Ausgabe 
16.11.1908
 
Einzelbild herunterladen

720

gemeinhin Wer Gebühr gefräßig und kennen im Esfrü ttnb Trinken weder Maß twch Ziel. Ms wir eines Abends in Gatschina ein- tvasen, war der Oberst des Gardeelite-Regiments, dem der persön­liche Schutz des Zaven anvertraut war, so schwer betrunken, daß et bei der Vorstellung zu Boden stürzte. Man hob ihn auf, ohne daß die Umgebung dem Verfall sonderliche Bedeutung berzulegrn schien. Welch ein Unterschied von der strengen Etikette, btc an der Tafel der Königin Viktoria von England herrschte. Hier unter­hielt man sich Wechaupt nur im Flüsterton, und wenn die Königin sprach, verstummte jeder Laut. Dieses Getuschel fiel einem jungen, zum Frühstück befohlenen Offizier crnes Tages so aus die Nerven, daß er sich für die Langeweile durch das Er- zahlen voir Witzen, die er seiner nächsten Umgebutrg ins Ohr kannte, Ku entschädigen suchte. Die Königin, dlirch das schlecht imteiLrückte Kichern der Tischnachbarn des MtzboldeZ anfmerflam gewacht, erkuirdigte sich nach dem Grunde der auffälligen Heiter­keit. Purpurrot und vor Verlegenheit stotternd, tonnte der junge Offizier nichts Besseres zu tun, als seine Witze unter dem eisige,t Schtveigen der Tischgesellschaft zu wiederholeil. Die Königin strafte den Kecken mit einem strengen Blick und drückte ihr Mißfallen durch ein heftigesDas ist keine Unterhaltung I" aus." Lady Randslph weiß fast von allen Fürsten und Staatsmännern der vergangenen Generation, mit denen sie ihre Lebensstellung und jbre Reisen zusammengeführt, etwas zu erzählen. Mitteilenswert ist besonders der Eindruck, den sie von dem Zusammentreffen mit dem König Milan von Serbien gewonnen hat.Er war ohne Kveiftl einer der rohesten Menschen, denen ich 'begegnet bin," läßt sich die Memvivenschreiberin vernehmen. ,,Klein, plump mti) dick, mit Haaren, die einem Tintenwischer glichen, hatte er sich nur das Wenige von Bildung ungeeignet, was seiner natür- Lchen Intelligenz zugänglich und assimilierbar gewesen. Daber war er aber als Mensch eine liebenswürdige Natur. Ich erinnere mich, daß er eines Tages bei einem Frühstück int intimen Kreis aufgefordert wurde, von dem Leben, das er vor der Besteigung des serbischen Fürstenthrvnes geführt, zu erzählen. Bis zu jener Leit tva» er barfuß und in zerlumpten Kleidern herumgelanstn und Wt die primitive Existenz eines Berghirten geführt, der oft nichts zu essen hat und in irgendeiner Höhle sein Nachtlager findet.' Beim Erzählen dieser Jugenderinnerungen war der König so in Eifer geraten, daß er seine Würde völlig vergaß und mit den Händen zu essen begann."

* Rousseau-Reliquien. Kürzlich ist ick Ermenon- Ville, dem idyllischen Oertchen, in dem Rousseau für die letzte Zeit seines Lebens Ruhe gefunden und seine Seele ausgehaucht hat, ein Denkmal enthüllt worden. Dec Enkel des einstigen Be­sitzers des Schlosses von Ermenonville, der einst den Dichter der neuen Heloise bei sich ausgenommen, der Graf de Girardin, hat seinen ganzen Besitz dem Kulte des Dichters geweiht, so daß das Denkmal nur das sichtbare Zeichen einer seit langem ge­pflegten Verehrung und Erinnerung ist. So hat der Graf auch das Zimmer, in dem Rousseau gelebt, zu einem Heinen Museum umgestaltet und Büsten, Porträts, Gemälde und andere Dinge, die zu dem großen Bürger von Genf in einer gewissen Beziehung stehen, zusammengebracht. Da findet man den Fauteuil, in dem Rousseau starb, einen seiner Hemdenkragen, seinen Stock und sein Tintenfaß. Auch eine Reihe wertvoller Papiere und Manuskripte ist hier zusammengebracht. Ein anderes Rousseau-Museum ist 1906 im Pavillon der Mairie von Ermenonville eröffnet worden. Da­rin befinden sich die Möbel, die Rousseau während seines Aufent­haltes bei Mmc. d'Epinay benutzte, der Schreibtisch, auf dem Emile und die Neue Heloise geschrieben wurden und an dem dann später Robespierre einige seiner Reden ausarbeitete, das Bett, und die Kommode aus seinem Schlafzimmer, sein. Baro­meter, eine Uhr und die Glaskugeln, die ihm stärkere Helligkeit verschafften, wenn er abends bei der Lampe las. Es ist nicht leicht gewesen, diese Reliquien zusammenznkriegen, denn mit dem Eigentum des großen Mannes wurde gar bald nach seinem Tode ein schwunghaftes Handeln getrieben, und etwa 130 Exemplare desletzten Stocks, den Rousseau getragen", sind an seinem Grab in Ermenonville verkauft worden. Wie weit die Verehrung, der Reliquien Rousseaus ging, das beweist am besten die Geschichte seiiier Holzpantoffeln, die in einem französischen Blatte erzählt wird. Diese Holzpantoffeln soll sich Rousseau, getreu feiner DeviseZurück zur Natur" selbst gemacht haben, und er hat sie bis zu seinem Tode getragen. Ein Bürger von Ermenon- ville, Giard, sicherte sich nach dem Tode des großen Mannes diese kostbare Reliquie und ließ sich ihre Echtheit von dem Maire und einer ganzen Reihe von Zeugen bestätigen. Als der alte Giard starb, entbrannte zwischen den beiden Linien seiner Familie eilt erbitterter Kampf um die merkwürdigen Pantoffeln, und aus Grund eines Salomonischen Urteils bekam schließlich jede der beiden Parteien einen von dem Paar. Aber, was ist bei einem historischen Pantoffelpaar ein einziger? Nur vereint haben sie ihren Wert und deshalb war es das Bestreben eines Enkels des alten Giards, beide wieder in seinen Händen zu vereinigen. Es gelang ihm auch, und wieder waren die Schuhe vereint. Doch in welch einem Zustand! Sie waren durch hundert Jahre Ge­genstand der Verehrung gewesen; enthusiastische Verehrer Rousseaus

hatten in das Holz Namen und Sprüche geschnitten; von denk Leder waren große Stücke verschwunden und zu neuen Reliquien gemacht worden; überall zeigten tiefe schwere Wunden und Nisse die allzugroße Verehrung, unter der sie gelitten und schließlich erkannte man kaum noch, daß es Rousseaus Pantosfeln ge­wesen. . . .

* Wie e8 in indischert Gefängnissen aussieht. In den indischen Gefängnissen herrscht ein ganz eigentümliches! Vewachuugssystem, tvelches von dem in Europa üblichen wesent­lich abweicht. Man hat es sich dort nämlich zum Prinzip ge­macht, sozusagen den Bock zum Gärtner zu setzen, läßt Gefangen« durch Gefangene bewachen und hat trotzdem hiermit keineswegs schlechte Erfahrungen gemaeht. Zu Gefängniswärtern werden aller­dings nur diejenigen Sträflinge bestallt, welche zu der sogenanntes A>Klasse gehören. Es sind diejenigen, welche sich am besten ge­führt haben. Auch dürfen sie nur des Nachts ihr Wachamt aus üben, am Tage unterstehen sie bett ordentlichen Wächtern, wie die anderen Sträflinge auch. Die Gefangenen schlafen in großen Sälen, das Einzelzellenwesen ist unbekannt. Der Auf­seher-Sträfling genießt verschiedene Vorteile. Erstens einmal wird er für seine. Tätigkeit bezahlt, zweitens wird ihm weder Haupt- noch Barthaar geschnitten, wenn er dieses nicht ausdrücklich Ivünflht. Er erhält Anzüge, welche von denen der anderen Sträf­linge durch besonderen Stoff und eleganteren Schnitt sich unter­scheiden, darf Besuche von Freunden erhalten, Briefe empfanget und erwidern, kurzum er erfreut sich eines leidlichen Daseins. Eine seiner Hanptpflichien besteht darin, die Sträflinge darauf­hin zu beaufsichtigen, daß sie keine ihnen verbotenen Gegen­stände zugesteckt erhalten. Und daS fällt einem in alle Tricks dev Gannerwelt eingeführten Manne naturgemäß leichter, wir den ordentlichen Aufsehern. In seinem Buche über indisches! Gefäuginswesen schildert ein gewisser Mister Adam, wie die Sträf­linge es verstehen, allerlei vor den Augen ihrer Wärter zu ver­bergen, was ihnen als begehrenswert und notwendig erscheint t Opium, Tabak, Geld, Würfel und manches andere mehr. Jit ganz besonders geschickter Meise verstehen sie es, das Geld beit spähenden Augen der Wärter zu verbergen. Eine, größere Geld- münze wird an einem Zwirnsfaden befestigt, dessen anderes End« der Sträfling zwischen den Zähnen hält. Nun praktiziert er die Münze in seinen Hals, in welchem er das Geldstück so lange, öfters monatelang, trägt, bis sich eine Höhlung gebildet hat, welch;« groß genug ist, um eine ganze Anzahl Geldstücke darin aufzuneh- nteit. Wenn man bett Hals nicht direkt mit Röntgenstrahlen un­tersucht, so ist es ganz unmöglich, der Sache auf die Spur z« kommen. Daß diese Methode, aus feinem Hals ein Porte­monnaie zu machen, nicht ganz gefahrlos ist, dürfte wohl selbst­verständlich sein. Das indische Gefängnis von Port Mair hat mit der französischen Strafkolonie von Neu Caledonieik und de« sibirischen Gefängnissen insofern etwas gemeinsames, als matt den Sträflingen, welche sich gut führen, die Erlaubnis erteilt, sich unter den weiblichen Strafgefangenen eine Ehegattin zu er­kiesen. Aeußert ein Sträfling den Wunsch zu heiraten, so werden! ihm die Damen der anderen Abteilung vorgeführt, er mustert sie, trifft seine Wahl und wenn die Strafgefangene gegen diese nichts eiiWtwenden hat, so werden die Beiden getraut. Es wird ihnen so­dann gestattet, eine gemeinsame Zelle zu beziehen und HanS zu halten. Wenn sie sich auch weiterhin gut führen, werde« fiel rmgefiebert und die meisten eingeborenen Strafgefangene^ äußern sogar den Wunsch, auch nach Ablauf ihrer Strafzeit bie Scholle weiter bewohnen und bearbeiten zu dürfen, welche ihnen ursprünglich Angewiesen worden ist. Auch ist es schon vorgekommen, daß Strafgefangene, die während der Dauer ihrer Strafzeit an­gesiedelt wurden, nach Ablauf derselben den Ort verließen, unr bald darauf wieder nach Port Blair zurückzukehren, wo sie ein beschaulicheres und sorgenloseres Leben zu fiihren in der Lag« sind, wie draußen in der großen Welt, der sie schon völlig ent­wöhnt waren.

* Betr ach t u n g. Zofe:O dies« Männer! . . . Mich! hat der Assessor immer geküßt und mit meinem gnädigen Fräulein hat er sich verlobt!" A. d.Megg. Blätt.".

* Raffiniert. Rechtsanwalt: . . Warum wollen Sia

Gütertrennung beantragen? Sie haben doch nichts und Ihre Frau hat ebensowenig!"-Stimmt aber bann schaut's doch so aus, als hätten wir was!" Aus denFliegenden".

Rätsel.

Bestie Bundesrat Denar Despot England Gebot Glückskind Istrien Weide Wiedenbrück.

Die vorstehenden Wörter sind derart zu ordnen, daß die An« sanqsstlben hintereinander gelesen ein Zitat ans Goethe'sIphigenie* ergeben.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nuuuner: Suppe Eber Nachen Eier Karbe Eid Leder Dachs Elin -- Siegen Pudel Ring Ader Geige; ©enefelber, Prag.

Redaktion: E- Anderson. IHotatumßörud und Verlag bei Brühl'schev UntversuälS - Buch- und Stemdruckerei. N. Lange, Gießet».