen zur Karikatur herabsiiiken könnte, liegt zudem ja auch nicht vor, da jeder Neger, sofern er auch nur einmal mit der Küstenkultur i» Berührung gekoinmen ist, fortast kein ernsteres Bestreben zeigt, als den ganzen Körper zu bekleiden. Wie man tn as. derer als der hier angeregtest Weife den entsetzlichen Verheerungett f,et ade des Sandflohes Vorbeugen will, vermag ich nicht cinzuschrn: qefck-ehen muh in dieser Hinsicht etwas, dazu zwingt uns schon die Rücksicht auf das eigene Interesse an der Entwicklung unserer Kolonie.

Der hohe Stand der Feldwirtschaft läßt ohne weiteres der Hoffnung Kanns, daß der Reger des Südens auch auf diesem, feinem ureiacnste» Betätigungsgebiet zu einer noch höheren Stufe erziehbar fein wirb. Anläufe in dieser Richtmtg sind regternngs- feitig schon seit Jahren gemacht worden; jeder Dorsiumbe ist dafür verantwortlich, daß feitie Untergebenen, damit ftc bist etwaigen Mißernten der einen oder andern Hanptfrucht, der »ine. oder des Maniok, nicht völlig hilflos dastehen und einer Hungers­not entgegengehen, außer jenen Hauptfrüchteu unbedingt auch noch eine Reihe anderer Getreide- und Geinüscarten anznpflanzei» haben, die die Bevöirerung bei Eintritt jener Eventualität dann iveniastens vor dem Schlimmsten bewahren. Zur Durchführung dieser Maßnahmen hat sich, soviel ich vernommen habe, das Institut der Wirtschastsiuspettoren sehr gut bewährt,; wem» der Schwarze merkt, daß man ihm auf die Fmger pulst, nnd sag seine weißen Herren gegebenenfalls auch scharf durchgreifen können, so ist er für jede Neuerung z» haben; selbst die Berfuchskulturen von Manihot glazroviei ans dem Makondcplateau und von Baum­wolle im Tiefland nördlich und westlich von tym waren unter dein sanften moralischen Zwang, beit die Anwesenheit redes Weihen